Hellhörig geworden durch meine
Sammlung "Die
Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich werden in den deutschen Medien
immer noch abgestritten, verharmlost und/oder relativiert" vernahm ich in
der Fernsehdokumentation "Karrieren im Zwielicht" (ARD 2002), daß nicht
Deutschland, sondern Hitler 1939 Polen und später die UdSSR angegriffen
hat. Ähnliche Mythen machten es den Nazi-Eliten nach 1945 leicht, wieder
hohe Positionen in und bei Medizin, Wirtschaft, Bundeswehr, Gerichten und im
Journalismus zu erreichen. Die genannten Gebiete entsprechen der Behandlung und
Reihenfolge im Buch von Norbert Frei. Im Märchen- und Mythenerfinden
("verführt", "Hitler war's und duldete keinen Widerspruch",
"Befehlsnotstand") waren die Deutschen so erfinderisch, so daß
bekanntlich Hanna Arendt bei ihrem Besuch
der Bundesrepublik 1949 keinen einzigen Ex-Nazi fand.
Man vermisst die Politik. Doch keine Sorge,
zumindest erwähnt werden Hans Globke, Kurt-Georg
Kiesinger, Hans Filbinger und ähnliche schon.
Marinestabsrichter Hans Filbinger, NSDAP
und CDU, brachte es bis zum Ministerpräsidenten Baden Württembergs.
Siehe
Wolfram Wette, Hg.: Filbinger - eine deutsche Karriere.
Herrlich das Plakat von Klaus Staeck: "Seit
33 pausenlos in Sorge um Deine innere Sicherheit" (S. 237). Kiesinger,
ebenfalls NSDAP und CDU, wurde sogar Bundeskanzler.
- Die Reinwaschung von jeglicher Schuld funktionierte so gut,
da in vielen Kreisen der Wehrmacht, Politik, Justiz und Geheimdienste die
Ex-Nazis unter sich war. Da bekam dann Nazi-Ärztefunktionär
Carl Haedenkamp schon mal 1954 das
Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland für seine
Verdienste um die Gesunderhaltung des deutschen Volkes" (S.18). Auch Reinhard Gehlen, Chef der Ostspionage unter Adolf Hitler, später erster Präsident des
BND (siehe dagegen:
Zahlreiche
Grundgesetzverstosse durch BND und Verfassungsschutz) erhielt 1968
das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband (S.135).
Rezension: Reinhard Gehlen: Der Dienst.
Erinnerungen 1942-1971.
- Ein anderer Trick zur Strafvereitelung war, daß man
große Jagd auf z.B. Josef Mengele machte. Alle Blicke, auch des Auslands,
richteten sich nach Südamerika (S.40-41).
- Wenn es nicht anders ging wurden nicht die angeprangerten
Ex-Nazis belangt, sondern die aufklärerischen Journalisten wurden wegen
übler Nachrede verurteilt; so Volkmar Hoffmann, Report der Frankfurter
Rundschau (S.57).
- Der letzte Trick vor Gericht war die
Verhandlungsunfähigkeit der Kriegsverbrecher. Die Gerichte (selbst von
Ex-Nazis durchsetzt) gaben gerne statt und die Angeklagten arbeiteten danach
unbehelligt jahrelang als Ärzte weiter (S.61).
Die Entnazifizierung wurde noch vor der Gründung der
Bundesrepublik eingestellt. Es folgte eine großzügige
Rehabilitierung. Bayern zahlte beispielsweise der Witwe des Killer-Richters
Roland Freisler eine Rente. Der
Hauptangeklagte des Nürnberger Juristenprozesses Franz Schlegelberger bezog jahrelang eine Pension
von 2894 Mark (Durchschnittseinkommen seinerzeit in der BRD: 535 Mark; S.191).
Der Generalfeldmarschall Erich von Manstein
wurde mit militärischen Ehren beerdigt (S.140). General Heinz Karst (im 2. Weltkrieg und bei der Bundeswehr
tätig) lobte noch 1987 die natürliche soldatische Tüchtigkeit
der Deutschen (S.152). das erinnert sogleich an Margaret Thatcher, die nach einer
Fußballniederlage Englands gegen Deutschland, angesprochen auf die
Tatsache, daß der Fußball ureigenste Erfindung der Engländer
sei, sagte: Dafür haben wir Deutschland in diesem Jahrhundert zweimal auf
ihrem Spezialgebiet geschlagen. Das Buch Karrieren im Zwielicht
zeigt: personelle Kontinuität zwischen NSDAP, SA, SD, SS und den "Eliten"
der Bundesrepublik war bis zu deren natürlichen Aussterben die Regel.
Wer nun meint, alles vorbei, inzwischen machen wir es besser, der
vergleiche das Ziel der Rechtssprechung der Nazi-Henker mit den Forderungen
einiger Politiker des Jahres 2002: "Ziel dieser Rechtssprechung war nicht mehr
die Gleicheit aller Staatsbürger und der Schutz des einzelnen, sondern
Ausgrenzung und »rassische Auslese«" (S.184). Unbedingt lesen! |