Die Erinnerungen des Gründer
mindestens eines der großen deutschen Geheimdienstes sind auch über
dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen noch aktuell:
- unfrisiert ist nachzulesen, wie die Geschichte des
"Tausendjährigen Reiches" frisiert wurde,
- die Geschichte nach dem 2. Weltkrieg wird von einem
Zwitterstandpunkt beleuchtet,
- die Übernahme der braunen Eliten in die
Führerschaft der Bundesrepublik ist überall präsent,
- die durchgängigen Methoden aller Geheimdienste wird
klar, auch wenn es Gehlen bestreitet.
Gleichzeitig ist das Buch mit Vorsicht zur Hand zu nehmen:
- ein Leben lang in Geheimdiensten prägt: man wird keine
ehrliche Biografie erwarten dürfen,
- das Biografische in Der Dienst beschränkt sich
auf das Berufliche (was im Titel ausgesagt wird),
- der oben genannte Punkt wird übertrieben: neunzig Seiten
lang wird der Leser mit Einzelheiten und Tabellen zu "Fremde Heere Ost" =
deutscher Überfall auf Osteuropa versorgt.
Dieses beachtend sollte man weite Teile des Buches
überfliegen. Doch nicht zu rasch, sonst überliest man den bekannten
Versuch der deutschen Sachliteratur zu den Nazis und zum 2. Weltkrieg einen
Mythos aufzubauen:
- Schuld war Adolf Hitler
und sein Wunschdenken (z. B. S. 49, S. 95)
- viele, wie Reinhard
Gehlen und Wilhelm Canaris,
waren gegen Hitler (wie kamen sie in so bedeutende Positionen?)
- wenn schon nicht dagegen, so waren doch alle anderen
Deutschen an einem fairen Krieg interessiert.
Da es im Buch kaum vorkommt, hier
etwas zu Reinhard Gehlen (19021979)
- * 3.4.1902 in Erfurt
- 1920 Eintritt in die Reichswehr
- ab 1933 mit dabei: Generalstabsausbildung
- April 1942 Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost" =
Chef der Ostspionage; blendende
Zusammenarbeit mit der berüchtigten SS (Schutzstaffel).
- 1944 Generalmajor
- 1945 läuft Gehlen zu den Amerikanern über;
er wird zum Prototyp des Wendehalses.
- Juni 1945 Gehlen gibt den Amerikanern alle
Informationen preis (das kann man so und anders sehen) und "bewirbt" sich damit
um eine Stelle beim US Geheimdienst.
- Juli 1946 die Organisation
Gehlen entsteht; Gehlen ist amerikanischer Spion.
- Ab 1949 Doppelfunktion: weiterhin "Betreuung" durch
den CIA, aber auch Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung unter Konrad Adenauer. Übernahme des braunen
Gesindels durch die "Organisation Gehlen" ist gewährleistet: "Es wird eine deutsche nachrichtendienstliche Organisation
unter Nutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten
aufklärt, bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt"
(Quelle: Norbert Frei: Karrieren im
Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, S. 135)
- 1956 die Organisation Gehlen wird zum
Bundesnachrichtendienst BND.
- bis 1968 ist Gehlen Chef des BND
- 1968 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und
Schulterband
- + 8.6. 1979 Berg bei Starnberg
- Nach Gehlens Tod veröffentlichte die Deutsche Nationalzeitung den
freundschaftlichen Briefwechsel: Reinhard Gehlen schrieb Gerhard Frey, dem Führer der Deutschen Volksunion DVU: Ihr Artikel
über die gegen mich laufenden Angriffe hat gut getan. Gehlen weiter:
Ich werde mich, sobald es geht, wieder melden. Gehlen endete:
Mit herzlichen Grüßen und Empfehlungen an Ihre Frau, auch von
der meinigen, Ihr Reinhard Gehlen.
Quelle: Otto
Köhler: "Alarm in Gehlens Klo. Wie der BND aus Wehrmacht und SS erstand,
und was die ARD für uns daraus macht" Junge Welt 11.03.2006, S.
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Gehlen versucht in Der Dienst den 2.
Weltkrieg durch Bekämpfung des Kommunismus zu rechtfertigen. Er bedauert
zwar, daß Hitler "das Primat der Politik vollkommen zugunsten der totalen
militärischen Entscheidung aufgegeben hatte" (S. 80). Man beachte: Hitler,
nur er ist verantwortlich. Doch: der Krieg war notwendig, "weil die
Bevölkerung Rußlands vor 1939 schwer unter dem Terror des
Stalinismus gelitten hatte" (S. 80). Wie geschickt Gehlen zwischen den Lagern
(Großdeutsches Reich, CIA, Bundesregierung, BND) lavierte zeigt ein
Abkommensbruch durch die USA in 1949. "Dieses Verbot
stand nicht im Einklang mit unseren Abmachungen. Es wurde von mir
stillschweigend nicht akzeptiert" (S. 141). Ja, ja, die ominöse
schweigende Mehrheit, die schon immer dagegen war, es sich aber nicht zu sagen
traute. Wie Gehlen die Begriffe immer zu seinen Gunsten auslegte, zeigt die
Betonung der Überparteilichkeit des deutschen Geheimdienstes und seine
Definition "Überparteilichkeit, d.h. einer sich
auf alle Parteien außer den Kommunisten ..." (S. 143).
Alle anderen Staatssicherheitsdienste arbeiten oft illegal, unter Anwendung
brutalster Methoden, Sabotage, Terror und Mord. Der BND hat sich
anscheinend als einziger Geheimdienst davon distanziert (S. 223).
Zeitgemäß (Der Dienst erschien 1971) und echt opportunistisch
verteidigt Gehlen den Vietnamkrieg der USA und heroisiert gar deren
Kampfführung (S. 235-236). Die Erinnerungen Gehlens bestätigen,
daß die UdSSR bis 1955 die deutsche Wiedervereinigung anstrebte und
anbot. Selbstverständlich diskreditiert Gehlen diese Politik sofort
(S.311-314) und Adenauer lehnte bekanntlich die angebotene Chance ab; wir
mußten über dreißig Jahre auf die nächste Chance
warten. Die Kapitel 10 bis 12 über die Sowjetunion und den Kommunismus
sind veraltet und nur noch für Historiker interessant. Selektiv und mit
der oben genannten Vorsicht gelesen, kann Der Dienst auch heute noch
politschen Einblick in die Geschichte Deutschlands geben. Reinhard Gehlen
erweist sich in seiner Anpassungsfähigkeit als würdiger Nachfolger
Joseph Fouchés: siehe Zweig,
Stefan. Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen.
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