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Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971
Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971
München: Droemer 1973. 329 Seiten
Die Erinnerungen des Gründer mindestens eines der großen deutschen Geheimdienstes sind auch über dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen noch aktuell:
  • unfrisiert ist nachzulesen, wie die Geschichte des "Tausendjährigen Reiches" frisiert wurde,
  • die Geschichte nach dem 2. Weltkrieg wird von einem Zwitterstandpunkt beleuchtet,
  • die Übernahme der braunen Eliten in die Führerschaft der Bundesrepublik ist überall präsent,
  • die durchgängigen Methoden aller Geheimdienste wird klar, auch wenn es Gehlen bestreitet.
Gleichzeitig ist das Buch mit Vorsicht zur Hand zu nehmen:
  • ein Leben lang in Geheimdiensten prägt: man wird keine ehrliche Biografie erwarten dürfen,
  • das Biografische in Der Dienst beschränkt sich auf das Berufliche (was im Titel ausgesagt wird),
  • der oben genannte Punkt wird übertrieben: neunzig Seiten lang wird der Leser mit Einzelheiten und Tabellen zu "Fremde Heere Ost" = deutscher Überfall auf Osteuropa versorgt.
Dieses beachtend sollte man weite Teile des Buches überfliegen. Doch nicht zu rasch, sonst überliest man den bekannten Versuch der deutschen Sachliteratur zu den Nazis und zum 2. Weltkrieg einen Mythos aufzubauen:
  1. Schuld war Adolf Hitler und sein Wunschdenken (z. B. S. 49, S. 95)
  2. viele, wie Reinhard Gehlen und Wilhelm Canaris, waren gegen Hitler (wie kamen sie in so bedeutende Positionen?)
  3. wenn schon nicht dagegen, so waren doch alle anderen Deutschen an einem fairen Krieg interessiert.
Da es im Buch kaum vorkommt, hier etwas zu Reinhard Gehlen (1902–1979)
  • * 3.4.1902 in Erfurt
  • 1920 Eintritt in die Reichswehr
  • ab 1933 mit dabei: Generalstabsausbildung
  • April 1942 Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost" = Chef der Ostspionage; blendende Zusammenarbeit mit der berüchtigten SS (Schutzstaffel).
  • 1944 Generalmajor
  • 1945 läuft Gehlen zu den Amerikanern über; er wird zum Prototyp des Wendehalses.
  • Juni 1945 Gehlen gibt den Amerikanern alle Informationen preis (das kann man so und anders sehen) und "bewirbt" sich damit um eine Stelle beim US Geheimdienst.
  • Juli 1946 die Organisation Gehlen entsteht; Gehlen ist amerikanischer Spion.
  • Ab 1949 Doppelfunktion: weiterhin "Betreuung" durch den CIA, aber auch Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung unter Konrad Adenauer. Übernahme des braunen Gesindels durch die "Organisation Gehlen" ist gewährleistet: "Es wird eine deutsche nachrichtendienstliche Organisation unter Nutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten aufklärt, bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt" (Quelle: Norbert Frei: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, S. 135)
  • 1956 die Organisation Gehlen wird zum Bundesnachrichtendienst BND.
  • bis 1968 ist Gehlen Chef des BND
  • 1968 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband
  • + 8.6. 1979 Berg bei Starnberg
  • Nach Gehlens Tod veröffentlichte die Deutsche Nationalzeitung den freundschaftlichen Briefwechsel: Reinhard Gehlen schrieb Gerhard Frey, dem Führer der Deutschen Volksunion DVU: “Ihr Artikel über die gegen mich laufenden Angriffe hat gut getan.” Gehlen weiter: “Ich werde mich, sobald es geht, wieder melden.” Gehlen endete: “Mit herzlichen Grüßen und Empfehlungen an Ihre Frau, auch von der meinigen, Ihr Reinhard Gehlen.”
    Quelle: Otto Köhler: "Alarm in Gehlens Klo. Wie der BND aus Wehrmacht und SS erstand, und was die ARD für uns daraus macht" Junge Welt 11.03.2006, S. 10
Gehlen versucht in Der Dienst den 2. Weltkrieg durch Bekämpfung des Kommunismus zu rechtfertigen. Er bedauert zwar, daß Hitler "das Primat der Politik vollkommen zugunsten der totalen militärischen Entscheidung aufgegeben hatte" (S. 80). Man beachte: Hitler, nur er ist verantwortlich. Doch: der Krieg war notwendig, "weil die Bevölkerung Rußlands vor 1939 schwer unter dem Terror des Stalinismus gelitten hatte" (S. 80). Wie geschickt Gehlen zwischen den Lagern (Großdeutsches Reich, CIA, Bundesregierung, BND) lavierte zeigt ein Abkommensbruch durch die USA in 1949. "Dieses Verbot stand nicht im Einklang mit unseren Abmachungen. Es wurde von mir stillschweigend nicht akzeptiert" (S. 141). Ja, ja, die ominöse schweigende Mehrheit, die schon immer dagegen war, es sich aber nicht zu sagen traute. Wie Gehlen die Begriffe immer zu seinen Gunsten auslegte, zeigt die Betonung der Überparteilichkeit des deutschen Geheimdienstes und seine Definition "Überparteilichkeit, d.h. einer sich auf alle Parteien – außer den Kommunisten ..." (S. 143). Alle anderen Staatssicherheitsdienste arbeiten oft illegal, unter Anwendung brutalster Methoden, Sabotage, Terror und Mord. Der BND hat sich – anscheinend als einziger Geheimdienst – davon distanziert (S. 223). Zeitgemäß (Der Dienst erschien 1971) und echt opportunistisch verteidigt Gehlen den Vietnamkrieg der USA und heroisiert gar deren Kampfführung (S. 235-236). Die Erinnerungen Gehlens bestätigen, daß die UdSSR bis 1955 die deutsche Wiedervereinigung anstrebte und anbot. Selbstverständlich diskreditiert Gehlen diese Politik sofort (S.311-314) und Adenauer lehnte bekanntlich die angebotene Chance ab; wir mußten über dreißig Jahre auf die nächste Chance warten.
Die Kapitel 10 bis 12 über die Sowjetunion und den Kommunismus sind veraltet und nur noch für Historiker interessant.
Selektiv und mit der oben genannten Vorsicht gelesen, kann Der Dienst auch heute noch politschen Einblick in die Geschichte Deutschlands geben. Reinhard Gehlen erweist sich in seiner Anpassungsfähigkeit als würdiger Nachfolger Joseph Fouchés: siehe gehlen Zweig, Stefan. Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen.
gehlen (Neue) Bücher rund um die Spionage Derzeit (7/2002)
nicht lieferbar
Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971
München: Droemer 1973. 329 Seiten
gehlen

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.6.2006