| Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: Opa war
kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im
Familiengedächtnis. Mitarbeit: Olaf Jensen, Torsten Koch. Frankfurt am Main: Fischer, 2002. Broschiert, 246 Seiten |
| Das Autorenteam untersuchte, wie in
deutschen Familien über die Erlebnisse und Ereignisse aus
Nationalsozialismus und über Holocaust gesprochen wird. Was bleibt
übrig vom Gedächntnis und den Erzählungen der Zeitzeugen? Dazu
führten Autoren und Mitarbeiter Familiengesprächen und Interviews.
Durch Vergleich derselben auslösenden Erlebnisse durch die Generationen
innerhalb einer Familie werden bestimmte Mechanismen für die orale
Geschichtsweitergabe aufgedeckt. Dem »kulturellen Gedächtnis« wird das »kommunikative Gedächtnis« gegenübergestellt (S. 12). In diesem wird die Vergangenheit zwischen Individuen oder Gruppen im Wesentlichen mündlich tradiert. Dabei kommt es zu Veränderungen, die man vom bekannten Kinderspiel der Kettengeschichte her kennt. Trotz unterschiedlicher Darstellung haben dabei die Beteiligten das Gefühl, daß sie über dieselben Vorgänge sprechen (S. 32). Dabei wird zwar der verbrecherische Charakter des Nationalsozialismus anerkannt, gleichzeitig aber die eigene Eltern- oder Großelterngeneration der Kritik entzogen (S. 47). Die Mechanismen dazu sind
Erstaunlicherweise werden viele Mechanismen aufgedeckt, die ich in meiner Sammlung "Die Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich werden in den deutschen Medien immer noch abgestritten, verharmlost und/oder relativiert" dokumentiere. Insbesondere besagt die "Alltagstheorie, dass »die Nazis« und »die Deutschen« zwei verschiedene Personengruppen gewesen seien" (S. 79) und davon wieder die Eltern und Großeltern abzusondern sind (S. 53). Nun kann man fragen: das mag ja für den Historiker und Soziologen ganz interessant sein, doch was sollen wir damit? Allgemein ergibt die Untersuchung, neben den wissenschaftlichen Detailergebnissen, daß die umfassende Aufklärung über die Verbrechen dieser Zeit zu einem guten Faktenwissen führte. Damit gab es aber "die subjektiv empfundene Notwendigkeit, die eigene Familie vor diesem Wissen zu schützen das heißt, sie aus dem historischen Zusammenhang herauszunehmen, über den man so gut Bescheid weiß" (S. 78). Generationenübergreifend gibt es immer noch die Topoi der "reichen Juden" und der "schlimmen Russen" (S. 161). Neben dem "Lexikon" (das dank Aufklärung gut bestückt wurde), gilt es, das Augenmerk auf das "Familienalbum" zu lenken. Lesenswert, da die aufdeckten Mechanismen sicher für jegliche orale Tradierung gelten. |