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Tears, Samantha: Erzählungen aus einer anderen Welt
Tears, Samantha: Erzählungen aus einer anderen Welt
Bad Homburg (Edition Wahrheit) 2001. 272 Seiten
Ein gutes Thema: Schicksale von Vertriebenen des 2. Weltkriegs, leider Chance vertan.
Die Mehrzahl der Geschichten von dreißig Zeitzeuginnen aus dem 2. Weltkrieg (wenige auch aus Deutschland nach der Wende) berichtet von Vertreibungen deutscher Frauen und Familien aus Pommern, Schlesien, Ostpreußen, Riesengebirge u.a.
Daß Autorin Samantha Tears dieses Thema aufgriff, ist lobenswert. Grausame Schicksale der Vertreibungen im Jahre 1945 werden öffentlich festgehalten. Wir erfahren von der Not dieser Monate, von Hunger und Kälte und immer wieder von Vergewaltigungen. Das alles kommt häppchenweise nach Berichten von Frauen, die über ihr eigenes Schicksal erzählen.
Wieder einmal wird dem Leser, wenn auch recht einschlummernd, klar gemacht, daß die Deutschen im 20. Jahrhundert nicht nur unsägliches Leid über Rußland, Frankreich und viele anderen Staaten gebracht haben, nein, auch die eigenen Bürger mußten unvorstellbare Bürden auf sich nehmen und die Sosse der Nazis mit auslöffeln. Dabei war Adolf Hitler ja demokratisch von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt und von der Mehrheit des Reichstags ausdrücklich ermächtigt (Ermächtigungsgesetz Ermächtigungsgesetz). Die interviewten Frauen bekennen ehrlich, daß sie noch im Winter 1944 den Durchhalteparolen Joseph Goebbels vertrauten (S. 41) und noch am 20. Januar 1945 in Ostpreußen (!) ihrem Bürgermeister glaubten: "Nur keine Angst, bis hierher kommt der Russe nicht" (S. 67).
Leider verfehlt die Autorin ihr Ziel "So ist der Sinn des Buches, betroffen zu machen" (S. 7) völlig.
  • Die geschilderten Schicksale sind sich sehr ähnlich. Alles spielt sich irgendwie gleich ab; kein Schicksal packte mich wirklich.
  • Die Autorin wollte wohl die Interviews der Frauen möglichst unverfälscht wiedergeben. Dabei erzählen diese Frauen im bravsten Aufsatzstil, Unterstufe Gymnasium. Beispiel: "Die anderen Tage ging es so weiter mit der Invasion. Es gab auch Angriffe aus der Luft auf irgendwelche Ziele. Wir sahen Rauch und Flammen aus Häusern aufsteigen" (S. 51). Schreckliche Ereignisse, völlig teilnahmslos erzählt.
  • Der Inhalt der Erzählungen ist ausserdem sehr pauschalierend. Ich zählte genau zwei Russen humaner Prägung (S. 171 und S. 200), vielleicht habe ich – ermüdet ob der Wiederholungen – einen überlesen.
  • Natürlich waren alle überlebenden Frauen nach dem Krieg ungemein fleißig. "Durch harte Arbeit und Fleiß haben wir es wieder zu etwas gebracht und unseren Kindern ein besseres und friedliches Leben ermöglicht. Auch unsere Kinder sind trotz der harten Jugend fleißig und strebsam geworden und keines ist böse und schlecht geworden" (S. 193). Und wenn sie nicht gestorben sind, lügen sie heute noch.
Die deutsche Bevölkerung zahlte einen hohen Preis für die Verbrechen, die von Deutschland ausgingen und von Deutschen verübt wurden. Die Erzählungen sind als Dokumentation aneinandergereihte Ähnlichkeiten; als belletristische Literatur zu belanglos. Schade.
Besser gelungen und mit ähnlicher Thematik ist: Elfi Hartenstein: ...und nachts Kartoffeln schälen. - verfolgt - verschwiegen - verdrängt - Frauen berichten aus Nachkriegslagern. Annäherung an ein Kapitel DDR-Vergangenheit. Elfi Hartenstein Rezension
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Samantha Tears Samantha TearsSamantha Tears. Erzählungen aus einer anderen Welt. Bad Homburg: Edition Wahrzeit, 2001. 272 Seiten.

Tears, Samantha: Erzählungen aus einer anderen Welt
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.1.2004