In einer Reihe von acht Gesprächen
sprechen hier der damalige Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, CSU, und der Autor
Friedrich Kabermann über die CSU und die Welt. Als Leitfaden dienen dabei
Immanuel Kants zentrale Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich thun?
3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? (Kritik der
reinen Vernunft und Logik;
Immanuel
Kant). Es war wohl die Absicht tagespolitische
Stammtischgespräche zu vermeiden. Das ist bedingt gelungen.
Friedrich Kabermann ist zwar intellektuell auf der Höhe Stoibers, doch zu
sehr auf dessen Seite. Kritische Fragen sind selten, meist gibt Kabermann
erstmal den vermutlichen Standpunkt Stoibers wider und muß nur noch in
Details vom Vorsitzenden der CSU korrigiert werden. Ein Beispiel einer
Steilvorlage Kabermanns: "Mit dem Hinweis auf den Industriestandort Deutschland
hätten wir auch Atombomben bauen können." Das könnte zu einer
Kritik des Totschlagarguments um den Industriestandort Deutschland werden. Doch
Kabermann gibt gleich die Antwort: "Die Deutschen haben aber aus gutem Grund
darauf verzichtet, ..." Damit braucht Stoiber nichts mehr begründen, ja
mehr, der damalige Grund (er wird nie genannt) war auch zudem ein guter Grund.
Erörterung überflüssig. Manipulativ setzt Kabermann fort: "...
nicht jedoch auf die Atomtechnik selbst" (S. 246). Der gute Grund schwingt auf
die Atomtechnik über. Damit hat Kabermann in knappen Worten die
widersprüchliche Atompolitik der C-Parteien umrissen und
sanktioniert.
Im Vorwort vom Mai 2003 bekennt sich
Kabermann zur zweifelhaften Irak-Position der CSU, zu der gehört,
daß die Bundesregierung Deutschland "in eine außenpolitische
Isolierung manövriert hat" (S. 7). Das wird ohne mit der Wimper zu zucken
mit Stoibers Aussage "Jede Politik muss im Wesentlichen Friedenspolitik sein"
eingeleitet. Bei der Regierungskoalition erkennt Kabermann nur "modische
Innovationsrhetorik". Dabei ist das vielleicht die passenden Kennzeichnung des
gesamten Buchs Das Maß der Dinge.
Ärgerlich ist darum umso mehr, daß Kabermann oft genauso viel oder
sogar größeren Gesprächsanteil hat als der Politiker. Von der
Titelaufmachung her erwartet man Stoibers Gedanken kennenzulernen. Andrerseits
sind die beiden Gesprächspartner oft austauschbar. Manchmal mußte
ich zurückblättern um festzustellen, ob jetzt das Kursive wirklich
von Kabermann ist, oder ob schon Stoiber dran ist.
Wenn
man das Buch wohlwollend liest, hat es sehr viel Aussagekraft. Willkürlich
greife ich heraus ["willkürlich", das schreibt man so; ich
machte es ehrlich]:
| Stoiber: "Der Garten Eden, das Paradies, ist ein Garten
Gottes, nicht der Menschen. Auf Grund des Sündenfalls werden sie ja auch
aus ihm vertrieben. Er gehört in den Bereich der mythischen
Erzählungen, nicht der realen Geschichte." (S. 280) |
Seitenbemerkung: der Christ Stoiber stuft einen Teil der
Offenbarungsbibel in die Märchenwelt ein. Kritisch gelesen spricht hier
Stoiber nur die Platitüde aus: Das Paradies auf Erden gibt es
nicht. Unterschwellig sagt er: Das Paradies ist nicht machbar, daher soll es
der Bürger nicht erwarten. Folgerung für den Leser: Wegsehen, Maul
halten, weiter CSU wählen.
Manchmal ist selbst
wohlwollend nichts zu holen.
Kabermann: "Die Astronomen sagen, es gäbe im
Weltraum ebenso wenig einen geometrisch perfekten Kreis, wie die Erde eine
vollkommene Kugel ist. Es gäbe nur ellipsenförmige Gebilde. Ellipsen
sind aber durch zwei Brennpunkte definiert. Wäre das ein Bild, das die
Bündniswirklichkeit von morgen spiegelt?" Stoiber: "Das wäre eine
Idealvorstellung, könnte aber nur mittelfristig die innere Struktur der
Nato wiedergeben. Die Frage ist doch, wie wir zu einem globalen Sicherheitsnetz
kommen. Das muss so geknüpft sein, dass es grundsätzlich niemanden
mehr ausschließt, gleichgültig, wo die Schwerpunkte innerhalb dieses
Safety-Internet liegen werden. (S. 95) |
Hier werden geometrische Figuren in internationale Verträge
hineininterpretiert. Das hört sich gelehrig an, ist aber mit
Verlaub Humbug, zumindest nichtssagend.
Wohlwollend kann man Das Maß der Dinge nur lesen, wenn man noch
Vertrauen in die Aussagen der Politiker hat. Doch wenn man bei jedem Absatz
zwar zustimmend nickt ("Jede Politik muss im Wesentlichen Friedenspolitik
sein"), aber genau weiß: er macht was anderes, dann liest man solche
Gespräche sehr zurückhaltend. Ein Beispiel für viele: auf den
Seiten 194-196 wird das Subsidiaritätsprinzip gelobt, in weiten Teilen
das Buchs die Eigenverantwortung
beschworen. Keines von beiden wird im Alltag durchgehalten ( Subsidiaritätsprinzip nach
Art der CSU). Statt der Lektüre dieses Buches empfehle ich
die nachfolgenden Links. |