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Douglas Huneke Hermann Gräbe
Douglas K. Huneke:
In Deutschland unerwünscht. Hermann Gräbe. Biographie eines Judenretters

Lüneburg: zu Klampen, 2002. Gebunden, 325 Seiten. Adrian Seifert, Robert Lasser, Übs.
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Bereits 1985 erschien diese Biografie eines Helfers der Juden im 2. Weltkrieg auf Englisch. Der Reverend Douglas K. Huneke erarbeitete sie zusammen mit Hermann Fritz Gräbe und dessen Sohn Frederick Gräbe. Erst 2002 erschien diese wichtige Biografie auf deutsch.
Hermann Fritz Gräbe (19.6.1900 Gräfrath bei Solingen – 1986 San Francisco) war im 2. Weltkrieg in der Gegend um Rowno nordöstlich von Lwow (Lemberg) als leitender Angestellter der Baufirma Max Jung tätig. Dabei beschäftigte er Tausende Deutsche, Einheimische und Flüchtende.
Gräbe war geprägt von seiner tiefreligiösen Mutter Louise Gräbe, die ihm die Frage: "Was würdest du machen?" ans Herz legte. 1931 trat Hermann Gräbe in die NSDAP ein, merkte aber schon bald, welches Gesotts da vereinigt war. Er bemerkte die Aggressionen gegen Juden und brachte sie in einer Parteiversammlung zur Sprache (S. 33 ff). Ab da stand er unter Observation durch die Gestapo und wurde zeitweise ins Essener Gefängnis gesteckt.
Hauptteil dieser bewegenden Biografie sind die Massaker der Deutschen und ihrer urkainischen Helfer in Rowno, Dubno und Sdolbunow. Gräbe wird allmählich zum Judenretter durch Scheinaufträge, Außenstellen der Baufirma und gefälschte Papiere. Zusammen mit Frau und Sohn überstehen die Gräbes die furchtbare Nazi-Herrschaft. Im Kriegsverbrecherprozess 1946 in Nürnberg wird Gräbe zu einem wichtigen Zeugen.
Das Buch – es sei betont – ist keine Kost. Ein kleiner, harter Auszug:
Während Mönnikes sprach, holperte ein Lastwagen lärmend die Straße zum Flughafen hinauf und hielt ganz in der Nähe der beiden Männer. Das ukrainische Milizkommando sprang herunter und begann, die Menschen von dem Lastwagen zu stoßen. Fritz Gräbe beobachtete, wie den Leuten befohlen wurde, sich zu entkleiden. Er erinnerte sich später so: Ich wollte meine Augen abwenden, aber es gelang mir nicht, sie blieben fest auf die Menschen gerichtet. Sie stapelten ihre Kleidung zu kleinen Haufen, die nach Art der Kleidung und Geschlecht getrennt waren. Die Kinderbekleidung wurde auf gesonderten Haufen abgelegt. Es lief so kalt, so planmäßig ab. Bald standen alle Juden von dem Lastwagen, es mögen etwa fünfundzwanziggewesen sein, nackt hinter dem Dreckhügel. Mönnikes und ich gingen auf die Grube zu - es war so etwas wie eine magnetische Anziehung, ich konnte mich ihr nicht entziehen. Ich weiß nicht, welche Kraft mich zwang, dorthin zu gehen und zuzuschauen. Was immer es war, es war stärker als mein Wille.
Gräbe blickte auf eine achtköpfige Familie. Sie waren schon nackt und warteten auf den Ruf, ihre Plätze am Grubenrand einzunehmen. Diese Szene sollte Gräbe für den Rest seines Lebens verfolgen; vierzig Jahre später ließ sie ihn immer noch weinen und so heftig schluch zen, daß sein Körper erschütterte. (S. 95)
Der zweite Teil der Biografie schildert die Leiden des Zeitzeugen nach 1945. In seiner Heimatstadt wird er als Verräter verachtet, gemieden, geächtet. Im Juni 1946 erhielt er wiederholt Morddrohungen (S. 220). 1948 emigrierten Hermann Fritz Gräbe, seine Frau Elisabeth und Sohn Friedel über New York nach San Francisco. Zu den SS-Verbrecherprozessen der 60er Jahre wird Gräbe als Belastungszeuge nach Deutschland geladen. Es entsteht erneut eine bundesdeutsche Groteske. Gräbe wird des Meineids bezichtigt und angeklagt. Eine Hetzkampagne der Medien unter Beteiligung (Federführung ?) des Spiegels (Abdruck eines Spiegelberichts vom 29.12.1965 auf Seite 196) ruiniert seinen Ruf in Deutschland endgültig. Während die alten Nazis wieder auf lukrativen Positionen sitzen, ja sogar als Richter über Nazis milde urteilen, kann Gräbe Deutschland nicht mehr besuchen. Erst in den 90er Jahren wird er auch in Deutschland anerkannt. Allerdings brennt in Solingen 1993 das Haus einer türkischen Familie; Fluchthelfer werden in Deutschland wieder als Schleuser denunziert (Schleusser Schleuser) und als Straftäter diffamiert.
Verfilmung
"In Deutschland unerwünscht: Hermann Gräbe", Dokumentarfilm von Dietrich Schubert (Buch, Regie, Kamera), Buch: Wolfgang Heuer, Kamera: Wilfried Kaute, Produktion: Filmproduktion Dietrich Schubert
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Douglas K. Huneke
wollte nicht glauben, daß es während des Holocausts nur drei Verhaltensmuster gab: Mörder, Opfer, Zuschauer (oder besser: Wegseher). In Gräbe fand er einen vierten, nur allzu seltenen Typ: den Helfer.
Huneke ist Pastor der Westminister Presbyterian Church in Tiburon, Calif.
Links
Hermann Friedrich Gräbe Ehrentafel für den Judenhelfer und Schleuser: Hermann Friedrich Gräbe
Huneke GräbeEva Fogelman: "What Motivated the Rescuers?"
Huneke GräbeWilfried Weinke: "Stille Helden. Geschichten von Rettern und Geretteten"
Huneke GräbeWolfram Wette: "Der verfemte Menschenfreund". Erschienen in Ossietzky 25/2002
Huneke GräbeFritz Wolf: "Eine Sache des Anstands". Evangelischer Pressedienst (epd), Nr. 87, 1.11.2000
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Douglas Huneke Hermann Gräbe Douglas Huneke Hermann GräbeDouglas K. Huneke. In Deutschland unerwünscht. Hermann Gräbe. Biographie eines Judenretters. Lüneburg: zu Klampen, 2002. Gebunden, 325 Seiten Douglas Huneke
Douglas K. Huneke. The Moses of Rovno: The Stirring Story of Fritz Graebe, a German Christian Who Risked His Life to Lead Hundreds of Jews to Safety During the Holocaust. Presidio, 1990. Harold M. Schulweis (Vorwort). Taschenbuch, 240 Seiten Douglas Huneke Hermann Gräbe

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.1.2004