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Rolf Bergmeier. Kirchenkrise hausgemacht
Rolf Bergmeier. Kirchenkrise hausgemacht
Warum sich die Kirchen leeren und was sie dagegen tun können. Ulm-Wiblingen: Historia, 2004. 434 Seiten
Ausgehend von zahlreichen Kirchenaustritten, noch mehr inneren Kündigungen und Verlust an Einfluß für die Kirchen versucht der Autor Rolf Bergmeier zu ergründen warum und was die Kirchen ("sie" im Untertitel) dagegen tun können. In weiser Beschränkung behandelt der Autor die Krise der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland (S. 12).
Der dringende Vorschlag ist eine große Reformation durch die Kirchen. Das Christentum könnte sehr modern und aufbruchartig erneuert werden. Dem Autor ist es hoch anzurechnen, daß er einerseits klar erkennt, daß der Mangel zur Selbstkritik diese Reformation unmöglich macht, er andrerseits aber doch ein wichtiges lesenswertes Buch darüber vorlegt. Das zeigt, daß Bergmeier noch Hoffnung hat.
Kirchenkrise. Die festgestellte Krise der christlichen Kirchen und ihr Schwund an Einfluß ist zwar belegt, doch so richtig überzeugt wurde ich nicht. "Heute sind die Repräsentanten der Kirche zwar immer noch in allen möglichen Beiräten vertreten, aber dies ist Tradition und sagt wenig über den tatsächlichen gesellschaftlichen Einfluß aus" (S. 41). Das sehe ich nicht so. Die Repräsentanten der Kirche verstehen es geschickt, sich mit den jeweils Mächtigen zu verbünden. In vielen gesellschaftlichen Fragen finden sie bei Politikern der zweiten und ersten Reihe Fürsprecher. Da wettern Papst und Norbert Geis, CSU, gegen Homosexuelle und Pädophile (Norbert Geis, MdB: geisStellenwert von Ehe und Familie in Politik und Verfassung), obwohl gerade der katholische Klerus die eigene Familiengründung ablehnt und stattdessen nach kleinen Kindern grapscht (sexuelle Belästigung sexuelle Belästigung). Bei den Ladenöffnungszeiten beispielsweise erfolgte vor wenigen Tagen der Schulterschluß zwischen Kardinal Friedrich Wetter und DGB-Chef Fritz Schösser (arbeitsfreier sonntag arbeitsfreier Sonntag). Die Beschäftigten der Kirche zeichnen sich gerade durch einen hohen Prozentsatz an Sonntagsarbeit aus. Den schwindenden Einfluß sehe ich nicht, zumindest nicht proportional zum Schwund der Kirchenmitglieder.
Werteverfall. Bergmeier arbeitet an mehreren Stellen überzeugend heraus, daß es keinen Werteverfall gibt, sondern lediglich einen Wandel in der Bevorzugung der Werte (S. 57, 331-32); diesen Wandel gab es immer schon. Wer den Mangel an Werten beklagt, trauert meist den entschwindenden eigenen Werten nach.
Historischer Exkurs. Die zahlreichen geschichtlichen Aufspaltungen der Christen zeichnet der Autor kenntnisreich nach. Dazu wird der Leser gut bedient. Sicher liegen die Wurzeln vieler Symptome der gegenwärtigen Kirchenkrise weit zurück. Doch wer schon kirchenkritische geschichtliche Werke kennt, findet dazu viele Wiederholungen.
Aufschlußreich sind die Kapitel "Sonderfall: Die amerikanische Gesellschaft" (S. 77-80) und Reduzierung des "Mea Culpa" aus dem Jahr 2000 auf einzelne verirrte Schafe der katholischen Kirche (S. 246-54). Das endet in der Feststellung: "Kein Wunder, daß der Vatikan aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt. Er kann gar nicht, weil er keine Fehltritte sieht" (S. 249).
Unermüdlich zeigt Bergmeier mögliche Wege zur Erneuerung auf. Da spürt man seinen ernsten Willen (entgegen anderen Kritikern, die bei ähnlicher Diagnose gleich konsequent die Auflösung der Kirchen fordern), den Kirchen Horizonte der Zukunft zu zeigen.
Sowohl bei den Kernpunkten der Ursachen (erhellend neuer Gesichtspunkt [für mich]: das Ausbildungsdefizit des Klerus, S. 280 f) als auch bei den Hinweisen für deren Behebung hätte ich mir eine zusammenfassende Aufstellung gewünscht. So verlieren sich sehr wichtige Punkte manchmal: "Die wirklichen Ursachen der heutigen Kirchenkrise liegen nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart: Im Beharren der Uneinsichtigen aus längst Widerlegtem" (S. 337). Diese Erkenntnis verdient es hervorgehoben zu werden. Andrerseits bedaure ich damit umso mehr den zu langen historischen Ausflug.
Im Untertitel "Warum sich die Kirchen leeren und was sie dagegen tun können" wird "Kirche" in zwei verschiedenen Sinnen verwendet. Es leeren sich die Kirchgebäude bei religiösen Feiern; nicht diese Kirchen können etwas dagegen tun, sondern die Kirche als Institution. Das "sie" im Untertitel steht also für Kirchen als Organisation.
Der Autor eckt mit diesem Buch voraussichtlich überall an: bei orthodoxen Christen sowieso; bei engagierten Christen wohl auch, da er die Krisengründe für alle nachlesbar hausgemacht nennt; bei Nicht-Christen deshalb, weil der Autor trotz aussichtsloser Lage die innere Erneuerung anmahnt. Der Ausgetretene oder Außenstehende rechnet mit der aussterbenden Species Christ. Genau deshalb ist es ein wichtiges Buch, vor allem für evangelische und katholische Christen in Deutschland.
Das Werk Kirchenkrise hausgemacht aus dem Historia-Verlag ist solide und sorgfältig gefertigt. Sehr gut und angenehm lesbar; man freut sich es zur Hand zu nehmen. Durch Fußnoten und ein Literaturverzeichnis wird die Quellensuche erleichtert. Ich fand extrem wenig Druckfehler. Rolf Hochhuth geiselt zwar den Hochmut der Kirche, heißt selbst aber nicht so (S. 43). Ärgerlicher ist die konsequente Falschschreibung von Bertrand Russell (S. 10, 11, 83, 259, 260, 327, 396, 406, 432; Bertrand Russell Bertrand Russell) und daß von diesen neun Textstellen im Index nur drei auftauchen. Das läßt an der Zuverlässigkeit des Index zweifeln.
Zusammenfassung
Kirchenkrise hausgemacht scheint mir besonders für Christen lesenwert. Außenstehende mögen eher bedauern, daß hier den Kirchen Gegenmaßnahmen aufgezeigt werden; doch sie können sich trösten: die angemahnte Reformation wird es nicht geben. Statt dem langen historischen Teil hätte ich mehr Blick auf die heutige Lage gewünscht. Die Themen Finanzierung und Trennung von Kirche und Staat kommen zu kurz. Diese beiden Punkte werden auch die Reform verhindern. Dank starker staatlicher Subventionierung können die Kirchen reformatorische Defizite durch Geldeinsatz kompensieren. Der Papst lädt zum 20. Weltjugendtag in Köln, die Erzdiözese München Freising investiert 2,8 Millionen Euro und die Jugend strömt herbei (Münchner Merkur, 27.2.2004, S. 6)
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Ergänzende aktuelle Nachrichten
Die Katholische Kirche und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Bayern wollen eine gemeinsame Initiative zum Erhalt des arbeitsfreien Sonntags starten. Münchens Erzbischof Friedrich Wetter und DGB-Chef Fritz Schösser richteten am Donnerstag nach dem ersten Spitzentreffen seit neun Jahren einen entsprechenden Appell an die Kommunalpolitiker. yahoo 26. Februar 2004 zurück
Washington (AFP) - In den vergangenen 50 Jahren wurden in den Vereinigten Staaten mehr als 10.000 Kinder von rund 4.400 Priestern sexuell belästigt. Nach den Berechnungen der Bischofskonferenz liegt die Zahl der schwarzen Schafe unter den Priestern bei rund vier Prozent. yahoo, 28. Februar 2004 zurück
Informationsseite des Autors Rolf Bergmeier:
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Bergmeier KirchenkriseRolf Bergmeier. Kirchenkrise hausgemacht. Warum sich die Kirchen leeren und was sie dagegen tun können. Ulm-Wiblingen: Historia, 2004. Gebunden, 434 Seiten

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.2.2004