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Kolbermoor
Geschichtswerkstatt Kolbermoor e.V.: Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors. Band 2
Kolbermoor: Eigenverlag, 2004. 222 Seiten – LinksLiteraturzur Literatur im Dritten Reich
Schon Band 1 Jahrbuch der Geschichte der Geschichtswerkstatt Kolbermoor sorgte bei einigen Bürgern für Unruhe. Dazu fand eine Diskussionsveranstaltung statt (siehe kolbermoor Links). Der Band 2 setzt die Diskussion fort.
In acht Artikeln geht es um die Geschichte Kolbermoors, Persönlichkeiten aus diesem Raum, Ausländerzwangsarbeit in Kolbermoor und um die ortsansässige Baumwollspinnerei. Schwerpunkt ist (wie im Band 1) die Nazi-Zeit. Dazu gibt der Band unterschiedliche Einsichten.
Mich interessierten vor allem die Artikel:
Andreas Salomon: "Wo die Heimatglocken läuten? Auseinandersetzung mit Hans Ernst und einem seiner Romane". S. 49-78.
Klaus Weber: "Der »unpolitische Heimatdichter«. Hans Ernsts praktisch-ideologischer Einsatz für die Nazis". S. 79-107.
Josef Legath: "Ernst Toller. Gedanken zu einem friedfertigen Revolutionär". S. 153-161.
Nikolaus Ziegler: "Neonazis und Rechtsextremisten in Kolbermoor. Eine Chronologie (1986-2004)". S. 199-205.
Andreas Salomon analysiert das Werk des «Heimatschriftstellers» Hans Ernst (über 100 Romane), der in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts zu schreiben beginnt und noch in der Nazi-Zeit große Erfolge einfährt. Detailliert nimmt sich Salomon des frühen Romans Wo die Heimatglocken läuten an. Er zeigt wie Ernst geradezu als Prototyp der trivialen Literatur zählen darf. In seinen Romanen gibt es nur Gute und Böse, Entwicklung der Menschen ist nicht möglich: hier läßt die Nazidoktrin des Erbgutes grüssen.
Klaus Weber setzt diese Analyse fort. Er berichtet näher über Ernsts Verhalten in der kritischen Zeit (NSDAP Mitglied ab März 1937). Was sind die Vorwürfe, die laut Rezension von Georg Füchtner (siehe kolbermoor Literatur) aus der Rückschau problematisch bleiben?
  • Mit seinen konturlosen Heimatromanen hat Hans Ernst die Blut- und Bodenideologie unterstützt.
  • Nach 1945 versuchte Hans Ernst sich als Opfer oder zumindest als unpolitisch darzustellen.
  • Wäre Ernsts Nazi-Zeit wirklich opferhaft gewesen, so ist unverständlich, warum es auf der Hans-Ernst-Webauftritt (siehe Ernst Links) sofort nach der Jugend ("Sein erster Roman »Jakob Voggtreuter« entstand. Ihm folgten viele weitere.") weiter geht mit: "Nach dem zweiten Weltkrieg... "
Daß es auch anders ging (und Ernst keinesfalls zur Mitarbeit gezwungen wurde) zeigen die Artikel im Jahrbuch. Nachträgliche Vorwürfe sind problematisch (da hat der Rezensent im OVB recht), aber so müssen diskutiert werden. Immerhin werden Ernsts Romane noch tausendfach verkauft und wohl auch gelesen. Auffällig ist die folgende "Verteidigung":
1) In der Nazi-Zeit war Hans Ernst völlig harmlos und unpolitisch.
2) Ernst "habe die Zeit des Nationalsozialismus im Nachinein als Fehler bezeichnet. Er habe bedauert, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, »denn sonst hätte er Vieles anders gemacht«." So jedenfalls der Sohn Hans-Peter Ernst in "»Dunkle Flecken« bei Hans Ernst", OVB, 29.11.2004, S.19
Josef Legath wirft ein paar Schlaglichter auf Ernst Troller, der nach dem Scheitern der Räterepublik 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Hier gräbt der Autor einige erstaunliche Einzelheiten aus und dokumentiert sie hier. Leider bleibt das Bild Trollers recht lückenhaft.
Die Chronologie rechtsextremer und ausländerfeindlicher Aktivitäten in Kolbermoor ab August 1986 ist sehr lobenswert. Sie gipfelt im Mord an Carlos Fernando im August 1999. Der Täter wird zwar zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah aber keinen rassistischen Hintergrund (Carlos Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern. Archiv Jahr 2000).
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Das besprochene Jahrbuch ist für drei Gruppen empfehlenswert: Interessierte an der Heimatgeschichte Kolbermoors; an der Geschichte der Nazi-Zeit in der bayrischen Provinz; an den Literaten Ernst Toller und Hans Ernst.
Links
KolbermoorGeschichtswerkstatt Kolbermoor e.V.
KolbermoorÜber Jahrbuch und Nazizeit diskutiert
KolbermoorHans Ernst: vom Bauernknecht zum Volksschriftsteller
KolbermoorRosenheimer Verlagshaus
KolbermoorHuber, Else: "Eleganter Brief", Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung zu einem Artikel im Bayernteil vom 15./16.12.2001
ernst Anfang
Literatur
Füchtner, Georg: "Nazizeit aus heutiger Sicht". Oberbayerisches Volksblatt, 29.11.2004, S. 19
Im Buchhandel Kolbermoors erhältlich  
Kolbermoor   ernstGeschichtswerkstatt Kolbermoor e.V.: Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors. Band 2. Kolbermoor: Eigenverlag, 2004. 222 Seiten
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ernst   ErnstHans Ernst: Die Hand am Pflug. Vom Bauernknecht zum Volksschriftsteller. Rosenheim: Rosenheimer, 2001 ernst
Hans Ernst. Der Lebensweg des Heimatschriftstellers. Rosenheim: Rosenheimer, 2004. Gebunden, 80 Seiten ernst
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Zur Literatur im Dritten Reich
ernst Denk, Friedrich: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich. Weilheim: Denk, 1995. Gebunden, 479 Seiten. 2., durchgesehene Auflage
schäfer Loewy, Ernst: Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1966. 365 Seiten
schäfer Richards, Donald Ray: The German Bestseller in the 20th Century. A Complete Bibliography and Analysis 1915-1940. Bern: Herbert Lang, 1968. 276 Seiten
schäfer Sarkowicz, Hans, Alf Mentzer: Literatur in Nazi- Deutschland. Ein biografisches Lexikon. Hamburg: Europa, 2002. Gebunden, 439 Seiten
sarkowicz Schäfer, Hans Dieter: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 bis 1945. München: Hanser, 1981. 254 Seiten
schäfer Wall, Renate: Verbrannt, verboten, vergessen. Kleines Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1933 bis 1945. Köln: Pahl-Rugenstein, 1988. 232 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.11.2004