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Ulrike M. Dierkes: Schwestermutter. Ich bin ein Inzestkind
Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe, 2004. Mitarbeit: Martina Sahler. Broschiert, 253 Seiten
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Marina, ein siebenjähriges Mädchen in einem westfälischen Dorf wird von ihrem Vater missbraucht; mit 13 wird sie schwanger, mit knapp 14 kommt Ulrike zur Welt. Deren leibliche Mutter ist ihre älteste Schwester. Ein langer Leidensweg beginnt. Ulrike erfährt ihre Herkunft nur scheibchenweise. Ihre familiäre, dörfliche und "christliche" Umgebung ist völlig verschwiegen, es wird allenfalls getratscht. Ulrike wird ein Leben lang hin- und hergeschoben, kann keine soziale Bindungen aufbauen. Sie lernt weder Eltern- noch Mutterliebe kennen (S. 69). Verständlich, dass Ulrike traumatisch vernarbt. Sie wird Journalistin, kann aber erst 1995 ihr Schicksal fiktiv verarbeiten (Dierkes Melinas Magie), zwei Jahre später als Sachbuch (Dierkes Meine Schwester ist meine Mutter) beschreiben und dann 2004 diesen Erfahrungsbericht: Schwestermutter. Ich bin ein Inzestkind abliefern.
Schwestermutter ist Reportage, eine nüchterne Aufzeichnung des Lebenswegs der Autorin. Als Aussenstehender fragt man sich oft, wie solche Inzest-Misshandlungen jahrelang ablaufen und später vertuscht werden können. Hier findet man Antworten einer Familie, die vielleicht verallgemeinerbar sind.
Viele, die davon wissen, schweigen zu lange. In Schwestermutter stellt sich vor allem die Mutter auf die Seite ihres Mannes, statt die Kinder zu schützen. Nach einer anonymen Anzeige reagieren die Behörden vorbildlich. Allerdings wird der Vater nicht wirksam bestraft, nach wenigen Monaten nimmt er sein Treiben wieder auf. Leider sind alle Familienmitglieder biegsam bis unterwürfig, keines erhebt Einspruch (S. 28). Selbst Ulrike deckt ihren Vater ein Leben lang. Es ist schwer zu sehen, wo die weitere Umgebung oder eine Behörde ansetzen soll, wenn die Familie – aus welchen Gründen auch immer – den Täter deckt und ihm anhängt.
Ob es ratsam ist, die "einzig richtige Erklärung" in der pädophilen Veranlagung zu suchen (S. 21), stelle ich in Frage. Mir kommt es zu fatalistisch vor. Jeder Mensch kann seine "Gene" überwinden; wenn das Verbrechen als Charakterzug akzeptiert wird, fällt dem Täter sein Tun leicht und eine Bekämpfung schwer.
Die Vorwürfe der Autorin sind nicht immer verständlich: "man kann jahrelang ein Kind sexuell missbrauchen, das interessiert niemanden!" (S. 84). Gerade in ihrem Fall war es so, dass sowohl die Frau des Vaters (Ulrikes Grossmutter) ihren Mann deckte, als auch Marina (Ulrikes Mutter) leugnete. Wenn alle beteuern, der Mann sei ein vorbildlicher Vater, kann wohl keine Behörde einschreiten. Auch später führt der Vater ein unbehelligtes Leben (und "wirkte" weiter?).
Allen fehlte es an Zivilcourage. Nun wird diese von vielen ständig gefordert aber oft ist sie unerwünscht. Wer sie nicht schon im Familienkreis ausbildet, scheitert ein Leben lang. Ulrike verkennt ihre Situation auch als Erwachsene, heiratet und lässt sich betrügen (S. 100), lässt sich von der Grossmutter auch als Erwachsene noch beschwatzen (S. 117), verschweigt selbst (S. 168), da sie es nicht anders gelernt hat. Auch mit 26 Jahren empfindet sie sich als Stigmatisierte (S. 137-38), obwohl zumindest in der Grossstadt ein schweres Kindheitsschicksal kaum mehr interessiert. Ulrike verteidigt sich gegen Vorwürfe, die niemand macht (S. 190). Wie sehr ihr Kindheitstrauma sie nicht loslässt zeigt ihre Haltung zur Kritik der Verhältnisse: da sie sich sozial engagiert, leitet sie daraus ein Recht zu kritisieren ab (S. 187). Selbstverständlich hat aber jeder das Recht zu kritisieren und in vielen Fällen sogar die Pflicht.
Der Bericht Schwestermutter zeigt die fatalen Verhaltensmuster, die Kinderschändern ihre Tun erleichtern, auf. Dass es sehr wohl mitten uns vorkommt, sollte beachtet werden. Schwieriger scheinen mir geeignete Gegenmittel, wenn selbst innerhalb der betroffenen Familien Stillschweigen vorherrscht. Zivilcourage steht in unserer Gesellschaft nicht in hohem Ansehen, wird oft bestraft (Dierkes Zivilcourage).
Da die Autorin Journalistin und Schriftstellerin ist, war mir unklar, worin die Mitarbeit von Martina Sahler besteht. Stilistisch ist der Bericht Schwestermutter recht eintönig, selten fesselnd.
Insgesamt: leicht lesbar und lesenswert. Es wird den Lesern klarer, wie Familien durch Sex mit Kindern, Drohung, Gewalt und Unterdrückung zerstört werden.
Autorin
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Dierkes Dierkes Ulrike M. Dierkes: Schwestermutter. Ich bin ein Inzestkind. Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe, 2004. Mitarbeit: Martina Sahler. Broschiert, 253 Seiten Dierkes
Ulrike M. Dierkes: Meine Schwester ist meine Mutter. Patmos 1997. Broschiert, 168 Seiten Dierkes
Dierkes Dierkes Ulrike M. Dierkes: Melinas Magie. Recklinghausen: Bitter, 1995. Taschenbuch, 158 Seiten  
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