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Rickens
Christian Rickens: Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft
Berlin: Ullstein, 2006. Broschiert: 288 Seiten – rezension Fazitrezension Linksrezension Literaturrickens Literatur der neuen Spießer
Familie, Glaube, Vaterland, Gehorsam predigen die »neuen« Propheten. Sie wollen das Rad der gesellschaftlichen Entwicklung zurückdrehen. Es klingt arg nach Kinder, Küche und Kirche (rezension Links). Liest man beispielsweise Frank Schirrmacher (rezension Das Methusalem-Komplott; das Folgebuch Minimum, auf das sich Rickens bezieht, konnte ich mir ersparen) aufmerksam, so merkt man auf welch wackligen Streichhölzern die Ausführungen beruhen. Doch viele Leser und – noch schlimmer – Nichtleser, die nur den TV-Rummel um diese Autoren erleben, sind beeindruckt.
Christian Rickens geht die einzelnen Argumentationsbereiche der neuen Spießer durch und hilft ihnen, insofern er deren Argumente erst mal formuliert (die Spießer selbst nennen meist nur Schlagworte). Dann zerpflückt er sie bis auf wenige Ausnahmen. Und er macht es entgegen vielen Schnellschüssen von Autoren so, dass er keine Strohmänner aufbaut (Beispiel: Matthias Matussek, der in Die vaterlose Gesellschaft (rezension Literatur) gegen die Abschaffung der Familie polemisiert; dabei will sie keiner abschaffen! Typisches Strohmannargument!) oder sich nur die schwächsten Stellen herauspickt.
Hier sind Rickens' Hauptpunkte, denen er je ein Kapitel widmet:
  • Demografischer Wandel
  • Werteverfall
  • Arbeitslosigkeit, Unterschicht
  • Familie
  • Kulturkampf
  • Patriotismus
  • Fremdenfeindlichkeit
  • Ökowahn
Rickens' Hauptforderung (S. 30, S. 47, S. 249):
statt die Menschen anzupassen oder umzuerziehen, muß das politische System reformiert werden.
Dagegen steht die Argumentation der konservativen Spießer (S. 91):
Da das System einwandfrei ist, es aber vielen Menschen schlecht geht (Arbeitslosigkeit, Unterschicht), muß es an diesen Menschen liegen. Daher weitere Kürzungen oder gar Ausweisungen.
Unterforderungen und Thesen:
  • Nettozuwanderung von 200.000 ist wünschenswert (S. 41-42); diese Forderung deckt sich mit der von Dieter Oberndörfer (rezension Literatur)
  • Es gibt keinen Werteverfall, sondern einen Wandel (S. 62)
  • Klare Absage an eine Umverteilung, wie es z.B. die Linkspartei fordert (S. 90)
  • Zur Subventionierung von Kultur verhält sich Rickens unentschlossen. Sein Kriterium für die Subventionswürdigkeit (S. 136) ist sehr subjektiv und damit fragwürdig; vereinfacht: Werktreue sicher nicht; Sex und Gewalt auf der Bühne ist noch kein Ausschließungsgrund.
  • Karl Popper lesen und beherzigen (S. 232 ff; rezension Karl Popper)
Rickens kritisiert aber die konservativen Spießer nicht nur, er beschreibt sie auch zutreffend als
intolerant (rezension Fremdenfeindlichkeit; rezension gegenüber anderen Religionen), misstrauisch gegenüber anderen (rezension Überwachungsstaat), Verabsolutierung des eigenen Lebensentwurfs, mit Zukunftspessimismus und damit gegen alles Neue (S. 255).
Auf eine kurze Formel gebracht: die Gesellschaftspolitiker sind sich einig: die Zukunft erfordert Weichenstellung. Die Übereinstimmung hört auf bei der Beantwortung der Frage, was die dringenden Probleme sind. Völlig unterschiedlich ist der Befund. Während Rickens und seine "Zeugen" eklatante Fehler in der Politik ausmachen (und deshalb hier den Änderungshebel ansetzen wollen, siehe seine rezension Hauptforderung), machen die neuen Spießer als Fehlerquelle die Menschen selbst aus. Sie wollen eine massive Verhaltensänderung: "Schluß mit lustig!", "eine neue Weiblichkeit", Schuluniformen, zurück zum Untertan des Heinrich Mann (rezension Rezension).
Fazit
Christian Rickens behandelt ein ernstes Thema – wie bei populären Sachbüchern derzeit gewohnt – locker. Doch im Vergleich zu anderen Sachbüchern billigt er seinen "Gegnern" ausformulierte Argmente zu und er wird nicht so hammermässig redundant (wie andere Sachbücher, die die Bestsellerlisten dominieren). Rickens' Hauptforderung ist seit langem auch meine; deshalb begrüsse ich dieses sehr lesenswerte Diskussionsbuch umso stärker.
rezension Anfang
Spiegel Bestsellerlisten Februar 2007
Ich gebe zu, ich wollte anhand der aktuellen Bestsellerlisten nachweisen, dass die Spiesser grossen Zulauf haben. Aber es ist zumindest bei weitem nicht so schlimm wie ich befürchtete.
  4. Bueb, Bernhard: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift
18. Hahne, Peter: Schluss mit lustig
21. Rickens, Christian: Die neuen Spießer
23. Kirchhof, Paul: Das Gesetz der Hydra. Gebt den Bürgern ihren Staat zurück! (kenne ich nicht: wahrscheinlich eher im Sinne von Rickens' Ausführungen)
Die »neuen« Propheten, mit meinen Ergänzungen
Herwig Birg, Norbert Bolz, Bernhard Bueb, Udo di Fabio, Peter Hahne, Eva Herman, Matthias Matussek, Paul Nolte, Frank Schirrmacher, Notker Wolf, Albert Wunsch
rezension Anfang
Links
RickensKinder, Küche und Kirche
RickensKlages, Helmut: "Brauchen wir eine Rückkehr zu traditionellen Werten?" Aus Politik und Zeitgeschichte B 29 (2001) (pdf)
werte Literatur Deutsche Leitkultur
rezension Literatur Wertevermittlung
RickensMärz, Ursula: "Pamphlet gegen die neue Bürgerlichkeit", Dradio 9.1.2007
rezension Oberndörfer, Dieter: Deutschland in der Abseitsfalle
RickensPerlentaucher
RickensRoss-Strajhar, Gisela: "Welche Werte braucht Deutschland? Neuere Forschung zum Wertewandel", (pdf)
rezension Schirrmacher, Frank: Das Methusalem-Komplott
RickensSingle Generation: "Christian Rickens: Die neuen Spießer"
RickensUllstein-Verlag: "Schrebergarten im Grünen, Bausparvertrag oder Deutschland-Fähnchen am Auto: Wird man damit zum Spießer?"
rezension Wertevermittlung – Werteunterricht
Literatur
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rickens RickensChristian Rickens: Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft. Berlin: Ullstein, 2006. Broschiert: 288 Seiten Oberndörfer
Dieter Oberndörfer: Deutschland in der Abseitsfalle. Politische Kultur in Zeiten der Globalisierung. Freiburg: Herder, 2005. Broschiert, 189 Seiten. Herder-Spektrum Rickens
rickens Rezension
klages RickensHelmut Klages: Der blockierte Mensch. Zukunftsaufgaben gesellschaftlicher und organisatorischer Gestaltung. Frankfurt: Campus, 2002. Broschiert, 218 Seiten klages
Helmut Klages: Die Zukunft ergreifen! Ein realistischer Ausblick auf die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts. Hamburg: merus, 2007. Broschiert, 200 Seiten Rickens
rawls RickensJohn Rawls: A Theory of Justice. Revised Edition (Belknap). Oxford: Oxford UP, 1999. Gebunden, 538 Seiten rawls
John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt: Suhrkamp, 2001. Broschiert, 674 Seiten Rickens

Jetzt folgen die neuen Spießer  spiesser
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birg RickensHerwig Birg: Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt. München: Beck, 2005. Gebunden, 157 Seiten birg
Herwig Birg: Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa. München: Beck, 2001. Broschiert, 226 Seiten Rickens
bolz RickensNorbert Bolz: Die Helden der Familie. Paderborn: Wilhelm Fink 2006. Broschiert, 119 Seiten bueb
Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. List 2006. Gebunden, 160 Seiten Rickens
fabio RickensUdo DiFabio: Die Kultur der Freiheit. München: Beck, 2005. Gebunden, 295 Seiten Hahne

Peter Hahne: Schluss mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft. Lahr: St.-Johannis, 2004. GebundenRickens
Allerdings mit einer etwas zweifelhaften Wertepriorität,
siehe hahne Landfrauentag in Rosenheim; nicht zu empfehlen, allenfalls zur Abschreckung
herman RickensEva Herman: Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit. München. Pendo, 2006. Gebunden, 264 Seiten
matussek RickensMatthias Matussek: Die vaterlose Gesellschaft. Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie. Frankfurt, Fischer, 2006. Broschiert, 269 Seiten matussek
Matthias Matussek: Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können. Frankfurt: S. Fischer, 2006. Gebunden, 351 Seiten Rickens
nolte RickensPaul Nolte: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik. München: Beck, 2004. Broschiert, 255 Seiten nolte
Paul Nolte: Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus. München: Beck, 2006. Gebunden, 312 Seiten Rickens
alter RickensFrank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott. München: Heyne, 2005. Broschiert, 224 Seiten – rickens Rezension schirrmacher
Frank Schirrmacher: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. München: Blessing, 2006. Gebunden. 192 Seiten Rickens
wolf RickensNotker Wolf: Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland. Reinbek: Rowohlt, 2006. Broschiert, 218 Seiten wunsch
Albert Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik. Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München: Kösel, 2003. Broschiert, 230 Seiten Rickens
rezension Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.2.2007