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Walden
Raymond Walden: Menschliches Glauben
Neckenmarkt: Novum, 2008. Taschenbuch, 224 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Wer sich ein Buch kauft, informiert sich vorher. Das klingt banal, ist beim zu besprechenden Werk aber unbedingt zu beherzigen; zu leicht könnte der Titel irreführen. Es geht nicht um eine Begriffsanalyse des menschlichen Glaubens: weder um die Unterscheidung von Wissen und Glauben, noch direkt um Glauben ohne Gründe. Das Buch ist keine Abhandlung zum Thema Glauben und will es auch nicht sein. Worum geht es dann?
Einen Hinweis gibt Walden auf der ersten Seite (der Autor nennt es treffend „Hinführung“, seiner Textstruktur angepasst, darüber gleich mehr). "Menschliches Glauben" kann bedeuten, dass es menschlich sei zu glauben, sozusagen eine »condition humaine«, und – so der Autor – es kann auch bedeuten, dass man an das Menschliche glaubt, also trotz aller Erfahrung, den Optimismus nicht aufgibt. Beides will der Autor berücksichtigen (S. 5). Vorab: er hält sein Vorhaben ein. Eine dritte Bedeutung wäre, dass man als menschliches Glauben die jederzeit falliblen Überzeugungen des Menschen meint und untersucht. Nach Karl Popper ist nahezu jegliches Wissen Vermutungswissen und damit streng genommen Glauben. Doch auch dies behandelt Walden nicht.
Nicht nur diese Mehrdeutigkeit des Titel hat Menschliches Glauben mit Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft gemein. Während es Kant jedoch unternimmt möglichst neutral die Bedingungen des menschlichen Erkennens zu untersuchen, geht Walden schon von einem Standpunkt aus, er nennt ihn kosmonome Humanität (S. 196). Die Leser finden also keinen Argumentsgang, wie z.B. bei Kant und wie eventuell zu erwarten wäre, sondern zahlreiche kurze aphorismenartige Essays, in denen der Autor die Wirklichkeit zu Beginn des 21. Jhdts. an der kosmonomen Humanität misst und kritisiert.
Was ist die kosmonome Humanität? Mir wurde es nicht ganz klar. Am besten ist diese Haltung mit gewissen Eigenschaften einzukreisen: demokratisch, vorurteilsfrei, religionsfrei, human, eingeordnet im Kosmos und gewaltfrei. Unterschwellig ist der Autor auch wissenschaftsorientiert, wenn er es auch nicht explizit hinschreibt. Auf dem Hintergrund dieser Position liest man glasklare Befunde zu Zeiterscheinungen und Glaubensansichten, die – mit Religion und Christentum – durchaus schon seit Jahrhunderten anhalten können. Sie werden bekanntlich weder durch die lange Dauer noch durch die Millionen Anhänger richtig.
So sehr ich die Haltung des Autors weitgehendst teile: vorurteilsfrei ist sie nicht. Heikle Punkte, die sich daraus ergeben: Folter, gerechter Krieg, Fragen der Bioethik, werden kaum diskutiert.
Mit Kant hat der Autor noch mehr gemeinsam. Kants Wahlspruch »Sapere aude!« (Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!) könnte auch der Waldens sein. Des Autors Befund in seinen Sentenzen von Freiheit (rezension Literatur):
„Nutze deinen Verstand, sagte Immanuel Kant – und sprach es gegen die Wand“
gilt wohl auch für dieses Werk. Die Leute wollen die 14. Beschreibung einer meditativen Wanderung oder den 41. Leitfaden zum glücklichen Leben, möglichst von einem Abt (der nun dafür kaum kompetent ist, zumindest ist sein Leben nicht das, was die Millionen Leser der Glücksbücher als glücklich akzeptieren würden). Wenn ihnen jemand – wie Walden mit diesem Buch – sagt: Mensch, denk selbst nach, bevor du den Quacksalbern auf das Horoskop gehst! dann schalten viele ab. Für sie gilt:
„Many people would die sooner than think; in fact, they do.“ Bertrand Russell
Die Essays sind wie folgt grob gegliedert:
Natur, Persönliches Gesellschaft, Kultur Bildung, Wissenschaft Politik Esoterik Religion Kosmonomie. Trotzdem erkannte ich den roten Faden nicht. Da ich mit dem Autor meist übereinstimme, fehlt die Reibungsfläche. Oft hätte mich noch interessiert, wie er seine Position begründet oder wo Zweifel angebracht sind. Wie kommt er z.B. zur Behauptung, jeder Staat, jede Religion und jede Philosophie drohe jedem Aufklärer mit Gewalt (S. 7). Etwas zuviele All-Ausagen meine ich.
Kosmonomie
• “Ausgehend von pazifistischen Grundsätzen und kosmopolitischen Anschauungen, entwickelt die Kosmonomie ein strikt gewaltfreies, freiheitlich-demokratisches Weltbild, losgelöst von Religion und Esoterik, welche zwar als privates Freiheitsrecht betrachtet werden, aber in der staatlichen Öffentlichkeit keine Rolle spielen.”
"Kosmonomie ist ein neuer philosophischer Denkansatz", man lese weiter unter rezension Links.
• Unter Kosmonomie oder Kosmogonie wurde – wenn ich es richtig sehe – vormals das verstanden, was wir heute unter Kosmologie verstehen (rezension Literatur).
• Fast geniere ich mich auf Andreas Klinksiek: Die Reise zum Anbeginn. Kosmogonie der Ursprache zu verweisen (rezension Links). Zu sehr klaffen die Intentionen der beiden Autoren auseinander. Die Reise zum Anbeginn ist genau das Genre, gegen das Walden anschreibt. Aber es hat Kosmogonie im Untertitel und eine kurze Explikation des Begriffs »Kosmogonie«.
Menschliches Glauben ist kein Buch, das man von vorne bis hinten auf einmal durchliest. Man wird sich immer wieder einzelne Abschnitte vornehmen. Wer den Thesen des Autors nicht folgt, findet kaum Begründungen. Das ist grossenteils der mosaikartigen Struktur und den aphorismenartigen Charakter des Werkes geschuldet. Zur Lektüre ist Menschliches Glauben sehr zu empfehlen.
Raymond Walden
ist das Pseudonym für Reinhard Wiechoczek. Unter diesem Namen schrieb der Autor schon 1989 gegen die obskure Astrologie an: Uranus lächelt über Hiroshima: Die horoskopierte Gesellschaft (Neuausgabe 1991, siehe rezension Literatur). Ein Besprechung dieses frühen Werks des Autors findet man bei Martin Wagner (rezension Links). Dieser hat aber eine "große Einschränkung" gegen das besprochene Werke, da "der Autor sich am Ende auch klar vom Glauben an Gott distanziert (141, 163) und dem sein eigenes Weltbild, die Kosmonomie, entgegensetzt (198ff)". Es erscheint sonderbar, dass man ein wissenschaftsbezogenes Werk aufgrund des Weltbilds des Autors nur eingeschränkt akzeptiert.
Links
WaldenRaymond Walden: Kosmopolitisch, pazifistisch, religionsfrei, freiheitlich- demokratisch, humanistisch. Informationen zur Kosmonomie
WaldenAutorenporträt: Raymond Walden
Aphorismen von Raymond Walden * 1945 deutscher Kosmopolit, Pazifist und Autor: Walden1Walden2
Walden Immanuel Kant
Walden Andreas Klinksiek: Die Reise zum Anbeginn. Kosmogonie der Ursprache
Walden »Kosmogonie« – kurze Erklärung
WaldenKosmonomie ist ein neuer philosophischer Denkansatz
Walden Karl Popper
Walden Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
WaldenMartin Wagner: "Lügen die Sterne?"
Walden Zitate von Bertrand Russell
Literatur
Corr, Charles A. (1975): "Christian Wolff and Leibniz". Journal of the History of Ideas 36:2, S. 241-262
Dörfler, Josef (1912): "Die kosmogonischen Elemente in der Naturphilos. des Thaies". Archiv für Geschichte der Philosophie 25. S. 305 ...
Hoppe, Hans (1912): "Die Kosmogonie Emanuel Swedenborgs und die Kantsche und Laplacesche Theorie" 25. S. 53-68
Kohlmeyer, Wilhelm (1912): Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Aufklärungszeitalters. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; ursprünglich Univ. Diss.1911.
Wiechoczek, Reinhard (1992): Uranus lächelt über Hiroshima: Die horoskopierte Gesellschaft. München: Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen. Taschenbuch, 212 Seiten
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Walden WaldenRaymond Walden: Menschliches Glauben. Neckenmarkt: Novum, 2008. Taschenbuch, 224 Seiten walden
Raymond Walden: Sentenzen von Freiheit: Kosmonomisches Manifest. Angelika Lenz 2005. Taschenbuch, 113 Seiten Walden
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.1.2010