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Czermak
Gerhard Czermak: Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht. Ein Lexikon für Praxis und Wissenschaft
Aschaffenburg: Alibri, 2009. Gebunden, 400 Seiten – Czermak LinksCzermak Literatur
Bei der Beurteilung dieses Lexikons wollte ich mit ähnlichen Lexika aus dem religiösen Lager vergleichen. Doch es gibt nichts Vergleichbares.
Das Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon ist nur Biografien gewidmet, Die Religion in Geschichte und Gegenwart ist grossenteils veraltet, obwohl es vor wenigen Jahren modernisiert wurde, einzig das Metzler Lexikon Religion 1-4 käme als Vergleich in Frage, aber es steht mir nicht zur Verfügung. Die folgende Besprechung verzichtet daher auf Vergleiche.
Zweite Vorbemerkung: ich bin weder Religionswissenschaftler, noch Jurist. Meine Ausführungen zielen daher einzig auf das "Praxis" im Untertitel ab. Dazu kann vorweg gesagt werden: dieses Lexikon erfüllt die Erwartungen voll.
In der Einführung bekennt sich der Autor zu einem wissenschaftlich-agnostischen Standpunkt (S. 10). Das merkt man im gesamten Lexikon. Und dem Leser fällt ein Stein vom Herzen: endlich eine fundierte Heranführung an diese schwierigen Themen, die nicht aus der Feder eines Theologen oder Kleriker stammt. Diskussionen mit kirchlich engagierten Leuten zeigten mir oft, dass ihnen gar nicht bewusst ist, was Czermak in seinen Artikeln zeigen wollte: Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit klaffen sehr oft auseinander. Protestanten und Katholiken werden vielfältig bevorzugt. Von einer Neutralität des Staats gegenüber den Religionen und Weltanschauungen kann man auch im 21. Jahrhundert in Deutschland nur träumen.
Nach der kurzen Einführung liegt der Schwerpunkt des 400 seitigen, eng bedruckten Lexikons auf dem Stichwortverzeichnis von “Abendland, christliches” bis “Zivilreligion”.
Die Lektüre einiger ausgewählten Artikel zeigt, dass der Autor seine Absicht für ein breites Publikum zu schreiben mehr als erfüllt hat. Alles war verständlich. Das heißt jedoch nicht, dass ich jede einzelne Einschätzung oder Folgerung des Autors teile.
Ein Lexikon dient natürlich zu allererst der kompetenten, verlässlichen Information. Soweit ich dies beurteilen kann wird das voll eingelöst.
Dazu ergeben sich auch neue Einsichten. Ein Detail: durch die steuerliche Absetzbarkeit der Kirchensteuer (gibt es noch andere Steuern, die man von der Steuer absetzen kann?) finanzieren auch Nicht-Kirchenmitglieder die Grosskirchen (S. 183).
Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil ist die Begriffsklärung. Beispielsweise grenzen die drei Artikel zu “Säkularisation”, “Säkularisierung”, und “Säkularität des Staates” diese leicht verwechselbaren Begriffe gut von einander ab.
Auch aktuelle Bezüge kommen nicht zu kurz, im Gegenteil, Gerhard Czermak diskutiert sie ausführlich: Ethikunterricht, Konkordat, Kopftuch, Kreationismus, Leitkultur, Opus Dei, Scientology, Suizid, ... und zahlreiche Einträge zum Islam.
Beim Eintrag zum Kreationismus erkennt man klar, dass der Autor nicht einseitig Position bezieht. Er schreibt: “Auch die Verneinung der Evolutionslehre muss daher möglich sein und insofern geschützt werden”. Im staatlichen Unterricht haben aber solche wissenschaftsfeindlichen Lehren nichts zu suchen (S. 216). So ist es.
Heikle Punkte werden nicht verschwiegen. Der Eintrag zur Sektenproblematik weist darauf hin, dass gegenüber religiösen Randgruppen oft Vorwürfe erhoben werden, die bei den etablierten Kirchen geflissentlich übersehen werden (S. 335). Ein Beispiel von mir: was sich Scientology durch hohe Kursgebühren oder Buchpreise an Geld hereinholt, wird für die etablierten Kirchen vom Staat eingezogen und überwiesen.
Zum Kopftuch vermochte ich nicht alle Folgerungen des Autors nachvollziehen. Im Stichwort “Islamisches Kopftuch” (S. 139) lese ich, dass zwei Drittel der Menschen mit islamischen Kulturkeis aus der Türkei stammen und dort das Kopftuch keine Tradition als Glaubenssymbol hat. Dann wäre es ein ganz normales Kleidungsstück, wie es auch meine katholische Grossmutter alltäglich trug. Wozu dann verbieten? Ein zweites Argument blieb mir ebenfalls dunkel. Wenn Zwangsheiraten und Ehrenmorde, dann kann das Tragen des Kopftuchs nicht gut geheißen werden (S. 139).Wieso das Tragen eines Kopftuchs diese Straftaten unterstützen soll, entgeht mir.
Jedes Stichwort wird mit Literaturhinweisen beendet. Dies betreffen nur zum Teil die juristische Fachliteratur, zum großen Teil handelt es sich um auch für den Laien leicht zugängliche, weiterführende Werke.
Ein hoch willkommenes und sehr wichtiges Lexikon. Menschenrechte, Schule, Ethik, Religion, ... betreffen wirklich jeden Bürger. Für die tägliche Diskussion und die eigene politische Überzeugungsbildung hat man damit eine gut lesbare und verständliche Grundlage.
Links
Czermak„Juristen sind traditionell überwiegend konservativ“. Interview mit dem Autor, 16 Nov 2009
CzermakReligion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht, nickpol, November 12, 2009 bzw. Gerhard Czermak, Friedberg/Bayern, Sommer 2009
CzermakGerhard Czermak: Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht. Ein Lexikon für Praxis und Wissenschaft, Alibri Verlag mit Stichwortverzeichnis und Probetexte
Rezension
CzermakIngrid Matthäus-Maier: "Wie der Staat der Kirche dient. Gerhard Czermaks Religions-Lexikon enthüllt die Langlebigkeit alter Privilegien". FR-online.de 02.01.2010
Czermak Agnostiker, Atheisten, Ungläubige und Heiden werden benachteiligt und verfolgt
Czermak Art.4 Die Freiheit des Glaubens
Czermak Bevorzugung der Grosssekte Christentum durch den Staat
CzermakBiographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL)
Czermak Czermak, Gerhard: Problemfall Religion. Ein Kompendium der Religions- und Kirchenkritik
CzermakDatenbank "Staatskirchenrecht"
CzermakA Haverig, E Lange: "Der Kopftuchstreit an deutschen Schulen: Voraussetzungen und Folgen", 2004, (pdf)
CzermakKirche und Staat, Wikipedia
CzermakLexikonreihe Religion in Geschichte und Gegenwart, Wikipedia
Czermak Literatur zu Terror, Religion und Geheimbünden
Czermak Reichskonkordat, 20. Juli 1933
CzermakDr. Johannes Rux (2004): "Kleiderordnung, Gesetzesvorbehalt und Gemeinschaftsschule". Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitk – ZAR, S. 14-21 (pdf)
Czermak Religiöse Gefühle
Czermak Religion und Wissenschaft
Czermak Streit ums Kopftuch
CzermakKlaus Thomalla: "Darf man sich aus religiösen Gründen wissenschaftlichen Erkenntnissen verweigern? – Erläutert am Beispiel der Evolutionslehre im Pflichtschulunterricht. Eine philosophisch-theologische Perspektive", (pdf)
Czermak Trennung von Religion, Kirche, Politik und Staat
CzermakTrennung von Religion und Staat, Wikipedia
Literatur
Gerhard Czermak (2007): "Islam und Menschenrechte Klarstellungen zur interkulturellen Verständigung". Aufklärung und Kritik Sonderheft 13. S. 136-143Czermakonline als pdf
Gerhard Czermak (2007): "Geschichte und Kernfragen des Islamismus und seine Bedeutung für Deutschland, insbesondere die Kopftuchproblematik Eine Skizze". Aufklärung und Kritik Sonderheft 13. S. 144-152Czermakonline als pdf
Stefan Huster (2001): "Bioethik im säkularen Staat. Ein Beitrag zum Verhältnis von Rechts- und Moralphilosophie im pluralistischen Gemeinwesen". Zeitschrift für philosophische Forschung 55:2. S. 258-276
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Czermak CzermakGerhard Czermak: Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht. Ein Lexikon für Praxis und Wissenschaft. Aschaffenburg: Alibri, 2009. Gebunden, 400 Seiten
Czermak Czermak Christoph Auffahrt, Jutta Bernard, Hubert Mohr, Hg.: Metzler Lexikon Religion 1-4. Stuttgart: Metzler, 2005. Taschenbuch, 2376 Seiten Czermak
Gerhard Czermak: Religions- und Weltanschauungsrecht: Eine Einführung. Berlin: Springer, 2008. Taschenbuch, 327 Seiten Czermak
rgg CzermakRGG Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Directmedia 2004. CD-ROM Czermak
Hans Gerhard Kippenberg,Gunnar Folke Schuppert: Die verrechtlichte Religion. Der Öffentlichkeitsstatus von Religionsgemeinschaften. Stuttgart: Mohr Siebeck, 2005. Taschenbuch, 350 Seiten Czermak
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