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Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft
Berlin: Berlin, 2006. Taschenbuch, 288 Seiten Ingeborg Kolinko, Übs. – Tschernobyl LinksTschernobyl Literatur
Die Journalistin Swetlana Alexijewitsch reiste drei Jahre durch Weißrussland und die Ukraine und befragte Opfer der Tschernobyl-Katastrophe. Daraus stellte sie über vierzig Monologe zusammen, die die Eindrücke der Betroffenen schildern.
Die Monologe stammen von ganz verschiedenen Personen: Bauern, Wissenschaftler, Soldaten, Liquidatoren (die nach der Katastrophe Sicherheits- und Aufräumungsarbeiten durchführten), Sterbende, Mütter und Kinder.
Vielen ist gemeinsam, dass man völlig unvorbereitet die Katastrophe durchlebte, dass man lange Zeit (und wohl noch immer) belogen wurde, dass auch die Politiker völlig unvorbereitet waren. 
Die Untertitel "Chronik der Zukunft" kann man verschieden auffassen:
  • Durch die Schilderung der Katastrophe und ihrer langjährigen Folgen wird auch zugleich die Zukunft geschildert: die Leute haben keine, wenn sie überhaupt noch am Leben sind.
  • Etwas positiver kann man den Titel als eine Aufforderung an die Zukünftigen sehen, aus der Hybris Atomenergie auszusteigen.
Die Monologe – so aufwühlend sie einzeln sind – packten mich nur gelegentlich. Wenn Kinder und Tiere leiden mussten traf es mich tief. Der stärkste Monolog war deshalb für mich: „Monolog über alte Prophezeihungen” (S. 115-118).
Jede Paraphrase darüber verfehlt ihr Ziel: unbedingt selbst lesen!
Meine ansonsten verhaltene Teilnahme führe ich auf mehrere Gründe zurück:
  • vielleicht sollte man jede Woche nur einen der Monologe lesen: man stumpft zu schnell ab: jeder Monolog sagt im Kern: „Ich war dabei und es war sehr schlimm”.
  • In wichtigen Punkten stimme ich mit der Autorin (und den Befragten) nicht überein: schon vor Tschernobyl konnte man sich bei Physikern (auch wenn man nur das Weltgeschehen aufmerksam verfolgte, nicht aber in Kirchen)  die Information holen, dass die Atomenergie – zumindest derzeit – eine unverantwortliche Technik ist.
  • Schon im Oktober 1957 kam es in einem britischen Kernreaktor in Windscale ( heute Sellafield, GB) zu einem Brand. Über das dort befindliche Kernkraftwerk Calder Hall hielt ich in der Oberrealschule Anfang der Sechziger noch einen die Atomkraft bejahenden Vortrag.
  • Der Kernschmelzunfall im Atommeiler Three Mile Island (Harrisburg, Penn. USA) im März 1979 zeigte es dann allen: die Atomtechnik ist nicht beherrschbar.
  • Swetlana Alexijewitsch meint, nach Tschernobyl sei die ganze Welt klüger geworden (S. 42). Die Entwicklung und das weltweite Festhalten an der Atomenergie beweist das Gegenteil. Insofern ist das Konzert der Monologe in den Wind gesprochen.
Jemand aus dem Volk meint in einem der Monologe: „Krieg kann man verstehen ... Aber das?” (S. 179). Das verdeutlicht eine Crux der Atomtechnik: sie ist so fern dem Alltagsverständnis, die Halbwertzeiten von Millionen Jahren sind so fern den hundert Jahren, die ein Mensch lebt, die nachhaltigen Verwüstungen so ungeheuerlich und oft erst in Jahren (gell, Tschernobyl Alfred Dick) auftretend, dass diese Technik auch heute noch viele Befürworter findet. Scheinbar preiswerte Energie ist wichtiger als was mit fremden fernen Generationen passiert. Der Wert des fernen Lebens (man denke an den Klimawandel, der Asien oder den Pazifik trifft, oder Holland) gilt wenig, weder für den einzelnen Bürger (der an seine Haut denkt), noch für den Politiker (der zuerst an seine Haut denkt) (S. 232).
Zwei Gedanken, die mir bekannt waren, die ich mir aber gerne wieder ins Bewusstsein führen ließ:
  1. Es ist bekannt, dass in Krisen irrationales Denken zunimmt. Den derzeit in Europa zunehmenden Glauben an den Teufel und den Arbeitsanstieg der Exorzisten führt man beispielsweise auf die Krise in der EU zurück (Der Teufel hat Konjunktur, siehe Tschernobyl Links). Darin gründet auch der Mythos "There are no atheists in foxholes" (siehe TschernobylLinks). Nach der Katastrophe von Tschernobyl füllten sich die Kirchen wieder. Die Leute suchten dort nach Antworten, die weder Physiker noch Mathematiker geben konnten (S. 42). Ob sie verläßliche Antworten fanden bezweifle ich.
  2. „Soviel unglaubliche Lügen, mit denen Tschernobyl in unserem Bewusstsein verbunden ist, gab es höchstens im Krieg” (S. 181). Man kann ergänzen: und im Wahlkampf. Oder noch umfassender: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.” Otto von Bismarck
Stil
Zu den oben genannten Gründen, warum ich nicht in das allseitige Lob dieser Textesammlung einstimmen kann, kommt, dass die Monologe auch stilistisch wenig befriedigen. Als Beispiel mag der Kamermann Sergej Gurin herhalten: „In der Erinnerung tauchten Szenen aus einem Film auf ... Aus der Kindheit ... Nachkriegskinder ... Wir mochten Kriegsfilme ... Na, und diese Bilder ...” (S. 179) Dieser Stakkatostil ergießt sich wie ein Brei über nahezu alle Monologe. Das wirkt monoton.
Belügung der russischen und deutschen Öffentlichkeit
Zum Zeitpunkt der Tschernobyl-Katastrophe war Alfred Dick, CSU, bayerischer Staatsminister für Landesentwicklung. Er bekundete seine Inkompetenz im Fernsehen, als er mit Cäsium 137 belastete Molke aß, um zu zeigen, dass sie ungefährlich sei. Da er nicht sofort tot umfiel kommentierte war Radioaktivität für ihn harmlos. Er kommentierte: „Des tut mir nix!“ 
Innenminister Friedrich Zimmermann, CSU, belügte im Fernsehen alle Zuschauer nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl: "Eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von dreißig bis vierzig Kilometer um den Reaktor herum; dort ist sie hoch."
Quelle: Geschichte Bayerns, 12.Folge, 29.3.2003, Bay.Fernsehen
Immerhin warnte Landesentwicklungsminister Werner Schnappauf, CSU, sonst ein Hardliner pro Atomkraft, vor dem Verzehr von Waldpilzen und Wildfleisch wegen der Radioaktivität aufgrund des Atomunfalls in Tschernobyl. Münchner Merkur, 24.4.2001, S.1
Zimmermann hat offensichtlich nicht begriffen, dass die Evakuierung durch russische Behörden in einer 30-km-Zone keine Gefährdungsgrenze darstellte. Man wollte
  • den Aufwand für Evakuierung gering halten
  • eine Panik vermeiden.
Erst am 14. Mai 1986 wandte sich Michail Gorbatschow in einer Fernsehansprache an das russische Volk.
Entwicklung in Deutschland und anderswo
  • Bundeskanzler Helmut Kohl, CDU,  sprach sich gegen einen baldigen Ausstieg aus der Atomenergie aus. Bis 1989 wurden weitere sechs Atomkraftwerke neu in Betrieb genommen: Brokdorf, Hamm-Uentrop, Mülheim-Kärlich, Isar 2, Emsland, Neckarwestheim.
  • Es dauerte noch 16 Jahre bis 2002 der Vertrag über den deutschen Atomausstieg durch Novellierung des Atomgesetzes rechtlich abgesichert wurde. Dieses Verdienst der rot-grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, SPD, stand aber auf tönernen Füßen. Es begann zögerlich: im  November 2003 wurde das Kernkraftwerk Stade und im Mai 2005 das Kernkraftwerk Obrigheim endgültig abgeschaltet.
  • Die CDU / CSU / FDP-Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, warf – in den vergangenen Legislaturperiode war die SPD mit am Kabinettstisch und verhinderte den Schwachsinn – im Oktober 2010 das Ruder wieder herum: die Atomkraft wurde als unverzichtbare Brückentechnologie deklariert, die eh schon langen Laufzeiten der Atomkraftwerke wurden kräftig verlängert.
  • Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima (Japan) beschloss die  CDU / CSU / FDP-Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, im Juni 2011 die dritte Wende: stufenweiser Atomausstieg bis 2022. Obwohl sich weder etwas an den Naturgesetzen geändert hatte, noch an der Risikoeinschätzung, stimmten am 30. Juni 2011 viele Bundestagsabgeordnete trotz unverzichtbarer Brückentechnologie für den erneuten Ausstieg. Sie unterliegen sonderbaren Gewissensschwankungen.
  • Bis zum Jahr 2012 steigerte Deutschland dann den Anteil der Erneuerbaren Energien am Strombedarf auf über 25 %.
  • Inzwischen (Stand 2014) bröckelt jedoch auch die dritte Wende: seit Tschernobyl sind fast 30 Jahre vergangen, seit Fukushima (März 2011) auch schon wieder drei Jahre.
  • Der weltweite Erfolg von  Computerspielen wie STALKER–Shadow of Chernobyl und die weltweite Resonanz auf Besichtigungsfahrten in die Todeszone (S 297-298) sind der Gipfel der Perfidie um die Katastrophe von Tschernobyl.
Tschernobyl und Fukushima bleiben Metaphern für die Hybris der Politiker, die über die nächste Legislaturperiode selten hinaussehen. Darin werden sie von den Bürgern unterstützt: es sind mehrheitlich Fatalisten. Der Journalist Anatoli Schimanskyi bringt es auf den Punkt: „Jede Generation hat ihren Krieg erlebt ... Warum soll es uns anders ergehen?”  (S. 164) Der Begriff „Krieg” ist dabei sehr weit gesteckt. Wenn die Beiträge in Tschernobyl dazu beitragen, dass dieser Fatalismus in Aktion oder auch nur eine Änderung der Einstellung umschlägt, erfüllen sie ihren Zweck. Für den einigermaßen aufgeklärten Zeitgenossen bieten sie nur beschränkt Neues.
Links
AlexijewitschSwetlana Alexijewitsch
AlexijewitschTschernobyl - ein Zeichen, das wir nicht verstehen. Ein Gespräch mit der weißrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch über die Lehren aus der Reaktorkatastrophe, SZ 17. Mai 2010
AlexijewitschAtomausstieg
AlexijewitschKernkraftwerk Calder Hall
AlexijewitschAlfred Dick
AlexijewitschMyth: There are no atheists in foxholes
AlexijewitschNuklearkatastrophe von Fukushima
AlexijewitschNuklearkatastrophe von Tschernobyl
AlexijewitschSellafield
AlexijewitschJulius Müller-Meiningen: Der Teufel hat Konjunktur, OVB, 18.1.2014, S. 12
AlexijewitschKernkraftwerk Three Mile Island (Harrisburg, Penn. USA)
Besprechungen
AlexijewitschTschernobyl. Eine Chronik der Zukunft @ Besser Lesen
AlexijewitschBarbara Lehmann: Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft, DLF
AlexijewitschPerlentaucher
AlexijewitschGisela Reller: Der Krieg aller Kriege
Arndt, Melanie (2012): „Memories, commemorations, and representations of Chernobyl: Introduction”. Anthropology of East Europe Review 30:1, S. 1-12.
Bürkner, Daniel (2009): „Atomare Ängste und Erlösungsutopien. Zum Diskurs um atomare Bedrohungen und den ›Klimawandel‹”. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2. S. 55-66
Bürkner, Daniel (2009): „»Eine vollkommen neue Realität« Transgression des Wahrnehmbaren in den Bildern Tschernobyls”. In: Ingeborg Reichle, Steffen Siegel, Hg.: Maßlose Bilder: visuelle Ästhetik der Transgression. S. 181-206. Alexijewitschonline (pdf)
Zink, Andrea (2012): „Approaching the Void – Chernobyl’ in Text and Image”. Anthropology of East Europe Review 30:1, S. 100-112.
Literatur
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Alexijewitsch AlexijewitschSwetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Berlin: Berlin, 2006. Taschenbuch, 288 Seiten. Ingeborg Kolinko, Übs. Alexijewitsch
Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Berlin: Berlin, 2001. Gebunden, 284 Seiten. Ingeborg Kolinko, Übs.Alexijewitsch
Tschernobyl Anfang


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