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Lexikon der offenen Fragen
Jürgen Kaube, Jörn Laakmann, Hg.: Lexikon der offenen Fragen
Stuttgart: Metzler, 2015. Gebunden, 219 Seiten – Laakmann LinksLaakmann Literatur
Die Herausgeber dieses wunderbaren (wörtlich!) Büchleins Jürgen Kaube und Jörn Laakmann befragten namhafte Wissenschaftler und der Wissenschaft nahestehende Persönlichkeiten nach offenen Fragen. Es ist klar, dass damit nicht offene Fragestellung im Gegensatz zu geschlossenen Fragen gemeint ist (Fragetechnik, siehe Laakmann Links), sondern um derzeit offene Fragen, genauer um offene Fragen, die für uns alle oder eine Gruppe von Menschen interessant sind. Beliebte uninteressante Fragen in philosophischen Lehrbüchern sind z.B. Wieviel Grashalme sind derzeit auf der Wiese hinterm Bauernhof? Oder: Ist die Summe aller Zahlen auf den Kennzeichen der Autos, die sich derzeit im Stadtgebiet Wasserburgs aufhalten, durch 2 teilbar? Dabei stößt man gleich auf die offene Frage (die im Lexikon fehlt): Wie grenzt man unnützes Wissen ab?
Die 95 Artikel behandeln durchweg interessante, oft sogar spannende Fragen. Nach der im Vorwort angebotenen Klassifizierung der offenen Fragen:
  • prinzpiell beantwortbar,
  • prinzipiell unbeantwortbar,
  • dazwischen liegende, z.B. die Goldbachsche Vermutung (Laakmann Links)
gehören die meisten behandelten Fragen im Lexikon nicht zur ersten Klasse.
Der Berliner Physiologe Emil Du Bois-Reymond unterschied in seinen beiden berühmten Ignorabimus-Reden "Über die Grenzen des Naturerkennens" und "Die sieben Welträtsel" zwischen offenen Fragen, deren Antwort wir derzeit nicht kennen („ignoramus”) und solchen, deren Antwort uns immer verschlossen ist („ignorabimus”).
Die im Lexikon behandelten Fragen folgen keiner Systematik, ich war bei allen auf die Ausführungen wißbegierig. Die meisten Lexikoneinträge regen zu weiteren eigenen Überlegungen an, genau deshalb, weil sie keine Antworten geben.
Hoch aktuell ist eine der letzten (im Buch) Fragen: „Gibt es ein Menschenrecht auf Migration?” (S. 199). Autor Hans-Peter Müller zerlegt die Frage in Teilfragen und plädiert für deren offene Diskussion.
Mich verblüffte, dass nicht bekannt ist, seit wann wir in der Schule nicht mehr Latein sprechen (S. 39). Autor Heinrich Busse hat recht: da das kaum jemand wissen will (jedenfalls nicht genauer als es Busse ausführt), bleibt es wohl für immer eine offene Frage, wenn auch eine, die man prinzipiell beantworten könnte.
Gelegentlich bleiben Fragen nebulös. Wer fragt „Wie ist Bildung möglich?” muss – meine ich – dem Laien zuerst erläutern, warum das ein Problem ist. Wenn der Erkenntnistheoretiker fragt: „Wie ist Wissen möglich?” muss er auch erst ein skeptisches Argument geben, damit der Laie merkt, warum diese Frage überhaupt gestellt wird.
Manche Autoren werfen ganz andere Fragen auf, als in der Überschrift gestellt. So Hans Joas in „Wann glauben Religionen an sich selbst?” (S. 48). Er  erörtert vornehmlich die Fragen: „Kann das Christenum in der Moderne überleben?” und „Ab wann erwartete man eine fortschreitende Säkularisierung in Europa?”
Bei manchen Fragen war ich erleichtert, dass auch andere sie als diskussionswerte Frage ansehen, wie beispielsweise Wolfgang Kaschuba in „Weshalb eigentlich Boni?” Man könnte noch verschärfen: „Weshalb Boni, wenn der Manager offensichtlich Mist gebaut hat?” Eine damit verwandte Frage ist: „Warum Verdienstmedaille und Orden für Politiker, die ihren Job mach(t)en?”
Witzig, aber durchaus mit ernstem Hintergrund wird die Frage „Was soll der ganze Quatsch?” (S. 114) von Tobias Hürter behandelt. Sie wird täglich brennender. Schon Jahre zurück wunderte ich mich über ein Telefonat im 54-er-Bus, wenn dem Partner mitgeteilt wurde, dass man soeben in der Oettingenstrasse ist. Heute ist der über die sozialen Medien und andere Kommunikationswege hinausposaunte Bullshit noch umfassender.
Das Bändchen ist leserfreundlich aufgemacht: handlich, Lesebändchen und angenehmer Geruch! Die gelegentlich eingesetzte hellgrüne Schrift ist wenn kleinformatig, nur schlecht entzifferbar. Eine der (für mich neuen) Fragen lautet: „Welche Rolle spielt die Form in den Geisteswissenschaften?” (S. 42). Die ansprechende Form des Lexikons befördert die Akzeptanz, das ist keine offene Frage.
Die auf Emil Du Bois-Reymond zurückgehenden Welträtsel werden im Lexikon nur teilweise berücksichtigt. Darüber hinaus werden zahlreiche offene Fragen nicht berücksichtigt. Der Titel „Lexikon” ist ungerechtfertigt und irreführend. Es handelt sich um einen winzigen Ausschnitt. Ein umfassenderer Folgeband wäre hoch willkommen. Das breite Spektrum der hier aufgeworfenen Fragen macht das Buch für jeden, dessen Weltbild nicht schon dogmatisch abgeschlossen ist, zu einer anregenden Lektüre. Damit eignet es sich auch als Geschenk für nahezu jedefrau/jedermann.
Wenn man auf http://www.lexikon-der-offenen-fragen.de/ (Laakmann Links) geht erhält man eine leere Seite. Das ist entweder vermessen oder ein Scherz. Es gibt genügend offene Fragen und es gibt sogar offene Fragen, von denen man mehr oder weniger sicher weiß, dass wir sie nie beantworten können.
Links
Laakmann Anthropisches Prinzip
KaubeFragetechnik
Laakmann Goldbachsche Vermutung
Laakmann »Ignorabimus« – Auszüge aus den beiden berühmten Ignorabimus-Reden "Über die Grenzen des Naturerkennens" und "Die sieben Welträtsel" des Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond
Laakmann Rezensionen philosophischer Bücher
Laakmann Rezensionen politischer u.a. Bücher
KaubeDas grüne Fragezeichen
Kaubewww.lexikon-der-offenen-fragen.de
Literatur
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Kaube KaubeJürgen Kaube, Jörn Laakmann, Hg.: Lexikon der offenen Fragen. Stuttgart: Metzler, 2015. Gebunden, 219 Seiten
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