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Briefe
Simon Garfield: Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte
Darmstadt: Konrad Theiss, 2015. Gebunden, 539 Seiten. Jörg Fündling, Übs. – Garfield LinksGarfield Literatur
Simon Garfield hat schon umfassende Sachbücher über Schrifttypen und Landkarten veröffentlicht. In Briefe! geht es auf über 500 Seiten um genau diese. Durchgehender Tenor: das Briefeschreiben ist antiquiert und wird derzeit durch die digitale Kommunikation abgelöst. Bald wird der letzte Brief geschrieben sein. Garfield will durch sein Buch die eigene Sichtweise widerlegen: man sollte aufs Briefeschreiben nicht ganz verzichten. Dafür kreist der Autor durch die Jahrhunderte. Zahlreiche Briefwechsel hat er gesichtet und breitet seine Funde vor den Lesern aus.
Sie lernen die ausgefeilten Formalien der Grußformeln im Brief kennen oder wie schon durch Äußerlichkeiten wie die Lage der Briefmarke eine Nachricht an den Empfänger übermittelt wurde. Ähnliches wiederholte sich beim Telefonieren und bei den E-Mails. Garfiels Plädoyer für das Briefeschreiben ignoriert diese modernere Kommuniktaion nicht: er widmet der Mail das 15. Kapitel und erklärt einige ihrer Formalien (S. 461).
Viele Fragen werden beantwortet.
Darunter eine, die ich mir oftmals stellte: Warum sind veröffentlichte Briefe so geistreich und treffend formuliert? Mein Verdacht: die Schreiber liebäugelten mit der Veröffentlichung und sind so gesehen nicht Briefe, sondern Textkompositionen. Garfield antwortet mehrfach, so beispielsweise im Kapitel über Jane Austen. Manche Briefschreiber hatten die Drucklegung von Anfang an im Auge, manche aber auch nicht (S. 239).
Elisabeth Charlotte Lieselotte von der Pfalz sorgte sich in ihren Briefen schon 1671 um die sich mit Riesenschritten verändernde deutsche Sprache (S. 173). Wie man weiß: die deutsche Sprache hat es überstanden. Das läßt hoffen, dass ähnliche zeitgenössischen Befürchtungen ebenfalls übereilt sind.
Simon Garfield packt sein umfangreiches Thema sowohl systematisch als auch chronologisch an. Dazu streut er als dritte narrative Zugangsweise vor jedes Kapitel einen Briefwechsel zwischen dem britischen Soldaten Chris und seiner Bessie in der Heimat ein. Dieser dreifache Spagat bekommt dem Buch nicht. Hier widerspreche ich den zahlreichen Besprechungen, die genau dies loben. Meine Lesefreude wurde durch diese Konzeptlosigkeit gedämpft. Man muss zugute halten: der Untertitel „Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte” läßt schon ein fehlendes durchgehendes Konzept vermuten.
Dazu kommt (oder deshalb erschien es mir so), dass Garfield sein reiches Wissen unbedingt ausbreiten will. Das war manches Mal zu weitschweifig. Er zitiert  beispielsweise in Gänze einen Brief von Ted Hughes über die anstrengende Heuernte. Im letzten Absatz setzt Hughes kontrastreich die Touristen dagegen. Ich lese ihn als Allerweltsbrief über das Wetter (S. 417–418). Der Autor paraphrasiert den Brief anschließend. Zurecht fragt er nach vier Seiten, ob wir das wissen wollen (S. 420).
Erwartbar und verständlich ist, dass beim britischen Journalist und Autor der Schwerpunkt bei den Angelsachsen liegt. Der im deutschen Raum einflußreiche Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe fehlt, ebenso der regionale Jozef Filsers Briefwexel von Ludwig Thoma. Geschenkt, andrerseits vermisste ich auch The Screwtape Letters von C.S. Lewis aus dem englischsprachigen Raum.
Das Register ist unzuverlässig. Goethe taucht auf Seite 5 auf, das Register nennt 6 (dort kommt Goethe nicht vor). Der Topos „Dear John Letter” (S. 118) fehlt im Register.
Ziemlich am Ende zitiert Simon Garfield die Autorin Katherine Mansfield: „Das ist kein Brief, sondern für einen kurzen Moment meine Arme um Dich” [im Original:  “This is not a letter, but my arms around you for a brief moment.”]. Es wäre unfair das insgesamt auf Garfields Buch und die Welt der Briefe zu übertragen: Briefe! ist ein voluminöses Werk (dickes Papier, 539 Seiten), aber der zweite Teil trifft zu: Garfield schlingt auf all diesen Seiten seine Arme um die Briefe und will sie für die Zukunft retten. Das ist eigentlich nicht nötig, denn Garfields These, dass bald der letzte Brief geschrieben sein wird, teile ich nicht. Sein engagiertes und liebevolles Plädoyer für die Briefe ist trotz der genannten Einschränkungen amüsant zu lesen und lehrreich. Der Briefenthusiast wird es verschlingen, für andere ist es lockere bis zähe Lektüre.
Links
GarfieldSimon GarfieldGarfieldWikipedia
GarfieldSimon Garfield: Briefe!  @WBG
GarfieldPlädoyer für eine aussterbende Kulturtechnik. Simon Garfield im Gespräch mit Frank Meyer, Deutschlandradio Kultur 4.11.2015
GarfieldBriefe von Handgeschrieben sind wertvoll, Besprechung von einer Briefträgerin
GarfieldKathryn Hughes: To the Letter by Simon Garfield – review The Guardian, 15 November 2013
GarfieldCarmela Ciuraru: Kind Regards. ‘To the Letter,’ by Simon Garfield, New York Times,  29.11.2013
Garfield Brief von Max Brod, 26.2.1962
Garfield C.S. Lewis: The Screwtape Letters [Dienstanweisung für einen Unterteufel]
Garfield Mansfield, Katherine:  In einer deutschen Pension. [In a German Pension]
Garfield Brief von W. S. Maugham, 12.1.1962
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Simon Garfield: To the Letter: A Celebration of the Lost Art of Letter Writing. Gotham, 2014. Taschenbuch, 464 SeitenGarfield
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