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Manfred Knedlik: Aufklärung in München: Schlaglichter einer Aufbruchszeit
Regensburg: Pustet, 2015. Broschiert, 148 Seiten – Aufklärung LinksAufklärung Literatur
Dem Literaturhistoriker Manfred Knedlik gelang mit Aufklärung in München ein informativer Blick auf die Geschichte Münchens und Bayerns, etwa von 1720 bis zur Säkularisation in Bayern. Dem Kurfürstentum Bayern wurde von zahlreichen zeitgenössichen Publizisten und Gelehrten außerhalb Bayerns die Aufklärung (etwa 1650 bis 1800) abgesprochen. Für die Periode ab etwa 1720 weist Knedlik nach, dass dieses Urteil nicht (ganz) richtig ist.
Dabei gliedert der Autor den Stoff und seine Argumentation in vier Zeitabschnitte anhand der jeweiligen Regenten:
  • Frühaufklärung
  • Kurfürst Max III. Joseph
  • Kurfürst Karl Theodor
  • Kurfürst/König Max IV./I. Joseph
Einige wichtige Aufklärer und Reformer hebt Knedlik durch eingeschobene Kapitel hervor: Johann Georg von Lori – Anton von Bucher – Lorenz von Westenrieder – Benjamin Thompson, Graf von Rumford – Andreas Zaupser – Johann Baptist Strobl – Johann Christoph von Aretin.
Nachblickend fiel mir auf, dass der überragend bedeutende Maximilian von Montgelas in dieser Reihe fehlt.
Mit der Lektüre wird klar, dass die Aufklärung in München zweier begrenzenden Schranken folgte:
  • die Kurfürsten schwankten zwischen Gewährung und Verboten,
  • der Katholizismus beeinflusste den Fortschritt ähnlich befördernd und bremsend, insgesamt abschwächend.
Knedlik legt viel Wert auf die Darstellung der Publizistik, die Literatur und –gesellschaften, das Bibliothekswesen und aufklärerischer oder/und wissenschaftlicher Gesellschaften jener Zeit. Die Buch– und Zeitschriftenproduktion wuchs in während der Aufklärung enorm (S. 110). Es wurde mir nicht klar, ob dieser Schwerpunkt sachgerecht ist oder der Ausrichtung des Autors als Literaturhistoriker geschuldet ist.
Drei Punkte, die mir zusätzlich ins Auge stachen:
Kritik an der Versorgungspraktik
Der 1743 gegründete „Liebesbund” trat als kirchlicher Almosengeber auf. Im Jahr 1779 billigte Kurfürst Karl Theodor eine „Mildthätige Gesellschaft” mit Ausrichtung auf Hilfe zur Selbsthilfe. Der Publizist und Kritiker Friedrich Nicolai rügte die Versorgungspraktik an etwa 3000 Personen („müßige Betbrüder”) in München durch den Liebesbund. Es scheint eine frühe Kritik an der heutigen Tafel-Bewegung und der Entwicklungshilfe zu sein.
Illuminateneid
Bei der Knappheit dieses Aufklärungsbüchleins über die Aufklärung bleiben manche Fragen offen.
Kurfürst Karl Theodor zwang1790 alle Beamten und Weltgeistlichen zum Illuminateneid (S. 119). Eine Erläuterung dazu fehlt. Hier ist sie: Jeder Beamte und Geistliche musste mit dem Illuminateneid versichern, dass er keiner „geheimen Gesellschaft“ angehört. Diese Praktik  blieb durch die Jahrhunderte in sich wandelnder Form erhalten. Ein weitaus größerer Personenkreis muss derzeit in Bayern versichern, dass er nichts mit der Scientologykirche am Hut hat. Die Mächtigen jeder Zeit benötigen ihre Feindbilder.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass Knedlik manchmal allzu knapp vorgeht, sind die drei Hauptkonfessionen um 1794 (S. 134). Erst später kann man vermuten, dass es sich dabei um Katholiken, Protestanten und Kalvinisten handelt. Man fragt sich, wo die Kalvinisten durch die Jahrhunderte blieben. Alle ausgewandert?
Säkularisation
Während heute kaum jemand an den Privilegien der Grosskirchen in bayern und Deutschland zu rütteln mag, waren einige fortschrittlichen Geister Anfang des 19.Jhdts. mutiger. Maximilian von Montgelas und Kurfürst Max IV. Joseph führten ab 1802 die Säkularisation durch. Sie wollten die Bevölkerung damit vor Aberglauben und gefährlichen Irrtümern schützen und richtige moralische Bildung fördern (S. 126). Allerdings gingen sie dabei einerseits mit brachialer Gewalt vor, andrerseits gaben sie Zugeständnisse, unter denen die bayerischen Steuerzahler noch heute leiden.
Es sind auch kleinere Mängel zu vermerken.
  • Der Autor wiederholt die Geburts– und Sterbejahre mancher Persönlichkeiten. Das hat den Vorteil, dass die Leser nicht zurückblättern müssen, aber auch den Nachteil, dass sie verunsichert werden. So starb Johann Georg von Lori 1783 (S. 19), 1786 (S. 24) und 1787 (S. 38). Richtig ist 1787.
  • Der zeitgenössische Historiker Reinhard Wittmann wird mehrfach genannt (S. 58, 60, 62) fehlt aber im Index.
Wer sich über die Aufklärungsepoche in München und Bayern informieren will, hat mit  Aufklärung in München einen guten Einstieg. Knedlik gelingt es überzeugend nachzuweisen, dass die Aufklärung auch in Bayern überaus wirkmächtig war. Es stellt sich freilich die Frage, wie es weiter ging und warum bis in die 70-er Jahre des 20.Jhdts. wieder eine Kluft zwischen Bayern und dem Restdeutschland klaffte. So stellt Franz Josef Knape auf seinem Webauftritt: Aufklärung in Bayern? die Frage: „Wie ist es möglich, daß eine Epoche wie die Aufklärung so spurlos an einer ganzen Region vorbeigehen konnte?” Doch das wäre ein anderes Buch. Immerhin werden nahzu alle Aufklärer Münchens durch teilweise bedeutende Strassen in der Landeshauptstadt gewürdigt. Wichtiger: die Bayerische Akademie der Wissenschaften blieb durch alle Wirrnisse der nachfolgenden Jahrhunderte eine wichtige Institution.
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