| Jochen Schmidt: Politische Brandstiftung.
Warum 1992 in Rostock das Asylbewerberheim in Flammen aufging
Berlin: Das Neue Berlin, 2002. Taschenbuch, 219 Seiten |
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| Der Autor Jochen Schmidt gehörte
zu einem ZDF-Team, das zur Berichterstattung zu den Unruhen nach
Rostock-Lichtenhagen (August 1992) geschickt wurde. Binnen kurzem steckte das
Team mittendrin: es war mit etwa 120 Vietnamesen und dem
Ausländerbeauftragte Rostocks Wolfgang
Richter im Haus, das ua. von Asylsuchenden und Vietnamesen bewohnt
wurde. Der Mob wurde dreist, die Unruhen arteten in ein Pogrom ( Wer zog damals die Fäden? Der Autor hat jahrelang recherchiert und Material entdeckt, das belegt: Politiker in Bonn, Schwerin und Rostock wollten ein Fanal. Und sie legten geschickt die geistigen Brandsätze. |
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| Nach zehnjährigen Nachforschungen
fasste Jochen Schmidt seine Ermittlungen zusammen und versucht die
Hintergründe bloß zu legen. Die Hintergrundinformationen sind weit
ausholend. So behandelt er im 1. Kapitel den Rechtsextremismus in der DDR. Er
beschreibt wie die Geheimdienste ( |
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| Standardfloskel der Ablenkung, Beschwichtigung und Motivation | |
| Ein Kapitel ist überschrieben mit
"So sind sie, die Zigeuner", eine Standardfloskel der Beschwichtigung (siehe Literatur zu Sinti und Roma unter Folgerung (1): Integration, Schulung, Besserung der Lebensverhältnisse für die Gruppe hilft nicht. Folgerung (2): Es bleibt nur das Verfahren »Rostock-Lichtenhagen« Mir fiel diese floskelhafte Abwertung zum ersten Mal in John Steinbeck: The Grapes of Wrath auf, dort gegen die "Oakies" (Einwohner von Oklahoma) gerichtet, die dem "Dust-Bowl" mit wenigen Habseligkeiten zu entkommen versuchten ( Andere Standardfloskel der Ablenkung und Beschwichtigung (kleine Auswahl) sind: "Aus unserem Ort kann es niemand gewesen sein"; u.a. Bürgermeister von Mügeln, der Stadt des Inder-Hetzjagd von 2007 "Keine Vorverurteilung: Ein ausländerfeindlicher Hintergrund ist nicht bewiesen" "Es gab keine Toten". Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern Lothar Kupfer, CDU: "Meines Erachtens hat es eine Gefährdung nicht gegeben, ..." (S. 143). Zynismus, Dummheit (Unkenntnis kann es wohl kaum sein; selbst ein Minister weiß ein bißchen was |
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| Konsequenzen aus Ausländerhetze: für die Betroffenen wird es schlimmer | |
Manche
Politiker (Dr. Georg Milbradt, CDU,
Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Dr.
Peter Gauweiler, CSU) warnen vor vorschnellen Urteilen. Sie wollen
erst überprüfen, ob es in Rostock-Lichtenhagen (August 1992) oder
Mügeln (Jagd auf Ausländer; 2007) wirklich Abneigung gegen
Ausländer gab.
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| Polizeieinsatz | |
| Der Polizeieinsatz war beschämend,
um es höflich auszudrücken. Koordinierte Aktionen zum Schutz der
Asylsuchenden oder des Wohnheims der Vietnamesen gab es nicht. Doch als sich eine Demonstration gegen den Mob formieren wolle, wurden davon 60 Leute mit der Begründung "Gefahr in Verzug" festgenommen (S. 34). Nach Ausstrahlung des ZDF-Beitrags "Kennzeichen D" ( Dieses Verhalten ist auch heute typisch: Neonazis werden selten behelligt oder - da fester Wohnsitz vorhanden - sofort wieder auf die Minderheiten losgelassen; aus Demonstrationen gegen Nazismus, Ausländerfeindlichkeit usw. werden Leute gegriffen und stundenlang festgesetzt. Wenn die Demo nicht gleich verboten wird, wie eine gegen Ausländerfeindlichkeit in Wolfratshausen. Gerichtliche Begründung: Wohnsitz des (damaligen) Ministerpräsidenten. |
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| Umstrittene Thesen | |
| Einige Thesen des Autors sind sehr gut
belegt oder unbestritten, da sie sich täglich neu beweisen; so die
ausländerfeindliche Einstellung weiter Bevölkerungskreise,
geschürt durch Stimmungsmache der Politiker; die bewußte
Abschottungspolitik Deutschlands, nunmehr auf die Schultern der EU
verlagert. So wurden Anfang der 90-er Jahre Asylsuchende bevorzugt in Turnhallen oder gar Schulen einquartiert: der Bevölkerung sollte gezeigt werden, wie Asylsuchende ihre Freizeitaktiviäten oder gar ihre Kinder störten. Jochen Schmidt wartet aber auch mit Thesen auf, die er (naturgemäß) nicht schlüssig belegen kann.
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| Wenn diese letzten
beiden Thesen auch nicht im juristischen Sinne bewiesen werden, so kann Jochen
Schmidt doch überwältigende Indizien dafür aufführen. Ich
nenne nur ein lustiges Indiz (wenn das in diesem Zusammenhang erlaubt ist).
Einige beratende Politiker zogen sich in die Privatgemächer zurück,
um so gabe sie später zu Protokoll das Hemd zu wechseln (S.
96). "Nach der heutigen Ausschußsitzung und weiteren internen
Informationen gewinne ich zunehmend den Eindruck, daß in jener Nacht
Eskalationen bewußt in Kauf genommen wurden", Rolf Eggert, SPD, stellvertretender
Landtagspräsident, Spiegel, 2.11.1992; zitiert nach S.
154. |
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| Auswirkungen | |
| Es kam insgesamt zu mehr als 30
Prozessen. Das Ergebnis: rund 40 Verurteilungen und Strafbefehle; meist jedoch
Bewährungsstrafen wegen Mordversuchs und schwerer Brandstiftung! Siegfried Kordus, versagender Einsatzleiter, wurde kurz darauf zum Leiter des Landeskrimnialamtes mecklenburg-Vorpommern befördert (S. 152). Das Schweriner Innenministerium verstärkte ihre "Ausländer-raus"-Politik (S. 50); damit übernahm es die Parolen der rechtsradikalen Parteien. Der damalige Pressesprecher der SPD-Fraktion im Schweriner Landtag Kurt Degner entschuldigte sich für seine Verantwortung bei den ausländerfeindlichen Vorkommnisse am 30. 8. 1992 in einem öffentlichen Brief. "Am nächsten Morgen wurde er entlassen" (S. 211; kein Schreibfehler: "entlassen" statt "entlastet"; nein: er wurde bestraft, da er sich dem rechtsradikalen Mob versagte). Die Bundesregierung beugte sich dem Mob der Straße (andere sagen: erzielte das Gewünschte) und schränkte mit einer Ergänzung des GG Art. 16 das Asylrecht ( Untersuchungsausschüsse; deren mehr oder minder folgenlose Betätigung beschreibt der Autor in einem eigenen Kapitel (S. 174ff). Im Wesentlichen wurde die Verantwortung von oben nach unten geschoben; die obere Fürhungschicht wusch sich rein. die Schuld auf die Ausländer geschoben, die durch ihren Zuzug die Bevölkerung belasteten und somit provozierten (S. 176). |
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| Reinhard Kühnl: "Über Staat und Recht, Volkswill und Volkszorn und über den anhaltenden Kampf gegen die Demokratie mit Hilfe der Staatsmacht" | |
| Als thematisch hoch willkommene Zugabe
ist ein Essay des Prof emerit. Reinhard
Kühnl ( |
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| Nach zahlreichen
Morden, Mordversuchen, Hetzjadgen gegen Inder, Afrikaner, Asylsuchenden oder
vermeintliche Ausländer in Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Rostock,
Mügeln ... zeigt sich die anhaltende Fremdenfeindlichkeit. Die politischen
Zündler stellen sich erst dann auf die Seite der Humanität, wenn es
um den Wirtschaftsstandort deutschland geht. Die akribische Analyse des
ZDF-Journalisten Jochen Schmidt ist daher hoch willkommen, auch wenn er nicht
alle Thesen lückenlos belegen kann. Ein hilfreiches Werk für alle, die die politischen Mechanismen in Deutschland zum Verhalten gegenüber Ausländern und Hilfesuchenden näher durchschauen wollen. |
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| Geistige Brandstifter sind zahlreiche
Politiker und Agitatoren, darunter vor allem Michael Andrejewski, NPD Er selbst bezeichnet sich als "Berufsrevolutionär von rechts" (Die Welt, 17. 9. 2006 zitiert nach Wikipedia): ein typischer geistiger Kleingärtner, deutschfeindlich durch und durch. Seit 2006 ist Andrejewski MdL in Mecklenburg-Vorpommern (dafür reicht's |
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| Pogrom: Hetze und gewaltsame Ausschreitung gegen Mitglieder einer religiösen, nationalen, ethnischen oder andersartigen Minderheit, verbunden mit Plünderung, Brandlegung und Misshandlungen bis zu Mord und Genozid. | |
| Links | |
| Reinhard Kühnl:
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| Literatur |
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| Katrin Althoetmar, Martin Dietzsch,
Margret Jäger, Siegfried Jäger, u.a.: SchlagZeilen: Rostock:
Rassismus in den Medien. Duisburger Institut für Sprach- u.
Sozialforschung, 1992. 104 Seiten
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