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Humboldt
Behar Heinemann: Romani Rose. Ein Leben für die Menschenrechte
Ulm: danube, 2017. Gebunden, 228 Seiten – Heinemann LinksHeinemann Literatur
Der Name Romani Rose war mir bekannt vorgekommen, wer sich konkret damit verband, war mir unklar. Nach Lektüre der reichbebilderten Biografie des Menschenrechtsaktivisten ist mir sein Wirken gegenwärtig.
Den Hauptteil über das Leben und Wirken Romani Roses gliedert die Autorin Behar Heinemann in
  • Unter dem Schatten von Auschwitz (1946 – 1956)
  • Was ist Gerechtigkeit? (Die Nachkriegsjahre bis 1956)
  • Was ist Diskriminierung? Der „kleine Lutz” (1956 – 1979)
  • Streiten um die Wahrheit (1979 – 1982)
  • Die Erkenntnis setzt sich durch (1982 – 1997)
  • Ehre den Ermordeten (1997 – 2012)
  • Das internationale Engement
  • Zwischenbilanz – Erfolg ist messbar (2012 bis heute)
Rose
Die Autorin nimmt die Geburt Romani Roses am 20. August 1946 zum Anlaß die Geschichte der Sippe Rose im 20. Jhdt. bis 1946 zu skizzieren. Ihre Vorgehensweise ist die fiktionale Nacherzählung, ohne sich dabei in Details zu verlieren.
Knapp werden die Verbrechen an den Sinti und Roma im Dritten Reich geschildert. Sie setzten sich nach dem Kriege auf anderer Ebene fort. Bei der Verfolgung der Täter wurden deren Verbrechen verharmlost, die Opfer-Täter-Rolle nahezu umgekehrt und Verfahren eingestellt, Wiedergutmachung wurde verweigert. Was ich schon bezüglich der Juden kannte, geschah ähnlich bei den Sinti und Roma: es konnte passieren, dass der Klagende seinem ehemaligen Peiniger als Richter oder Gutachter gegenüberstand. Symptomatisch dafür ist das BGH Urteil vom 7. Januar 1956 (Az.: IV ZR 273/55), in dem es u.a. lautet:
„Da die Zigeuner sich in weitem Maße einer Seßhaftmachung und damit der Anpassung an die seßhafte Bevölkerung widersetzt haben, gelten sie als asozial. Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist [...]  Sie wurden deshalb allgemein von der Bevölkerung als Landplage empfunden.”
U.a. damit wurde begründet, dass den verfolgten Sinti und Roma eine Entschädigung verweigert wurde.
Anhaltender Antiziganismus
Während der gesamten Lektüre wird klar, dass  sich die antiziganistischen Einstellungen durch die gesamte Geschichte bis in die Gegenwart ziehen.
  • Die Bundesregierung erklärte Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Kosovo und Montenegro zu "sicheren Herkunftsstaaten". Flüchtlinge vom Balkan (oft Sinti und Roma) können damit  schneller deportiert werden.
  • Die CSU fordert sogar Sonderlager in Grenznähe für Flüchtlinge aus den Balkanstaaten zu einzurichten.
Die Ressentiments gegen Sinti und Roma wurden im Laufe der Jahre nur verbal übertüncht. Gab es früher eine Reichszentrale zur Bekämpfung des Ziguernerunwesens, so wurden daraus in den Nachkriegsjahren „Landfahrer”. Heute wird der Antiziganismus mit der Sonderbehandlung der Flüchtlinge aus dem Balkan bemäntelt. Wenn ich in Ungarn bin, erfahre ich den auch dort verbreiteten Antiziganismus, selbst von Leute, die ich ansonsten schätze, deutlich.
Das alles wirkte sich – mindestens in den vier Nachkriegsjahrzehnten – in einer systematisch benachteiligenden Behandlung der Sinti und Roma in Deutschland aus (S. 36).
Den Lesern wird im Laufe der Lektüre klar, warum für Leute wie Romani Rose eine ungeheure Arbeit bevorstand. Der Schwerpunkt der Biografie liegt auf dieser Arbeit.
Die Gründung des Verbands rassistisch Verfolgter nichtjüdischen Glaubens im Jahre 1956 durch Oskar (Vater) und Vincent (Onkel) Rose war daher ein mutiger, aber leider nur zu notwendiger Akt. Ihm folgte 1971 die Gründung des Zentralkomitees der Sinti Westdeutschlands, ein Jahr später daraus der „Verband Deutscher Sinti”. In Darmstadt erfolgte 1982 die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma (S. 53; auf S. 50 wird Heidelberg genannt; ich denke der Zentralrat wurde 1982 in Darmstadt gegründet, hat aber den Sitz in Heidelberg).
Kurze Charakteristik Romani Roses (S. 50)
Romani Rose gab Zuversicht, weckte Hoffnungen, verlor aber nie die Bodenhaftung und den Sinn dafür, was durchsetzbar ist. Für die Erreichung der Ziele der Sinti und Roma setzte Rose sich unermüdlich ein. Unter diesem Blickwinkel ist der, zunächst uns befremdlich anmutende Hungerstreik 1980 im KZ Dachau zu verstehen. Er hatte zwei Ziele, die anscheinend anders nicht durchsetzbar waren (es war 35 Jahre nach Kriegsende!):
  • Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma im Dritten Reich
  • Beendigung der Sondererfassung und –behandlung der Landfahrer (S. 52)
Der Hungerstreik führte zum Teilerfolg: Bundeskanzler Helmut Schmidt  empfing am 17. März 1982 eine Delegation des Zentralrats und erkannte die NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord an. Am 16. März 1997 wurde das Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg eröffnet. Im Grußwort dazu sagte der damalige Bundespräsident Deutschlands Roman Herzog:
„Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden. [...] Hitler selbst ordnete gegenüber Himmler die ausnahmslose Deportation aller Sinti und Roma in die Vernichtungslager an. Sie wurden daher im gesamten Einflußbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.”
Bürgerrechtsbewegung
Mit der Biografie Romani Roses untrennbar einher geht die Bürgerrechtsbewegung für Sinti und Roma und für die Menschenrechte ganz allgemein. Dem Leser wird verdeutlich gegen welche Widerstände jahrezehntelang und immer noch gearbeitet werden muss um ein Bewusstsein für die Diskriminierung der Sinti und Roma zu schaffen. Dabei erhielten die verschiedenen Organe der Sinti und Roma zu Durchsetzung ihrer Ziele durchwegs die Unterstützung der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Mich beeindruckte, dass sich Rose nicht nur für die Sinti und Roma in Deutschland einsetzte, sondern auch für die Roma im Kosovo (S. 114).
Dem Hauptteil des Buchs folgen Reden, Ansprachen, Laudatio und Grußworte, eine Schlußbetrachtung und Anhang mit Fußnoten.
Die  Schlußbetrachtung sollte man keineswegs übergehen.
Die Textkapiteln werden durch reichliches Bildmaterial ergänzt. Es entstand ein instruktiver Bildband, umso erstaunlicher, dass der Preis dafür niedrig gehalten wurde.
Das Mahnmal in Auschwitz-Birkenau ist bedeutsam, doch zwei gleiche ganzseitige Fotos (S. 41 und 92) hätte es nicht gebraucht um dies zu betonen.
Ich hätte mir auch Einsicht in Roses Privatleben gewünscht. Es wird ganz ausgespart. Erst in der Schlußbetrachtung erfahren die Leser, dass Rose Familie hat, mit der er gerne nach Irland reist. Einen Absatz weiter werden 5 Söhne und 1 Tochter genannt.
Während die Debatte um „Holocaust” und „Porajmos” zufriedenstellend abgehandelt wird (S. 66–67), wird die ähnliche Debatte um „Ziguener” und „Sinti und Roma” nur angedeutet (S. 46, S. 66). Da hätte ich mehr erwartet. Wie steht Romani Rose dazu?
Diese wenigen Kritikpunkte schmälern meine starke Empfehlung für das Werk nicht. Jeder, der sich für Romani Rose, sein Wirken oder die  Bürgerrechtsbewegung für die Sinti und Roma interessiert, findet hier reichlich Lesestoff mit einer Fülle von ergänzenden Fotos.
Heinemann Anfang
Links
HeinemannRomani Rose
HeinemannDokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
HeinemannDokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma eröffnet, 16. März 1997
HeinemannGesellschaft für bedrohte Völker
HeinemannGrußwort von Bundespräsident Roman Herzog zur Eröffnung des neuen Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma
HeinemannIan Hancock: O Porrajmos: The Romani Holocaust. Zagreb, May 2013
Heinemann Literatur zu Sinti & Roma
Heinemann Literatur zu Vernichtungskrieg und Völkermord
HeinemannSonderlager für geflüchtete Roma vom Balkan - Bayern macht vor, was schon Bundes-Konsens ist
HeinemannZentralrat Deutscher Sinti und Roma
Literatur
HeinemannIan Hancock (2011); "The Romaies in the Holocaust". In: Jonathan Friedman, Hg.: The Routledge History of the Holocaust. Routledge: London, 2011
Sybil Milton (2000): "Sinti and Roma in Twentieth-Century Austria and Germany". German Studies Review 23:2. S. 317-331.
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Heinemann Heinemann Behar Heinemann: Romani Rose. Ein Leben für die Menschenrechte. Ulm: danube, 2017. Gebunden, 228 Seiten

Rose Heinemann Jonathan C. Friedman, Hg.: The Routledge History of the Holocaust. Routledge, 2012. Taschenbuch, 536 Seiten Lewy
Guenter Lewy: 'Rückkehr nicht erwünscht'. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich. Propyläen, 2001. Gebunden, 471 Seiten Heinemann
Lewy Heinemann Guenter Lewy: The Nazi Persecution of the Gypsies. Oxford: Oxford UP, 2000. Taschenbuch, 320 Seite rose
Romani Rose: Den Rauch hatten wir täglich vor Augen... Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Wunderhorn 1999. Taschenbuch, 379 Seiten Heinemann
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