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Humboldt

Andrea Wulf: The Invention of Nature: Alexander von Humboldt’s New World

New York: Knopf, 2019. Gebunden, 473 Seiten – Humboldt LinksHumboldt Literatur
Im Jubiläumsjahr 2019 (Alexander von Humboldt wäre 250 Jahre alt geworden) wurde die erstmal 2015 erschienene Biografie von Adrea Wulf (deutsche Übersetzung 2016, Übersetzer Hainer Kober) über den vielseitigen Gelehrten, Forscher und Entdecker neu aufgelegt.
Humboldt
Die Autorin gliedert die 23 Kapitel in fünf Abschnitte.
I. Departure: Emerging Ideas
II. Arrival: Collecting Ideas
III. Return:Sorting Ideas
IV. Influence: Spreading Ideas
V. New World: Evolving Ideas
Ergänzt wird das um Prolog, Epilog, zahlreichen Farbtafeln und einem umfangreichen Anhang.
An dieser Gliederung und dem Werkstitel The Invention of Nature läßt sich erkennen, dass es der Autorin (auch) um eine Ideengeschichte geht. Denn Alexander von Humboldt war zwar ein Tausendsassa, aber er hat die Natur nicht erfunden, wohl aber ein Konzept, dass er in der Natur weltumspannend erkannte.
Die Autorin hält mit ihrer These zu Alexander von Humboldt nicht hinter dem Berg:
Humboldt „saw the earth as one great living organism where everything was connected, conceiving a bold new version of nature that still influences the way that we understand the natural world.” (S. 2)
Sie will also zweierlei:
  • Alexander von Humboldt auf den Platz in der Wissenschaft stellen, der ihm gebührt
  • zeigen, wie sich unser Naturverständnis dank Alexander von Humboldt entwickelte.
Die Leser erwarten also eine Biografie und eine Wirkungsgeschichte. Beide Erwartungen löst die Autorin ein. Im Eifer ihre These zu untermauern wiederholt sie sich und tut manchmal des Guten zuviel.
Noch vor dem Inhaltsverzeichnis zitiert die Autorin Goethe:

Man schließe das Auge, man öffne, man schärfe das Ohr, und vom leisesten Hauch bis zum wildesten Geräusch, vom einfachsten Klang bis zur höchsten Zusammenstimmung, von dem heftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten Worte der Vernunft ist es nur die Natur, die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhältnisse offenbart, so dass ein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt ist, im Hörbaren ein unendlich Lebendiges fassen kann.
Johann Wolfgang von GoetheZur Farbenlehre, Vorwort

Universalgelehrter Alexander von Humboldt
  • Weltentdecker
Die zahlreichen Entdeckungen Humboldts auf seinen Reisen kommen in der Biografie  ausreichend vor. Breiten Raum nimmt die Besteigung des Chimborazo (6263 Meter) fast bis zum Gipfel am 23. Juni 1802 ein.
Simon Bolivar verband eine Freundschaft mit Alexander von Humboldt. Er wird mit Aussagen zu Humboldt oft falsch zitiert. Andrea Wulf beschränkt sich korrekt auf „discoverer of the New World” (S. 6), was für Alexander ehrenhaft genug ist.

Simon Bolivar über Alexander von Humboldt

Brief von Simon Bolivar an Gaspar Rodriguez de Francia, dem damaligen Diktator von Paraguay, Lima 22. Oktober 1823:
„From the early years of my youth I had the honor of cultivating the friendship of Mr. Bonpland and Baron de Humboldt, whose learning has done America more good than all of the conquerors.”
Brief von Simon Bolivar an Mrs Bonpland,  Lima 23. Oktober 1823
„Bolivar referred to Humboldt as the »discoverer of the New World«.”

Rippy & Brann 1947, S. 701
  • Naturforscher und Naturverständnis
Humboldt war von einer besonderen Neugierde bezüglich der Natur besseelt. In der Biografie wird beschrieben, wie er beinahe vom Gift Curare erfasst worden wäre (S. 66). In einem Interview gab Andra Wulf an, dass er das Gift an sich selbst ausprobiert hat. Er trank es und hatte Glück, Curare ist nur bei der Aufnahme über die Blutbahn tödlich.
In seinem Naturverständnis betrachtete er die Natur nicht als mechanisches System, sondern als lebendigen Organismus (siehe oben Humboldt These zu Alexander von Humboldt). Er gehe damit über die reine Anhäufung von Tatsachen und einen kruden Empirismus hinaus, schrieb Humboldt an
Friedrich Wilhelm Schelling (S. 129). Mit Schelling stellte sich Humboldt damit gegen ein mechanisches System, wie es beispielsweise Pierre-Simon Laplace in seiner Abhandlung über die Himmelsmechanik (1799 bis 1823) propagierte.
In einem anderen Punkt zum Naturverständnis stimmt Humboldt aber mit Laplace überein.
In seinem fünfbändigen Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung kommt "Gott" nicht vor (S. 246). In Laplace: Exposition du Système du monde kommt Gott ebenfalls nicht vor. Dazu Laplace laut Überlieferung zu General Napoleon Bonaparte: „Ich benötigte diese Hypothese nicht.” Statt von Gott sprach Humboldt vomNetz des organischen Lebens.
  • Ökologe
Humboldt geißelte die Abholzung der Wälder in Südamerika und die Ableitung des Wassers für die Bewässerung. Er wies auf die Auswirkungen aufs Klima hin und nannte drei Arten, wie die Menschen dieses beeinflussen:
  • Abholzung
  • rücksichslose Bewässerung
  • Industrialisierung (S. 213)
Humboldt war der erste Wissenschaftler, der die komplexen Zusammenhänge zwischen Atmosphäre, Weltmeere und Kontinente erkannte (S. 246) und seine ökologische Einsichten veröffentlichte. Er kann als Vater der Umweltbewegung gelten (S. 57–58). In seinem Grab wird er derzeit wohl rotieren.

Humboldt erkannte das Netzwerk der Natur und tadelte die Ausbeutung der Natur. Er war nicht nur ein früher Popstar der Wissenschaft, sondern auch ein Pionier des Klimaschutzes und der Umweltbewegung.

Gegen Kolonialismus und Sklaverei

Alexander von Humboldt machte den  Kolonialismus für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich (S. 105).
Im vierbändigen Political Essay on the Kingdom of New Spain prangerte er den Kolonialismus und Rassismus in Lateinamerika an (S. 152). Die europäische Barbarei erzeuge Ungerechtigkeit in der Neuen Welt, schrieb er.
Später verweigerte ihm die britische East India Company den Zutritt zum indischen Subkontinent, wohl um nicht auch Schelte zu riskieren (S. 167).
Auch die Sklaverei prangerte Humboldt an. Allerdings begründete er seine Kritik mit einem Naturalistischen Fehlschluss (S. 108; Humboldt Links).

Gegen fanatische Religiösität

Die Missionare behandelten die Indios brutal, berichtete Humboldt (S. 153). Sein ganzes Leben kritisierte er die Missionare in Südamerika und die Kirche in Preußen (S. 246).

Wirkung

Humboldts Reisebuch Personal Narrative begeisterte Charles Darwin.  Er schrieb an Alfred Russel Wallace 1865:
„I know in my own case that nothing ever stimulated my zeal so much as reading Humboldts' Personal Narratives.” Werner 2009, S. 76
Darwins Entdeckungsfahrt auf der Beagle wäre ohne Humboldts Personal Narrative wohl nicht geschehen. Leider starb Humboldt ein halbes Jahr bevor Ende 1859 Darwins bahnbrechendes Werk On the Origin of Species erschien. Alexander von Humboldt wird darin zweimal erwähnt.
Zum Verhältnis Darwin – Humboldt ist aufschlußreich Werner 2010.
Auch der Geologe Charles Lyell und der Chemiker Justus Liebig wurden von Humboldt inspiriert.
Wulf unterschlägt bei den Nachfolgern von Humboldt den Schattenhelden der Entdeckung der Evolution: Alfred Russel Wallace (1823-1913). Wallace nennt als Initiallektüre für seine Reisen in die Tropen.
Humboldt: Personal Narrativ
Darwin: Voyage of the Beagle

Kevin M. Anderson, siehe Humboldt Links


Humboldt beeinflusste auch die Naturalisten und Literaten in den USA: Edgar Allan Poe, Henry Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman (S. 248), George Perkins Marsh (dem die Autorin ein eigenes Kapitel 21. "Man and Natur" widmet), die Naturforscher John Muir und Ernst Haeckel.
Es brauchte nicht diese Biografie um Humboldt in Humboldt meine Größten vor dem 20. Jahrhundert einzureihen. Er nimmt seit Jahren dort einen Ehrenplatz ein.

Amüsantes

Die Brüder Wilhelm und Alexander gingen nicht zum Begräbnis ihrer Mutter. Sie waren anscheinend mit Wichtigerem beschäftigt (S. 39).
Das erinnerte mich an einen anderen Großen der Weltgeschichte. Bertrand Russell lehnte die Einladung zur Krönung der englischen Königin in die Westminster-Abtei ab: „Ich habe sehr viel andere Dinge zu tun. Ich bin ein vielbeschäftigter Mensch.”
"Bertrand Russell", Der Spiegel 10.06.1953, Seite 25

Kritik

Der Autorin gebührt Lob, dass sie die Biografie Humboldts in einen Gesamtzusammenhang stellt. Darin gleicht sie ihrem Untersuchungsobjekt, der auch das Netz der Natur, in dem alles wirkungsmäßig zusammenhängt, propagierte. Sie diskutiert philosophische,  wissenschaftstheoretische und wissenschaftshistorische Fragen. Die Leser erhalten auch gleich in Kurzseminar zu Immanuel Kant (S. 34–36). In Fragen des Rassismus und der Sklaverei läßt Humboldt den großen Königsberger Philosophen weit hinter sich.

In Online-Kritiken werden einige Ungenauigkeiten der Autorin aufgebauscht.
  • Carl Ritter war kein Geologe (S. 238) sondern ein bedeutender Geograph.
  • Irgendetwas mit der Kompassausrichtung am Äquator scheint in der Biografie falsch zu sein.
Ich könnte hinzufügen:
Isaac Newton wird genannt, als sei er der erste Wissenschaftler, der die Mathematik auf die Mechanik des Universums angewandt hätte (S. 17). Dabei stellte schon Galileo Galilei fest:
Galileis Prinzip
Das „Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben”.
Zitiert nach Lauth 2020, S. 45–46
Johannes Kepler wandte die Mathematik auf die Bewegung der Planeten um die Sonne an.
Auch dass – wie oben bereits erwähnt – der Forscher Alfred Russel Wallace fehlt, erscheint mir eine ernste Unterlassung.
Doch all dies schmälert das Verdienst dieser Biografiie kaum.

Angesichts der Online-Kritiken war es mir wichtig, die These und Kernaussagen der Autorin anhand anderer Quellen zu prüfen. Hier sind zwei diesbezüglich übereinstimmende Urteile.
Humboldt stellt „die Einzeltatsachen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern verknüpft sie miteinandere und liefert dadurch eine vereinheitlichende Perspektive”.
Humboldt „setzte sich für bürgerliche Freiheiten und soziale Gerechtigkeit ein und engagierte sich gegen Slkaverei, Antisemitismus und Kolonialismus”

Martin Carrier: „Humboldt” (Mittelstraß 2003, Bd. 3, S. 453–454
Voilà!
Manches wiederholt die Autorin zu oft, sie will es der Leserschaft mehrfach eintrichtern, dass Alexander von Humbold der erste Ökologe war und die Erde als vernetzt ansah.


Preise

Die Autorin listet auf ihrem Webauftritt zahlreiche Preise, die ihr und der Biografie völlig zurecht zugesprochen wurden. Ich nenne nur
  • Costa Biography Award 2016
  • Royal Society Insight Investment Science Book Prize 2016
  • Bayerischer Buchpreis 2016

Fazit
Andrea Wulf bringt den Universalgelehrten und Kosmopoliten Alexander von Humboldt und seine Wirkungsgeschichte gut an ihre Leserschaft. Wer diese Biografie liest, erweitert sein Verständnis von Wissenschaft und der Welt enorm.
In Ergänzung zum besprochenen Werk:
Humboldtian Science – The Systematic Universe
  1. Explore –“Nature speaks and the scientist must go out and listen”
  2. Collect – gather data for or against an idea/theory
  3. Measure – widespread, accurate, collaborative
  4. Connect – detect patterns that point to underlying laws 
  5. Cosmopolitan science – international collaboration
Kevin M. Anderson, siehe Humboldt Links

Links
WulfAndrea Wulf, * 1972 in Neu-Delhi
WulfAndrea Wulf: About "The Invention of Nature"
WulfAndrea Wulf: "Humboldt war ein Mann der Gegensätze", 25.03.2017
WulfAndrea Wulf: War Humboldt Vordenker des Klimaschutzes? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur, 28.10.2019
WulfKevin M. Anderson: The Evolution of Nature: Von Humboldt, Darwin, and the Systematic Universe. Austin Water Center for Environmental Research
WulfAndrea Henke: "Humboldt fand nie eine Theorie – Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht hält den Einfluss des Universalgelehrten Alexander von Humboldt auf die moderne Wissenschaft für überschaubar", National Geographic 24. Juli 2019
WulfKosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung
Humboldt Naturalistischer Fehlschluss
Humboldt Rezensionen politischer und anderer Sachbücher
Humboldt Adolf Meyer-Abich: Alexander von Humboldt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Humboldt Weitere Biografien zu Alexander von Humboldt
Literatur
Lauth, Bernhard, Jamel Sareiter (2002): Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie. Paderborn: Mentis.
Mittelstraß, Jürgen, Hg. (2005): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart: Metzler.
Rippy, J. Fred, E. R. Brann (1947): „Alexander Von Humboldt and Simón Bolívar”. The American Historical Review 52:4, S. 697–703.
Werner, Petra (2009): „Zum Verhältnis Charles Darwins zu Alexander v. Humboldt und Christian Gottfried Ehrenberg”. Internationale Zeitschri für Humboldt-Studien 10:18, S. 68-95.
Werner, Petra (2010): „Charles Darwin und Alexander von Humboldt – Vortrag im Plenum der Leibniz-Sozietät am 10. September 2009”. Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin 105, S. 107–121 Wulfonline verfügbar
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Wulf WulfAndrea Wulf: The Invention of Nature: Alexander von Humboldt’s New World. New York: Knopf, 2019. Gebunden, 473 Seiten

Wulf WulfAndrea Wulf: The Invention of Nature: The Adventures of Alexander von Humboldt, the Lost Hero of Science. John Murray, 2016. Broschiert, 496 Seiten
Wulf WulfAndrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Hainer Kober (Übersetzer). Bertelsmann, 2016. Gebunden, 560 Seiten


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WulfAndrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Hainer Kober (Übersetzer). Penguin, 2018. Broschiert, 560 Seiten
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