Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Menschenrechte
Franz-Josef Hutter, Carsten Tessmer, Hg.: Die Menschenrechte in Deutschland
München: Beck, 1996. 321 Seiten – hutter Literatur
Ein bemerkenswerter Sammelband. Schon ein paar Autorennamen wie Gabriele von Arnim, Ernst Klee, Hans Mommsen, Wolf-Dieter Narr, Joachim Gauck, Michel Friedman und Heribert Prantl lassen fundierte Sachbeiträge erwarten. Diese Erwartung wird nicht enttäuscht; insbesondere nach der weitgehenden Einschränkung der Bürgerrechte (nach dem Erscheinen des Buches 1997) zwecks angeblicher Terrorbekämpfung wird die Lektüre bitter und lehrreich.
Das Buch gliedert sich (nach einer Einleitung) in vier Abschnitte
  1. Von der Monarchie zur Diktatur
  2. Die Nazi-Diktatur 1933-1945
  3. Geteiltes Deutschland. Demokratie versus Diktatur 1945-1989/90
  4. Ausblick: Das vereinte Deutschland nach der Erfahrung von Demokratie und Diktatur
Der Schwerpunkt der Beiträge liegt dabei auf den Nazi-Jahren. Dies ist, wegen der vielen und schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gerade in dieser Zeit, verständlich und angemessen. Doch da noch einige Aufsätze die DDR behandeln, bleibt zuwenig Platz für die Entwicklung und den Stand in der Bundesrepublik.
Andrerseits konnte ich hier konzentriert einiges Neue über die dramatischen Versäumnisse in der Weimarer Republik, im Nazi-Reich und der Bundesrepublik erfahren. So wußte ich nicht, daß Stalin am1952 freie gesamtdeutsche Wahlen und Abzug aller Truppen aus Deutschland angeboten hatte.Adenauer, CDU, lehnte es ab, das Angebot auch nur zu prüfen (227-28). Lobend zu erwähnen ist, daß sich die Autoren um keine Reiternennung drücken.
Gleich im Einstiegsartikel bedauern die Herausgeber Franz-Josef Hutter und Carsten Tessmer "das Unvermögen des Bundestags, die über 130 000 Urteile der nationalsozialistischen Militärjustiz gegen Wehrmachtsdeserteure, Kriegsdienstverweigerer und »Wehrkraftzersetzer«, ...pauschal aufzuheben". Ja mehr, man erfährt, daß der sogenannte Sachverständige Otfried Keller noch 1995 (kein Schreibfehler: eins neun neun fünf) diese Urteile in Teilen als "segensreich" bezeichnete (S. 9). Dies ist besonders beschämend, da man inzwischen weiß, wieviele Nazis nach ein paar Jahren wieder Karriere machten (siehe Hutter Norbert Frei: Karrieren im Zwielicht), wie schnell Verurteilte Mörder wieder freikamen (S. 117; vergleiche: Hutter Ehrung für Oswald Gundelach durch die Bayerische Staatsregierung); wie den Aufrechten und Widerständlern gegen das Naziregime jegliche Wiedergutmachung vorenthalten wurde, dafür aber beispielsweise die Witwe der Henkerrichters Roland Freisler lange Jahre staatliche Rente bezog. Auch Norbert Geis, CSU, (Hutter Zitate) wollte keinesfalls zustimmen, die Deserteure der Wehrmacht zu entlasten (siehe Hutter Widerstand im Dritten Reich).
Ein wahrlich sadistisches Detail wird dem Nazi-Schergen Karl August Frenzel (siehe: Thomas Toivi Blatt: Hutter Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór) hinzugefügt. Ein Häftling wollte sich 1943 durch Pulsadern aufschneiden das Leben nehmen, dies mißlang, erlag in der Baracke im Sterben. Frenzel entschied, kein Jude habe das Recht, sich das Leben zu nehmen und peitschte den Häftling aus. Dann erschoß er ihn (S. 116).
Viele der 1997 oder zuvor festgehaltenen Aussagen gelten unvermindert, eher verstärkt, auch heute, 2002.
  • Der wahrhaft wehrhafte Staat ist einer, der die Freiheitsrechte der Bürger schützt und nicht abbaut (S. 20). (Siehe dagegen Hutter Günther Beckstein gegen Rechtsstaat)
  • "Eine politische Relativitätstheorie: Je wichtiger, je größer das Land, um so kleiner das Aufhebens, das um Menschenrechtsvereltzungen gemacht wird" (S. 311).
Leider wurden viele Hoffnungen nach 1945 inzwischen gründlich zerstört. Der Staat sollte nach 1945 nie mehr die Gesinnungen seiner Bürger ausschnüffeln dürfen (S. 196-97); Staatssicherheitsdienst der DDR, Berufsverbote und Regelanfragen beim Geheimdienst sind die traurige Wirklichkeit.
Sehr günstig für den weiter interessierten Leser sind die Literaturverzeichnisse nach jedem Beitrag.
Da Menschenrechte alle Menschen betreffen, ist dieses Buch Pflichtlektüre für alle, die sich zur Art Homo sapiens zählen.
Literatur  
  Bei Amazon nachschauen
Franz-Josef Hutter, Carsten Tessmer: Die Menschenrechte in Deutschland. Geschichte und Gegenwart. München: Beck 1997. Taschenbuch, 321 Seiten hutter Menschenrechte
   

Menschenrechte
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.12.2004