| Wolfgang Benz: Ausgrenzung, Vertreibung,
Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert München: Dtv, 2006. Broschiert: 189 Seiten |
| Die Geschichte des letzten Jahrhunderts
durchzieht wie kein Jahrhundert zuvor (und das will was
heißen: Wolfgang Benz ist der geeignete Fachmann ( Von den Oktoberpogromen 1905 in Rußland über Armenier, Juden, Roma und Sinti bis zum Balkan zieht sich die makabre Spur. Sie zeugt vor allem davon, dass die humane Bilanz des 20. Jahrhunderts katastrophal ist. Selbst nach dem Genozid an den Juden sind keine ethischen und humanitären Fortschritte erkennbar. Man blicke nach Tscheschenien, nach Ruanda, in den Sudan, ... |
| Inhalt des Buchs |
| Von der Ausgrenzung
zum Genozid - Einleitende Bemerkungen Traditionen der Gewalt gegen die Minderheit - Die Oktoberpogrome 1905 in Russland Kolonialpolitik als Genozid - Der Herero-Aufstand in Deutsch- Südwestafrika Verleugnung und Trauma - Der Völkermord an den Armeniern Stationen der Ausgrenzung - Antijudaismus und Antisemitismus als Ideologie des Genozids Diskriminierung, Ausgrenzung, Vernichtung - Der Völkermord an Sinti und Roma Zwangsmigration von Volksdeutschen im Zweiten Weltkrieg Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg Verweigerte Aufnahme - Illegale Einwanderung in Palästina Ethnisierung - Vertreibung - Völkermord - Die Wiederkehr des Schreckens am Ende des 20. Jahrhunderts |
| Die obige Inhaltsangabe spricht
für sich selbst. Sie zeigt die Bandbreite und dass Autor Wolfgang Benz
kein heißes Eisen ausläßt. Und Vertreibung und Genozid ist
für viele Menschen und Staaten ein rotes Tuch in dem Sinne, dass sie
ungern daran erinnert werden oder den Sachverhalt schön reden oder die
Täter zu Opfern machen oder den Genozid gleich betreiten. Ich mache nur zu ausgewählten Kapiteln persönliche Anmerkungen. Das stellt keine Wertung dar. |
| Kolonialpolitik als Genozid - Der Herero-Aufstand in Deutsch- Südwestafrika |
| Benz belegt, dass der Kampf gegen die
Hereros als Vernichtungskampf ausgelegt war, also eindeutig ein Genozid an dem
Volk der Herero. Am 2. Oktober 1904 verlas der Mörder Lothar von Trotha nach dem Feldgottesdienst (!) seine Auslobung von Kopfprämien für abgelieferte Herero und "Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht ut, so werde ich es mit dem Groot Rohr [Kanone] dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ichnehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück, oder lasse auf sie schießen." (S. 38) |
| Verleugnung und Trauma - Der Völkermord an den Armeniern |
| In etlichen Diskussionsforen wurde der
Genozid an den Armeniern glattweg geleugnet. Einer verstieg sich in der
Diskussion soagr zur Behauptung: "Ich habe keine Vorurteile!" Ein performativer
Widerspruch
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| Doch die Türkei
hat im Westen strategische Bedeutung (Naher Osten, Iran, Rußland). Im
Januar 2005 traf sich der türkische Generalkonsul mit Matthias Platzeck, SPD, Ministerpräsident des
Landes Brandenburg und dem Bildungsminister Holger
Rupprecht, SPD. Der Ausdruck "Genozid an der armenischen
Bevölkerung" in einem Lehrplan hatte das Missfallen des türkischen
Konsuls erregt. Er (der Zusatz) verschwand anschließend aus dem Lehrplan,
wurde aber nach Protest später doch wieder aufgenommen (S. 64). "Bis heute ist der Völkermord an den Armeniern und die deutsche Verstrickung kein vorgegebenes Thema im Geschichtsunterricht - deutsch-türkische Freundschaft auf Kosten der Armenier". |
| Franz
Werfel veröffentlichte im November 1933 einen eindrucksvollen
Roman zum aussichtslosen Kampf der Armenier: Die vierzig Tage des Musa
Dagh. Der Roman wurde im Februar 1934 in NS-Deutschland aufgrund des §
7 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz des Deutschen Volkes
wegen Gefährdung öffentlicher Sicherheit und Ordnung'
verboten. Werfel selbst wurde aus der Preußischen Akademie der
Künste ausgeschlossen. Bücher von ihm wurden schon am 10.Mai 1933
verbrannt ( |
| Stationen der Ausgrenzung - Antijudaismus und Antisemitismus als Ideologie des Genozids |
| Der jahrhundertealte Judenhass geht auf
Identitätsproblem des jungen Christentums zurück (S. 72).
Während die christliche Ausgrenzung aber mit der Taufe zum Christen endete
(auch das ein inakzeptabler Antijudaismus), war der von den Nazis rassisch
begründete Makel nicht änderbar. (S. 74-75). Schlimm, dass
vulgärer und versteckter Antisemitismus bis zu Bundestagsabgeordneten
vertreten ist ( |
| Diskriminierung, Ausgrenzung, Vernichtung - Der Völkermord an Sinti und Roma |
| Den Roma und Sinti wurde jahrzehntelang
die Verfolgung nicht anerkannt, noch weniger eine Entschädigung
zugestanden. Man lese dazu: |
| Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg |
| Im Laufe des Zweiten Weltkriegs und
unmittelbar danach wurden viele Millionen Menschen in Europa zwangsumgesiedelt
und vertrieben. Die Bilanz nennt allein 16 Millionen Menschen, die nach dem
Ende der Nazi-Herrschaft in die Bundesrepublik und DDR fliehen mußten.
Benz stellt dem Kapitel zur Vertreibung der Deutschen ein Kapitel zur
Zwangsmigration der Volksdeutschen noch während des zweiten Weltkriegs
voraus. Auch viele Polen und Russen mußten schon während des Kriegs
ihre Heimat verlassen. Eine Revision der Geschichte, wie sie deutsche Politiker
immer noch fordern, müßte wohl mindestens bis1933 zurückgehen
oder gar vor den 1. Weltkrieg. Wie soll das gehen
|
| Zusammenfassung Wolfgang Benz hat ein extrem lesenswertes Buch geschrieben. Auf wenigen Seiten durchschreitet er das Jahrhundert der Völkermorde. Das mag für Historiker und Spezialisten ein Manko sein. Für mich als Laien war es lehrreich und vielfältig; ich traue es mir bei diesem Thema kaum sagen: es war kurzweilig. |
| Prof. Dr. Wolfgang Benz |
| * 1941, Studium der
Geschichte, Politischen Wissenschaft und Kunstgeschichte. 1969 bis 1990 Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München Mitgründer und Mitherausgeber der Dachauer Hefte Seit 1990 Professor an der Technischen Universität Berlin und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung 1992 Geschwister-Scholl-Preis Vorsitzender der Gesellschaft für Exilforschung. Mitherausgeber der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft |
| Links |
| Literatur |
| Frahm, Ole: "»Ein deutsches Trauma«?: Zur Schamlosigkeit deutscher Opferidentifikation". German Life and Letters 57.4 (2004): 372-90. |
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| Wolfgang Benz: Geschichte des
Dritten Reiches. München: Dtv, 2003, Taschenbuch, 233 Seiten
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| Wolfgang Benz:: Die Vertreibung der
Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. 2.Aufl. Frankfurt/M:
Fischer 1995. Broschiert, 302 Seiten
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| Rolf Hosfeld: Operation Nemesis.
Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2005 |
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| Conrad Taler: Verstaubte
Kulisse Heimat. Papyrossa 2007. Broschiert, 234 Seiten
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| Franz Werfel: Die vierzig Tage
des Musa Dagh. Frankfurt am Main: Fischer, 1990. Gebunden, 989 Seiten
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