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Sinti
Katrin Reemtsma: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart
München: Beck, 1996. Broschiert: 198 Seiten – Sinti LinksReemtsma Literatur
Die Gliederung des umfangreichen Stoffs: Geschichte, Kultur und Gegenwart der Sinit und Roma, verblüfft, da nach dem ersten Abschnitt der Geschichte bis 1870/71 ein Abschnitt über die Grundzüge der Kultur und Sprache eingeschoben ist und erst im dritten Abschnitt die Geschichte weiterverfolgt (jetzt in durchaus harmlosen Sinn roma) wird. Doch beim Lesen merkt man: es paßt wunderbar.
Die Geschichte der Roma liegt im Dunklen. Über ihre Herkunft und den Zeitpunkt der Wanderungen wird noch diskutiert. Das haben sie mit den Bajuwaren gemeinsam.
Katrin Reemtsma versucht eine historische Begründung zum Beginn der weitverbreiteten und anhaltenden Vorurteile gegen diese ethnischen Minderheiten (S. 30-31). Auffallend ist die Übereinstimmung der Mechanismen zur Ausgrenzung, Diffamierung und Diskriminierung mit anderen Minderheiten: Zutrittsverbote in Städte, Reiseverbote oder Ausreisegebote, Beschränkung auf bestimmte Berufe (S. 34), keine Pässe (S. 40), Verbot der Familienzusammenführung (S. 46), Absprache über gleichartige Diskriminierung unter den Ländern (S. 88). Das war so auch bei Juden und ist heute genau so mit Flüchtlingen (siehe Ausländer in Deutschland unter Reemtsma Links). Die Übereinstimmung zur heutigen behandlung der Migranten ist frappant und entlarvend. Wolfgang Benz hat es in Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord beschrieben (siehe Reemtsma Links). Die fortgesetzte öffentliche Diffamierung der Roma zur sozialen, religiösen und politischen Gefahr diente der Durchsetzung gruppenspezifischer Interessen, meist der herrschenden Schicht (S. 37). Reemtsma schreibt es zwar nicht explizit, aber ich entnahm es ihrer durchgehenden Argumentation: hinzu kommt, dass die politische Führungsschicht immer und zu allen Zeiten klar zu benennende und abzugrenzende Sündenböcke braucht. Damit wird effektiv vom eigenen Versagen abgelenkt. Wer sich nicht zwangsweise assimlieren läßt, wurde verfolgt (S. 44). Heute nennt man's Integration (siehe Reemtsma Links) und Annahme der Leitkultur (siehe Reemtsma Links). Die deutsche Polizei hatte seit der Nazi-Zeit einen prinzipiellen Verdacht gegen alle Sinit und Roma (S. 128). Inzwischen richtet sich der prinzipielle Verdacht gegen alle Bürger: sie werden überwacht (siehe Überwachung des Bürgers durch den Staat unter Reemtsma Links).
Zum Nachteil der Roma und Sinti wurde der Antisemitismus nach 1945 in Deutschland tabuisiert. Das politisch notwendige Feindbild mußte woanders ein Ventil suchen, so blieben die Zigeunervorurteile, wie die Autorin emsig nachweist. Auf der Sitzung der Menschenrechtskommission der UN im März 1992 wandte sich die Bundesrepublik unter Helmut Kohl (siehe die Untaten Helmut Kohls unter Reemtsma Links) gegen eine eindeutige Resolution zugunsten der Roma und Sinti (S. 176).
Manchmal scheint mir die Autorin beim Vorwurf der Voreingenommenheit gegen andere Wissenschaftler und Autoren etwas zu streng. Aber wer sich lange mit diesem thema beschäftigt sieht es vielleicht deutlicher.
Die nicht ganz 200 Seiten halten, was in der Einleitung versprochen wurde: ein fundiertes Werk über "wesentliche Aspekte der Geschichte, Kultur und aktuelle Situation der Sinti und Roma".
Sehr zu empfehlen.
Reemtsma Anfang
Alex Rühle: "Fünfzig Jahre nur geduldet: Der unbekannte Holocaust. Wie Sinti und Roma ihrer ermordeten Familien gedenken - eine Reise nach Auschwitz", SZ 4.8. 2007, S. 13, sintionline
1 902 Sinti und Roma wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in die Gaskammern von Auschwitz getrieben und danach verbrannt.
Heinrich Himmler (1900 München – 1945 Lüneburg) hatte die Auslöschung der Sinti und Roma 1938 als politisches Ziel formuliert. Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung drängte auf eine Lösung des "Zigeunerproblems". 500 000 Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten und bereitwillig kooperierenden Organisationen in den besetzten Ländern ermordet, 23 000 "Zigeuner" in Auschwitz registriert.
Und nach 1945 ging es weiter. Franz Rosenbach, ein Auschwitz und Buchenwald Überlebender wollte sich nach dem Krieg in Fürth anmelden. Auf dem Amt fragte man ihn nach seinen Entlassungspapieren. Er war am Kriegsende von der SS auf den Todesmarsch nach Neuengamme geschickt worden: Die SS-Leute haben für die Todesmärschen keine Entlassungspapiere ausgestellt ss. So wurde Franz Rosenbach in Fürth für 14 Tage eingesperrt und war danach 45 Jahre lang in der BRD als Staatenloser "geduldet". Josef Mengele kam 1956 von Argentinien zum Skifahren in die Schweiz. Hugo Höllenreiner kämpfte vergeblich darum, für seine Folterung durch den "Todesengel von Auschwitz" entschädigt zu werden. Er konnte nicht nachweisen, dass die Verstümmelungen nicht aus der Zeit vor Auschwitz stammten. Die Sinti und Roma mussten den Behörden nachweisen, dass sie in der NS-Zeit individuell aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Bis zum Jahr 1963 war ein BGH-Urteil gültig, das die Deportation von Sinti und Roma nicht als Verbrechen, sondern als "präventive Verbrechensbekämpfung" interpretierte. Wladyslaw Bartoszewski, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und ab Juni 2000 Außenminister der Republik Polen, im Jahre 2001: "Niemand, der bei gesundem Verstand ist, stellt heute den Holocaust am jüdischen Volke in Abrede. Dieses Bewusstsein hat sich in Bezug auf die Sinti und Roma leider noch nicht allgemein durchgesetzt."
Wer dazu mehr lesen will: Reemtsma Literatur zu Hitlers Eliten nach 1945
Reemtsma Anja Tuckermann: "Denk nicht, wir bleiben hier". Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner.
Links
Reemtsma Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern
Reemtsma Wolfgang Benz: Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert
Reemtsma Integration
Reemtsma Leitkultur
Reemtsma Weitergehende Links
Reemtsma Weitere Literatur
Reemtsma Robert Schlickewitz: Kleine Chronik der "Zigeuner" in Bayern
Reemtsma Überwachung des Bürgers durch den Staat
Reemtsma Die Untaten Helmut Kohls
Reemtsma Wolfgang Wippermann: Auserwählte Opfer? Shoah und Porrajmos im Vergleich. Eine Kontroverse
Literatur
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reemtsma SintiKatrin Reemtsma: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. München: Beck, 1996. Broschiert: 198 Seiten Verlag: C.H. Beck Verlag (Oktober 2000) ISBN-10:
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