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Bogner
Daniel Bogner: Ausverkauf der Menschenrechte? Warum wir gefordert sind
Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 142 Seiten – bogner Linksrezension Literatur
Der Autor legt ein erstaunliches Werk zu den Menschenrechten und der Leitkulturdebatte heraus. Erstaunlich deshalb, weil er von einem katholischen Standpunkt aus die Frage nach den Menschenrechten in der Kirche nicht ausläßt und vergangene Missetaten nicht beschönigt oder unter den Tisch kehrt. Dadurch gewinnt das ganze Buch an Glaubwürdigkeit.
Schon in der Einleitung sammelt Bogner Pluspunkte:
• die Menschenrecht werden immer dreister verletzt; als Gründe müssen herhalten: globale Bedrohung; angeheizte Ängste vor Einwanderung und fremden Religionen (S. 10).
• die Kirchen müssen sich stärker und vernehmbarer für die Menschenrechte einsetzen (S. 12).
Sittliche Autonomie
Immanuel Kant wies nach, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunftbegabung zu eigenständigen und selbst verantworteten moralischen Urteilen kommen kann. Er ist auf keine Instanz angewiesen, die ihm vorgibt, was zu tun und lassen ist (S. 19). Ein schwerer intellektueller Schlag gegen irgendwelche Religionsstifter oder Heilige Bücher. Bogner schreibt es später klar hin: die Kirchen müssen ihren Anspruch, sie hätten ein besonderes Privileg für die öffentliche Moral, aufgeben (S. 25). Besonders ist ein Primat für die Religionen und Kirchen abzulehnen. Die Menschenrechte konnten nur gegen stärkste Angriffe des Christentums durchgesetzt werden (S. 27). Warum sollte man die Menschenrechte nun in die Verfügung der früheren Gegner stellen? Zurecht kritisiert Bogner daher Positionen wie: "Das Christentum erscheint als die einzig wahre Quelle menschenrechtlicher Forderungen" (S. 52).
Bogner gibt auch (mir scheint nur eine von mehreren Komponenten) eine Begründung für die Aversion zu den Menschenrechte durch die christlichen Kirchen. Die französische Revolution,die die Menschenrechte durchsetzen wollte, wandte sich auch gegen den Klerus. Wie so oft (siehe 20. Jahrhundert: Kirche ist gegen den Bolschewismus; Nazis auch, also paktierte die Kirche mit den Braunen) schlug sich die Katholische Kirche auf die Seite der Herrschenden und kämpfte nicht nur gegen die Revolutionäre sondern auch gleich gegen die Menschenrechte.
Katholische Stellungnahmen gegen die Menschenrechte
Der Autor nennt löblicherweise auch wichtige katholische Stellungnahmen gegen die Menschenrechte (löblich deshalb, da es Katholiken oft nicht glauben wollen):
• Papst Pius VI. bezeichnete in "Quod aliquantum" 1791 die Gleichheit aller Menschen und ihre angeborene Freiheit als sinnlos. pius"Quod aliquantum"piusRudolf Uertz: "Katholizismus und Demokratie", Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 7/2005)
• Papst Pius IX.: Enzykliken "Quanta cura", "Syllabus errorum", 1864: da werden die Freiheitsideen gar als"irrige Meinung" und "seuchenartiger Irrtum" bezeichnet. – "Quanta cura": piusKathpediapiusWikipedia
Wenige Jahre später folgte das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes pius.
Erst mit der Konzilserklärung "Dignitas humanae" aus 1965 sieht der Autor die Hinwendung der katholischen Kirche zu den Menschenrechten und ihrer Befürwortung und als vereinbar mit dem christlichen Glauben (S. 113).
Freilich – und das spricht wieder für den Autor – übersieht Bogner nicht, dass bezüglich der Menschenrechte gerade bei der katholischen Kirche noch vieles im Argen liegt:
Diskriminierung der Frauen und Verteufelung der Homosexualität sind nur 2 Beispiele (S. 114).
Freilich kann Bogner seine Affinität zum Christentum / Katholizismus nicht verdecken. Er meint beispielsweise, man könne in der Bibel die Nennung der Menschenrechte nicht erwarten (S. 30). Warum nicht? Zumal, wenn man andrerseits der Ansicht ist, dass Gott die Feder führte.
Mit den Politikern, die 50 Jahre seit der Deklaration der Menschenrechte durch die UN diese eher wieder abgebaut haben, geht der Autor zu sanft um (S. 46). Vielleicht, weil er der irrigen Ansicht ist, dass sich die menschenrechtlichen Strukturen verbessert hätten (S. 46). Mitnichten, Herr Bogner!
Die Trennung von Staat und Kirche und die Religionsfreiheit sieht er zu optimistisch als gegeben (S. 102) an. Da muss Bogner aber viele Augen zudrücken. Viele kleine Religionsgemeinschaften werden in Deutschland benachteiligt, Katholiken und Protestanten werden massiv bevorzugt. Den Religionsunterricht hält der Autor gar für eine Verwirklichung der Religionsfreiheit (S. 103).
Universalität der Menschenrechte
Mit der Universalität der Menschenrechte weist Bogner Versuche zurück, die historische Ablehnung der Menschenrechte durch das Christentum, herunter zu spielen. Wenn die Kirchenvertreter einst die Menschenrechte mit dem christlichen Glauben als nicht vereinbar bezeichneten, heute sich aber zum Wolf im Schafspelz aufschwingen (Mt 7,15) so hat sich entweder die kirchliche Lehre geändert oder die Menschenrechte (S. 52). Wenn man die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte behauptet, so muss man zugeben: vor "Dignitas humanae" aus dem Jahre 1965 sah die Katholische Kirche in Sachen Menschenrechte schlecht aus. Wenn wundert es, wenn man heute skeptisch ist, wenn sie sich als Bewahrer und Verteidiger der Menschenrechte darstellt?
Christliches Menschenbild, Leitkultur
Es wird oft vom christlichen Menschenbild, das als Leitbild dienen soll und Grundlage der Leitkultur sein soll, geredet. Selten wird erklärt, was man darunter versteht. Bogner nennt mal Solidarität, Gerechtigkeitssinn und das Empfinden für die Not der Mitmenschen (S. 50). Er ist aber ehrlich genug das in Frage zu stellen (S. 59). Das stärkt das Vertrauen des Lesers in den Autor. Für die genannten Tugenden bedarf es nicht des Christentums, man sie sehr wohl auch aus einer humanistischen Position heraus befürworten (S. 65).
Ein heraussragendes Buch zum Thema Christentum und Menschenrechte.
Sehr empfehlenswert.
rezension Anfang
Daniel Bogner, * 1972, Dr. theol.,
studierte Politikwissenschaft, Theologie und Philosophie in Münster und Fribourg
2000 - 2006 Referent für Menschenrechtsfragen im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn
viele Jahre Mitglied im Kuratorium des Deutschen Instituts für Menschenrechte und im Koordinierungskreis des Forum Menschenrechte.
Seit Anfang 2007 ist Daniel Bogner im Rahmen eines Projekts zur Gewaltgeschichte Algeriens am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt tätig.
Links
BognerDr. Daniel Bogner, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt
BognerDaniel Bogner: "Dolmetscher oder Lobbyisten? Religionsfreiheit ist kein Exklusivrecht der Kirchen", Herder-Korrespondenz 1 (2007), S. 44-48
BognerDaniel Bogner: " Eine klare Verbesserung. Zur Gründung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen", Herder Korrespondenz 9 (2006), S. 481-485
BognerDaniel Bogner: "Was bleibt? Ausblick nach dem Podium" (pdf)
BognerDaniel Bogner, Stefan Herbst, Hg.: "Man hört nichts mehr von Unrecht in deinem Land. Zur Menschenrechtsarbeit der katholischen Kirche", Schriftenreihe Gerechtigkeit und Frieden 100 (pdf)
Daniel Bogner in BognerDorit-F. Becker: "Die katholische Kirche in Ost-Timor ein Jahr nach der Unabhängigkeit. Treibende Kraft der Demokratisierung", Deutsche Welle, 7. August 2003
BognerRezension: Einspruch gegen Ausverkauf, amnesty journal Juni (2007)
BognerMichel de CerteauBognerWikipedia, mit dem sich Daniel Bogner in seiner Promotion beschäftigte
bogner Deutsche Leitkultur
BognerForum Menschenrechte
BognerHandbuch der Menschenrechtsarbeit Online-Edition 2006/2007
bogner Literatur zu den Menschenrechten
bogner Menschenrechte – Grundrechte – Grundgesetz (viele weitere Links)
Literatur
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bogner BognerDaniel Bogner: Ausverkauf der Menschenrechte? Warum wir gefordert sind. Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 142 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.9.2007