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Porrajmos
Wolfgang Wippermann : Auserwählte Opfer? Shoah und Porrajmos im Vergleich. Eine Kontroverse
Berlin: Frank & Timme, 2005. Broschiert, 170 Seiten – Porrajmos LinksPorrajmos Literatur
Das Vorwort beendet Wolfgang Wippermann mit der Hoffnung, dass er niemanden gekränkt oder gar verletzt habe (S. 12). Seine Hoffnung wird kaum erfüllt worden sein, denn er kann gut austeilen. Das muß er, denn seine Thesen rufen von mancher Seite her hartnäckigen Widerspruch hervor. Das rührt daher, da man als Deutscher mit manchen Stellungnahmen, Thesen oder gar Vergleichen zur Nazi-Zeit schnell im Regen steht.
Auserwählte Opfer? ist eine kontroverse Analyse des Porrajmos (auch: Porajmos), der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma während der zwölfjährigen Naziherrschaft (aber auch davor und vor allem danach). Wippermann reklamiert für den Porrajmos Genozid-Status. Dazu muss er ihn mit der Shoa vergleichen oder ihn als Teil der Shoa begreifen. Dies untergräbt die These anderer Historiker von der Unvergleichlichkeit und Einzigartigkeit der Shoa. Historiker führen auch an, daß die Sinti und Roma mit anderer Motivation und nicht so umfassend wie die Juden verfolgt wurden.
Schon hat Wippermann ein Riesenproblem, das er gekonnt meistert.
Dazu setzt er sich kritisch mit der Begriffsdefinition des Genozids auseinander. Durch Vergleich der verschiedenen Kriterien des Genozids und durch den Nachweis der umfassenden Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti belegt Wippermann seine These. Schon die 1933 vorangehende Diskriminierung und Verfolgung der Zigeuner gleicht in vielem dem Antijudaismus und Antisemitismus. Sinti und Roma wurden jahrhundertelang ausschließlich diskriminiert. Während es neben der Diskriminierung der Juden auch viele Gegenbeispiele erfolgreicher Juden gibt (ob der Erfolg nur zähneknirschend geduldet wurde sei dahingestellt; ich glaube es nicht). Diese Diskrepanz setzte sich anch 1945 fest. Antisemitismus wurde – völlig zurecht – zumindest im öffentlichen Raum geächtet. Die Sinti und Roma wurden weiter diskriminiert. Deutsche Gerichte erklärten die Verfolgung in der NS-Zeit für rechtens, da es sich um Kriminelle handelte!
Wippermann weist aber auch daraufhin, dass im Gedenken nach 1945 oft die Deutschen, die selbst zu Opfern des Krieges wurden, im Mittelpunkt standen. Denkmäler führ(t)en oft christliche Symbole, was die jüdischen Opfer schon signalmäßig ausschloß (S. 51).
Für die Verfolgung während der NS-Zeit kann Wippermann zeigen, dass der rassistische Fanatismus der Nazis nicht nur den Juden galt, sondern auch den Roma und Sinti, auch den Behinderten, allen, die die Nazis als minderwertig einstuften.
Bezüglich der expliziten Erklärung der NS-Größen hat Wippermann nicht ganz so gute Belege. Er beruft sich im Wesentlichen auf einen Befehl Heinrich Himmlers vom 8. Dezember 1938 zur "endgültigen Lösung der Zigeunerfrage (...) aus dem Wesen dieser Rasse heraus" (S. 122). Mir genügt das zusammen mit den Taten der Nazis zur Belegung der These, dass ein systematischer, gewollter Porrajmos durchgeführt wurde.
Diese vergleichende Analyse birgt die Gefahr der Relativierung und Aufrechnung oder Ablenkung. Doch Wippermann macht sich stark genau diese Befürchtung nicht eintreten zu lassen.
Shoa - GULAG - Porrajmos
Wippermann betont den Unterschied zu den zahlreichen Vergleichen der Shoa mit dem GULAG. Der GULAG-Vergleich weist auf andere Verbrecher hin und ist daher ein mehr oder weniger versteckter Relativierungsversuch. Die anderen sind auch schuldig, deshalb kann die deutsche Schuld nicht einzigartig sein. Wippermann verurteilt diese "Entschuldung". Anders ist es beim Vergleich der Shoa mit dem Porrajmos: hier vergrössert sich die Schuld, den eins plus eins ergibt eben nicht Null (S. 140, S. 145).
Ergebnis der Ausführungen
Der Vergleich zwischen Shoah und Porrajmos ist gerechtfertigt. Damit wird nichts relativiert, sondern der Schuld der Shoah noch eins draufgesetzt.
Wippermanns Ausführungen sind engagiert. Trotz des düsteren Stoffs liest man es gerne. Er ist auch (über)eifrig in der Verteidigung seiner Thesen. Dadurch wiederholt er sich. Sehr oft las ich, dass die von Wippermann bestrittene These der Singularität auch in Israel selbst umstritten ist. Das geht bis zu stereotypen Eigenschaften, wie die "bettelarmen Sinti und Roma".
Die Wissensfülle des Autors wirft auch manche Nebensächlichkeit ab, die dem laienhaften Leser, wie mir, neu war oder wieder in die Erinnerung gerufen wurde. Als Beispiel nenne ich den Einspruch des damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (Porrajmos Die Untaten Helmut Kohls) zum Denkmalsentwurf. In gewohnt selbstherrlichen Art drückte er seinen persönlichen Geschmack durch und düpierte die engagierten Bürger (S. 111).
In Besprechungen wurde schon auf die vielen Druckfehler hingewiesen. Ärgerlich sind sie in der Fülle alle, aber besonders die konsequente Falschschreibung des Philosophen Ernst Tugendhat (Porrajmos Links)
Der Vergleich zwischen Shoah und Porrajamos wird nüchtern dargestellt. Die Klippe Aufrechnung kommt nicht mal in Sicht, wird aber ausreichend diskutiert. Man erfährt einiges zur Hauptverfolgungszeit, davor und danach, über die Austragung historischer Divergenzen und über den beschämenden Umgang nach 1945 in Deutschland zu Shoah und Porrajamos.
Porrajmos Anfang
Wolfgang Wippermann, * 1945 in Bremerhaven.
Studium der Geschichte, Germanistik und Politischen Wissenschaft in Göttingen und Marburg. Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin.
Links
Porrajmos Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung
WippermannCenter for Holocaust & Genocide Studies
WippermannFrank & Timme, Berlin, Verlag
Hackl Erich Hackl: Abschied von Sidonie
Wippermann"Hohmanns Antisemitismus «kommt aus der Mitte der Gesellschaft»", Netzeitung 8. Nov 2003
WippermannPorajmos, auch Porrajmos
roma Robert Schlickewitz: Kleine Chronik der "Zigeuner" in Bayern, mit weiteren roma Links
WippermannJan Süselbeck: "Zweierlei Schuld", Literaturkritik 2, Februar 2006
WippermannErnst Tugendhat (* 8. März 1930 in Brünn)
WippermannWolfgang Wippermann
WippermannProf. Dr. Wolfgang Wippermann, FU Berlin
WippermannWolfgang Wippermann: "Bald schlagen wir zurück. Diskriminiertes Volk in Europa", Freitag, 2007
roma Wolfgang Wippermann: Rassenwahn und Teufelsglaube
Literatur
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