Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Oberndörfer
Dieter Oberndörfer: Deutschland in der Abseitsfalle. Politische Kultur in Zeiten der Globalisierung
Freiburg: Herder, 2005. Broschiert, 189 Seiten – Oberndörfer Dieter OberndörferOberndörfer LinksOberndörfer Literatur
Es liegt auf der Hand: ein Expertenbefund, der die eigene Position vertritt, sie stärkt und argumentativ untermauert, wird meist für gut befunden. Die Lektüre von Deutschland in der Abseitsfalle war für mich so ein Glücksfall. Oberndörfer legt darin vieles begründet dar, was mir so nur vage vorschwebte, oder für das ich bisher nicht immer die richtigen Hintergründe anführen konnte.
Die Zukunft Deutschland hängt nach Oberndörfer von einigen Punkten ab.
  • Wir brauchen aufgrund der Altersstruktur (diese wieder ist Folge der niedrigen Geburtenrate) die Netto-Zuwanderung von ca. 200.000 pro Jahr, besser 300.000.
  • Wir müssen eine offene politische Kultur entwickeln. Aus einer solchen offenen politischen Kultur mit Zuwanderung ergibt sich eine multikulturelle Gesellschaft. Darin ist die Bevorzugung oder gar fixe Bindung an eine (bisher nur recht schwammig erklärte) Leitkultur verfehlt. Keine einzelne Kultur ist verbindlich. Es gibt weder eine nationale Religion noch eine nationale Kultur, die für die Bürger verbindlich ist. Es ist ja auch unmöglich, da es die deutsche Kultur nicht gibt.
  • Der Nationalstaat völkischer Prägung muss einer modernen Verfassungsrepublik weichen mit individueller Freiheit der Kultur, des religiösen Glaubens und der Weltanschauung. Dieser moderne Verfassungsstaat ist eine von den Staatsbürgern gewollte, auf ihre Zustimmung gegründete Zweckgemeinschaft zum Schutze ihrer Freiheiten und Rechte.
Diese Punkte untermauert Oberndörfer durch viele Tatsachen und Argumente. Sie hängen auch eng zusammen.
Entscheidend für die Zukunft Deutschlands ist die Kinderzahl Sie ist (da schon lange die Geburtenrate zu niedrig ist) nicht innerhalb von wenigen Jahren als Korrektiv einsetzbar. Deshalb: Zuwanderung. Die Geburtenrate erhöht sich nur, wenn sich eine positive Einstellung zu Mutterschaft, Kinder und Familie durchsetzt. Das ist nirgends erkennbar. Schwere Vorwürfe richtet der Autor an die Ära Helmut Kohl und Gerhard Schröder: die demographische Entwicklung Deutschlands war spätestens seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt. Weder Politik noch Medien haben sie gebührend zur Kenntnis genommen (S. 87).
Im völkischen, nationalen Kulturverständnis sind nur die Kulturtraditionen des eigenen Volkes legitim. Das Fremde ist per definitionem illegitim, es muss abgewehrt oder ausgeschieden werden. Die in der Abstammungsgemeinschaft gewachsene nationale kulturelle Identität ist Sinnerfüllung und Endbahnhof der Geschichte (S. 18). "Diese dem Nationalismus inhärente Aufteilung der Menschheit in das gute eigene Kollektiv und die weniger wertvollen »anderen« scheint eine anthropologische Konstante zu sein" (S. 32). Dies zeigt sich bei den Geheimdiensten: der eigene ist gut, fremde schlecht (oberndörfer Informationen von den Geheimdiensten Deutschlands). Das gilt bei allen Nationen, kann aber unmöglich richtig sein.
Das Konzept Leitkultur (Oberndörfer Deutsche Leitkultur) ist nach Oberndörfer abzulehnen (bravo!). Selbst wenn man sich auf die schmale Basis von antik-christlich-humanistischer Grundlage einigt, steht man auf fragwürdigem Fundament. "Der Holocaust wuchs auf dem Kultursockel einer christlich geprägten Gesellschaft" (S. 56). Aufgrund ihrer Vorstellung von der christlich-humanistischen Leitkultur haben die Innenminister Otto Schily und Günther Beckstein andere Konsequenzen für die Abschiebung von Flüchtlingen gezogen als viele Vertreter der Kirchen (S. 57). Wer kann oder darf den Inhalt und die Konsequenzen der christlich-humanistischen Leitkultur verbindlich für alle definieren?
Es mag für manche hohl klingen, ist es aber meines Erachtens nicht, wenn man den Autor hier ernst nimmt. Gefordert sind jetzt
  • die Wahrnehmung der Realität,
  • Visionen, politischer Mut und
  • entschlossene politische Führung (S. 10).
Ich meine, zumindest an Visionen und politischen Mut fehlt es in Deutschland enorm. Auch bei der Wahrnehmung der Realität habe ich Bedenken. Ich nehme es zugunsten der Politiker an, da sonst ihre Handlungsweise nicht nur verfehlt sondern auch verlogen wäre.
Nicht ganz einig scheint mir der Autor mit Deutschland als Einwanderungsland zu sein. Während ich mehrmals las, dass er diese These bejaht, meint er dann, dass es nicht zutreffe, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland sei (S. 141).
Neben den drei Hauptthesen spricht Oberndörfer am Ende noch kurz andere wunden Punkte in Gesellschaft und Staat an.
Er plädiert für eine Verwirklichung der Trennung von Staat und Religion. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften dürfen nicht mit unterschiedlichen Massstäben gemessen werden (S. 145). Vielleicht wagt Oberndörfer das nicht klar zu schreiben. Ich lese es so: die Bevorzugung der beiden grossen christlichen Religionen muss abgestellt werden.
Die Subventionen für Landwirtschaft, Kohlebergbau und Eigenheime sind abzuschaffen. Ebenso die "absurden Konzessionen an die Bezieher von Höchsteinkommen" (S. 162). Doch gerade dies wird wohl nie verwirklicht, solange die Spitzenpolitiker selbst Höchsteinkommen unabhängig von ihrer Leistung beziehen und sie am Ende ihrer Dienstzeit lukrative Posten besetzen.
Deutschland in der Abseitsfalle ist eine hervorragende Diagnose, die sich bewusst auf wenige, entscheidende Punkte konzentriert. Ich befürchte, es wird zuwenig gelesen und noch weniger beherzigt werden.
Oberndörfer Anfang
oberndörfer
© Dieter Oberndörfer
Dieter Oberndörfer
Dr. phil., Dr. rer. pol. h. c., Prof. em., geb. 1929;
1964-1997 Direktor des Seminars für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg;
seit 1964 Direktor des Arnold Bergstraesser Instituts für kulturwissenschaftliche Forschung, Freiburg
oberndoerferProf. em. Dr. Dr. h. c. Dieter Oberndörfer, Seminar für Wissenschaftliche Politik, Universität Freiburg
oberndoerferDieter Oberndörfer beim Verlag Herder
Mit freundlicher Genehmigung
Links
oberndoerferArnold Bergstraesser Institut für kulturwissenschaftliche Forschung e.V.
oberndoerferWarum brauchen Industrieländer die Zuwanderung von Hochqualifizierten? (pdf)
oberndoerferPolitikziel Geburtenwettlauf
oberndoerfer"Zur Debatte in Deutschland über Asylgewährung, Zuwanderung und Integration von Ausländern" Vortrag bei Pro Asyl, 1. 9. 2000
Oberndörfer Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern
Oberndörfer Die Behandlung von Ausländern ist eine Schande für Deutschland
Oberndörfer Deutsche Leitkultur
Oberndörfer Deutschland ist ein Einwanderungsland
Oberndörfer Christian Rickens: Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft. Berlin: Ullstein, 2006.
Oberndörfer Zitate von Dieter Oberndörfer
Literatur
Dieter Oberndörfer: "Deutschland und Europa brauchen Einwanderer". In: Karl Heinz Meier Braun: Deutschland, Einwanderungsland. Stuttgart 2000. S. 19- 46
Dieter Oberndörfer: "Eine Schande für Deutschland", SZ, 10.8.2005, S. 2
Dieter Oberndörfer: "Leitkultur und Berliner Republik. Die Hausordnung der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands ist das Grundgesetz". oberndoerferAus Politik und Zeitgeschichte (B 1-2/2001)
Dieter Oberndörfer: "Die Offenheit unseres Grundgesetzes für eine multikulturelle Gesellschaft – eine Leitkultur kann es in ihr nicht geben". oberndoerferDie Gazette Nr. 31, Dezember 2000
Dieter Oberndörfer: "Warum brauchen Industrieländer die Zuwanderung von Hochqualifizierten?" oberndoerferpdf
Bei Amazon nachschauen  
Oberndörfer AbseitsfalleDieter Oberndörfer: Deutschland in der Abseitsfalle. Politische Kultur in Zeiten der Globalisierung. Freiburg: Herder, 2005. Broschiert, 189 Seiten. Herder-Spektrum
   Oberndörfer Anfang

Oberndörfer
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 14.2.2006