| Dieter Oberndörfer: Deutschland in
der Abseitsfalle. Politische Kultur in Zeiten der
Globalisierung Freiburg: Herder, 2005. Broschiert, 189 Seiten |
| Es liegt auf der Hand: ein
Expertenbefund, der die eigene Position vertritt, sie stärkt und
argumentativ untermauert, wird meist für gut befunden. Die Lektüre
von Deutschland in der Abseitsfalle war für mich so ein
Glücksfall. Oberndörfer legt darin vieles begründet dar, was mir
so nur vage vorschwebte, oder für das ich bisher nicht immer die richtigen
Hintergründe anführen konnte. Die Zukunft Deutschland hängt nach Oberndörfer von einigen Punkten ab.
Entscheidend für die Zukunft Deutschlands ist die Kinderzahl Sie ist (da schon lange die Geburtenrate zu niedrig ist) nicht innerhalb von wenigen Jahren als Korrektiv einsetzbar. Deshalb: Zuwanderung. Die Geburtenrate erhöht sich nur, wenn sich eine positive Einstellung zu Mutterschaft, Kinder und Familie durchsetzt. Das ist nirgends erkennbar. Schwere Vorwürfe richtet der Autor an die Ära Helmut Kohl und Gerhard Schröder: die demographische Entwicklung Deutschlands war spätestens seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt. Weder Politik noch Medien haben sie gebührend zur Kenntnis genommen (S. 87). Im völkischen, nationalen Kulturverständnis sind nur die Kulturtraditionen des eigenen Volkes legitim. Das Fremde ist per definitionem illegitim, es muss abgewehrt oder ausgeschieden werden. Die in der Abstammungsgemeinschaft gewachsene nationale kulturelle Identität ist Sinnerfüllung und Endbahnhof der Geschichte (S. 18). "Diese dem Nationalismus inhärente Aufteilung der Menschheit in das gute eigene Kollektiv und die weniger wertvollen »anderen« scheint eine anthropologische Konstante zu sein" (S. 32). Dies zeigt sich bei den Geheimdiensten: der eigene ist gut, fremde schlecht ( Das Konzept Leitkultur ( Es mag für manche hohl klingen, ist es aber meines Erachtens nicht, wenn man den Autor hier ernst nimmt. Gefordert sind jetzt
Nicht ganz einig scheint mir der Autor mit Deutschland als Einwanderungsland zu sein. Während ich mehrmals las, dass er diese These bejaht, meint er dann, dass es nicht zutreffe, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland sei (S. 141). Neben den drei Hauptthesen spricht Oberndörfer am Ende noch kurz andere wunden Punkte in Gesellschaft und Staat an. Er plädiert für eine Verwirklichung der Trennung von Staat und Religion. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften dürfen nicht mit unterschiedlichen Massstäben gemessen werden (S. 145). Vielleicht wagt Oberndörfer das nicht klar zu schreiben. Ich lese es so: die Bevorzugung der beiden grossen christlichen Religionen muss abgestellt werden. Die Subventionen für Landwirtschaft, Kohlebergbau und Eigenheime sind abzuschaffen. Ebenso die "absurden Konzessionen an die Bezieher von Höchsteinkommen" (S. 162). Doch gerade dies wird wohl nie verwirklicht, solange die Spitzenpolitiker selbst Höchsteinkommen unabhängig von ihrer Leistung beziehen und sie am Ende ihrer Dienstzeit lukrative Posten besetzen. Deutschland in der Abseitsfalle ist eine hervorragende Diagnose, die sich bewusst auf wenige, entscheidende Punkte konzentriert. Ich befürchte, es wird zuwenig gelesen und noch weniger beherzigt werden. |
![]() © Dieter Oberndörfer |
Dieter Oberndörfer |
| Dr. phil., Dr. rer. pol. h. c., Prof.
em., geb. 1929; 1964-1997 Direktor des Seminars für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg; seit 1964 Direktor des Arnold Bergstraesser Instituts für kulturwissenschaftliche Forschung, Freiburg |
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| Mit freundlicher Genehmigung | |
| Links |
| Literatur |
| Dieter Oberndörfer: "Deutschland
und Europa brauchen Einwanderer". In: Karl Heinz Meier Braun: Deutschland,
Einwanderungsland. Stuttgart 2000. S. 19- 46 Dieter Oberndörfer: "Eine Schande für Deutschland", SZ, 10.8.2005, S. 2 Dieter Oberndörfer: "Leitkultur und Berliner Republik. Die Hausordnung der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands ist das Grundgesetz". Dieter Oberndörfer: "Die Offenheit unseres Grundgesetzes für eine multikulturelle Gesellschaft eine Leitkultur kann es in ihr nicht geben". Dieter Oberndörfer: "Warum brauchen Industrieländer die Zuwanderung von Hochqualifizierten?" |
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