| Frank Schirrmacher: Das
Methusalem-Komplott München: Blessing, 2004. 219 Seiten |
| In einem mehrwöchigen Lehrgang im
Herbst 2005 "Ehrenamtlicher Seniorenhelfer" machte ich mich mit Problemen des
Alterns vertraut. Dazu las ich auch belletristische Literatur (siehe |
| "Don't judge a book by its cover" nahm
ich mir zu Herzen und überlas den Kommentar auf Titel- und Umschlagseite
und dem Umschlagtext. (Nicht wirklich, aber ich kommentiere die Slogans dort
höflichkeitshalber nicht.) Die Einleitung des Methusalem-Komplotts, die eigentlich den Hauptteil vorbereiten soll, greift kunterbunt Thesen vor und verwirrt zunächst. Zwischendrin enthält sie aber einiges (z.B. Diagramme S. 24-25), das später nicht mehr kommt. Man muß also durch. Schirrmacher verdeutlicht im Hauptteil,
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| Für den eiligen Leser |
| Der Grundbefund
Schirrmachers zur Altersstruktur in Deutschland ist unbestreitbar. Seine
Folgerungen des Kriegs zwischen den Generationen und der Hölle für
die Senioren sind jedoch überzogen und meist Vermutungen. Obwohl er die
Unwägbarkeiten der Zukunft vereinzelt betont, versäumt er es
verschiedene Szenarien zu diskutieren. Durch den versöhnlichen Abschluss, auf die Mehrzahl der Senioren und deren Kompetenz vertrauend, wird der vorherige Hauptteil entkräftet, wenn nicht widerlegt. Vielen zutreffenden Thesen stehen zuviele falsche Annahmen und Folgerungen entgegen. Dazu kommen unsaubere Argmentationen und rein editorische Mängel. Es ist erstaunlich, wie ein so schlecht gemachtes Sachbuch so gut verkauft werden konnte (April 2004: Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste). Dafür sorgten wohl die zahlreichen TV-Auftritte des Autors. Frank Schirrmacher ist immerhin Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. |
| Meine eher negative Beurteilung verlangt eine eingehende Besprechung und Begründung. Für denjenigen, der es genauer wissen will, werde ich nachfolgend zunächst die vier Teile des Buches durchgehen und dabei spezifisch schwache Argumente oder Formulierungen aufgreifen. Dann werde ich die wichtigsten Thesen besprechen und die formalen Schwächen zeigen. |
| Die
Einleitung (S. 9-35) vermengt spätere Thesen, die dem Leser zunächst nur hingeworfen werden, mit wichtigen Aussagen, die nur schlecht belegt sind und der näheren Erläuterung bedürften. Zu Beginn kennt man den Zeitrahmen, auf den sich Schirrmachers Ausführungen beziehen, noch nicht (auch später muß man sich diesen selbst herausschälen; es geht um den Zeitraum 2010 bis 2040/50). So schreibt er: "Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird die Zahl der Älteren größer sein als die der Kinder" (S. 10-11). Den Zeitpunkt kann man nur in der baldigen Zukunft vermuten. Was Schirrmacher an dieser Stelle unter die Älteren zählt, weiß man nicht. Da er von der Menschheitsgeschichte schreibt, bezieht er seine Aussage wohl auf die gesamte Menschheit. Nun gibt er dazu einen Beleg an: Peter Schimany: Die Alterung der Gesellschaft (siehe Für Schirrmacher beginnt das Leiden am Alter ab Mitte 30 (S. 13). Das ist völlig überzogen. Mitte der 30 wird man sich allenfalls bewußt, dass man nicht mehr zu den Jüngsten zählt. |
| Teil 1 Die
Heraufkunft der alternden Gesellschaft Schirrmacher meint hier: "Vielleicht glauben wir deshalb nicht an die Größe des Epochenbruchs, weil er sich ankündigt wie der Fahrplan der Stadtwerkebusse. Eine Revolution, deren Eintrittsdatum wir kennen, deren Auswirkungen wir fürchten und die wir doch nicht abwenden können, überfordert unsere Vorstellungskraft" (S. 40). Ähnlich heißt es in der Einleitung, dass die Leute (Schirrmacher gebraucht oft "wir"; dabei ist unklar, ob er seine Generation oder alle Deutschen oder gar die Menschheit meint) so tun, als beträfe sie die Altersproblematik nicht (S. 15). Das ist mehrfacher Unsinn:
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| Teil 2 Das
Komplott Immer wieder bringt Schirrmacher die triviale Erkenntnis: die Babyboomer (damit meint er die nach 1950 geborenen) werden die Älteren von morgen sein. (S. 70). Damit sollte er keinen aufmerksamen Leser schrecken können. Die Verzerrung der Alterspyramide ist in der öffentlichen Diskussion seit Jahren präsent. Den Hinweis auf Richard Dawkins (S. 80) und die gelegentliche Bezüge zur Evolution (siehe Auf Leistungsabbau im Alter und den Rassismusvorwurf eine wichtige Voraussetzung um die Gleichaltrigen zum Komplott aufzurufen gehe ich später umfassend ein. Das Rentenalter (nehmen wir 65 Jahre) ist nach Schirrmacher eine "völlig willkürliche Grenze" (S. 99). Eben nicht; ab 60 baut der Mensch stärker ab als zuvor. Ab 65 sind viele körperliche Tätigkeiten nicht mehr ohne Gesundheitsschaden ausführbar. Schirrmacher: Wir sind die erste Generation mit der Erfahrung des kollektiven Alterns (S. 108-109). Falsch. Seit über 100 Jahren steigt das durchschnittliche Alter und die Lebenserwartung, siehe beispielsweise Diagramme S. 24 und 25. Falsch ist ebenso Schirrmachers Befund, unsere Gesellschaft kenne keine Übergänge zwischen Jung und Alt, gesund und krank, naiv und weise. Die drei Lebensabschnitte Jugend, Beruf, Alter seien getrennt. "Keiner hat mit dem anderen zu tun" (S. 132). Das kann ich aus meinem Erfahrungsbereich nicht bestätigen. Durch Familienstrukturen bestehen zahlreiche Verbindungen zwischen den Erwerbstätigen und der Generation ihrer Kinder, ja sogar zwischen der Rentnergeneration und deren Enkel. |
| Teil 3 Die
Mission "Unsere Mission ist es, alt zu werden. Wir haben keine andere. Es ist die Aufgabe unseres Lebens" (S. 155). Jeder der drei Sätze ist falsch. Wie kann Schirrmacher "unsere", "wir" verwenden? Schon Achilles sah für sich eine andere Mission. Er zog den Ruhm auf Kosten eines kurzen Lebens vor. Milliarden Menschen nach ihm geben ebenfalls nicht dem Altern Priorität. Mir scheint hier auch ein Widerspruch zu Schirrmachers These "Kein Mensch wird gerne alt" (S. 13) vorzuliegen. Die These halte ich mit Verlaub für Unsinn. Auch das behauptete "So alt will ich gar nicht werden" (S. 15) hörte ich selten; meist nur für > 90 Jahre oder mit der Einschränkung, wenn man krank und gebrechlich wäre. Im Gegenteil heißt es: "Jeder will gerne alt werden, aber sein will es keiner". Vergleiche dazu das Buch (das ich nicht kenne), das schon im Titel Schirrmacher widerspricht: Micheline Rampe: Jeder will es werden, keiner will es sein ( Nicht nur hier im Teil 3 auch im vorherigen Teil 2 wird die These Schirrmachers ("Kein Mensch wird gerne alt") selbst widerlegt: Wir erhoffen uns medizinische Durchbrüche (fürs Altern), Erfindungen, die (im Alter) das Leben verbessern. Diese Urträume verlängern die Lebenserwartung (S. 113); "... wir tun alles, um noch länger zu altern" (S. 134). Schirrmacher: Erfahrungen, Lebens-, ja Sterblichkeitsgefühle von Älteren sind (in unserer Welt des Jugendwahns) nicht vorhanden (S. 160). Auch diese Behauptung ist in dieser Ausschließlichkeit falsch. Biografien, auch von Älteren, werden gerne gelesen; Erfahrungsberichte, gerade älterer Korrespondenten ebenfalls, siehe beispielsweise ZDF: Mittwoch, den 28.06.2006, 22.45 - 23.30 "Russland im Zangengriff. Peter Scholl-Latour (* 9. März 1924 in Bochum) untersucht die existenziellen Probleme Russlands". Ein 82-Jähriger teilt seine Erfahrung im TV mit. Schirrmacher will weiters den Lesern einreden, dass 2 plus 2 = 5 in George Orwells: 1984 keine Metapher sei (S. 177). Freilich, genau das ist es. Es steht stellvertretend für allen propagandistischen Unfug, der geschluckt werden soll/muß. |
| Teil 4 Die
neue Selbstdefinition Der Teil 4 überrascht, da er in vielem dem zuvor Geschriebenen widerspricht. Nun ist es nicht mehr unsere (= die Schirrmachers) Generation die durch die Hölle des Alters muß, sondern es kommt auf den Einzelnen an. Sie/er kann bestimmen, was die zusätzlichen Jahre bedeuten (S. 194). Der einzelne Senior und ausdrücklich nicht die Jüngeren bestimmen über sich selbst (mit Einschränkungen, selbstverständlich). Nicht ganz zusammen passt der Befund, dass einerseits die persönliche Zufriedenheit alter Menschen hoch ist, andrerseits dieser Gruppe keineswegs alles egal ist (S. 195). Sie werden also sehr wohl über manches unzufrieden sein und ihre Meinung dazu kundtun und eventuell auch durchsetzen. Der Schrecken des Alters, den Schirrmacher in drei Teilen ausmalte, verschwindet angesichts dieser Selbstbewussheit. Die meisten Senioren dämmern nicht in einem nebligen, grauen Zustand dahin (S. 195). In der Einleitung klang es noch anders. Schirrmacher schrieb nebulös: "als könnten wir die letzten Lebensjahre nur im Nebel ertragen" (S. 15). Und dann schiebt Schirrmacher gar sein Ausmalen des Kriegs und der Hölle auf die Jüngeren: Das Alter wird nicht die soziale Hölle sein, die sich die Jüngeren ausmalen (S. 196). Ganz zum Ende des 4. Teils gibt Schirrmacher eine völlig positive Prognose: die Alten erleben einen aufregenden Abschnitt und sind mittendrin. Viel liegt vor ihnen. (S. 196). |
| Was die Liste einiger alt gewordener Künstler (S. 202-203) bezwecken soll, war mir unklar. Dass es einige Menschen zu hohem Alter brachten hat doch niemand bestritten!? |
| Soweit der Gang durchs Buch. Es folgen die übergreifenden Thesen Schirrmachers, wobei ich im Großen und Ganzen von den mehr zustimmungsfähigen zu den verfehlten übergehe. |
| Schirrmachers
Ausgangsbefund über den rasanten und strukturellen Wechsel des Altersaufbaus in Deutschland ist unbestreitbar. Sein Anliegen, mögliche Konsequenzen bewusst zu machen, ist lobenswert. Es droht beispielsweise eine Diskriminierung der Alten. Entgegen seinem versöhnlichen vierten Teil stellt Schirrmacher aber vieles als große unabwendbare Bedrohung dar oder benötigt ein noch schlimmeres Vokabular.
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| Buchtitel
Methusalem: tritt im Alten Testament (1 Mos. 5, 21-27) als Großvater von Noah auf. Im Alter von 187 Jahren zeugte er Lamech, danach lebte er noch 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Methusalem wurde 969 Jahre alt. Komplott: Verabredung zur Begehung einer Straftat, Anschlag, Verschwörung. Methusalem weist sofort auf die Altersthematik hin. Dagegen ist Komplott wohl zu reißerisch, wenn man die Bedeutung des Wortes genauer ansieht. Als Titel, der die Aufmerksamkeit des Lesers und Käufers wecken soll, mag Das Methusalem-Komplott gerade noch durchgehen. |
| Ausgezeichnet fand ich das Unterkapitel
"Der Tod fürs Vaterland" (S. 126-131), in dem Schirrmacher fragt, ob man
nicht auch analog zum Tod aus Liebe zum Vaterland früherer Jahrhunderte
eine Pflicht zum Tode im Alter (gemeint ist sicher der vorzeitige Tod)
verlangen könne (S. 127). Der Text des gesamten Werks wird lebendig, da Schirrmacher die Künste z.B. die Literatur an vielen Stellen einbezieht. |
| Die wichtigsten Thesen | |
| Die
Alterspyramide ist kein Ideal, dessen Verlust beklagt werden müßte. Schirrmacher übersieht grundlegend: das Altern Deutschlands und der Welt ist gewollt und erwünscht: medizinischer Fortschritt Zivilisation (Hygenie; medizinische Versorgung; sauberes Wasser) etc. sind Errungenschaften, die sogar in Entwicklungsländer exportiert werden. Die Alterspyramide ist nicht die anzustrebende Form des Altersaufbaus einer modernen Gesellschaft. Vielmehr ist es das Rechteck. Alle Geborenen bleiben dank Gesundheitsfürsorge und Vorsichtsmassnahmen am Leben bis sie das Lebensende nach Stand der Medizin und Gerontologie erreichen. |
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| Den Kampf
zwischen den Generationen belegt Schirrmacher nicht überzeugend
Die Gesellschaft (wer ist das in diesem Fall?) nimmt dem Senior das Selbstbewusstsein und den Arbeitsplatz (S. 9), meint Schirrmacher. Im Teil 4 zeigt uns der Autor dagegen das Bild vom selbstbewussten engagierten Senior. Mit der Arbeitsplatzwegnahme meint Schirrmacher wohl die Zwangsverrentung.
Verschwörungstheorien sind mir suspekt. Schirrmacher hätte dazu Verschwörungstheorien Kursbuch 124 ( |
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| Richtige Thesen, die Schirrmachers Ausführungen bezweifeln lassen | |
| Schirrmacher erkennt richtig,
dass man die Dramatik des Alterns statistisch sehr gut erfassen kann.
Schließlich sind die Daten alle bekannt, ausgenommen künftige
Geburten oder Zu- und Abwanderung. Andrerseits kann man die Folgen schlecht
abschätzen. Auch dies erkennt der Autor. Wie will er dann ein Buch
über "von uns allen nicht vorhersehbaren Abenteuer" (S. 14) schreiben? An
späterer Stelle bemerkt er ähnlich: "Es gibt keinen Erfahrungsbericht
darüber, was geschieht, wenn in einer hochmodernen Gesellschaft sehr viel
Ältere auf ganz wenig Junge treffen" (S. 64). Trotzdem geht Schirrmacher
ständig davon aus, dass seine Kriegsprognose die einzig richtige sei. Er
müßte eigentlich seine Urteile kräftig abschwächen und
verschiedene Szenarien aufbauen, die meisten ohne einen Krieg zwischen den
Generationen. "Es gibt unzählige Institutionen, Organisationen, Lobbyisten, Firmen, Webpages, die sich auf den Altersschock der Gesellschaft vorbereiten" (S. 71). Das bezieht sich auf die USA, gilt aber wahrscheinlich abgeschwächt auch für Deutschland. Schirrmacher will uns dagegen glaubhaft machen, wenn er es uns mit seinem Buch nicht gesagt hätte, wären wir völlig unvorbereitet. Der Altersmythos, Erfindungen und Lügen über das Alter und die Alten funktioniert solange, die Alten in der Minderheit sind. Wenn die Alten zur Mehrheit werden, "muss dieses ruinöse Programm zum Systemabsturz führen" (S. 91). Das ist widersprüchlich zum gesamten Buchinhalt. Wenn der Altersrassismus zusammenbricht: zu was dann Sorgen machen? Schirrmacher tadelt die zwanghafte Pensionierung mit 65 (mag sein zurecht; sollte variabel gemacht werden und ist es ja auch!). Andrerseits gesteht er aber zu, dass (gerade? auch?) in Ländern ohne Zwangspensionierung Klagen, Beschwerden, Krankheiten, Selbstmorde, deren Quelle Altersdiskriminierung ist, auftreten (S. 100). Wir haben Schuldgefühle gegenüber dem Leben, wegen Umweltverschmutzung, Ressourcenverbrauch usw. (S. 171). Ich meine, diese Diagnose Schirrmachers trifft zu. Andrerseits zeigt Schirrmacher, dass viele der apokalyptischen Thesen (oder auch schwächere Schreckensszenarien) so schlimm nie eingetroffen sind: seit 1986 keine großer Atomunfall mehr; Waldsterben scheint gestoppt, ... (S. 173). Wir sind hunderte Tode gestorben, aber immer nur fast. Wenn diese Diagnose zutrifft (ich teile sie nicht, gestehe es Schirrmacher aber mal zu; Ozonloch ist dramatisch; ebenso Regenwaldabholzung; Ausrottung menschlicher Stämme; Vernichtung von Sprachen, etc.), dann ist sein Szenarium das 101. Dieses Argument macht sein gesamtes Buch eher unglaubwürdig. |
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Drei falsche
Thesen
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| Begrenzung des
Lebensalter Schirrmacher meint, es gäbe kein Indiz dafür, dass die Lebenserwartung eine natürliche Grenze habe (S. 23, S. 146). Das ist wohlwollend ausgedrückt stark umstritten. Es gibt jede Menge Indizien: Die jahrtausende lange Erfahrung zeigt, dass die Lebenszeit des Menschen (und aller anderen tierischen Arten) begrenzt ist. Die körperliche Ausstattung des Menschen zeigt es ebenso. Viele Körperteile unterliegen dem Verschleiß, ohne dass es natürlichen Ersatz gibt. Schirrmacher selbst: "Die Natur löscht denjenigen aus, der keine Kinder mehr in die Welt setzen kann" (S. 89); "Es gibt ein biologisches Altern" (S. 90). Schirrmachers "Altern ist ein degenerativer Prozess" (S. 179) sagt, dass Alter mit Zerfall verbunden ist und deutet stark darauf hin, dass es eine Begrenzung des Lebensalters gibt. Schirrmachers Untermauerung der Vermutung, dass es möglicherweise keine Altersbegrenzung nach oben gibt, ist: wer 85 ist, hat gute Chancen 100 zu werden (S. 146). Eine Erklärung dafür ist der fehlende Selektionsdruck ab einem gewissen Alter: "there is an increasing awareness of the decline of selection pressures with increasing age" (Williams 1957, S. 399; siehe Damit ist eine Grenze vorgegeben und es ist eher umgekehrt zu begründen, warum der Mensch übrigens als eine der wenigen Arten nach der Zeugungs- und Reproduktionsfähigkeit noch solange lebt. Man nimmt an, dass es evolutiv von Vorteil ist, wenn die Pflege der Nachkommenschaft lange wirksam ist und Erfahrung von Älteren auf Junge übergeben wird. In jedem Zoo kann man den Alterungsprozess der Tiere beobachten, die nicht mehr wie in freier Wildbahn durch natürliche Feinde ausgemerzt werden (S. 138). Überleben und Altwerden nach der reproduktiven Periode wird nur in der Zivilisation und bei Haustieren beobachtet. D.h. bei allen anderen Tieren tritt nach der reproduktiven Periode der rasche Tod ein (S. 214, Fußnote 102). Bibelgläubige können dazu das Alte Testament zu Rate ziehen. Nachdem die ersten Menschen der Bibel das sprichwörtliche biblische Alter erreichten (und bibeltreue Christen, wie beispielsweise die Zeugen Jehovas nehmen die hohen Altersangaben der Bibel wörtlich) erzürnte Gott und beschränkte die Lebenszeit fürderhin: "Ich will ihnen noch Frist geben hundert und zwanzig Jahre" übersetzt Martin Luther. Die King James Bibel schreibt über die Sterblichkeit des Menschen an dieser Stelle (1 Mos. 6,3): "his days will be a hundred and twenty years". Damit wäre also bei 120 Jahren das Ende der Fahnenstange. |
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| Falsche
Einschätzung des Alters Schirrmacher betont öfters, dass man sich zuwenig mit der Altersproblematik befasst (wurde schon kritisiert), den Statistiken nicht traut oder gar die Lebenserwartung herunterrechnet (S. 15). Wer das sein soll, der die statistische Lebenserwartung herunterrechnet, sagt uns Schirrmacher nicht. Ich bestreite es. Es ist allgemein bekannt und Schirrmacher schreibt es, sich selbst widersprechend dass die durchschnittliche Lebenserwartung seit mehr als hundert Jahren steigt und immer noch steigt. Ich kenne sogar Berechnungen, dass sie pro Jahr um 0,3 Jahre steigt. In Entwicklungsländern hoffe ich mit einer drastischeren Steigerung: dort ist das Ausgangsniveau niedriger. |
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| Altersdiskrimierung, Rassismus, Euthanasie Die Altersdiskrimierung wird von Schirrmacher anhand von William Osler, einer Untersuchung von Lewis Lapham & Robert Fulford und studentischen Tests (S. 93-94) belegt. Ein neuerer Artikel, ebenfalls die USA betreffend ist, bestätigt steigende Vorurteile gegenüber der älteren Generation (Richeson 2006). Eine weitere US-Studie zeigt, dass Senioren allein durch ihre Präsenz Vorurteile bei jüngeren Zeitgenossen hervorrufen. Sie zeigt aber auch, dass diese Vorurteile sehr wohl ohne Kriegserklärung zumindest abmilderbar sind (Martens 2005). Schirrmacher legt im Kapitel "Entmündigung durch Sprache" nochmals nach (S. 164ff). Die Tendenz zur Entmündigung von Älteren oder Behandlung als Kind ist gewiss vorhanden. Doch Schirrmacher zieht stärker vom Leder: Die Senioren werden in den kommenden zwei bis vier Jahrzehnten in "dieser überquellenden Hölle gegrillt" (S. 164)!? Gerade die eigene Altersgruppe diskriminiert die Senioren (S. 168). Humorvoll wird dies in Alan Isler: The Prince of West End Avenue ( Schon in der Einleitung konfrontiert Schirrmacher den Leser mit Jüngeren, die die Senioren vorwurfsvoll ansehen: "Warum seid ihr nicht tot?" (S. 16). Er unterstellt der jungen Generation Rassismus gegenüber den alternden Menschen ab dem 40. Lebensjahr (!), den er als tödlich ansieht, wenn sich die Senioren nicht wehren (S. 30). Es geht von der rassistischen Diskriminierung der Älteren (S. 63) bis zur "Zivilisation der Euthanasie" (S. 63). Er nennt es ein rassistisches Altersstereotyp, dass man mit 60 ... 75 Jahren nicht mehr intellektuelle oder körperliche Leistungen im Berufsalltag erbringen kann (S. 91). Man kann natürlich, aber nicht jeder in jedem Beruf; und wie Schirrmacher später einschränkt: die Leistung nimmt tatsächlich ab. Die Feststellung der abnehmenden Leistung im Alter über 50 ist also eine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit, kein Rassismus. Ich habe dies in meinen Schachkursen festgestellt. Den Kindern ein- oder zweimal gesagt war die Regel oder das Strategem kapiert und gemerkt. Den Erwachsenen mußte ich es meist mehrfach in Erinnerung rufen. Wenn überhaupt, so ist die Einstellung gegenüber den Älteren allenfalls ein milder Rassismus: Der alternde Mensch (und das gesteht Schirrmacher öfters zu) baut ab. Doch Schirrmacher spitzt es zu und vergleicht diese Haltung mit dem Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts. (
Zu 2) wird so generell kaum behauptet. Zu 3) Schirrmachers Befund ist völlig überzogen. Allerdings zieht der Autor sofort wieder zurück: es gibt negative Alterserscheinungen (gegen 1 gerichtet) und Leistungsverlust (gegen 2). Die Schwere der Sanktionen für den nur vermeintlichen Abbau im Alter empfindet Schirrmacher unverhältnismässig (S. 95). Die Diagnose "soziale und intellektuelle Diffamierung" (S. 95) scheint mir wieder überzogen. Der wahre Kern ist, dass Senioren mehr gefordert werden sollten. Der Seitenhieb ist, dass die Unterforderung auch an manchen Senioren selbst liegt. Wer nur mehr Halma spielt und sich damit unterfordert, bestätigt die Altersvorurteile. Schirrmacher führt hier (S. 95) und später (ohne Quellenangabe!) Forscher an, die herausgefunden haben, dass unter 80 Jahre kein wesentlicher Abbau beim Arbeiten stattfindet (S. 101). Das bezweifle ich. |
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| Krieg der
Generationen Mit diesem Ausdruck und den starken (behaupteten) Emotionen zwischen den Generationen (Verachtung, Wut, S. 13) baut der Autor einen Popanz auf und lehnt sich übertreibend an Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen ( Obwohl es Schirrmacher nicht immer verdeutlicht: das von ihm beschworene Szenarium ist hauptsächlich ein deutsches. (Vorurteile gegenüber Älteren gibt es dagegen auch anderswo, wie die schon erwähnten Studien Martens 2005 und Richeson 2006 belegen). Weltweit verbreitet ist das Hinausschieben des durchschnittlichen Lebensalters. In Deutschland wurde das Alterssicherungssystem 1957 unter Konrad Adenauer von der kapitalgedeckten Sparrente auf das Umlageverfahren umgestellt. Ein typisches kurzfristiges Zukleistern von Problemen. Jahrzehntelang huldigte man dem (privat übrigens verbotenen) Schneeballsystem und baute es aus. So konnten sich Ende der 60-er Jahre Selbständige durch Einmalzahlungen in das Rentensystem einkaufen. Kurzfristigen Zahlungseingängen standen hohe Verpflichtungen für spätere Generationen gegenüber. Das alles funktionierte dank hoher Geburtenrate und einer steigenden Zahl von Erwerbstätigen. Mit der Wiedervereinigung nahm Helmut Kohl ohne Einzahlung oder eigene Leistung Millionen Neubürger in den sogenannten "Generationenvertrag" ( Schirrmachers ständiges Kriegsvokabular ist völlig verfehlt. Nur weil ein Philipp Mißfelder (* 25. August 1979 in Gelsenkirchen; Bundesvorsitzender der Jungen Union und Mitglied des Deutschen Bundestages; Beispiele zum Kriegs- und apokalyptischen Vokabular: "psychologische Kriegsführung"(S. 32); "zum wirklichen Krieg" (S. 32); "Selbst-Bedrohung durch die graue Dämmerung unserer Welt" (S. 50), gemeint ist wohl die zunehmende Alterung der Weltbevölkerung. "Über der Welt jenseits des Jahres 2010 liegt aus heutiger Sicht etwas von mittelalterlicher Todes- und Verfallsatmosphäre, von Ursünde und Strafe" (S. 56); "Kriegspropaganda" (S. 27); "Wir müssen Selbstverteidigungsstrategien entwickeln, Methoden alternativer Kriegsführung, die es einem erlauben, auch als schwacher Alter zu überleben: von der Partisanentätigkeit bis zum Hacker-Angriff" (S. 115). |
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| Krise mit
Zeitbegrenzung Das Maximum der demografischen Krise in Deutschland wird um 2035 erreicht (S. 126). Dann kommen die geburtenschwachen Jahrgänge (geboren ab 1964) ins Rentenalter und mit ihnen entspannt sich die Lage voraussichtlich. Das thematisiert Schirrmacher aber nicht ausdrücklich. |
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| Wechsel von
Bezugsgrößen Bei der Lektüre heisst es aufpassen: Schirrmacher wechselt ständig die Bezugsgrößen und Bezugsländer und bezeichnet sie ungenau. Das gilt besonders für Teil 1, in dem er nachweist, dass die Alterung der Gesamtbevölkerung rasch voranschreitet und unabwendbar ist. Dabei ist zugestanden, dass Schirrmacher, um die Alterung drastisch darzustellen, diesen Prozess aus verschiedenen Blickwinkel beleuchten muss. Er braucht also diverse Indices und Bezugsgrößen. Doch die dürften nicht ständig wechseln und müßten im Text oder besser einem Glossar erläutert werden. Bei den Ländern nennt Schirrmacher oft Florida (z.B. S. 59-60) oder die USA (z.B. S. 145). Weder Florida noch die USA sind uneingeschränkt auf Deutschland übertragbar. Florida hat sehr viele Pensionisten und gleicht damit eher Mallorca oder wo immer sich die deutschen Rentner hin verziehen. Die Situation in Deutschland und in Europa ist anders: niedrigere Geburtenrate; andere Sozialsysteme; weniger Zuwanderung; ... Schirrmacher unterscheidet selten zwischen Deutschland, Europa, USA oder Gesamtwelt. Er überlässt es dem Leser zu überlegen, inwieweit die Befunde übertragbar sind. Schirrmacher geht anscheinend unbefragt davon aus. Da geht es um die gesamte Weltbevölkerung, dann um die "Altersgruppe der Älteren" (S. 39). Der letzte Begriff ist unerklärt: ab 50, 60, 65, 70 Jahre? Oder nur die, die sich alt fühlen? Gleich darauf kommt die Gruppe > 85 Jahre, dann die > 100 Jahre (S. 40). Dann folgt ein Vergleich von 40-60 Jahre mit > 80 Jahre und ein neuer Altenquotient, diesmal > 65-Jährige auf 100 Erwerbstätige (S. 43; das kommt der Erläuterung in Wikipedia näher, Viele Effekte, die der Autor beschreibt, beruhen auf der niedrigen Geburtenrate. Er vergleicht die Erde mit einem riesigen Altersheim (S. 18), was wenn überhaupt hauptsächlich deshalb zutrifft, weil die Anzahl der Geburten zurückgeht. Das wird Schirrmacher nicht bewußt oder er schreibt es nicht, bezieht sich aber in der Fußnote 7 an der genannten Stelle auf eine Studie, die sich ausdrücklich auf den Bevölkerungsrückgang bezieht. Schirrmacher vermischt die beiden Sachverhalte: Erhöhung der Lebenserwartung und Geburtenrückgang häufig. Ähnlich beschreibt er die Landflucht (hat andere Ursachen) und Renaturierung von Wolf und Luchs |
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| Unerklärte Ausdrücke und unverständliche
Sätze Oft verwendet Schirrmacher Ausdrücke oder Sätze die eine exakte Erklärung vermissen lassen. Der "Altenquotient der Deutschen" (S. 41) ist dafür typisch. Schirrmacher erläutert ihn als "die Zahl der über 60-Jährigen auf 100 Menschen im Alter von 20 bis 60" erläutert. Na, was ist dass denn? Es soll wohl so interpretiert werden:
Anzahl der über 60-Jährigen = 12.000.000 Anzahl der Menschen im Alter von 20 bis 60 = 36.000.000 dann ist der Altenquotient der Deutschen 12.000.000 x 100 / 36.000.000 = 33,3 Dies scheint cum grano salis die richtige Interpretation zu sein. Im lexikalischen Altenquotient (siehe Zur Vieldeutigkeit des Altenquotients führt Schirrmacher noch einen demographischer Altenpflegequotient und und einen Altenpflegequotient der über 90-Jährigen ein (S. 43). All diese wichtigen Bezugsgrössen hätten in einem Glossar erläutert werden müssen. Was versteht Schirrmacher unter "unsere merkwürdige vorauseilende Koketterie mit dem Tode" (S. 15)? Ganz gegenteilig wird oft behauptet, unsere Gesellschaft im Jugendwahn behandelt das Denken an den Tod als Tabu. Was ist ein "auf ewig definierter Prozess" (S. 145)? Schirrmacher behauptet, der Alterungsprozess falle nicht darunter. Definitionen sind Menschenwerk zur Vereinfachung der Kommunikation; von "ewig" kann keine Rede sein. Wenn Schirrmacher damit meint, dass es möglich ist, dass der Alterungsprozess zukünftig aufgehoben werden könne, so sprechen zwei von ihm angegebene Aufsätze dagegen: Williams 1957 (Fußnote 102) und Carnes 2002 (Fußnote 103); zu beiden siehe Der Alterungsprozess kann derzeit noch kaum (mit medizinischen Mitteln) aufgehalten werden. Man hofft zukünftig ihn wesentlich zu verzögern oder weit hinaus zu schieben. Die drei Autoren des zuletzt genannten Aufsatzes aus Scientific American bzw. Spektrum der Wissenschaft meinen: "Viele Biologen, die intentiv [sic] über die Ursachen des Alterns forschen, hoffen zwar, tatsächlich einmal auf Mittel und Wege zu stoßen, die den Alterungsprozess hinauszögern. Dadurch würde die Gebrechlichkeit im Alter später einsetzen und eine gute Lebensqualität bliebe länger erhalten. Wer allerdings heute schon behauptet, er hätte dergleichen Produkte parat, der irrt entweder oder er lügt bewusst" (Carnes 2002, S. 68). Hier zwei erläuterungsbedürftige Sätze aus Schirrmachers Methusalem: "Gingen wir mit dem Raum so um wie mit unserer Lebenszeit, würden wir mit Postkutschen reisen" (S. 9). Dieser Satz bleibt mir auch nach vielmaligen Lesen unverständlich. "Dann ist die Midlife-Crisis der Beginn einer auslaufenden Produktion" (S. 125). Wann hat man die Midlife-Crisis, wenn die Altersdiskriminierung schon ab 40 Jahre einsetzt? Schirrmacher meint wohl nicht, dass die Midlife-Crisis ausläuft, sondern dass man die nicht mehr haben wird!? Oder meint er, mit dem Einsetzen dieser Krise zählt der Mensch zur auslaufenden Menschengruppe? |
| Schirrmacher
trickst oft oder vermischt unbewußt oder
schluddrig Schirrmacher schreibt von den heute über 70-Jährigen (S. 111), also geboren ca. 1930 und springt dann auf die Generation von 1883 bis 1903 (S. 112). Das ist noch harmlos, wenn auch schluddrig. Er verweist auf die Debatten über die Kosten der Gesundheit (S. 125): jeder nickt, und Schirrmacher springt auf die Spareffekte beim Sterben (S. 125). Hierzu gibt es aber keine (mir bekannte) Debatten bei uns; selbst die Einschränkung der Altersmedizin ist kein großes Thema: man will mehr Altersstationen in Krankenhäuser und ausserhalb einrichten; man will mehr für Schmerzlinderung tun; Palliativmedizin nimmt an Bedeutung zu. Der Testslogan aus der JU (siehe Mißfelder unter In der Einleitung weist der Autor mit mehreren Angaben darauf hin, dass damit zu rechnen ist, dass die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre ist (S. 16-17). Hier wird deutlich, dass Schirrmacher noch das verfehlte Ideal der Alterspyramide vor Augen hat. Dabei ist das Rechteck die Struktur des Alteraufbaus, die unseren derzeitigen Vorstellungen am nächsten kommt. Es ist also völlig in Ordnung, dass 50% der Bevölkerung > 50 Jahre sind. Weitere Beispiele: "Viele Großeltern teilen sich wenige Enkel" (S. 16). Großeltern haben eigene Enkel (sonst sind es keine). Angeblich haben frühere Generationen die Situation ignoriert (S. 19). Das geht nicht, der Autor selbst macht uns klar, dass es diese Situation vorher noch nie gegeben hat. Gustav Aschenbach in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig ( Die jungen Leute von 1923 wurden geprägt und haben die Welt geprägt von der Inflation bis zur Atombombe (S. 173-74). Da ist Schirrmacher wieder zu ungenau. Diese Leute wurden geprägt. Aber die zwei Weltkriege, Völkermord und Atombombe gehen wesentlich auf das Konto der vor 1900 Geborenen. Schirrmacher meint, es wird nur noch darum gehen, welche Kosten die älter werdenden Massen verursachen (S. 125). Doch ist eine Studie über Kosteneinsparung in den USA, die sich zum Teil wieder auf Erhebungen in den Niederlanden beruft, (Emanuel 1998) noch lange keine Euthanasie oder auch nur Diskussion der Euthanasie in Deutschland. Da die Alterung in den USA völlig anders verläuft (höhere Geburtenrate; sehr viel mehr Zuwanderer) ist unklar, wie sich die Studie von den USA auf Deutschland übertragen läßt. Schirrmacher redet von Beweisen, dass die Ideen über das Altern das Altern selbst verändern. Der von ihm genannte Aufsatz (Ryan 1992) zeigt nur, dass die Meinung über die Gedächtnisfähigkeit anderer, einerseits davon abhängt, welches Alter diese haben. Personen unter 25 Jahren wird eine bessere Gedächtnisleistung zugebilligt, als Personen über 70 Jahren. Andrerseits hängt die anderen zugebilligte Gedächtnisleistung davon ab, welche man selbst hat. Leute mit gutem Gedächtnis billigen auch anderen gute Gedächtnisleistung zu. Schirrmacher stellt sich auf den Standpunkt, der Abbau der Leistungsfähigkeit sei eine Unterstellung (S. 178). Wie schon oben ausgeführt meine ich (und Schirrmacher gesteht es anderer Stelle zu), dass die geistige Leistungsfähigkeit im Alter (ab 60-65) in den meisten Fällen sehr wohl abnimmt. |
| Formale
Mängel Zu den inhaltlichen und methodischen Mängeln gesellen sich auch noch einige formale. So fehlen oft Quellenangaben oder sie sind ungenau. In einem populärwissenschaftlichen Buch erwartet man nicht immer exakte Zitatverweise, dann sollte man aber konsequent darauf verzichten. Ich nenne nur ein paar zum Beleg. Da wird die Zeitschrift Foreign Affairs genannt ohne auch nur das Jahr anzugeben (S. 14). Forscher hätten herausgefunden, dass unter 80 Jahre kein wesentlicher Abbau beim Arbeiten stattfindet (S. 101). Ein langes Zitat von Andzej Stasiuk bleibt ohne jegliche Quellenangabe (S. 188), ähnlich das Zitat von Elias Canetti "Welt in unserem Kopf" (S. 160). Die Studie von Lapham und Fulford wird genannt, es folgt ein Zitat und die anschliessende Fussnote 60 verweist auf das Buch von Sigrun-Heide Filipp und Anne-Kathrin Mayer (S. 94; siehe Auch der Index ist unvollständig oder falsch. Mir fiel auf: Neil Postman (S. 121 fehlt), Oswald Spengler (S. 130 fehlt), Geoffrey West (S. 131; Schirrmacher nennt 130), Gerhard Roth (S. 132 fehlt), Wolf Singer (S. 132 fehlt), Rembrandt (S. 200 fehlt). |
| Spiegel-Bestsellerliste Frank Schirrmacher Das Methusalem-Komplott hielt sich im Jahre 2005 monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. In der Jahresliste 2005 kam es auf den 11. Platz. Wie wenig seriös die Liste ist zeigt aber der Spitzenplatz 2005: 1. Peter Hahne: Schluss mit lustig. Nach allem was man liest ein wenig fundiertes und kaum zu empfehlendes Buch. Da kann man dann einschätzen, wie "wertvoll" erst Platz 11 im selben Jahr ist. |
| Der wichtige Themenkomplex zur sich verändernden Altersstruktur in Deutschland hätte eine sorgfältigere Behandlung verdient. So wird man den Eindruck nicht los, dass sich hier jemand mit einem reißerischen Sachbuch ins Gespräch bringen wollte. |
| Nachtrag, 13.2.2007 Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka erforscht derzeit die Rolle des populären Sachbuchs im 20. Jahrhundert. Zur Vorgehensweise Schirrmachers meinte er, dass Frank Schirrmacher den US-Sachbuchmarkt genau beobachte. Dann nehme er ein paar US-Sachbücher zur Grundlage einer Übertragung auf deutsche Verhältnisse. SZ, 13.2.2007, S. 14 Entsprechend zusammengestöpselt ist daher sein Methusalem-Komplott. |
| Links |
Philipp Mißfelder: |
| Rezensionen | |
| "Der Intellektuelle vom Typus
Schirrmacher läuft damit Gefahr, zur tragischen Figur zu werden. Wer alle
zwei, drei Jahre ein neues Thema entdeckt, gegen das die Französische
Revolution eine Anekdote war, muss ja dauernd die rhetorische Dosis
erhöhen. Damit steigt der Preis für den Erfolg. Die Thesen werden
immer steiler, der Gestus wird immer wilder",
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| Andere Ansichten online |
| Ein Gegenentwurf zu Schirrmachers
"Methusalemhysterie", so Nicholas Strange,
* 1947, Unternehmensberater, Dozent für Betriebswirtschaft und Infografik
in Moskau: Keine Angst vor Methusalem! Warum wir mit dem Altern unserer
Bevölkerung gut leben können, siehe
"Anti-Schirrmacher", so Rezensentin Sandra Pfister in: "Nicholas Strange entschleiert den Methusalem-Mythos als ein typisch deutsches, populäres Katastrophenszenario", |
| James W.
Vaupel, Direktor am Max- Planck-Institut für demografische
Forschung in Rostock, zieht ein völlig anderes Resümee als
Schirrmacher: Das Szenario einer alternden Gesellschaft sollte weder Grund zur
Ignoranz noch für Horrorvisionen sein. Vielmehr muss das Bewusstsein
dafür geschärft werden, welche Veränderungen die Zukunft bringt.
Denn nur so lässt sich angemessen reagieren etwa mit einer
gleichmäßigeren Verteilung der Arbeit über den Lebenslauf.
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| Literatur |
| Böckenförde,
Ernst-Wolfgang: "Die Würde des Menschen war unantastbar". Frankfurter
Allgemeine Zeitung 3. September 2003. S. 33-35 Carnes, Bruce A., Leonard Hayflick, S. Jay Olshansky: "Die Mär vom Jungbrunnen. Namhafte amerikanische Wissenschaftler warnen vor den Angeboten der boomenden Anti-Aging-Industrie". Spektrum der Wissenschaft (2002): S. 68ff. Emanuel, Ezekiel J., Margaret P. Battin: "What Are the Potential Cost Savings from Legalizing Physician- Assisted Suicide?". New England Journal of Medicine 339 (1998). S. 167-172. Graw, Ansgar: "Philipp Mißfelder und der Egoismus der Generation Smart". Die Welt 6. Aug 2003 Martens, Andy, Jamie L. Goldenberg, Jeff Greenberg: "A Terror Management Perspective on Ageism". Journal of Social Issues 61.2 (2005). S. 223-239. Richeson, Jennifer A., J. Nicole Shelton: "A Social Psychological Perspective on the Stigmatization of Older Adults". In: Laura L. Carstensen, Christine R. Hartel, Hg.: When I'm 64. Washington, D.C., 2006. S. 174-208. Verfügbar unter Ryan E. B.: "Beliefs About Memory Changes Across the Adult Life Span". Journal of Gerontology: Psychological Science 47.1 (1992). S. 41-46. Trimondi, Victor, Victoria Trimondi: Krieg der Religionen; siehe Williams, George C. : "Pleiotropy, Natural Selection, and the Evolution of Senescene." Evolution 11 (1957): S. 398-411. |
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| Frank Schirrmacher: Das
Methusalem-Komplott. München: Blessing, 2006. Broschiert: 219 Seiten
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| Karl Otto Hondrich: Weniger sind
mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere
Gesellschaft ist. Frankfurt: Campus, 2007. Gebunden, 280 Seiten
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| Samuel Huntington: Kampf der
Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert [The Clash
of Civilizations] München: Goldmann, 2002. Broschiert: 581 Seiten Holger,
Fließbach, Übs.
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| Peter Schimany: Die Alterung
der Gesellschaft. Ursachen und Folgen des demographischen Umbruchs. Campus
2003. Broschiert, 524 Seiten
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|
| Frank Schirrmacher: Minimum. Vom
Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. München: Blessing,
2006. Gebunden, 192 Seiten
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