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Padrutt
Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter. Zeitgemäße Betrachtungen
Zürich: Diogenes, 1997. Taschenbuch, 392 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Bei der Beschäftigung mit Schuberts Winterreise (rezension Links) stieß ich auf dieses Buch; zwei enthusiastische Besprechungen bewirkten, dass ich es las.
Die Betrachtungen Padrutts beschäftigen sich mit vielen Themen aus Ökologie, Musik, Philosophie, Literatur, Biologie, Medizin, Soziologie, Geistesgeschichte allgemein, usw. Das spricht für das Buch, ist aber auch sein Manko. Es sind zeitgemäße Betrachtungen, Erstauflage 1984. Daran ist erstaunlich, dass vieles genauso aktuell (oder sogar noch brennender) wie vor 25 Jahren ist. Manches muß man unter neuem Licht betrachten und es trifft ebenfalls noch zu; manches ist aber nicht mehr zeitgemäß.
Dem Werk ist ein passender Zweizeiler aus der Winterreise vorangestellt.
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?
Dieses Zitat drückt gleich auf der ersten Seite aus, dass sich der Autor und mit ihm der Leser mit versteckten Bezügen beschäftigen wird. Diesen Anspruch löst er ein.
Padrutts Gedanken-Sprünge kann man meist nachvollziehen. Nur so bewältigt er sein breites Themenspektrum. Der Streifzug wird dadurch aber auch zu einem wenig strukturierten Schweifzug. Nur so kommt Padrutt zu einer manches Erhellenden Gesamtsicht.
Zum Vergnügen wird Padrutts Essay dann (aber nicht nur dann), wenn man sich mit dem Text Reflektierten schon beschäftigt hat, wenn man Martin Heidegger gelesen hat oder Herbert Gruhl, Konrad Lorenz oder den Club of Rome ...
Padrutt setzt sich mit den "gnadenlosen Folgendes Christentums" auseinander, die Carl Amery in Das Ende der Vorsehung (Reinbek: Rowohlt, 1972) aufgestellt hat (S. 110ff). Jesus, der Revolutionär, habe "das Blaue vom Himmel herunter versprochen", sein baldiges Kommen angeküdigt und die Urchristen dann sitzen gelassen (S. 11). Ja, so kommt es, wenn man auf die Versprechungen der Heilsverkünder vertraut (hereinfällt).
Kritik
Starker Protest gegen Padrutts Auffassung, der Zweite Weltkrieg sei von einem Einzelnen entfesselt worden (S. 14). Das ist schlechterdings unmöglich und geht an der Wirklichkeit weit vorbei.
Max Planck: „Wirklich ist was sich messen lässt“, zitiert nach Martin Heidegger (S. 21; Fn15).
Hier lassen sowohl Heidegger als auch Padrutt die wortkritische Lesung vermissen. Planck meinte, (wenn's denn von ihm ist) "wirklich" wörtlich im Sinne von Wirkung zeigend. Er meinte es, denke ich, weder im Sinne von realiter (ontologisch) noch ehrlicherweise. Padrutt stellt nach einem Zitat aus Goethes Faust die Frage: "Ist wirklich nur wirklich, was sich messen läßt?" (S. 21).
Damit verpasst er Plancks Intention zweimal. Padrutts Frage fasse ich so auf: "Ist ehrlicherweise nur das realiter, was sich messen läßt?" Die Fehlschläge zur Auffassung von "wirklich" in Padrutts Frage sind offensichtlich. Es ist fast schon so trivial, dass man es kaum zu äußern wagt. Doch z.B. Astrologen sind immer wieder erstaunt, wenn ich fordere: Wirklich (das ist: wirksam) ist nur das was meßbare (spürbare) Wirkung zeigt. Sie messen dann – in die Enge getrieben – Sternen Wirkung zu, die man nicht messen kann. Das heißt, sie sind wirkungslos. Damit kann ich leben astrologie.
Dabei scheint mir, dass Padrutt zu oberflächlich argumentiert. Mit Descartes beschreibt er den Wandel, der dazu führt, dass "Wirklich wird was sich messen läßt" (S. 70). Das bezweifelt er und fragt daher kurz darauf: "Doch nehmen wir wirklich primär das Geräusch wahr und erst sekundär den Sturm?" (S. 70). Die Antwort darauf hängt ab, wo man sein "Meßgerät" aufstellt, wo man Wahrnehmung ansetzt. Wenn es das "erste" Auftreten der Sinneseindrücke, also wohl das Auge ist, so nehmen wir tatsächlich primär das Geräusch wahr und erst sekundär wird daraus in der Verarbeitung der Sinneseindrück der Sturm. Wenn Padrutt das "ich" (als Einzahl seines "wir") in den Vordergund schiebt, dann freilich ist das Konstrukt aus vielen Sinnesdaten und Verarbeitungsvorgängen "Sturm" primär.
Ich empfehle ihm und allen, die hier weiterlesen wollen, die Werke Bertrand Russells zur Erkenntnistheorie (rezension Links). Padrutt selbst beschreibt es hervorragend (akzeptiert es aber nicht?!): Der feste Boden, den René Descartes im "Cogito" fand, ist zu winzig. Er verlagert sich danach auf den Körper mit den Sinnen (was Bessres haben wir nicht) und schließlich – in der Wissenschaft – sogar in den öffentlich überprüfbaren Aussenraum (S. 70).
Oft kritisiert Padrutt zurecht Sprechweisen des Alltags, Anthropomorphismen etc. Doch er selbst fällt ins selbe Raster. Leute des Bio-Booms haben meist eine Aversion gegen den "struggle for existence". Gerade die daraus "abgeleiteten" Kriegsmetaphern gehen nicht auf Charles Darwin zurück. Dies habe ich anhand der Besprechung zu Reinhard Eichelbeck: Das Darwin- Komplott (rezension Links) nachgewiesen. (Wobei ich Der epochale Winter keinesfalls in die Kategorie einordne, in die Eichelbecks Werk gehört.) Zurecht schreibt also Padrutt, dass der "Kampf ums Dasein" eine anthropomorphe Deutung sei (S. 37), bleibt aber dabei: "Das Schlachtfeld eines erbarmungslosen Kampfes aller gegen alle" (S. 38). Die mißverstandene Evolution zeigt er, indem er ihr zuschreibt, sie ordne den Menschen als Höhepunkt der Entwicklung ein (S. 42). Es ist umgekehrt. Die Evolutionstheorie wirft den Menschen vom Sockel der Krone der Schöpfung, auf den ihn die Antike und das Christentum gestellt haben: „Du hast ihn [den Menschen] nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“ Psalm 8,6.
Padrutt orientiert stark an Martin Heidegger. Aus philosophischer Perspektive kann darüber nicht urteilen: dazu kenne ich Heideggers Werke zu wenig. Doch Padrutt versucht in seiner Gefolgschaft des großen Denkers ihn auch von der Zuneigung und Verwicklung mit den Nazis reinzuwaschen (S. 200ff). Das kann man bei Karl Löwith (rezension Links) kritischer lesen.
Ohne Franz Schubert wäre Wilhelm Müller "wohl längst vergessen" (S. 217; das Fragezeichen dahinter stellt das nicht in Frage). Das bestreite ich, da die Gedichte der Winterreise für sich einzigartig und genial sind. Eine weitere Anmerkung siehe bei Padrutt auf rezension Winterreise, D. 911.
Ungemein denkanregend! Nicht immer leichte Lektüre, aber allzeit kurzweilig.
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Links
rezension Eichelbeck, Reinhard: Das Darwin- Komplott. Aufstieg und Fall eines pseudowissenschaftlichen Weltbildes
rezension Löwith, Karl: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933
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padrutt Padrutt Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter. Zeitgemäße Betrachtungen. Zürich: Diogenes, 1997. Taschenbuch, 392 Seiten
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