| Noah Sow: Deutschland Schwarz
Weiß. Der alltägliche Rassismus München: Bertelsmann, 2008. Broschiert, 319 Seiten |
||
| Selbstverständlich war ich ebenfalls der Meinung: Nichts
liegt mir ferner, als jemanden rassistisch zu beleidigen oder zu
diskriminieren. Ich wollte Deutschland Schwarz Weiß. Der
alltägliche Rassismus nur lesen um genauer Bescheid zu wissen und
Rassismus leichter zu erkennen. Beide Ziele wurden (meine ich) erreicht, doch auch meine erstgenannte Meinung zerstört. |
||
| Die Vorgehensweise der Autorin ist: sie
provoziert den Leser (bei diesem Buch meine ich wie immer in
ähnlichen Kontexten mit einer Wortform sowohl die maskulinen als
auch die femininen Leser), erklärt einige Begriffe, gibt einen
geschichtlichen Überblick, bringt zahlreiche Beispiele des Rassismus (den
man oft nicht wahrnimmt) und zieht so allmählich den Leser auf ihre
Seite. Ein der provozierenden Eingangsthesen ist beispielsweise: "Deutschland ist rückständig, was den Umgang mit Rassismus betrifft" (S. 11). Sow nimmt für alle (?) Schwarzen in Anspruch als "Schwarz" mit großem "S" bezeichnet zu werden. Die Reihe der verworfenen Begriffe wird in Deutschland Schwarz Weiß fortgesetzt: vor 50 Jahren wurde gelehrt: "Neger" ist diskriminierend: verwende "Farbiger"; dann wurde dies ebenfalls unkorrekt und man verwendete "Schwarzafrikaner" oder " Afro-Amerikaner". Nun sind auch diese Begriffe falsch und man soll "Schwarzer" verwenden. Einverstanden, aber sagt es mir rechtzeitig, wenn auch dies verpönt sein wird.
Das war eines der Vorurteile, das ich aufgeben musste: war ich doch der Meinung, dass Schwarze im Schnitt den bei weitem besseren Jazz spielen. Einen weißen "Ellington", "Parker" oder "Coltrane" gab es nie, noch nicht einmal annähernd. Vielleicht stimmt mein Befund weiterhin, doch er ist eben keine Prädisposition, sondern durch Erziehung, Sozialisierung und Umfeld verursacht. Verwirrend ist dann Sows kommentarloses Zitat zur Überlegenheit Afrikas um das Jahr 1200 (S. 83). Die Lektüre schärft den Blick für die Unterscheidung zwischen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Diskriminierung, ... Zu schnell wird in Deutschland eine rassistische Motivation verneint. Als 1999 in Kolbermoor der Mosambikaner Carlos Fernando brutal erschlagen wurde, sah das Gericht keinen rassistischen Hintergrund ( Erfreut war ich, dass meine Verurteilung der polizeilichen Fahndung aufgrund »rassischer« Merkmale keine Marotte von mir ist, sondern auch von Noah Sow angeprangert wird (S. 132). Die Begründung der behaupteten Fahndungserfolge ist so einleuchtend, dass es mir unerklärlich ist, warum dass nicht immer schon klar war: je mehr Schwarze kontrolliert werden, desto mehr Straftaten Schwarzer entdeckt man. Das würde aber mit Oberpfälzer genauso funktionieren, wenn man beispielsweise bevorzugt nach Dialekt fahnden würde. Auch Sows Befund:
Zurecht bemängelt Noah Sow, dass in den Medien immer wieder betont wird, wenn irgendwo Schwarze beteiligt waren. Man könnte ebenso ein anderes, irrelevantes Merkmal überbetonen. Beispiel: "Nach der Bierzeltschlägerei kamen 24 Personen in Polizeigewahrsam, darunter waren 4 im Oktober Geborene". Allerdings ist das richtige Medienverhalten nicht so einfach, siehe unten Ideologischer Fehler: Dass viele Deutsche auf "Gibt es zu viele Ausländer hier?" mit "Ja!" antworten ist unser Nazi-Problem (S. 195). Klar ausgesprochen. Sogar Minister, von Abgeordneten nicht zu reden, faseln in Deutschland vom vollen Boot. |
||
| Einwände | ||
Trotz großem Lerneffekts und
breiter Zustimmung habe ich einige Einwände. Diese fallen mir umso
schwerer, als anscheinend bisher das Buch nur innerhalb zustimmender
Organisationen besprochen wurde, ich also auf nicht den geringsten Einwand
anderer (der sich eventuellen mit meinen deckt) zurückgreifen kann.
|
||
| Neben dem Erstaunen
über eigene rassistische Denkrichtungen überraschte mich der
treffende, zuweilen stechende Stil der Autorin. Ein Beipsiel, das mich traf (da
schon gehört und nicht protestiert) und dann ausgezeichnet gefiel:
"Manchmal heißt es sogar: »Auch Deutsche werden Opfer von
rassistischen Gewalttaten!« Stimmt. Ermyas M. zum Beispiel" (S. 238).
Norddeutsche Floskeln wie "kucken" oder "auf die Reihe kriegen" sah ich der Autorin gerne nach. |
||
| Noah Sow greift viele Rassismen in der
Presse auf, dazu auch einige Rassismen in der Belletristik. Ich ergänze: Bekannt ist der Rassismus in Joseph Conrad: Heart of Darkness ( |
||
| Deutschland
Schwarz Weiß ist heilsame Lektüre, für die ich dankbar bin
und ich meine, man muss es nach Monaten der Einübung nochmals lesen um zu
überprüfen, ob man lernfähig war. Beste Empfehlung an alle! |
||
| Lerneffekt ist
schon nachweisbar In einer Sendung des BR über Ghana wird dieser afrikanische Staat zu Beginn als eine einigermaßen funktionierende Demokratie und weitgehend frei von Bestechungen charakterisiert. Mein Rassismus-Test: wie hört sich das an, wenn ich statt "Ghana" "Deutschland" einsetze? Die erste Aussage kann man beibehalten, über die zweite kann man sich streiten. Siehe auch "Rassismus in deutscher Politik und im Alltag" unter |
||
| Links | ||
| Literatur | ||
| Tatjana Schütz: "»Wir brauchen mehr Intoleranz«, Interview mit Noah Sow", amnesty journal 6-7 (2008). S. 44-45 |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| Christian Delacampagne: Die
Geschichte des Rassismus. Mannheim: Artemis & Winkler, 2005. Gebunden,
318 Seiten |
||
![]() |
![]() |
|
| George L. Mosse: Die Geschichte
des Rassismus in Europa. Elfriede Burau, Hans Günter Holl, Übs.
Frankfurt: Fischer, 2006. Broschiert, 279 Seiten
|
||