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Vorurteile
Andreas Zick, Beate Küpper, Andreas Hövermann: Die Abwertung der Anderen: eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung
Berlin: Friedrich Ebert Stifung, 2011. 222 Seiten – Vorurteil LinksVorurteil Literatur
Ein Lektüreschwerpunkt der letzten Wochen (3/2012) waren Vorurteile und wie man dagegen argumentieren kann. In zahlreichen Internet-Diskussionsforen und Leserbriefen werden massive Vorurteile vertreten, die Argumentation dagegen bleibt meist fruchtlos.
• Eine methodische Kritik meiner Vorgehensweise konnte ich in John Cook, Stephan Lewandowsky: The Debunking Handbook lesen. Das half ungemein, da ich bislang die falsche Methode verwendete. Ich nahm an, wenn man nur die Fakten auf den Tisch legt, muss jedes fehlerhafte Vorurteil zusammenklappen und verworfen werden. Genau diese Annahme ist verfehlt.
• Im kürzlich gelesenen Nina Horaczek, Sebastian Wiese: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis konnte ich auch die inhaltlichen Mängel erheblich ausbessern.
• Die hier zu besprechende Untersuchung gab mir zweierlei:
  1. konkrete Zahlen zur Verbreitung gewisser Vorurteile in acht europäischen Staaten, darunter Deutschland; sie sind für mich eher »nice to know«.
  2. Definitionen und Abgrenzung der Begriffe im Umfeld der Vorurteile.
Das Ergebnis der empirischen Erhebung und der Befund zum gefundenen Zustand gliedert sich in:
  1. Europa zwischen Toleranz und Menschenfeindlichkeit: Ausgangsbeobachtungen und Projektanlage
  2. Vorurteile und Menschenfeindlichkeit
  3. Methode
  4. Das Ausmaß der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Europa
  5. Ideologische Konfigurationen
  6. Demographie der Abwertung
  7. Politische Einstellungen und Menschenfeindlichkeit
  8. Die Folgen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit für die Integration von Einwander/innen
  9. Erklärungs- und Schutzfaktoren
  10. Resümee mit Ausblick
Im Anhang findet man Glossar, Abkürzungsverzeichnis, Literatur, kurze Angaben zu den Autoren und abschließend drei Seiten zur Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus.
Ausgangslage
Die Menschenrechte und ein tolerantes und multikulturelles Selbstbild sind das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratiefestigkeit in Europa. Aufgrund der alltäglichen Diskriminierung und einem verbreiteten hohen Ausmass von Vorurteilen erhalten rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen hohen Zuspruch. Man denke nur an den Millionenerfolg von Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, den Zuspruch zu Anti-Islam Bewegungen, die Wahlerfolge der Rattenfänger in einigen europäischen Ländern bis hin zum rechtsradikalen Terror in Deutschland, der jahrelang unbehelligt wüten und morden kann („Auf dem rechten Auge blind“, Vorurteil Links).
Mit der vorliegenden Studie und Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus soll die Diskussion mit empirischen Fakten untermauert werden.
Untersuchung
Die Untersuchung im Auftrag des Projekts „Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus“ des Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung erhob Daten zu antidemokratischen Mentalitäten in acht Ländern Europas und wurde von Prof. Dr. Andreas Zick, Dr. Beate Küpper und Andreas Hövermann durchgeführt und begleitet.
Sie basiert auf Telefonumfragen einer repräsentativen Stichprobe von jeweils 1 000 Befragten ab 16 Jahre in den acht europäischen Ländern: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Italien, Portugal, Polen und Ungarn.
Es ist klar, dass die subjektiv berichtete oder wahrgenommene Diskriminierung mit der objektiven nicht zwingend übereinstimmt. Man kann vermuten, dass die objektive Diskriminierung sogar noch höher liegt.
Aus den Komponenten der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wurden die folgenden ausgewählt und ihre Verbreitung dokumentiert: Vorurteile gegenüber
  • Migrant/innen,
  • Schwarzen,
  • Juden/Jüdinnen,
  • Muslim/innen,
  • Frauen
  • homosexuellen Menschen.
Auf andere, wie Vorurteile gegenüber Obdachlose oder Roma & Sinti, wurde – vermutlich aus Umfang- und Kostengründen – verzichtet.
Für mich waren einige Klarstellungen der Begrifflichkeit sehr wertvoll:
Abgrenzung rechtspopulistische und rechtsextreme Einstellung (S. 29)
rechtspopulistisch rechtsextrem
  • Ideologie der Ungleichheit
  • Ideologie der Ungleichheit
  • Akzeptanz von Gewalt

Vorurteile
Die Vorurteilsforschung versteht Vorurteile als negative Einstellungen gegenüber Gruppen oder Personen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit (S. 31).
Vorurteile beruhen auf pauschalen, negativen Einstellungen gegenüber Gruppen und Personen aufgrund der eigenen Gruppenzugehörigkeit und aufgrund der Tatsache, dass diese Gruppen Fremdgruppen sind beziehungsweise diese Personen einer Fremdgruppe angehören.
Ein Vorurteil entsteht in 3 Stufen:
  1. Kategorisierung
  2. Stereotypisierung
  3. Bewertung, das bedeutet: affektive Aufladung. (S. 32)
Die Abwertung einer Fremdgruppe ist ein einfaches Mittel,
für sich selbst positive soziale Identität zu gewinnen.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stellt die gruppenspezifischen Vorurteile in einen Gesamtzusammenhang antidemokratischer Mentalitäten. Damit werden unter dem Dach dieses Begriffs ganz unterschiedliche Vorurteile (die oft gemeinsam auftreten) wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Sexismus zusammengefasst.
Einige wichtige Ergebnisse
• Die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa weit verbreitet.
• Rund ein Drittel glaubt an eine natürliche Hierarchie zwischen Menschen verschiedener Ethnien.
• Rund die Hälfte verurteilen den Islam pauschal als eine Religion der Intoleranz.
• Die Mehrheit in Europa vertritt eine traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter, das heißt die Frau gehört an den herd und soll die Kinder hüten (Herdprämie, Vorurteil Links)
• Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt mit dem Alter zu, und mit besserer Bildung und höherem Einkommen ab.
• Wer sich politisch machtlos fühlt, wünscht sich oft eine starke Führerfigur, befürwortet die Todesstrafe und ist im Durchschnitt menschenfeindlicher.
• Es gibt weiter ungleiche Chancen bei Bildung, Gesundheit, Wohnen oder Arbeit.
• Europa ist der Kontinent mit der weltweit stärksten Einwanderung. Jährlich emigrieren rund zwei Millionen Menschen nach Europa, fast ebenso viele verlassen Europa wieder.
• Besonders Einwanderer/innen, die keiner christlichen Religion angehören, werden als Außenseiter/innen wahrgenommen.
• In allen Ländern hatten die Befragten mehrheitlich das Gefühl, von Politikern nicht gehört zu werden. Zudem wurde mehrheitlich resigniert: man habe keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.
Kommentar: Das könnte daher kommen, dass sie tatsächlich nicht gehört werden und keinen Einfluss haben. Da stimme ich – auch nach Lektüre dieses Werks und von Horaczek & Wiese 2011 – zu.
• Diejenigen, die sich politisch machtlos fühlen, neigen eher zur Abwertung schwacher Gruppen als diejenigen, die meinen, Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen zu können.
• Je mehr die Befragten einem Autoriarismus anhängen – eine auf Recht und Ordnung sowie Disziplin setzende Grundhaltung – desto mehr rufen sie nach härteren Strafen und desto stärker neigen sie zu Vorurteilen.
• Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt mit dem Alter zu, und mit
besserer Bildung und höherem Einkommen ab.
Jeder politisch und allgemein menschlich aufgeschlossene Europäer sollte sich diese Studie hineinziehen. Die meisten Politiker zähle ich zur gerade genannten Typisierung. Sie könnten mit der Lektüre der Studie vermeiden, dass sie nach fremdenfeindlichen Morden und anderen Gewalttaten überrascht sind, dass es so etwas bei uns geben kann.
Links
IntoleranzWichtigste Ergebnisse der Studie im Überblick (pdf)
IntoleranzDie Abwertung des Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, Lernen aus Geschichte
IntoleranzStudie in acht Ländern - Europa der Intoleranten, Spiegel Online, 11.03.2011
IntoleranzFriedrich-Ebert-Stiftung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus
Vorurteil „Auf dem rechten Auge blind“
Vorurteil Diskriminierung von Minderheiten
Vorurteil Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)
Vorurteil John Cook, Stephan Lewandowsky: The Debunking Handbook
VorurteilWilhelm Heitmeyer, Hg.: Deutsche Zustände: Folge 10
Vorurteil Herdprämie
Vorurteil Nina Horaczek, Sebastian Wiese: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis
Vorurteil Thilo Sarrazin sagt: "Ich bin kein Rassist". Er ist ein Sozialdarwinist
Verschwörungstheorie Verschwörungstheorie
Verschwörungstheorie Weitere Literatur zu Vorurteilen, Diskriminierung usw.
Literatur
Vorurteil IntoleranzAndreas Zick, Beate Küpper, Andreas Hövermann: Die Abwertung der Anderen: eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Berlin: Friedrich Ebert Stifung, 2011. 222 Seiten – weitere Quellen des Textes: Intoleranz1Intoleranz2
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Heitmeyer IntoleranzWilhelm Heitmeyer, Hg.: Deutsche Zustände: Folge 10. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011. Broschiert, 335 Seiten
Vorurteil Rezension
Wiese
Nina Horaczek, Sebastian Wiese: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis. Wien: Czernin, 2011. Gebunden, 303 Seiten Intoleranz
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Vorurteil Anfang

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