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Heitmeyer
Wilhelm Heitmeyer, Hg.: Deutsche Zustände: Folge 10
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012. Broschiert, 335 Seiten – Heitmeyer LinksHeitmeyer Literatur
Das empirische Langzeitprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war ein interuniversitätes Projekt der Universitäten Bielefeld und Marburg.Es wurde jährlich im Band Deutsche Zustände der Öffentlichkeit präsentiert. Die Folge 10 ist die jährliche Bestandsaufnahme und Fortschreibung, aber auch der Abschluss des zehnjährigen Projekts.
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stellt die gruppenspezifischen Vorurteile in einen Gesamtzusammenhang antidemokratischer Mentalitäten. Die Ausgangsthese ist:
  • Die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit gehört zu den zentralen Werte einer modernen und humanen Gesellschaft (S. 15).
Mich als Laie faszinierte, dass in den empirischen Untersuchungen zahlreiche Korrelationen festgestellt wurden, beispielsweise zwischen der Forderung, die sozial Schwachen sollen selbst für ihr Glücksorgen und der betonten Abwertung von Langzeitarbeitslosen (S. 27). Nun werden dabei aber keine Kausaliäten konstatiert, sondern es wird feinsäuberlich getrennt. (Hätte ich es mir vorher überlegt, hätte ich auch nichts anderes als wissenschaftliche Sauberkeit erwarten dürfen.) Die Untersuchungen erfassen auch Vorurteile innerhalb der Mnderheitsgruppen und analysieren sie.
»Rohe Bürgerlichkeit«
Mit roher Bürgerlichkeit ist gemeint:
  • ein eisiger Jargon der Verachtung, der weit verbreitet scheint.
  • Mit der oft reklamierten Toleranz ist es schnell vorbei, wenn man seinen eigenen Status bedroht sieht. 
  • Die Beurteilung sozialer Gruppen orientiert sich an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz. 
  • Diese »Ökonomisierung des Sozialen« teilt die Mitmenschen in »nutzlose« und »ineffiziente« einerseits und die Fleißigen, Lasttragenden, Nutzenbringenden andrerseits ein.
Rohe Bürgerlichkeit zeichnet sich – befeuert von politischen Entscheidungen – durch Tendenzen eines Rückzugs aus der Solidargemeinschaft aus.“ (S. 35) Die Vertreter der rohen Bürgerlichkeit sehen sich in der Opferrolle und werden deshalb schwache Gruppen ab. Eine gewaltförmige Desintegration hält Heitmeyer daher nicht für unwahrscheinlich (S. 35). Jedenfalls ist sie der „Nährboden für eine elitär motivierte Menschenfeindlichkeit“ (S. 57).
Die einzelnen Aufsätze gehen Schreckgespenstern nach (zunehmende Deutschfeindlichkeit), zeigen methodische Zusammenhänge (Antisemitismus, Islamfeindlichkeit), Korrelationen (Zerfall der Gesellschaft, schärfer: Bedrohung des Volkskörpers durch Fremde; Kontakt zu Ausländern und Fremdenfeindlichkeit) und Entwicklungen bis zur wahnwitzigen Konsequenz des norwegischen Attentäters Anders Breivik. Einige Aufsätze erhellen den selbsternannten Tabubruch von Martin Walser über Jürgen W. Möllemann, Martin Hohmann, Heinz Buschkowsky, Jürgen Rüttgers und Eva Herman bis Thilo Sarrazin.
Bei Sammelbänden spart man sich oft den Index. So auch hier. Man kann dann leider später nicht einfach nachschlagen, was zur "Demokratieentleerung" gefunden wurde, oder was man unter dem Begriff "rohe Bürgerlichkeit" versteht.
Leider entdeckte ich die Reihe Deutsche Zustände und das dazugehörige Projekt erst zum Abschluss. Der Sammelband Deutsche Zustände Folge 10 ist jedem Bürger, der sich für die aktuellen gesellschaftpolitischen Diskussionen interessiert, zur Lektüre empfohlen. Man lernt eine Menge empirisch Belegtes  und kann dann vieles besser einordnen.
Links
IKGIKG Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
IntoleranzDeutsche Zustände
IntoleranzDetlef Esslinger: "Vorurteile in Deutschland. Eure Armut kotzt mich an", SZ 5.12.2010
IntoleranzWilhelm Heitmeyer: "Rohe Bürgerlichkeit - Zur Verteilungsdebatte: Von Abstiegsangst getrieben zetteln Bessergestellte einen Klassenkampf von oben an", Die Welt, 28.9.2011
IntoleranzRalf Wurzbacher: Rohe Bürgerlichkeit, junge Welt 14.12.2011
Vorurteil „Auf dem rechten Auge blind“
Vorurteil John Cook, Stephan Lewandowsky: The Debunking Handbook
Vorurteil Diskriminierung von Minderheiten
Vorurteil Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)
Vorurteil Herdprämie
Vorurteil Zitate von Eva Herman
Vorurteil Martin Hohmann Affäre
Vorurteil Nina Horaczek, Sebastian Wiese: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis
Vorurteil Zitate von Jürgen Rüttgers
Vorurteil Thilo Sarrazin sagt: "Ich bin kein Rassist". Er ist ein Sozialdarwinist
Vorurteil Ralf Stoecker, Christian Neuhäuser, Marie-Luise Raters, Hg.: Handbuch Angewandte Ethik
Verschwörungstheorie Verschwörungstheorie
Literatur
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Heitmeyer IntoleranzWilhelm Heitmeyer, Hg.: Deutsche Zustände: Folge 10. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012. Broschiert, 335 Seiten
Wiese IntoleranzNina Horaczek, Sebastian Wiese: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis. Wien: Czernin, 2011. Gebunden, 303 Seiten – Vorurteil Rezension Vorurteil
Andreas Zick, Beate Küpper, Andreas Hövermann: Die Abwertung der Anderen: eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Berlin: Friedrich Ebert Stifung, 2011. 222 Seiten Intoleranz
– weitere Quellen des Textes: Intoleranz1Intoleranz2
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