Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Schmidt
Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011. Taschenbuch, 301 Seiten – Schmidt LinksSchmidt Literatur
Nach einer kurzen Einleitung von Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur bei Die Zeit, folgen 80 kurze Interviews mit dem Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, SPD, aus den Jahren 2007 bis 2009. Jedes Interview besteht aus den Fragen des ZEIT-Redakteurs und den meist knappen Antworten Schmidts und folgt grob einem Thema.
Vor der Lektüre fragte ich mich, ob der mehr als 90-jährige Politiker mir echt was zu sagen hat. Und wie weit solch kurzen kommentarlosen Interviews zu trauen ist.
Mein Eindruck ist, dass Helmut Schmidt meist geradlinig antwortet, wenn auch oft nicht mit der Direktheit, die ihm nachgesagt wird. Da ist und bleibt er doch der abwägende Politiker, der argumentativ mehrere Ansichten Anerkennende, der seine Unwissenheit eingestehende Skeptiker. Dafür nur zwei Beispiele auf einer Seite: „Und heute, welche Politiker finden Sie als Redner brauchbar?” Schmidt: „Das kann ich nicht beurteilen” und als weiteres Beispiel die letzte Frage/Antwort auf S. 68, Wann gesteht ansonsten ein Politiker gegenüber der Presse ein: „Darüber muss ich erst mal nachdenken” (S.94)?
Während seiner Amtszeit als Bundeskanzler kam Helmut Schmidt besonders wegen des Doppelbeschluss der NATO vom 12. Dezember 1979 in die Kritik. Von der Richtigkeit dieser Aufrüstung im Kalten Krieg zeigt sich Schmidt auch in diesen Interviews überzeugt. Wie Schmidt überhaupt nur wenig zur Selbstkritik neigt, obwohl einige seiner Antworten nicht zu seinen politischen Taten (NATO-Doppelbeschluss) passen, so meint er: „Die Menschen werden vielleicht eines Tages einsehen, dass man Gewalt nicht mit Gewalt ausrotten kann” (S. 286).
Während also seine geradlinige Ablehnung deutscher Kriegsbeteiligung nicht ganz zu der Nachrüstung unter seiner Regentschaft passt, hat er auch zu anderen Themen geradlinige Ansichten, die er klar ausspricht: keine Politikerverklausulierungen, aus denen man alles und nichts herauslesen kann. Mehrfach spricht er sich dafür aus, dass man zeitlebens wissbegierig bleibt.
Gegen den Kammerzwang
Für die zwangsweise Einweisung mündiger Menschen in Kammern und Innungen findet Schmidt keinen guten Grund:  „Ich bin dagegen, dass der Staat private Verbände mit quasistaatlicher Macht ausstattet. Wenn Sie etwa einen Friseurladen aufmachen, werden sie von Gesetzes wegen gezwungen, de Innung und der Handwerkskammer anzugehören – warum?” (S. 173).
Da spricht sich Schmidt nicht nur gegen den Kammerzwang aus, sondern auch z.B. gegen die quasistaatliche Macht der Zentrale zur Bekämpfung des Wettbewerbs.
Freilich fragt sich der Leser hier, wie auch an anderen Stellen, warum der weise Helmut Schmidt seinerzeit nicht dagegen unternommen hat.
Schach
Dass Helmut Schmidt leidenschaftlicher Schachspieler ist, weiß die Öffentlichkeit spätestens seit dem missglückten Coverbild auf Helmut Schmidt, Peer Steinbrück: Zug um Zug, 2011 (Schmidt Literatur). Mit seiner Frau Loki Schmidt spielte der Interviewte regelmäßig, auch gegen Peer Steinbrück und andere wagt Helmut Schmidt immer noch eine Partie (S. 206; S. 251-253).
Wenn Helmut Schmidt so ist, wie er in diesen Interviews herauskommt (wenig spricht dagegen), dann ist er ein sympathischer Politiker, der – trotz internationalem Renommee – auf dem Boden geblieben ist. Er windet sich nicht politikergemäß, sondern steht zu seinen Taten. Auch wenn man als Leser nicht immer ebenso dahintersteht ist das Interviewbuch recht unterhaltsam zu lesen. Manche Position Schmidts würde man auch gerne bei heutigen Politiker(inne)n gerne sehen. Freilich muss man auch zugestehen, dass sich Schmidt über manche Themen leichter redet (beispielsweise über das brisante "Kriege im Namen der Menschenrechte", S. 284-286) als Politiker, die noch in Heiligendamm oder anderswo mit den vermeintlich Grossen der Welt einen Grillabend verbringen wollen.
Für alle politisch Interessierte bietet Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt niveauvolle Unterhaltung, allen politisch Aktiven sei es ausdrücklich empfohlen.
Links
SchmidtHelmut Schmidt, * 23. Dezember 1918 in Hamburg
SchmidtGiovanni di Lorenzo, * 9. März 1959 in Stockholm
SchmidtNATO-Doppelbeschluss
Schmidt Falsche Rochade und Brettstellung
Schmidt IHK – Zwangsinstrument
Schmidt Informationen und Meinungen über die Zentrale
Schmidt Schach
Schmidt Helmut Schmidt, Peer Steinbrück: Zug um Zug
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Schmidt SchmidtHelmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011. Taschenbuch, 301 Seiten Schmidt
Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt. Sprecher: Hanns Zischler und Marcus Off. Audio, 2012 Schmidt

Schmidt SchmidtHelmut Schmidt, Peer Steinbrück: Zug um Zug. Köln: Hoffmann und Campe, 2011. Gebunden, 320 Seiten Schmidt
Helmut Schmidt, Peer Steinbrück: Zug um Zug. Ullstein, 2012. Taschenbuch, 320 Seiten Schmidt
Schmidt Anfang

Schmidt
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.12.2012