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Buchwald
Tom Buchwald: Verrat: Motive, Mittel und Methoden
Berlin: Schikkus, 2012. Heinrich Peyers, Schlusswort. Broschiert, 240 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Täuschung und Verrat begleiten die Menschheitsgeschichte. Tom Buchwald stellt sie in zwei Teilen dar. Das Werk beginnt aber mit Heinrich Peyers Schlussplädoyer. Das hätte – wie der Name sagt – wirklich an den Schluss gehört. Peyers schreibt über Buchwalds Text, obwohl die Leser den noch nicht kennen. Tom Buchwald teilt die 12 Kapitel in zwei Abteilungen. Dem folgt eine Zusammenfassung.
1. Die Privaten
2. Die Profis
Versuch einer Zusammenfassung
1. Die Privaten
Dem Autor purzeln die Themen schnell aus der Feder. Das macht den Text kurzweilig und anregend. Da geht es von ethischen Überlegungen (S. 34) zur Evolution (S. 34), zum Freien Willen (S. 35), zu den Zukunftsaussichten der Menschen (S. 36) und der Informationsflut (S. 36-37).
Der Verrat liegt in unseren Genen – sagt der Autor –,  wir können ihm nicht entkommen. Um das zu zeigen beruft sich Buchwald auf einige Wissenschaftler und geht durch die Geschichte der Menschheit. Wenn man es richtig bedenkt, gründet auch das Christentum auf den Verrat des Judas Ischariot. Dieser wichtige Umstand findet seine Entsprechung, indem der Autor vom »Judasgen« spricht und den Umschlag des Werks ein Bild vom Kuss des Judas schmückt.
Dabei läßt der Autor kaum einen Verrat aus bis hin zu Helmut Kohl und Bernie Madoff.
Vor der Geschichte des Einzelverrats breitet der Autor ein fatalistisches Szenario aus: jeder trägt das Verrätergen in sich. Etwas gewagt kommt er auf die These der Selbstauslöschung (S. 60). Unklar bleibt: Selbstauslöschung der Menschheit (das wird durch Zeugenaussagen belegt)? der Europäer? der weißen, christlichen Deutschen (das drückt sich u.a. in seiner leisen Zusimmung zu Thilo Sarrazin aus)?
Überraschend folgt darauf ein optimistisches Glaubensbekenntnis (S. 60-61): Eigenverantwortlichkeit, Loslösung von dogmatischen Vorschriften, usw. Mit einem Lobgesang auf eine multikulturelle Lebenseinstellung ( N.Z., S. 62-63) geht der Autor dann in eine Katalog der Lebensberatung über (S. 63-65) über.
Im geschichtlichen Abschnitt arbeitet Buchwald heraus, wie stark, ja eigentlich unverzichtbar, das Christentum auf den Verrat des Judas Ischariot gründet.
2. Die Profis
Obwohl auch viele der Personen aus Teil 1 zu den Verrats- und Betrugsprofis zählen, geht Buchwald im 2. Teil schwerpunktmäßig auf die Geheimdienste ein. Aber er diskutiert auch weitere politische Verräter und Einzelakteure, wie Georg Elser. Das wird lebendig durch reiche Bebilderung. Am Ende wagt der Autor einige Prognosen für die Zukunft der Geheimdienste, deren Funktionen und Arbeitsweisen sich gründlich gewandelt haben und weiterhin ändern werden.
Für die Zukunft sieht Buchwald zunehmende Überwachung der Bürger (S. 222-223), wie sie sich derzeit schon schleichend vollzieht.
Versuch einer Zusammenfassung
In der Zusammenfassung vollzieht der Autor eine gewisse geistige Volte. Er begründet sie damit, dass Sympathisanten des Buchs Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin in den  „fast noch drucknassen Korrekturfahnen” des hier besprochenen Werks den »kollektiven Vaterlandsverrat« vermissten. Gemeint ist damit die „stückweise Preisgabe unseres abendländisch-christlich-jüdisch geprägten Wertekanons” (S. 236). Dieser Kritik kommt Buchwald entgegen, indem er diesen »kollektiven Vaterlandsverrat« nachgeschoben behandelt (S. 238-239). Nachgeschoben wirkt dies deshalb, weil der Text sich bis dahin undogmatisch und liberal gab und eine multikulturelle Lebenseinstellung ausdrücklich lobte (S. 62-63). Jetzt stellt Buchwald fest, dass
  1. die Muslime bei uns in Parallelgesellschaften leben
  2. eine Mehrheit der Muslime sich wohler fühlen würden, wenn es uns nicht gäbe (S. 238).
Viele Muslime leben aber keinesfalls in Parallelgesellschaften, sondern unauffällig wie viele andere. »Parallelgesellschaft« müßte näher ausgeführt werden, da sich die meisten Nicht-Muslime auch in bestimmten Kreisen und Zirkeln aufhalten. Die zweite Behauptung (eine Mehrheit) wird überhaupt nicht begründet. Zudem verwickelt sich Buchwald hier in einen Widerspruch: er spricht der christlich-jüdischen Mehrheit den »kollektiven Vaterlandsverrat« zu, sieht sie aber „immer in der Opferrolle” (S. 239). Er scheint zu bedauern, dass Welttheater nicht mehr getrennt ist in Foyer, Loge und billige Parkettplätze. Wer bisher in der Loge saß, bedauert natürlich, dass er nicht mehr auf das Parkett hinab blicken kann. Dieser Schwenk am Ende eines sehr guten Buchs gegen Muslime und Leute mit Migrationshintergrund war völlig unnötig. Man sollte sich nicht verbiegen lassen durch Kritiker der drucknassen Korrekturfahnen.
Kritik
Buchwald sprudelt über vor Gedanken und Thesen. Er hält sie für so auf der Hand liegend, dass er sie kaum ausformuliert, geschweige belegt. Er breitet sie gleich aus, manchmal recht blumig, was sich gut liest aber über fehlende Begründungen hinwegtänzelt. Beispiel: „Meine Urinstinkte verhalten sich zu meinem Verstand nicht anders, wie Parasiten gegenüber ihrem Wirtstier. [...] In der Kommandozentrale des Menschen existieren die Urinstinkte als Schattenregierung.” (S. 35)
Stutzig macht eine der ersten konkreten Behauptungen des Autors. Das Erbgut sei von Meteoriten auf die Erde gebracht worden. Darüber sind sich die Wissenschaftler sicher (S. 32).
Die Meteoritenthese wird nur vereinzelt ernst vertreten. Sie löst das Problem der Entstehung des Erbguts nicht, sondern verschiebt es nur auf ferne Gestirne. Die meisten Wissenschaftler (soweit ich die Fachliteratur überblicke) hängen keineswegs dieser These an. Nach solch kühner, falscher Behauptung liest man skeptisch weiter.
Zwei weitere Eigenheiten nähren die Skepsis und schärfen die Wachsamkeit:
  1. Häufig beginnt Buchwald mit „Tatsache ist, ...”. Erfahrungsmäßig folgt darauf (andere betonen es mit „Fakt ist, ...”) eine umstrittene Aussage.
  2. Buchwald beruft sich ständig auf andere. Das ist in Ordnung, doch Buchwald betont oft das Topexpertentum seiner Zeugen. Nur zwei Beispiele: Peter Gruss wird als einer der führenden Molekularbiologen eingeführt (S. 49) und Thomas Müller ist Europas führender Kriminalpsychologe und Profiler (S. 51). Es erinnert mich, dass für mich Unbekannten oft mit "bekannt aus Film und Fernsehen" Bedeutung verliehen wird. Wer so bedeutend und bekannt ist, benötigt keine Anpreisung.
Einige Thesen sind falsch oder zumindest bezweifelbar und werfen dadurch ein scheles Licht auf andere Thesen, die ich nicht gut beurteilen kann:
  • Der angeborene Instinkt der Menschen diene nur dem Eigennutz (S. 42-43). Da sind viele Wissenschaftler anderer Ansicht. Der Instinkt dient oft der Arterhaltung, auch Altruismus als instinktive Motivation wurde nachgewiesen.
  • Buchwald konstatiert beim Menschen eine Güterabwägung ohne Verstand (S. 43). Wie eine Abwägung ohne Verstand geht ist stark erklräungsbedürftig. 
  • Richard David Precht wurde nach einem Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte als Germanist promoviert, schrieb philosophische Erfolgsbücher und ist  Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik in Berlin. Er wird in der Öffentlichkeit als Philosoph wahrgenommen. Buchwald stuft ihn mehrfach als Psychologen ein.
  • Wir (bleibt vage) igorieren, außer bei den »all inclusive« Urlaubszielen alles europäische (S. 50). Das ist selbst ohne die Einschränkung »all inclusive« falsch. Es gibt einen florierenden europäischen Bildungs-, Arbeits- und Wirtschaftsraum. Die von Buchwald angeführte niedrige Wahlbeteiligung belegt seine These nicht.
Buchwald Anfang
Durch Gedankenfülle, Ausdrucksweise und reichhaltiger Bebilderung entsteht die eindrucksvolle Geschichte des Verrats und der Spionage von der Antike bis heute. Dazu gesellt sich ein Rundumschlag auf den freien Willen und die EU bis hin zum aktuellen Borderline-Syndrom und Burnout. Der Autor bleibt optimistisch und gibt zahlreiche Hinweise und Ratschläge wie man der Wirkung des Judasgens entkommt. Die unmotivierte Volte gegen Menschen mit Migrationshintergrund ganz am Ende des ausgezeichneten Werks trübt das Bild. Trotzdem eine starke Leseempfehlung für dieses gelungene Sachbuch um den  öffentlichen Verrat in der Menschheitsgeschichte.
Links
VerratSchikkus Verlag
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Judas Ischariot:
VerratMichael Blume: Verräter oder Erfüller - Deutungen des Judas Ischariot, 07. April 2012
JudasWikipedia
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