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Dirk Lüddecke, Felicia Englmann, Hg.:
Zur Geschichte des politischen Denkens: Denkweisen von der Antike bis zur Gegenwart
Stuttgart: Metzler, 2014. Broschiert, 274 Seiten – Politische Theorie LinksPolitische Theorie Literatur
Dr. Henning Ottmann, Professor emeritus für Politische Theorie und Philosophie in München verfasste eine monumentale, neunbändige Geschichte des politischen Denkens.
Der vorliegende Sammelband ist dem „politischen Denker und akademischen Lehrer Henning Ottmann” gewidmet. Er lehnt sich am Vorbild an und will es ergänzen. Das ist gut gelungen: aus ganz verschiedenen Perspektiven werden Aspekte des politischen Denkens von Platon bis heute ausgeleuchtet.
Viele der elf Beiträge sind historisch und ideengeschichtlich orientiert. Sie greifen verschiedene Darstellungsformen auf, wie z.B. Satire, Reiseberichte und Autobiographie auf.
Einer der Herausgeber, Dirk Lüddecke, greift im Beitrag „Erstlingswerk: Der Konservatismus eines Radikalen. David Hume als Anatom politischer Loyalität” das sogenannte „Humes Gesetz” auf (S. 176-179). Es handelt sich dabei um die auch „Naturalistischer Fehlschluss” genannte Ableitung von Sollensaussagen aus Ist-Aussagen. Lüddecke vertritt die Position, dass  Humes Gesetz „vielleicht zu den größten Missverständnissen der neueren Philosophiegeschichte” gehöre (S. 177). Das einschränkende „vielleicht” läßt dem Autor freilich ein Schlupfloch offen.
In der Begründung führt der Autor „eine an sich als werthaft erkannte Natur” ein. Aus der sind unmittelbar keine Handlungsnormen ableitbar. Das sieht er als nicht gleichbedeutend mit Humes Kritik an der unzulässigen Ableitung. Wenn ich es richtig verstehe stecken in Lüddeckes Begründung zwei Angriffpunkte:
1) Die Natur als an sich werthaft anzuerkennen bedeutet: man hat den naturalistischer Fehlschluss bereits vollzogen; außer man begründet die Werte der Natur nicht als "an sich" sondern von außen in sie hineingetragen. Da ist aber nicht mehr an sich werthaft.
2) Wenn man aber die Natur als an sich werthaft erkennt, dann kann man daraus selbstverständlich auch tadelfrei Sollensaussagen herleiten, z.B. diejenige, dass man die wertvollen Ressourcen der Natur schützen soll.
Das ist allerdings nur ein kurzer Blick in den interessanten Hume-Beitrag, der sehr viel mehr Punkte aufgreift als hier besprochen werden können.
Markus Schütz zeigt in „Social Media vs. Wahlzettel: Demokratie als Institution” die stärkste Relevanz zur Gegenwart. Als wichtige Komponenten einer wirklichen Demokratie arbeitet Schütz heraus:
  • Macht– und Herrschaftsbegrenzung
  • Rechts- und Sozialstaatlichkeit
  • Pluralismus
  • Volkssouveränität
  • Bürgerschaftliche Partizipation
Fehlen diese Merkmale ist der Staat nicht demokratisch (S. 252). Jeder Leser mag selbst beurteilen, welche Merkmale in den modernen Demokratien fehlen oder nur noch rudimentär ausgeprägt sind. Schütz befasst sich eingehend mit Colin Crouch und seiner Kritik der modernen Demokratien in seinem Werk Postdemokratie. Es finden zwar noch Wahlen statt, sie sind aber geprägt von PR-Experten, die Merkmale der echten Demokartie verkümmern. Hinter geschlossenen Türen verhandeln Regierungen mit den Lobbyisten und sind dann erstaunt, dass die Bürger die Beschlüsse nicht mittragen, vermehrt nicht mehr zur Wahl gehen und gegen die Mammutprojekte protestieren.
Das ist dem deutschen Leser nur zu bekannt. Es gibt nur eine Scheinpartizipation:
  • Bürgerbefragungen nur zu vom Politiker vorausgewählten Themen ohne jegliche Konsequenz.
  • Bürgerbeteiligung wird jahrelang versprochen bis die Projekte unumkehrbar am Laufen sind. 
  • Die Interessen der Wirtschaft werden als Interessen der Gemeinschaft deklariert
  • Die Schere zwischen Arm und Reich war in Deutschland nie größer als heute.
Die Ungleichheit beim Entscheidungsprozess setzt sich fort und torpediert den sozialen Zusammenhalt. Sie führt zur Gleichgültigkeit und Politikerverdrossenheit: „Die Elite entfernt sich von der Masse” (S. 266). Die Demokratie degeneriert zum Machtkampf der Wirtschaftsinteressen. Auf die im Aufsatztitel versprochenen Social Media geht der Beitrag aber kaum ein.
Für Politikwissenschaftler werden sicher viele neue Sichtweisen und Zusammenhänge aufgezeigt. Für lesende Laien sind die meisten Beiträge wohl zu speziell und damit  nur selektiv aufschlussreich.
Links
LüddeckeDirk Lüddecke, Professor für Politische Theorie an der Universität der Bundeswehr München
LüddeckeFelicia Englmann, Institut für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München
Politische Theorie Ergänzende und verwandte Literatur
LüddeckeM.Lehmann-Pape: Überblick von der Antike bis zur Gegenwart, 2014
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LüddeckeLernen aus der Geschichte
Politische Theorie Naturalistischer Fehlschluss
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LüddeckePolitische Theorie
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Lüddecke LüddeckeDirk Lüddecke, Felicia Englmann, Hg.: Zur Geschichte des politischen Denkens: Denkweisen von der Antike bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler, 2014. Broschiert, 274 Seiten
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