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Carl Amery: Hitler
Carl Amery: Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?
München: Luchterhand, 1998. Gebunden, 190 Seiten – Amery LinksAmery Literatur
Eine These zur deutschen NS-Geschichte ist laut Carl Amery: das Dritte Reich war ein Irrläufer der Geschichte, der mit dem Zusammenbruch 1945 endete (S. 10-11). Der Antisemitismus und der nationale Größenwahn kam aus der Weimarer Zeit, sie sind ein einmaliges Naturereignis und sind mit der Befreiung 1945 verschwunden (S. 13).
Dass es Antisemitismus (und auch Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) latent und offen auch nach 1945 in Deutschland und anderswo gab, gilt als unbestritten. Insoweit ist Amerys Ausgangspunkt ein Strohmann. Was man erwartete war, dass die genannten Strömungen keine Bedeutung mehr erlangen und allmählich versanden werden. Auch diese Annahme erwies und erweist sich täglich neu als falsch.
Dem hält Amery entgegen, „daß der Wiedergänger unterm Schutt nur scheintot ist und durchaus wieder regsam werden kann” (S. 13). An anderer Stelle schreibt Amery von „Draculas Wiederkunft”. Das Dritte Reich liegt in einer Entwicklungslinie der Säkularisierung, der Industrialisierung und dem Aufstieg des Produktionsfaktors Wissenschaft (S. 14). Es wäre naiv anzunehmen, ein solches Programm, wie es der Nationalsozialismus verfolgte, ließe sich auch bereinigt nicht wieder aktualisieren (S. 15).
Erscheinungen des Zeitgeistes, die mitbestimmend für die folgende Katastrophe waren:
  1. Verachtung der Demokratie bis zur Demokratiefeindlichkeit
  2. Eugenik & Rassismus – Sozialdarwinismus. Das mündete in den Kampf um die Erbgesundheit und gegen den jüdischen Bazillus.
  3. Ende der materiellen Ressourcen, vor allem durch Übervölkerung – Lebensraumtheorie (S. 27-28, 76, u.a.)
Amery setzt sich mit der Frage auseinander, wie eine Mehrheit des deutschen Volkes auf die Figur Adolf Hitler mit Verzückung reagieren konnte (S. 51). Der Autor findet darauf keine schlüssige Antwort; es gibt sie wahrscheinlich nicht.
Sozialdarwinismus
Amery geißelt am Programm des Nationalsozialismus besonders den „brutal-materialistischen Sozialdarwinismus”. Er zeigte sich in einer Überhöhung des Deutschnationalen und einer Ausrottung allen vermeintlich Minderwertigen. Verglichen mit dem Deutschnationalen ist bei deren Anhängern folgerichtig so ziemlich alles andere minderwertig.
Der Sozialdarwinismus geht davon aus, dass sich der Stärkste im Ressourcenkampf durchsetzt.
Das ist der erste Fehler: es heißt richtig: "survival of the fittest": der Bestangepasste setzt sich durch.
Nach der Fehlannahme folgt ein Fehlschluss, ein typisch naturalistischer Fehlschluss (Amery Links): weil etwas in der Natur so ist, sei es geboten das zu tun oder zu befördern. Nach dem Sozialdarwinismus ist das Schwache auszumerzen, Menschlichkeit und Solidarität sind fehl am Platz, Gleichbehandlung aller noch viel mehr.
Als alles beeinflussender Schatten steht dieser Sozialdarwinisums hinter dem Handeln Hitlers. Der Königin Natur muss zu ihrem Recht verholfen werden
Darin liegt ein großer Denkfehler: die Natur und die Evolution benötigen keine Helfer: alles läuft von alleine (gerade dies läßt viele mit den Zähnen knirschen). 
Hitler spinnt den Faden weiter: Der Jude versuchte die Königin Natur zu überlisten: er predigte seit Jahrhunderten den Lebensschutz, das Mitleid mit Schwachen, die Friedfertigkeit und das gleiche Recht für alle (S. 122). Deshalb stand der Jude den Plänen Hitlers im Wege (wie auch später die einige herzte Christen, Amery nennt mehrfach den mutigen Bischof Clemens August Graf von Galen).
Lebensraumtheorie
Amery bemängelt den Ressourcenverbrauch der Gegenwart, der Nachhaltigkeitskriterien außer Acht läßt. Damit das Volk nicht darüber nachdenkt, bekommt es Brot und Spiele. Es wendet sich dem Fußball zu. Was jenseits des Populärbetriebs liegt interessiert nicht mehr (S. 144).
Damit hat Amery nur teilweise recht.
  • Fussball steht wohl exemplarisch. Es gibt viele Disziplinen, die das Circenses in "panem et circenses" einnehmen können, darunter Disziplinen (Facebook, usw.), die Amery noch nicht kennen konnte.
  • Viele betätigen sich auch heute politisch. Die Ablenkung gelingt nicht ganz. Inwieweit sie dabei (vorher) nachdenken, steht auf einem anderen Blatt.

Bemerkenswert scheint mir, dass Amery keineswegs auf Hitler eindrischt. Manchmal schwingt sogar eine leise Anerkennung mit, wenn er feststellt, dass es staunenswert sei, wieviel von seinem Programm Hitler in den 12 Jahren seiner Regentschaft unterbrachte (S. 103). Man gab „dem Demagogen, dem Anstreicher, dem Windbeutel sechs Wochen oder Monate, bis sich seine wirren Staatskünste von selbst erledigen würden. Er war schlauer als sie alle” (S. 105).
Fundamentalismus
Amery macht klar, dass sich Geschichte, bei aller Entwicklung, die der Autor herausarbeitet, nicht wiederholt. Das neue Deutschnationalismus hat neue Methoden seinen Sozialdarwinismus zu befördern, darunter welche, die Amery noch nicht kennen konnte:
  • Waffenlieferung nach Nahost, Afrika und anderswo, damit sich die "Schwachen" vor Ort den Kopf einschlagen
  • vermeintlich Minderwertige werden auf der Flucht aus Krieg und Elend ausgemerzt (T.C. Boyle lesen, siehe weiter unten; Mittelmeer!)
Weitere verfeinerte Methoden der Selektion (S. 178ff)
  • an den Grenzen des Schengener Abkommens
  • auf den deutschen Flughäfen
  • „das bürokratische Fegefeuer” des einst liberalen deutschen Asylrechts.
Ziel: Bewahrung des Wohlstandsgefälles, das durch die Selektion der internationalen Handelsbedingungen entstanden ist.  (S. 178-179)
„Besondere Formen des Mordens entwickeln religiöse Fundamentalismen, beileibe nicht nur der muslimische. Der Anspruch auf das Recht zu tödlicher Selektion entsteht in dem Augenblick, wo man sich hundertprozentig auf der Seite Gottes weiß” (S. 155)
Ergänzend kann man hinzufügen: wo man sich auf der Seite der Wahrheit weiß.
Auch Hitler berief sich bei der Vollstreckung seines Programms auf Gott:
„So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln. Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrr” (Adolf Hitler: Mein Kampf)

Deutschnationalismus
Das Wiedererstarken der völkischen Nationalismen in den 90-er Jahren des 20. Jhdts. erinnert Amery stark an die Situation in Bayern in den frühen 20-er Jahren. Die Hauptgefahr dabei sieht er in der „Osmose der Gefühle zwischen faschistischen und der »anständigen« Rechten, die von den gemeinsamen Kränkungen herrührt” (S. 156-157).
Die drohende Gefahr läßt Amery an einen Roman denken, ohne ihn explizit zu benennen (S. 174). T. Coraghessan Boyle beschreibt in The Tortilla Curtain (Amery Links) die Dichotomie von links-liberal ökologischen und neonational-sozialdarwinistischen Geisteshaltungen.
Amerys Befund:
„Für jedes deutsche Verantwortungsgefühl, das noch einen Schuß Pulver wert ist, ist das alles schlechthin fürchterlich. Alles, was geschehen kann, muß geschehen, um diese Zustände zu ändern. Der Schoß, aus dem das einst kroch, ist durchaus noch fruchtbar” (S. 159).
Bei allen Grausamkeiten hatte man früher noch Faust und Hölderlin im Tornister.
„Der real existierende Neonazismus hingegen ist grundsätzlich analphabetisch” (S. 161).
Fazit
Auf die Frage von Hans Jonas: „Müssen wir Unmenschen werden, um die Menscheit zu retten?” antworten viele Fundamentalisten mit „ja”.
Amery gibt zu Bedenken: „solange wir keine humanere Antwort auf die Frage des Hans Jonas finden, liegt Dracula lebendig unterm Schutt im Keller.” (S. 188)
Dabei kommt Dracula in neuen Verkleidungen „als barbarischer Häuptling eines Möchtegernherrenvolkes, als fundamentalistischer Killer, als eisiger Planet-Manager” (S. 188).
Zentrale These
Hitler und die NS-Herrschaft waren kein einmaliger nicht wiederholbarer Ausrutscher. Sie liegen als Dracula im Keller und werden wiederbelebt von
  • Vertreter eines Möchtegernherrenvolkes,
  • fundamentalistische Killer
  • eisige Planet-Manager
Was setzt Amery dagegen?
  • Solidarität mit der Biospäre, der Lebenswelt
  • kein Sozialdarwinismus
  • keine naive Doktrin der unsichtbaren Hand
  • keine Hoffnung auf Eschatologie, den Anbruch einer neuen Welt (S. 191).
Das krönt Amery mit dem paradoxen Befund: „Der Mensch kann die Krone der Schöpfung bleiben – wenn er begreift. daß er sie nicht ist” (S. 190)
Der Essay Hitler als Vorläufer erschien 1998. Die Entwicklungen seitdem bestätigen viele Befunde Amerys. Ja, sie gehen meist über das von Amery an die Wand Gemalte verhängnisvoll hinaus.
Die AfD trat zunächst als gegen Euro und EU positioniert an. Auf ihrem Mitgliederparteitag nach der Spaltung positioniert sich die AfD neu als deutschnationale Anti-Asyl-Partei. Partei-Vize Albrecht Glaser sagte: „Die Schicksalsfrage lautet, wie kann dieses Land, diese Zivilisation, das Weltkulturerbe Deutschland erhalten werden.” Das erinnert an vieles oben in der NS-Zeit Gesagte. Die Parteivorsitzende Frauke Petry erklärte auf demselben Parteitag am 1. Mai 2016, dass das Wort deutschnational zur AfD passe.
Dazu Micha Brumlik, Hajo Funke und Lutz Bucklitsch (siehe Amery Links):
"Die Deutschnationalen aber waren – wie jeder wissen sollte – eine rechtsradikale völkisch-nationalistische Partei der Weimarer Republik, die in ihren späten Jahren sich in der Harzburgerfront mit den Nationalsozialisten verband und diese 1933 an die Macht brachte.§
Man vergleiche dazu Amery über die Osmose des völkischen Nationalismus in Bayern in den frühen zwanziger Jahren weiter oben.
Carl Amery hat – wie man es von ihm erwartet – eine kluges Buch geschrieben, das auch in der Lage ist seine Leser klüger zu machen.
Die Warnungen Amerys von 1998 wurden nicht beherzigt. Hitler als Vorläufer war kein Bestseller. Das wurde erst später Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin. Es passt voll zu dem, vor dem Amery warnte.
Umso wichtiger ist es, dass viele Aufgeschlossene diesen Essay heute lesen. Es ist noch dringender als vor nahezu 20 Jahren.
Die Lektüre läßt die Lücke erkennen, welch große Lücke dieser große Denker der Bundesrepublik mit seinem Tod am 24. Mai 2005 in München hinterlssen hat.
Links
AmeryCarl Amery – Wikipedia
AmeryT. Coraghessan Boyle: The Tortilla Curtain
AmeryMicha Brumlik, Hajo Funke, Lutz Bucklitsch: Der Programmparteitag der AfD hat es geklärt: Die AfD ist deutschnational – und damit rechtsradikal, 2. Mai 2016
AmeryDeutschnationale Töne auf AfD-Parteitag, 1. Mai 2016
AmeryMarkus Hofmann: Der Grüne Hitler Die Gazette Nr. 15, Juli 1999
AmeryDietmar Kesten: Erschlägt Hitler die Geschichte? Carl Amery zieht Bilanz
AmeryRoberto J. De Lapuente: Hitler als Vorläufer, ad sinistram, 6. 12. 2008
AmeryLudger Luetkehaus: Schwarze Metaphysik. In die Zukunft mit Hitler? Carl Amerys düsterer Blick auf das 21. Jahrhundert. Die Zeit, 1/1999
AmeryNaturalistischer Fehlschluss
AmeryMaria Overdick-Gulden: Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts? Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 57 1/ 2001
AmeryRezension: Sachbuch. Unmenschen werden - Um die Menschheit zu retten? Amerys Provokation, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.1998, Nr. 276 / Seite 10
Amery Thilo Sarrazin sagt: "Ich bin kein Rassist". Er ist ein Sozialdarwinist
Amery Zitate Carl Amery
AmeryZukunftsvisionen: Hitler als Vorläufer? Oder: Das Problem der Begrenztheit. Gespräch mit Carl Amery, Bayern2Radio, 3./5.4.2000
Literatur
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Amery AmeryCarl Amery: Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts? München: Luchterhand, 1998. Gebunden, 190 Seiten
 
Hitler  AmeryChristian Hartmann, Othmar Plöckinger, Hg.: Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition. München: Institut für Zeitgeschichte, 2016. Gebunden, 1966 Seiten Horkheimer
Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt: Fischer, 1988. Taschenbuch, 288 Seiten Amery
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.1.2017