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Beetz
Jürgen Beetz:
Auffällig feines Deutsch: Verborgene Schlüsselwörter eines Parteiprogramms

Aschaffenburg: Alibri, 2017. Broschiert, 145 Seiten _ Beetz LinksBeetz Literatur
Die Vertreter der Partei AfD (Alternative für Deutschland) fallen durch deftige Reden auf. Sie bedienen sich häufig beim Vokabular der NS-Zeit. Oft verwenden sie Ausdrücke zweideutig („Denkmal der Schande“): ihre Anhänger verstehen, auf Presserückfragen kann sich der AfD-Redner oberflächlich zurückziehen.
Jürgen Beetz untersucht in Auffällig feines Deutsch das AfD-Parteiprogramm. Die Autoren des Programms haben Kreide geschluckt. Doch der Autor liest genauer und stellt für einzelne, häufig im Programm benutzte Wörter den Rucksack (Bedeutungsrahmen, assozierten Frame) heraus.
Nach zwei Einleitungsartikel (warum zwei, zumal ein dritter einführender Artikel folgt?) gliedert sich der Text in:
  • Kommunikation
  • Verräterisches im Grundsatzprogramm mit 23 ausgewählten Ausdrücken
  • Was ist zu tun?
  • Schlusswort
  • Anmerkungen = Literaturverweise
Im Abschnitt „Kommunikation” erklärt Beetz kurz die wichtigen Bestandteile von Äußerungen:

Syntax, Semantik, Pragmatik.
 
Um  Semantik und Pragmatik dreht sich im Text fast alles. An einigen Beispielen zeigt der Autor die suggestive Kraft der Sprache. Er will das Programm der AfD nicht inhaltlich das AfD Parteiprogramm analysieren (S. 19),
Kann man nicht „völkisch” als ganz normales deutsches Wort verwenden? Frauke Petry, AfD, argumentierte in einem Interview mit der Welt am Sonntag, man müsse „daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist”. Es sei eine „unzulässige Verkürzung", wenn gesagt werde, 'völkisch' ist rassistisch”. Klingt vernünftig. Man sollte sich von Nazis Wörter nicht verbieten lassen. Je mehr man darüber nachdenkt, desto fragwürdiger wird freilich diese Argumentation. Wörter wechseln ihre Bedeutung im Laufe der Zeit. „Neger” war vielleicht mal neutral, wurde aber zum Schimpfwort. „Völkisch” bedeutete einst zum Volk gehörig, wurde und wird aber mit einem ganz anderen Bedeutungsrahmen verbunden. Das Gift, das dem Wort injeziert wurde, kriegt man so leicht nicht heraus. Deshalb sollte man auf den Gebrauch des Wortes verzichten und es sei es nur deswegen, weil es bei anderen missverstanden werden könnte. Siehe dazu Kommentare unter Beetz Links.
Im Hauptabschnitt greift Beetz 23 Wörter und Ausdrücke aus dem  AfD-Parteiprogramm und zeigt welcher Bedeutungsrahmen mit ihnen verbunden ist. Dazu bedient er sich der Eisbergmetapher: nur ein kleiner Teil ist sofort sichtbar, der größte Bedeutungsteil wird unbewusst mittransportiert.
Leider benennt der Autor nicht immer wo und in welchem Zusammenhang der Ausdruck vorkommt. So fehlt der Verweis bei „Politische Korrektheit”. Sie wird im Kapitel 9 des Programms, in „Einwanderung, Integration und Asyl” thematisiert.
Hier und an anderen Stellen geht Beetz sehr wohl und zurecht auf Inhalte ein, trotz seiner starken Einschränkung dazu im Vorwort (S. 19). Er fasst das Urteil über den Inhalt des Programms so zusammen:
„Insgesamt zeigt sich im AfD-Programm eine Kombination von kleinbürgerlicher Hybris und Ignoranz gegenüber Problemen der modernen Welt, die zum Teil nicht einmal erwähnt werden”
(S. 106).
Es geht also nicht nur um Semantik, Pragmatik und Frames: die Inhalte des Programms sind teilweise haarsträubend.
  • Man lese nur die Abschnitte zum Klimaschutz. Wie Kreationisten ist für die AfD der Klimawandel „just a theory”: Er „beruht auf hypothetischen Klima-Modellen” (1.1). Dabei kennt die AfD „Klimaextreme in vielen Ländern” (Kap. 9.1.1), schreibt dies aber dem natürlichen Klimawandel zu (Kap. 12.1).
  • Zuwanderungsquoten sind ethisch nicht zu verantworten, heißt es im Leitantrag der Bundesprogrammkommission zum Bundesparteitag am 22./23.04.2017 in Köln. Im selben Antrag wird aber eine eine jährliche Mindestabschiebequote gefordert. An wieder anderer Stelle werden Quotenregelungen von der AfD abgelehnt. Was gilt?
  • Die AfD will Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab verwirklichen. Im März 2017 forderte die AfD eine Die AfD eine „Minuszuwanderung“ von über 200.000 Menschen und eine Abschaffung des Familiennachzugs gefordert. Man kann sich ausrechnen, wann niemand mehr in Deutschland sein wird.
  • Wie kann, wer die Familienzusammenführung ablehnt, behaupten „Leitbild für uns ist die Familie” (5.4)?
Durchgehender Befund des Autors

Die AfD-Anhänger „beanstanden richtigerweise kritikwürdige Zustände [...], aber sie ziehen die falschen Schlüsse” (S. 43).
Diesem Befund stimme ich zu, allerdings auch diesem Befund:
„Die Welt-Wahrnehmung der AfD ist falsch, sie geht von einem falschen Bedeutungsrahmen aus” (S. 125). Wie beides zusammenpasst, darüber denke ich noch nach. Vielleicht ist es so: eine falsche Wahrnehmung (z.B. Farbenblindheit) schließt nicht aus, dass man doch Richtiges wahrnimmt, aber daraus die falschen Schlüsse zieht.
Tunnelblick

„Viele glauben nur das, was sie ohnehin schon glauben” (S. 15). Daran richten sie auch ihre Anerkennung weiterer Tatsachen aus. Wer widersprechende Sachverhalte anführt wird als Lügner bezeichnet. Diese Grundhaltung des AfD-Parteiprogramms stellt der Autor zu wenig heraus. Ein Beispiel: Sexualerziehung ist für das Parteiprogramm der AfD einzig „ Frühsexualisierung” und die wird rundweg abgelehnt (8.3).
Einschränkungen
  • Freilich ist manches Detail falsch. So stammt „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ nicht von Gerhard Schröder (S. 112), sondern von Helmut Schmidt; immerhin beide von der SPD.
  • Es sind keine „verborgenen” Schlüsselwörter, wie der Untertitel behauptet, denen der Autor nachgeht. Sie stehen alle gut lesbar im Programm. Das Verdienst des Büchleins ist es, sie mit ihrem Bedeutungsrahmen bewusst zu machen.
„natürlich”
Den problematischen Einsatz von „natürlich” im Parteiprogramm thematisiert Beetz S. 57–58, meines Erachtens aber ungenügend. Hier eigene Gedanken zu „natürlich”:

Im Parteiprogramm taucht „natürlich” 5 Mal auf.
  1. „Eine natürliche Schranke ergibt sich durch Grundsätze des Völkerrechts”. (1.1)
    Wie so oft (ganz allgemein festgestellt) wird hier „natürlich” falsch eingesetzt. Eine Grenze durch ein (menschengemachtes) Recht kann kaum natürlich sein.
  2. „Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen” (4.3)
    Hier scheint mir „natürlich” angemessen eingesetzt.
  3. Abschnitt 7.5 spricht sich für die natürliche Vielfalt der Medien aus. Medien sind keine natürlichen Ressourcen.
    BTW Hier ist grotesk, dass die AfD eine Vielfalt der Medien dadurch erreichen will, dass die öffentlich-rechtlichen Medien verschlüsselt werden und nur noch gegen Bezahlung zur Verfügung stehen. Zudem schreibt die AfD diesen Medien die Richtung vor: „wertvolle Inhalte wie hochwertige Berichterstattung, Bildung, Kunst und Kultur”, wobei unklar bleibt, was wertvoll und hochwertig ist. Jeder versteht etwas anderes darunter.
  4. „Die AfD lehnt diese Geschlechterpädagogik als Eingriff in die natürliche Entwicklung unserer Kinder [..] ab.” (8.3.)
    Hier hat die AfD vieles nicht verstanden. Was sie unter „Geschlechterpädagogik” versteht, bleibt unklar. Ist es die kurz vorher genannte „Gender-Ideologie”, die ebenso unklar bleibt?
    Eine natürliche Entwicklung der Kinder – also unbeeinflusst von Menschen – gibt es in der heutigen Praxis nicht oder nur bezüglich Teilaspekten. Kinder brauchen Erziehung, Frühbildung, Unterweisung, Hilfestellung, Vorbilder. Die Entwicklung muss gelenkt werden. Ganz natürlich, d.h. ohne Eingriff, lernt heute kein Kind die Sprache, die Rolle in der Familie usw.
    Zudem sitzt die AfD hier dem naturalistischen Fehlschluss (siehe Beetz Links) auf: aus dem natürlichen Geschehen lassen sich keine Normen, Werte, Pflichten und Verhaltensregeln ableiten.
  5. 5. „die natürlich gewachsene Kultur und Tradition unserer Sprache” Kultur ist geradezu ein Gegenbegriff zur Natur. Kultur und Tradition entstanden durch menschlichen Einfluss. (8.3.1.)
Rechte und linke Populisten
In Rezensionen zu Auffällig feines Deutsch wird dem Autor Jürgen Beetz oft eine linke Position vorgeworfen. Das alleine scheint schon Kritik genug zu sein. Die kuriosen bis beleidigenden "Kritikpunkte" sind:
  • "linkes Bändchen mit kleiner Auflage"
  • "Diese Linken Kots sind doch schon lange durchschaut."
Wer sich humanistisch-tolerant gibt wird als links eingestuft.
Passender ist da schon die Unterscheidung des Historikers Heinrich August Winkler, auf den sich auch Jürgen Beetz beruft (S. 41):
„Es gibt immer noch Trennendes zwischen linken und rechten Populisten. Fremdenfeindlichkeit und Kult der eigenen Nation sind Merkmale der Rechten, das Bekenntnis zur internationalen Solidarität ist ein Kennzeichen der Linken. Wer sich auf das Gleichheitspostulat der Französischen Revolution von 1789 beruft, steht links, wer die Ungleichheit unter den Menschen für naturgegeben und notwendig hält, rechts.” (siehe Beetz Links)
Kleine Fehler wie die oben erwähnten trüben den informativen Charakter und den guten Gesamteindruck von Auffällig feines Deutsch nicht. Die unterschwellige Bedeutung zahlreicher Ausdrücke aus dem AfD Parteiprogramm 2017 wird aufgezeigt.
Das Werk wird allen (ohne Einschränkung, denn politisch interessiert sollte jeder sein) zur Lektüre empfohlen.
Nicht aus dem Buch, aber thematisch passend:

Die drei Lügen der AfD
1.  Alternative 2. für 3. Deutschland

Links
AfDAfD Grundsatzprogramm lang
AfDJürgen Beetz
BeetzLiteratur zum Rassismus, Rechtspopulismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
AfDZur Doppeldeutigkeit von „Denkmal der Schande“: Was Höcke mit der „Denkmal der Schande“-Rede bezweckt, Die Welt, 18.1.2017
Beetz Naturalistischer Fehlschluss
AfDNegativzuwanderung
BeetzThilo Sarrazin sagt: "Ich bin kein Rassist". Er ist ein Sozialdarwinist
völkisch

AfDBritta Kollenbroich: Begriff "völkisch". Warum Frauke Petry falschliegt. Der Spiegel, 11.9.2016

AfDBeat Balzli, Matthias Kamann: Frauke Petry - „Wir wollen keinen Bürgerkrieg in Deutschland“, Die Welt 11.09.2016

AfDBeat Balzli, Matthias Kamann: Petry will den Begriff „völkisch“ positiv besetzen, Welt am Sonntag, 11.09.2016

AfDPatrick Gensing: AfD-Chefin Petry und der Begriff "völkisch". Aus dem historischen Giftschrank. Tagesschau 12.09.2016

AfDLiane Bednarz, Farhad Dilmaghani: Völkische AfD - Wo bleibt der Aufschrei? Der Spiegel,18.9.2016

WinklerHeinrich August Winkler: "Stunde der Vereinfacher – Einheit der Gegensätze: Was rechte und linke Populisten verbindet", Zeit Online 9. Februar 2015
Literatur
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Beetz AfDJürgen Beetz: Auffällig feines Deutsch: Verborgene Schlüsselwörter eines Parteiprogramms. Aschaffenburg: Alibri, 2017. Broschiert, 145 Seiten


Bensmann AfD Marcus Bensmann: Schwarzbuch AfD: Fakten, Figuren, Hintergründe. Correctiv, 2017. Taschenbuch, 224 Seiten Feustel
Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif, Hg.: Wörterbuch des besorgten Bürgers. Ventil, 2016. Taschenbuch, 152 Seiten AfD
Beetz Anfang

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