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Nagel
Georg Immanuel Nagel: Ruf der Geschichte. Zur Erneuerung von Österreichs Identität
Eckartschrift 230. Wien: Österreichische Landsmannschaft, 2018. Taschenbuch, 112 Seiten– Nagel LinksNagel Literatur
Der Autor plädiert in diesem politischen Essay für einen Nationalstaat, der alle deutschsprachigen Gebiete umfassen sollte. Fremde gehören nicht dazu. Sie sind Fremdkörper.
Georg Immanuel Nagel gliedert seine Schrift nach der Einführung in sechs Kapitel.
  1. Österreich befindet sich an einem historischen Wendepunkt
  2. Das Eigene und das Fremde
  3. Tausend Jahre Österreich
  4. Österreich in Europa und die deutsche Kulturgemeinschaft
  5. Die Dritte Republik
  6. Werden, wer wir sind
Das Büchlein schließt mit dem Aufruf: „Eine Bewegung muss geformt werden”.
Das erste Bild ist eines der Sintflut (S. 5). Es steht entweder für die islamische Sintflut, die über Europa hereinbricht (hereingebrochen ist) oder für die Endzeitkatastrophe die eintritt, wenn Völker und Kulturen sich weiter so vermischen.
Der eigentliche Text startet mit der Behauptung, die ständig von irgendjemand aufkommt, besonders im Wahlkampf und allenfalls im Nachhinein widerlegt werden kann: „Österreich befindet sich, so wie die ganze westliche Welt, an einem Wendepunkt in der Geschichte” (S. 4)
Nagel macht auf zwei zurückliegende Wendepunkte, 1945 und 1968, aufmerksam. Die 68-er Bewegung ist für ihn ein „moralischer Totalzusammenbruch”; es begann eine „Spirale des Niedergangs” (S. 4).
Nagel geht von vier Voraussetzungen aus:
  1. Es gibt eine autochthone Bevölkerung und Kultur im deutschen Sprachraum
  2. „Die Sendung Österreichs ist eingebettet in das Schicksal der deutschen Nation” (S. 104)
  3. Vermischung mit anderen Ethnien und Kulturen zerstört die Identität dieser Bevölkerung
  4. Die deutschprachige Kultur dominierte das Abendland und damit die ganze Erde.
Die „politische Klasse” betreibt / plant einen Bevölkerungsausstausch „apokalyptischer Dimension” (S. 25). Damit wäre es mit der wertvollen (siehe 4. Voraussetzung) Identität schlecht bestellt (siehe 3. Voraussetzung).
Damit ist es konsequent, dass Nagel eine „Bewegung” fordert. Welcher Art diese sei zeigt sein Lob von Pegida (S. 103ff). Von den Mitgliedern dieser Bewegungen fordert er bereit zu sein „alles auf sich zu nehmen, was dieser Kampf erfordert” (S. 106).
Nagels Abschlussvision: „Die Not der Stunde wird Unglaubliches möglich machen und eine Entfesselung uralter Kräfte entfalten, denen sich nichts mehr in den Weg stellen kann” (S. 108).
Kritik der vier Voraussetzungen
1. Es gibt eine autochthone Bevölkerung und Kultur im deutschen Sprachraum
In Bayern gibt es keine autochthone Bevölkerung, sondern eine Vermischung aus Kelten, Römern und anderen Zuwanderern. Ein wichtiger Teil des von Nagel in den Blick genommenen deutschen Sprachraums erfüllt damit nicht die stillschweigende Voraussetzung. Ich nehme an, das gilt auch für andere Teile.
2. „Die Sendung Österreichs ist eingebettet in das Schicksal der deutschen Nation” (S. 104)
Diese Voraussetzung Nagels für seine Ausführung wird von vielen Österreichern sicher nicht geteilt. Den Anschluss an Deutschland wollen wahrscheinlich die wenigsten Österreicher. Eine repräsentative Befragung dazu ist mir allerdings nicht bekannt.
3. Vermischung mit anderen Ethnien und Kulturen zerstört die Identität dieser Bevölkerung
Die Identität einer Bevölkerung erscheint mir ein recht kompliziertes Geflecht zu sein. Sie ist ständig im Wandel (wie auch die deutsche Sprache stätndig im Wandel ist). Vermischung mit anderen Ethnien und Kulturen zerstört diese Identitäten nicht. Der indische Wissenschaftler und  Nobelpreisträger Amartya Sen setzt gegen die Behauptung singulärer Identitäten und homogener Kulturen (beides Voraussetzungen oder Behauptungen in Nagels Essay) die Pluralität und Heterogenität. Man soll die Pluralität akzeptieren und aktiv mitgestalten (siehe Nagel Literatur).
4. Die deutschprachige Kultur dominierte das Abendland und damit die ganze Erde
Nagel stellt fest, dass „wir” (er meint wohl die Träger der deutschsprachigen Kultur) die Geschicke des Abendlandes und somit der ganzen Erde geprägt haben.
Also nach der Formel: deutschsprachige Kultur = Abendland = ganze Erde (S. 18).
Dieser starke Ethnozentrismus wird vorausgesetzt und nirgends belegt oder begründet.

Behauptungen ohne Belege, teilweise widersprüchlich
  • Die Wende von 1968 begann in den USA mit der  Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und den Protestern gegen den Vienamkrieg. In Deutschland wurden von der Studentenbewegung der 1960er soziale Reformen angestossen. Es kam zu einem kurz- und längerfristigen  Wertewandel. Zwei Beispiele: Die Frauen hatten bis zur 68-er Wende zahlreiche Einschränkungen zu erdulden: der Mann musste einwilligen, wenn sie arbeiten wollte oder ein eigenes Bankkonto eröffnen wollte. Erst nach dem Jahre 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen.
    Wer all dies als moralischen Totalzusammenbruch ansieht diskrediert sich selbst.
  • Die Behauptung, dass mit der 68-er Bewegung ein „moralischer Totalzusammenbruch” erfolgte widerspricht Nagels Befund, dass damit eine „Spirale des Niedergangs” begann (S. 4). Nach einem Totalzusammenbruch kann es nicht mehr abwärts gehen.
  • Nagel legt im Text durchgehend viel Wert auf unsere Geschichte. Wer wird sind,  wird ganz wesentlich dadurch bestimmt, wer wir waren (S. 4). Das hat er recht. Aber oft plädiert er auch dafür die Geschichte zu vergessen (und meint vielleicht nur die der ersten Hälfte des 20-Jhdts.). Er beklagt das Gedenken an das Vergangene und auch, dass das Vergangene ausgelöscht würde (S. 13).

Missverständnisse
Manches missversteht Nagel.
So setzt er die Forderung nach Gleichheit aller Menschen (vor dem Gesetz und anderswo) mit der Behauptung gleich, alle Menschen wären ohne Unterschied gleich (S. 6) und verwirft sie deshalb.
Niemand meint mit der Gleichheit aller Menschen, dass alle Menschen ohne Unterschied gleich wären.
Ethnozentrismus
Nagels Ethnozentrismus wurde schon unter der Kritik seiner Voraussetzungen getadelt.
Er geht dabei so weit, dass er fordert, das Konkrete und Besondere der eigenen Kultur als das Absolute zu setzen (S. 6). Hinter dieser etwas obskuren Formulierung sehe ich einen extremen Ethnozentrismus.
Schlagworte und Floskeln
Es fällt auf, dass Nagel viele Schlagworte und Floskeln verwendet:
  • „herrschende Ideologie”: Nagel versteht darunter linke Positionen und Liberalismus, vielleicht auch alles, das seiner Position widerspricht.
    Man kann unter  herrschender Ideologie aber alles Mögliche verstehen, z.B. auch den von Nagel vertretenen Ethnozentrismus.
  • Die „alten Parteien” und „ihr treu ergebenden Lügenpresse” (S. 28)
    Vergleiche dazu wortgetreue und ähnliche Formulierungen der AfD oder von Joachim Herrmann, CSU, der ebenfalls die „Lügenpropaganda” dafür verantwortlich machte,  dass „manch unbedarfte Menschen in die Irre geführt” werden.
  • Wie es Nagels Geistesverwandte für Deutschland behaupten, so sieht er in Österreich das „Weltsozialamt” (S. 87).

Falsche Behauptungen
  • „Derzeit kann entgegen der geltenden Rechtslage so gut wie jeder unkontrolliert nach Europa einwandern und sich nach Belieben an einem gewünschten Ort ansiedeln” (S. 29)
  • Die Kreuzzüge im Mittelalter waren „im Wesentlichen ein Verteidigungskrieg gegen die ständige islamische Aggression” (S. 37-38).
  • Das politische Establishment hat die „Grenzen für das Überrollen des Abendlandes geöffnet” (S. 28)
Dabei soll nicht verkannt werden, dass in Nagels Befunde auch Wahrheiten stecken, so wenn er beispielsweise die Reformen in Österreich als „Lügenbegriffe” brandmarkt (S. 82). Ich nehme an, die genannten Reformen in Österreich sind ebensowenig wie die „Reformen” in Deutschland wirkliche Reformen. Es sind oft nur Flickarbeiten (meist zum Schlechteren) an bestehenden Regelungen.
Allerdings zieht Nagel dann falsche Folgerungen und spricht vom „Niedergang unseres Landes” (S. 85)

Verschwörungsartige Behauptungen
  • Gewollte (!) Masseneinwanderung (S. 4). – „Völkerwanderung von unbekanntem Ausmaß” (S. 25)
  • Ausbeutung des Volkes
    „Das Volk wird also ausgepresst, damit die Früchte seiner Arbeit an andere verschenkt werden können. Diese werden ihre Frauen nachholen und sich weiterhin reichlich vermehren” (S. 25) Man vergleiche dazu Internetäußerungen des Attentäters im OEZ 2016 David S.: „Die Ausländischen Untermenschen mit meist Türkisch-Balkanischen Wurzeln ... sind für die Destabilisierung ... verantwortlich.” („Das Netzwerk der Todesschützen”; SZ, 15.Mai 2018, S. 37)
  • Bevölkerungsaustausch
    „Das Ersetzen des eingesessenen und funktionierenden ethnisch großteils homogenen Volkes durch eine bunt zusammengewürfelte »Bevölkerung« aus allen Elendsquartieren der Erde” (S. 28)

Absurde Forderungen
Man mag zu Nagels Identitätsforderung des deutschsprachigen Kulturraum stehen wie man will, seine Forderung nach Abschottung und Fremdenaversion kann man nicht teilen. Diese Forderungen und Einstellungen sind teilweise absurd.
  • „Kein einziger Cent darf mehr an Fremde vergeudet werden” (S. 92): Damit hat Nagel ja prinzipiell recht: für keinen Bürger sollte je ein Cent vergeudet werden. Nagel meint es aber anders: Für Fremde darf kein Cent ausgegeben werden.
  • Nagel verrennt sich in Aussagen, die er selbst wohl nicht ernsthaft meint.Der einzige Zweck einer ordentlichen Sozialpolitik darf es sein „die Fertilitätsrate der autochthonen Bevökerung zu heben.” (S. 92). Welch ein Schmarrn!
  • Dazu kommt, dass er beklagt, dass jeder Fremde, der zu uns kommt, natürlich Ressourcen aller Art beansprucht, die uns dann woanders fehlen (S. 93). Wird die Fertilitätsrate der autochthonen Bevölkerung gesteigert, wie es Nagel fordert, wird dieser Effekt vergrößert. Das ist eigentlich wieder ein Fall für Nagels Widersprüche.
  • Gelegentlich wird Nagel konkreter. Nicht mehr die „Staatskünstler, Beamte und Parteibonzen, Manager und Banker” sollen den politischen Raum bestimmen, sondern die »normalen« Leute (S. 96). Wer normal ist führt Nagel nicht aus, es ist zu befürchten, dass es für ihn nur diejenigen sind, die seine Positionen teilen.
  • Wie viele Populisten spricht Nagel ständig von „wir” und meint, dass alle Bürger seine Meinung teilen (oder müssen sie es?). Nur so kann er fordern: „Wenn Gesetze unseren Wünschen im Wege stehen, so sind diese Gesetze eben zu ändern.” (S. 96)
  • Zum Abschluß fordert Nagel eine „Bewegung” (hatten wir schon mal und München war deren Hauptstadt). Welcher Art diese Bewegung sei zeigt Nagels Lob von Pegida (S. 103ff). Von den Mitgliedern dieser Bewegungen fordert er bereit zu sein „alles auf sich zu nehmen, was dieser Kampf erfordert” (S. 106). Auch diese bedingungslose Hingabe und Kampfbereitschaft hatten wir schon mal.
Oh Horror, wenn es so weit kommt, dass Nagels Forderungen und Wünsche verwirklich werden!
Die Lektüre ist nur Lesern zu empfehlen, die Nagels Positionen teilen oder die sich informieren wollen, welche Ziele der Kampf dieser und ähnlicher Bewegungen in Österreich und anderswo verfolgt.
Ich empfehle dem Autor Georg Immanuel Nagel die Lektüre von Amarty Sen: Die Identitätsfalle.
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Links
ÖsterreichEthnozentrismus
ÖsterreichNeueste Eckartschrift: Ruf der Geschichte
ÖsterreichÖsterreichische Identität
Österreich„Das Netzwerk der Todesschützen”, SZ, 15. Mai 2018, S. 37
ÖsterreichPegidaÖsterreichPegida (Wikipedia)
ÖsterreichAmartya Sen
ÖsterreichWestdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre
ÖsterreichHans Zeilhofer: Österreichischer Ethnozentrismus und Xenophobie. Pilotstudie der Paul Lazarsfeld-Gesellschaft für Sozialforschung, 2000
NagelGruppenbezogene Menschenfeindlichkeit GMF
NagelLiteratur zum Rassismus, Rechtspopulismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
NagelStammtischparolen
NagelWir sind nicht das Sozialamt der Welt – Nahezu gleichlautende hetzerische Werbesprüche von AfD, CSU und NPD
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Nagel ÖsterreichGeorg Immanuel Nagel: Ruf der Geschichte. Zur Erneuerung von Österreichs Identität. Eckartschrift 230. Wien: Österreichische Landsmannschaft, 2018. Taschenbuch, 112 Seiten
Sen ÖsterreichAmartya Sen: Die Identitätsfalle: Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. München: C.H.Beck, 2007. Friedrich Griese, Übs. Gebunden, 208 Seiten Sen
Amartya Sen: Identity and Violence: The Illusion of Destiny. Penguin, 2007. Taschenbuch, 240 Seiten Österreich
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