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James O’Brien:
How to Be Right: … in a World Gone Wrong

London: WH Allen, 2018. Gebunden, 224 Seiten - O’Brien LinksO’Brien Literatur
Vor wenigen Wochen machte mich meine Englischlehrerin auf den Radiosender LBC (Leading Britain‘s Conversation) und insbesondere auf James O‘Brien, einen der  Talkshow-Moderator, aufmerksam. Ich hörte und war frappiert. Hier wurde ganz anders diskutiert, als ich es von deutschen Medien her kenne. Während ich noch darüber nachdachte, was den Unterschied ausmacht, gab mir die Lehrerin das hier zu besprechende Buch James O’Brien: How to Be Right ... Bei dieser Lektüre wurde mir einiges klarer.
Aber der Reihe nach: zuerst zum Inhalt (obwohl sich das Methodologische nicht ganz ausklammern läßt), dann zur Diskussionsmethode.
Das Buch gliedert sich in
Introduction
  1. Islam and Islamism
  2. Brexit
  3. LGBT
  4. Political Correctness
  5. Feminism
  6. Nanny States and Classical Liberals
  7. The Age Gap
  8. Trump
Epilogue
Sowohl inhaltlich als auch methodologisch klärt das Buch den Außenseiter /Neuling zu LBC-Diskussionen auf. Daher ist der Essay allen bestens zu empfehlen, die
  • den Standpunkt eines liberalen britischen Journalisten zu den im Inhalt aufgeführten Punkten kennenlernen wollen
  • die Diskussionen bei LBC verfolgen
  • die ihr Diskussionsverhalten überprüfen und gegebenfalls verändern wollen.
Einleitung
In der Einleitung formuliert der Autor, wie er seine Aufgabe als liberaler Talkshow-Moderator sieht: Er hat die Aufgabe andere Standpunkte zu verstehen. Standpunkte können voneinander abweichen. Seine Weltsicht möchte objektive Parameter setzen, anhand derer man die wahren Sachverhalte erkennen kann (S. 1).
Dazu kann man, Methodologisches vorausnehmend, anmerken:
Talk show host (im Englischen) vs.  Talkshow-Moderator läßt schon einen der Unterschied erkennen, der mir auffiel. Der deutsche Talkshow-Moderator tritt moderierend in dem Sinne auf, dass er Meinungen erfragt und gegenüberstellt. Es wird als Tugend angesehen, wenn der Moderator keinen eigenen Standpunkt vertritt und allen Standpunkten gleiche Zeit einräumt (darüber mehr im Epilog). Der englische Gastgeber lädt zur Meinungsäußerung ein, das aber auf dem Schauplatz des Gastgebers, d.h. dieser setzt die Diskussionsbedingungen (das macht der Moderator auch), aber der Diskussionsteilnehmer weiß genau, dass er sich mit dem Gastgeber auseinandersetzen muss.
Die skizzierte Aufgabe setzt voraus, dass der Mitdiskutant an den wahren Sachverhalten interessiert ist und dafür die Parameter des Talkshow-Gastgebers anerkennt. Viele wollen weder das eine noch das andere. Während aber die Diskussionsteilnehmer vor zehn  Jahren oder noch länger für sich reklamierten selbst die Parameter einzuhalten oder andere Parameter (die noch besser geeignet sind) anlegten, gingen sie in den letzten Jahren dazu über darauf zu verzichten, ja sie ignorieren sogar die wahren Sachverhalte, erklären diese zu „fake news” und die eigene Ansicht zur wahren.
Ganz kurz schneidet James O‘Brien in der Einleitung die kommenden Themen an.
  • Die geschundene politische Korrektheit (PK) ist nichts anderes als die „common decency”, also was der allgemeine Anstand schon immer nahe legte.
  • Viele behaupten die Einwanderung (und anderes) sei ein Tabuthema. Man hat aber den Eindruck in den letzten Jahren diskutiert man über nahezu nichts anderes. Das gilt 1:1 auch für Deutschland.
  • Viele äußern rassistische Meinungen, wollen aber nicht als Rassisten benannt werden. Das gilt ebenso auch in Deutschland.
  • Einige unbegründbare Angstthemen sind die ausufernde PK, die ausgehöhlten britischen Werte und der Multikulturalismus, der Großbritannien zerstört.
Zu den allermeisten Kapiteln hier nur kurze inhaltliche Anmerkungen. Um den jeweiligen Standpunkt James O‘Briens kennenzulernen lese man das Buch oder höre LBC.
1. Islam and Islamism
An einigen Beispielen zeigt James O‘Brien, dass es nicht geht ein Merkmal (hier. Religion Islam) herausnimmt, dann generalisert und dann fordert, dass sich jeder Islamanhänger von der Gewalt distanziert oder gar entschuldigt.. Man könnte auch andere Merkmale nehmen, z.B. den Vornamen des Terroristen, sagen wir, Richard. Hier schlägt O‘Briens Dialog auch mal in Witz über, als er einen Richard aus der Sendung nimmt:
„I‘m just going to interrupt you there Richard, which some may consider an act of mercy.” (S. 32)
Hier, aber auch in den folgenden Kapiteln, zeigt sich, dass James O‘Brien dagegen ist, Unsinn gleichwertig zu diskutieren.
„The idea that »freedom of speech« somehow equates with freedom to spout undiluted, often inflammatory nonsense without being contradicted or called out (herausfordern) is currently more popular on both sides of the Atlantic, than at any other point in living memory.” (S. 32-33)

2. Brexit
Der Brexit ist ein derzeit (12/2018) dominates Thema in den LBC Diskussionen und auch im Buch. James O‘Brien ist dezidiert gegen den Brexit. Was er im gegenwärtigen Zeitpunkt (12/2018) machen will, wurde mir aber nicht klar. Vielleicht ist er aber hierin zienmlich offen. Die Lage es verfahren.

3. LGBT
LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Im Deutschen gibt es auch die Variante LGBTQ (z.B. SZ, 10.12.2018, S. 3) für  lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen.
James O‘Brien stellt fest, dass sich das Ziel des Hasses / der negativen Gefühle relativ schnell wandeln kann (Juden, Ausländer, Flüchtlinge, Muslime, Schwule, ...). Er schöpft daraus die Hoffnung, dass die Wurzeln des Hasses nicht zu tief gehen und dass sie freigelegt werden können (S. 76-77). Ungesagt schwingt nach: und überwunden werden können.

4. Political Correctness
Wie James O‘Brien schon in der Einleitung andeutet, ist für ihn PK nichts anderes als das, was der allgemeine Anstand schon immer nahe legte. Man versucht möglichst wenige verbal zu verletzen (S. 118).
Er deckt einige PK Episoden auf, in denen mit fake-news Stimmung erzeugt wurde. Viele Reklamationen über die ausufernde PK sind nichts als heiße Luft  (S. 117). Deshalb sieht er in der Klage über die PK den Versuch, die freie Meinungsaäußerung zu beschneiden und neue Entwicklungen zu diskreditieren (S. 105).

5. Feminism

6. Nanny States and Classical Liberals
Eines der besten Kapitel ist „Nanny States and Classical Liberals”, vielleicht auch deshalb, die Grenze zwischen dem, was der Staat regeln soll und was nicht, nicht leicht zu ziehen ist. Es geht – ähnlich wie im folgenden Kapitel – um Gerechtigkeit. Was darf / soll / muss der Staat seinen Bürgern verbieten?
Zur Gerechtigkeit beruft sich James O‘Brien auf John Rawls‘: A Theory of Justice (S. 154; deutsch:  Eine Theorie der Gerechtigkeit). Er hätte sich auch noch auf Jürgen Habermas berufen können. Dieser entwarf ein anderes Szenario, wie man zu gerechten Gesetzen und Zuständen kommt. Er propagiert(e) die Dikursethik. Ganz kurz: In einem freien und rationalen Diskurs einigt man sich.
Etwas spät praktizierten die verfeindeten Parteien den Haberschas'schen Diskurs im Karfreitagsabkommen (O’Brien Links).

7. The Age Gap
Dieses Kapitel schien mir mehr ein Kapitel über die Schere zwischen reich und arm zu sein. James O‘Brien sieht drei Hebel um die strukuruale Ungleichheit zu bekämpfen:
  • Einkommensteuer
  • Vermögenssteuer
  • Erbschaftssteuer (S. 178).
Ich denke, es wäre schon viel gewonnen, wenn man die Erbschaftssteuer abschafft (halt: weiterlesen!) und ganz normal die Einkommensteuer auch für Erbschaften (vielleicht mit höheren Freibeträgen) anwendet. Der Bemerkung "some people are born on third base and go through life thinking they hit a triple" (S. 155) wäre der Boden entzogen.

8. Trump
Zum Erstarken der gewaltbereiten Rassisten und Anti-Semiten (S. 190-191) folge ich einer Analyse von Andreas Zick, Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld (siehe O’Brien Links): Rassisten und Anti-Semiten gab es immer, aber in letzten Jahren werden sie überall lauter, man kann diese „Meinungen” wieder öffentlich vertreten.

Epilogue
Im Epilog thematisert James O‘Brien nochmals, dass den lauten Rechten (Minderheit) gleich viel (wenn nicht mehr) Raum gegeben wird (S. 214).
Er kritisiert in diesem Zusammenhang das Argument, dass man immer beide Seiten öffentlichen Diskussionsraum geben muss. (S. 217) Ich erinnere an den US-Journalisten Bill Maher: „You don't have to teach both sides of a debate, if one side is a load of crap.”
Und James O‘Brien gibt im Epilog eine Anleitung für Journalisten im Umgang mit sich widersprechenden Personen. Man sollte sie nicht entwischen lassen, sondern sie mit ihren Widersprüchen und Lügen konfrontieren.
Er spricht sich mehrmals gegen vorgefertigte Interviewfragen aus (z. B. S. 77)
Das ist zwar eine gut gemeinte Anleitung, ist aber wohl kaum durchführbar. Man kann zwar meinen beide – Journalist und Politiker (Wirtschaftsmanager, ...) – sind aufeinander angewiesen, da unterschätzt man aber die Macht und Arroganz der Politiker.

Diskussionsmethode
Vom ersten Hören der LBC an  bewunderte ich die fokussierten Diskussionen. Klar ist, dass hier eine Vorabselektion stattfindet. Nicht jeder Anrufer wird auf Sendung geschaltet.
Mit James O‘Brien (S. 17) halte ich es für bemerkenswert, dass Personen anrufen, verfestigte Meinungen vertreten, Millionen zuhören und James O‘Brien bekannt dafür ist Argumente zu zerlegen. Und dann hört man, dass die Personen oft keine Ahnung davon haben, wie sie ihre Meinung belegen könnten.
James O‘Brien hatte seine Diskssionsmethode nicht von Anfang auf drauf. Aber mit den 14 Jahren Praxis erkannte er, dass es besser ist den Leuten zuzuhören. Der Kern seiner Methode ist es, die Ansichten der Anrufer zu hinterfragen und nicht einfach Fakten entgegenzusetzen.
Er bedient sich damit der Methode des Sokrates.
„The most important lesson I have learned in this job is that it usually serves no purpose to respond with counter-claims or condemnations. Only by asking John further questions you can get to the heart of him.” (S. 6-7)
Er will nicht nur fragen was jemand meint, sondern auch warum (S. 2). Er hinterfragt die Meinung und hakt nach, bis sich der Rufer verfängt oder schweigt.
Sokrates‘ Argumentationsmethode –  Maieutik
Sokrates geht in den Platonischen Dialogen davon aus, dass die Vorstellungen seiner Gesprächspartner ungenügend begründet sein. Um das zu zeigen, geht er so vor: er sucht sich einen (angeblichen) Experten für eine bestimmte Frage oder Definition, z.B. Was ist Tapferkeit? Der wird befragt und in eine Diskussion verwickelt.  Sokrates stellt keine eigene Antwort / Definition dagegen, sondern zeigt mit Fragen auf, dass die Expertenantwort zumindest löchrig ist.
„Socrates provides the model of the working dialectician using common forms of argumentation to raise questions and to probe into the weak points of an opponent‘s argumentation.” (Walton 2008, S. 277)
Sokrates selbst nannte diese Methode Maieutik (Hebammenkunst; seine Mutter war Hebamme; siehe O’Brien Links), da er den Gesprächspartner dazu bringt, selbst zu erkennen, dass seine Antwort / Definition ungenügend ist.
Um es zu verdeutlichen: die gegensätzliche Vorgehensweise ist, dass man selbst eine Antwort / Definition in die Diskussion bringt, also die Position des Lehrers, des Belehrenden einnimmt.
Es ist mir seit langem klar, dass die Sokratische Methode wirkungsvoller ist, als selbst mit Fakten aufzutrumpfen, die dann wieder vom Diskussionspartner angezweifelt werden können. Statt dem Partner (der eine unbelegbare These in die Welt setzt) hat man selbst die Last der Begründung. Aber wenn hanebüchene Thesen verbreitet werden ist man (bin ich) zu sehr geneigt dagegen zu schießen.
Auch James O‘Brien ist dagegen nicht gefeit (S. 93). Wenn Homophobe ihre Phobie mit der Bibel begründen, setzt er dagegen, dass man mit der Bibel vieles belegen kann (nur was im Meer und Bächen Floßfedern und Schuppen hat, darf man essen, 3. Moses 11: 10-12; man darf nichts am Leibe tragen, was Wolle und Leinen vermischt, 3. Moses 19:19).
Am Ende ein wichtiger Grundsatz des Autors: „Hate the liars, not the lied to.”

So sehr ich die Lektüre schätzte, hinterließ sie ein ungutes Gefühl: ich stimmte James O‘Brien in reichlich vielen Punkten zu. Er artikulierte manches (z.B. dass man nicht über jede törichte These gleichberechtigt diskutieren muss), was ich so nur ungern gesagt hätte. Im deutschen Sprachraum neigt man eher zu: „Das lassen wir so stehen” als dem Kokolores zu widersprechen. Auch Politiker werden selten auf ihre Widersprüche und Priouetten hin festgenagelt, zu groß ist der Respekt oder die Furcht, man würde nie mehr einen Interviewtermin erhalten.
Ein kleiner Einwand ist, dass sich James O‘Brien manchmal wiederholend wirkt. Von diesen Kleinigkeiten abgesehen: ein tolles Buch, das ich – wie schon eingangs schrieb – allen empfehle,  die
  • den Standpunkt eines liberalen britischen Journalisten zu den im Inhalt aufgeführten Punkten kennenlernen wollen
  • die Diskussionen bei LBC verfolgen
  • die ihr Diskussionsverhalten verbessern wollen.

Druckfehler
Ich entdeckte zwei Druckfehler
  • In einem Interview wird „Martin”, statt richtig „James”, genannt (S. 37).
  • „if there‘s money it for them” should be „if there‘s money in for them” (S. 168)
Links
O’BrienHow To Be Right In A World Gone Wrong | James O'Brien | RSA Replay (Video)
O’BrienJulian Hutchings: Book review: How to be Right...in a World Gone Wrong by James O'Brien, 4.11.2018 (Video)
O’BrienHow to Be Right by James O’Brien review – challenging the convictions of talk-radio callers - The Guardian, 7 Nov 2018
Besprechung in Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, DLF, 17.12.2018
O’BrienAndruck – ganze Sendung 17.12.2018 (audio)
O’BrienBritisches-Irisches Karfreitagsabkommen von 1998
O’BrienLBC
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Literatur
Walton, Douglas, Christopher Reed, Fabrizio Macagno (2008): Argumentation Schemes. Cambridge: Cambridge UP.
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O'Brien O’BrienJames O’Brien: How to Be Right: … in a World Gone Wrong. London: WH Allen, 2018. Gebunden, 224 Seiten O'Brien
James O’Brien: How to Be Right: … in a World Gone Wrong. Kindle Edition B07BN6BWRV O’Brien
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