Adel
Theodor Khoury, Ekkehard Grundmann, Hans-Peter Müller, Hg.: Krieg und Gewalt in den Weltreligionen. Fakten und Hintergründe Freiburg im Breisgau, Basel, Wien: Herder, 2003. Gebunden, 140 Seiten – ![]() ![]() |
Die Wahrheitsansprüche der Religionen, die mehr oder weniger Gewalt legitimierenden „heiligen“ Schriften und ihre strikte Befolgung scheinen Gewalt aufgrund von Religionen unausweichlich zu machen. Die Jahrtausende von Religionskriegen bestätigen die Vermutung. Der Sammelband geht den Fragen nach dem Verhältnis der Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus) zur Gewalt nach. |
Ekkehard Grundmann: Einführung |
Den aus der Thematik resultierenden Fragen stellt Grundmann die Frage nach der Möglichkeit eines interreligiösen Dialogs voraus. Er erwartet also von den Autoren auch die Beantwortung der Frage: „Kann es einen interreligiösen Dialog ohne Aufgabe der Wahrheitsansprüche der Einzelreligionen und -konfessionen geben?“ (S. 9). Vorab: diese Frage wird weitgehend bejaht. Ja mehr, die Autoren erachten diesen Dialog für unbedingt erforderlich. |
Hans-Peter Müller: Krieg und Gewalt im antiken Israel |
Hier fällt
schon im Aufsatztitel auf, dass sich der Autor nur mit dem antiken
Israel beschäftigt. Es geht also Wesentlich um Gewalt im Alten
Testament (AT), das ja in vielen Büchern vom antiken Israel berichtet.
Das AT strotzt vor Gewalt. Christen sind Erklärungsnöte. • Eine Position ist es, das AT für ganz oder teilweise irrelevant anzusehen. Diese Position behandelt Müller nicht. • Eine andere Position ist es die Historizität der biblischen Erzählungen zu bezweifeln. Dies verwirft Müller. Die ethische Ablehnung heiliger Kriege ist zwar ehrenhaft, aber, dass das, was heute nicht sein darf, auch früher nicht war, überzeugt nicht (S. 17). • Müller nimmt eine dritte Position ein. Die Anlässe der heiligen Kriege im antiken Israel hatten keinen religösen Anlass (S. 18). Da übersieht er den häufigen Eingriff Gottes ins Kriegsgeschehen und die zahlreichen furchtbaren Gewaltbefehle Gottes. Bemerkenswert erteilt Müller implizit der Naturrechtslehre eine Absage. Das Naturrecht geht davon aus, dass der der Natur bestimmte moralische Grundprinzipien (göttlichen Ursprungs) immanent sind, die uns zeigen, wie wir uns verhalten sollen. Ein berühmter Verfechter dieser Lehre ist Joseph Ratzinger. Die katholische Kirche folgert beispielsweise, da Homosexualität in der Natur nicht vorkommt, ist sie unnatürlich, also verwerfenswert. Müller erkennt dagegen: die Natur kann kein sittliches Vorbild sein (S. 23). Im weiteren Sinne vertritt er damit das Prinzip, dass aus dem Sein kein Sollen folgt (Sein-Sollen Fehlschluss, siehe ![]() |
Thomas Hoppe: Krieg und Gewalt in der Geschichte des Christentums |
Der Autor
stellt gleich im ersten Satz
die Weichen: es geht ihm um eine grundstätzliche Diskussion mit dem
Problem der Gewalt aus christlicher Sicht. Der Titel des Aufsatzes wird
also nur bezüglich der Theorie im Wandel der Geschichte erfüllt. Diese
Darstellung gelingt dann gut. Hoppe zeichnet das jahrhundertlange
wandelnde Verhältnis der Christen zur Gewalt nach und besonders die
Lehre vom gerechten Krieg. Unter diesem Aspekt ist auch Hoppes Befund zu lsen: „Das Problem der Gewalt begleitet das Christentum seit seinen Ursprüngen“ (S. 36). Richtig, aber nicht nur das Problem, sondern die Gewaltausübung ebenfalls. Die Legitimität der Gewaltausübung wird an strikte Bedingungen geknüpft. Hoppe verkennt dabei nicht die Eigendynamik der Gewalt, die Gefahr der Eskalation. |
Adel Theodor Khoury: Krieg und Gewalt im Islam |
Khoury zitiert
zunächst die Aussagen des
Korans und der Scharia zur Gewalt. Es sagt klar, dass der Koran den
Feinden Gottes den Kampf ansagt und dass dieser Kampf zur Pflicht der
Gemeinschaft gehört (S. 46). Friede herrscht demgemäß erst, wenn der
Staat nach den gesetzen Gottes regiert wird (S. 56). Die
fundamentalistischen Bestrebungen im Islam, die Islamisten, verkennen
aber einige bremsende Anweisungen im Koran. Der djihad ist nicht primär
Krieg (schließt ihn aber ein), sondern Einsatz im Dienst der Religion
(S. 63). Die Bedenken der westlichen Welt kann Khoury nur teilweise entkräften. Die drei Appelle des Autors in seinen Schlussbemerkungen (S. 64-65) lassen hoffen, wenn sie denn beherzigt werden. |
Konrad Meisig: Krieg und Gewalt im Hinduismus |
Wenn ich diesen
Aufsatz richtig gelesen
habe, gibt es in den heiligen Büchern des Hinduismus Bhagavadgita zwei
„Seiten“: Krieg und Askese. Krieg und Gewalt scheinen zu dominieren.
Daraus resultieren der gewaltfreie politische Hinduismus und der
gewalttätige militant-chauvinistische Fundamentalismus. Warum die
gewaltfreie Richtung der anderen vorzuziehen ist (S. 75) erörterte
Meisig nicht. Es müßten ja Argumente aus dem Hinduismus heraus sein,
die diese Präferierung nahe legen. Die Position Gandhis zur Gewaltlosigkeit erörtert Meisig in zwei Kapitel. Gandhi wurde selbst Opfer des gewalttätigen politischen Hinduismus. Meisig gibt ein gutes Unterscheidungskriterium zwischen Traditionalismus und Konservativismus einerseits und dem Fundamentalismus andrerseits: die Anwendung von physischer und psychischer Gewalt (S. 80-81). Ob das Kriterium nicht zu einfach ist? Der Schlusssatz scheint mir zu bestätigen, dass Gewalt dem Hinduismus immanent ist, vielleicht stärker und expliziter als in anderen Religionen. „Der gewalttätige Hindufundamentalismus erscheint so als die zeitgenössische Ausdrucksform von Krieg und Gewalt im Hinduismus“ (S. 82). |
Lambert Schmithausen: Zum Problem der Gewalt im Buddhismus |
Der Autor
gliedert seine Quellenanalyse
bezüglich Gewalt im Buddhismus zeitlich in Früh- und Spätbuddhismus.
Das Töten ist im Buddhismus generell untersagt. Das gilt nicht nur für
das Töten von Menschen sondern alles lebenden Wesen. Für Laien gilt
dies als Ideal um das man bemüht sein muss (S. 90). Dabei stellt sich
das Thema der Gewalt im Buddhismus als so facettenreich dar,
dass
der Autor am Ende resignierend feststellt: man kann es in einem kurzen
Artikel nicht annähernd erschöpfend darstellen (S. 98). Etwas mehr Bezug zur heutigen Praxis von Buddhisten hätte ich mir aber gewünscht. |
Ulrich H. J. Körtner: Religion und Gewalt. Zur Lebensdienlichkeit von Religion in ihrer Ambivalenz |
Erstaunlich
offen und konkret ist der
letzte Aufsatz. Körtner redet nicht um den Brei, sondern
bekennt: Gewalt ist den Religionen immanent. Er nennt • Terroranschläge in den USA (wenn auch nur teilweise religiös motiviert) • Kreuzzüge im Mittelalter • Inquisition • Judenverfolgung durch die Jahrhunderte • Religionskriege der Reformationszeit (diese Beschränkung verwundert). S. 99 Körtner geht weiter und kritisiert die allzu vorschnelle Apologie: diese Terrortaten seien dem wahren {Christentum, Islam} fern. Außenstehende steht es nicht zu, zu bestimmen, was zum wahren Wesen einer bestimmten Religion gehört (S. 100). • Körtner bekennt, dass der Toleranzgedanke der Neuzeit gegen die christlichen Konfessionen durchgesetzt werden musste (S. 123). |
Apokalyptik |
Der Apokalyptik
widmet Körtner einen eigenen Abschnitt. • Jede Religion birgt die Gefahr, „Gott oder das Heilige dämonisch zu verzerren“ (S. 100-101) • Die übrigen Religionen (außer der eigenen) werden oft dämonisiert und bekämpft. • Fanatismus und Religion gehören „aufs engste“ zusammen (S. 103). • Dem religiösen Fanatismus liegt „ein Heil-, Säuberungs- und Erlösungswahn“ zugrunde, ein Glaube an eine absolut lichtvolle, gereinigte Welt (S. 104). Um dies zu erreichen werden Andersgläubige und vermeintliche Widersacher enthumanisiert. • In Visionsberichten (z.B. Offenbarung des Johannes) wird die Apokalypse beschrieben. Oft müssen gewissen Geschichtsabschnitte durchlaufen werden, Zahlenspekulation spielt eine grosse Rolle, besondere Ereignisse künden den Wechsel der Zeiten an. • Allem unterliegt die Hoffnung auf einen erlösenden neuen Weltzustand, in oder außerhalb der existierenden Welt. Dem liegt der Gedanke zugrunde: die Jetztzeit ist oder führt in die Katastrophe und muss überwunden werden. Dabei helfen die Fanatiker nach. Diese Zerstörung wird als unvermeidbar und heilsam angesehen (S. 111). Daraus kann dann eine Lust am Untergang entstehen (S. 112). In den säkularen Apokalypsen (Atomkrieg, ökologische Katastrophe) fehlt diese Hoffnung. |
Übertragung auf die Offenbarungszeugnisse |
„Die
Absolutheit Gottes oder der Gottheit wird auf die schriftlichen
Offenbarungszeugnisse übertragen. Der Absolutheit Gottes entspricht der
absolute Text. Dies scheint der Kern jedes Fundamentalismus zu sein“
(S. 105) Das führt dann zu abstrusen Vorschriften, zu Protesten und Totschlägen bei Übertretung, wie derzeit (2/2012) nach Koranverbrennungen an einem US-Stützpunkt in Afghanistan. Siehe dazu den nachfolgenden Exkurs: Wie entsorgt man religiöse Schriften? Aus seinen Überlegungen zieht der Autor diese Folgerung: Das Lebensdienliche der Religion tritt in der jeweiligen Kirche zutage. Dort werden die Zweideutigkeiten der Religion erkannt und bekämpft (S. 117). Das sehe ich freilich nicht so. |
Liebe und Gewaltverzicht |
Im letzten Abschnitt vollzieht Körtner eine komplizierte Argumentation. Er wil den Pluralismus und die Beliebigkeit der Religionen vermeiden und trotzdem den Andersgläubigen die Anerkennung Gottes zugestehen. Dazu argumentiert er mit der Verborgenheit Gottes (S. 122-123). |
Exkurs: Wie entsorgt man religiöse Schriften? |
Bibel Laut Deutscher Bischofskonferenz sollte die Bibel in geweihter Erde vergraben werden, zum Beispiel auf einem Friedhof. Koran Die Tinte des Korans sollte man in Wasser auflösen oder das Buch in der Erde begraben. Das muss an einem Ort geschehen, über den keine Menschen laufen. Thora Die Tora kann begraben werden, sie kann aber auch in einen extra dafür vorgesehenen Raum gebracht werden, die sogenannte Genisa. Nicht mehr nutzbare Ausgaben von Heiligen Schriften werden häufig bei Beerdigungen mit in ein Grab gelegt. ![]() |
Man
vermisst
Biografisches zu den Autoren. Es ist ja nicht ganz unerheblich, welcher
Konfession derjenige ist, der beispielsweise über das Chrsitentum
schreibt. In den Aufsätzen fehlen Überlegungen, ob man durch Verzicht auf Religion oder gar ihrer Ächtung besser fahren würde. Der Schwerpunkt der religionsbezogenen Aufsätze liegt auf dem theoretischen Verhältnis der jeweiligen Religion zur Gewalt, also auf den Hintergründen im Untertitel. Wie es in der Praxis aussieht wird kaum thematisiert. Damit kommt auch kaum zur Sprache, wie man religiöse Gewalt vermeiden könnte. Man stimmt zu, dass ein interreligiöser Dialog möglich sein sollte. Man überlegt aber weiter: Könnten die Religionen nicht auch ihre Wahrheitsansprüche aufgeben? In ihrer Argumentation verwenden sie ja oft die These, dass (letzte) Wahrheit in den Wissenschaften nicht zu erzielen sei. Das sollte umso mehr für kaum belegbare Wahrheitsansprüche in den Religionen gelten. Wer sich mit der Theorie (wie es laut Religion sein solte) zufrieden gibt, wird ausgezeichnet bedient. |
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