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Barbara Drossel
Barbara Drossel: Und Augustinus traute dem Verstand. Warum Naturwissenschaft und Glaube keine Gegensätze sind
Giessen: Brunnen, 2015. Broschiert, 93 Seiten – Drossel LinksDrossel Literatur
Die Autorin Barbara Drossel, Professorin für Theoretische Physik an der TU Darmstadt, gliedert den knappen Text nach der Einleitung in zwei Teile:
  • „Teil I: Glaube und Naturwissenschaft im Streit miteinander?”Dieser Teil bietet die eigentliche argumentative Behandlung des Untertitels des Buchs: „Warum Naturwissenschaft und Glaube keine Gegensätze sind”.
  • Im „Teil II: Glaube und Wissenschadt in Harmonie – meine drei großen Vorbilder” stellt die Autorin drei Persönlichkeiten vor, die ihrer Meinung Naturwissenschaft und Glaube eindrucksvoll symbiotisch vertraten.
Vorab: die nur 93 Seiten haben es in sich, da die Autorin ihre Argumente und Gedanken wohltuend schnörkellos niederschreibt.
Die Lektüre lohnt sich, egal wie man zu den Hauptthesen steht.
Einleitung
In der Einleitung stimmt die Autorin auf das Thema ein. Sie stellt ihre Position – als Wissenschaftlerin und Christin – kurz vor. Man erfahrt, dass sie eine flexible Gläubige ist. Nicht alles, was der christliche Glaube verkündet, wird von ihr akzeptiert. Sie wägt es vernünftigerweise mit der Wissenschaft ab. Christlicher Glaube und Naturwissenschaft ergänzen sich für die Autorin gegenseitig. Damit ist gleich die Hauptthese des Buchs (der Untertitel etwas umformuliert und erweitert) festgehalten: Naturwissenschaft und Glaube sind keine Gegensätze.
Teil I: Glaube und Naturwissenschaft im Streit miteinander?
Die Überschrift für Teil I entspricht nicht ganz dem Untertitel "Warum Naturwissenschaft und Glaube keine Gegensätze sind" und der Hauptthese des Buchs. Christlicher Glaube und Naturwissenschaft lagen während der Jahrhunderte oft im Streit miteinander.
Vielleicht ist mit „Streit” „Widerstreit” gemeint, das käme dem Buchtitel näher. Jedenfalls las ich im Text eigentlich immer die schärfere Variante aus dem Buchtitel. Diese These vom Widerspruch zwischen religiösem Glauben und der Naturwissenschaft sieht die Autorin aus zwei Blickwinkel.
Atheistische Variante
Die atheistische These ist zweiteilig:
  1. Naturwissenschaft und Glauben sind nicht miteinander vereinbar.
  2. Die Naturwissenschaft hat den Glauben widerlegt.
Die Autorin zieht als Beleg für die erste Teilthese Richard Dawkins heran, der unter „»Glauben« das blinde Akzeptieren von dogmatischen Lehraussagen, die man nicht hinterfragen darf”, versteht.
Für die zweite Teilthese beruft sich die Autorin auf Peter Atkins, Stephen Hawking, Ulrich Kutschera und Franz Wuketits. Es gäbe auch viele andere mit ähnlichen Thesen und Positionen.
  • Zu 1: Naturwissenschaft und Glauben sind nicht miteinander vereinbar
Leider thematisiert die Autorin nicht, dass Dawkins unter „Glauben” etwas anderes versteht als sie in der Einleitung. (Ich bin mir nicht sicher, ob Dawkins an anderer Stelle auch die biegsamere Glaubenseinstellung als Wahn hinstellt; ich glaube es nicht.) Dawkins betont den Vorrang der Naturwissenschaft gegenüber Büchern, die von Hirten und Fischern nach Hörensagen aufgeschrieben worden sind.
Wenn in einer der Buchreligionen etwas zur Naturwissenschaft Widersprüchliches dogmatisch oder aus wörtlichem Schriftverständnis heraus, gesagt wird, steht dieser Glaube im Widerspruch zur Naturwissenschaft. So unterschieden befinden sich nicht einmal die Positionen von Barbara Drossel und Richard Dawkins im Widerspruch: die Autorin revidiert – wenn ich sie in der Einleitung richtig verstanden habe – die Glaubensaussage, die zur Naturwissenschaft im Widerspruch steht. Auf dieses Verfahren verweisen viele Wissenschaftler, die das Verhältnis Glaube und Wissenschaft beleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte rückten flexible Kirchenlehrer immer wieder von vorherigen religiösen „Wahrheiten” ab.
  • Zu 2: Die Naturwissenschaft hat den Glauben widerlegt
Auch die zweite Teilthese wird durch die vier angeführten Wissenschaftler so nicht aufgestellt.
Atkins und Hawking halten sich an die Formel von  Pierre Laplace, der zu Napoleon sagte, er benötige die Hypothese Gott nicht zur Erklärung der Welt.
Kutschera sieht die behauptete Sonderstellung der Spezies Homo sapiens als widerlegt an.
Nach Wuketits (und auch Dawkins betont dies) wurde durch die Evolutionstheorie die Schöpfungsgeschichte als Erklärung abgelöst.
Also behauptet – zumindest soweit von der Autorin angeführt – niemand, die Naturwissenschaft habe den Glauben widerlegt.
Ich meine auch, dass kaum jemand glaubt, dass man den religiösen Glauben (Details ausgenommen) insgesamt widerlegen kann, Dafür sorgt schon die Berufung auf verschiedene Erklärungsebenen (siehe weiter unten Fehler Nummer eins). Auch der Teilaspekt, das Postulat eines Schöpfergotts, ist nicht zu widerlegen.
Ganz am Ende dieses Abschnitts schiebt die Autorin als Vertreter der atheistischen Variante noch Wissenschaftssendungen in Radio und Fernsehen nach. Das erscheint mir kühn und vage. Kühn deshalb, weil ich mich an die These, dass die Naturwissenschaft den Glauben widerlegt hat, in keiner Wissenschaftssendung erinnern kann. Vage deshalb, weil die Autorin keine einzige derartige Sendung explizit nennt.
Christliche Variante
Es gibt zahlreiche Christen, für die die Naturwissenschaft nicht mit der Bibel vereinbar ist. Sie geben im Widerstreit den Aussagen der Bibel recht. Selbst überwältigende Belege für die Naturwissenschaft lassen diese Christen nicht wanken. Insbesondere die moderne Kosmologie und Evolutionstheorie lehnen diese Christen als von der Bibel widerlegt ab.
Die Autorin stellt kurz den Kreationismus und die Intelligent–Design–Bewegung (ID) vor. Die Vertreter dieser Richtungen isoliert die Autorin durch zwei Argumente:
  • Früher gab es (entgegen manchen Behauptungen) keinen Gegensatz zwischen Christentum und Naturwissenschaft.
  • Die Spitze katholischen Kirche hat die wissenschaftliche Erkenntnis zur Kosmologie und Evolutionstheorie akzeptiert.
Beide Thesen könnte man diskutieren: weder hat die Autorin Platz sie weiter zu belegen, noch gehe ich in dieser Rezension darauf ein.
Den Befürwortern der atheistischen und christlichen Variante der Unvereinbarkeit von Naturwissenschaft und christlichen Glauben lastet die Autorin zwei fundamentale Denkfehler an.
Fehler Nummer eins: Vermischen der Erklärungsebenen
Die Autorin unterscheidet zwei unterschiedliche Fragestellungen von Naturwissenschaft und Glauben. Die Wissenschaft fragt und untersucht, wie ein Prozess in Gang kam und abläuft; der Glaube fragt nach dem Urheber. Es sind zwei verschiedene Fragestellungen.
Oder anders ausgedrückt: die Naturwissenschaft befasst sich mit der Causa effizienz (Ursache und Wirkung), der Glaube mit der Causa finalis (Zweck und Ziel). Der Glaube bezieht sich – so die Autorin – auf eine von der Naturwissenschaft nicht erfassten Realität.
(Barbara Drossel verwendet zur Unterscheidung „Erklärungsebenen”, was eine Hierarchie nahelegt. Ich vermeide daher „Ebene” und spreche neutraler von „Bereich” oder – wie auch die Autorin gelegentlich – „Realität”.)
Die beiden Bereiche – so die These der Autorin – kommen sich nicht gegenseitig ins Gehege.
Viele Stellen in der Bibel widersprechen – wörtlich gelesen – der Naturwissenschaft. Die Autorin interpretiert exemplarisch einige Stellen im Alten Testament (AT) um zu zeigen, dass sie – anders gelesen – mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis vereinbar sind.
Hier verwundert mich die Flexibilität mancher Christen. Argumentiert man mit dem AT gegen das Christentum (und da lassen sich sehr viele Aussagen finden, die extrem fragwürdig sind, siehe Zitate aus der Bibel unter Drossel Links), wird die Bedeutung des AT von Christen stark heruntergespielt: Geschichtsbuch, in der Sprache der damaligen Leser, vom Neuen Testament überholt, usw. An anderer Stelle wird das AT dann gerne wieder argumentativ herangezogen.
Ich meine, man kann der Autorin zustimmen: die Bibel läßt sich immer so interpretieren, dass keine Gegensätze zur Naturwissenschaft bestehen. Schwierig für Christen wird es, wenn sie die Kriterien bestimmen sollen, welche Stellen der Bibel butterweich interpretiert werden können und welche wörtlich gültig sind.
Auch der christlichen Variante entzieht die Autorin viel Boden. Sie verteidigt einige Erkenntnisse gegenüber der christlichen Vereinnahmung. So argumentiert sie gegen ID und der berühmten Geißel des Kolibakteriums (S. 26), zur Heisenbergschen Unschärferelation (S. 28), zu den verborgenen Parametern (S. 29), zum Determinismus (S. 29) und dem quantenmechanischen Zufall (S. 30).

Einschub

Eine Grundannahme des Buchs wird nie direkt abgehandelt, allerdings streut die Autorin vereinzelt Gründe für diese Annahme ein.
Die Grundannahme besteht darin, dass Glaube und Naturwissenschaft überhaupt vereint werden sollen, oder anders ausgedrückt: Warum überhaupt glauben? Noch präziser auf den obigen Abschnitt bezogen: gibt es Gründe über die Erklärung des Prozesses (Domäne der Wissenschaft) hinaus noch an einen Urheber zu glauben (Domäne der Religionen)?
In der Einleitung gibt die Autorin eine knappe Antwort, die kaum befriedigen kann:

„Es gibt gute philosophische, historische und persönliche Gründe für den für den christlichen Glauben, die mich dazu bewogen haben, diesen Glauben anzunehmen und bis heute bei ihm zu bleiben”. (S. 6)

Daran bezweifle ich, dass die Autorin durch eine Abwägung der Gründe zum christlichen Glauben kam. Die überwiegende Mehrzahl der Weltbevölkerung wird in einen Glauben hingeboren. Die wenigsten davon wägen später die Gründe so gründlich ab, dass sie den Glauben ablegen oder zu einem anderen Glauben wechseln. So meint der Römische Katholik gute  philosophische, historische und persönliche Gründe für den seinen Glauben zu haben, der Muslim meint dasselbe von seinem Glauben und nahezu jeder Gläubige (sofern er/sie genügend reflektierend ist) hat  gute Gründe für seinen Glauben. Leider folgen im weiteren Text nur wenige nähere Ausführungen zu den Gründen.
Beim „Fehler Nummer eins” gibt die Autorin dazu eine positive Motivation. Die „erstaunliche Feinabstimmung der Naturkonstanten” erfährt durch die Annahme eines Schöpfergotts eine befriedigende Erklärung: „Gott kennt alle denkbaren Universen, und er hat sich dafür entschieden, eine Welt zu schaffen, deren Naturgesetze so sind, dass intelligente Lebewesen in ihr existieren können (S. 21).
Bei dieser weitverbreiteten Argumentation erstaunt mich immer wieder, wie menschenbezogen die Gläubigen argumentieren um ihre Kugel ins Ziel zu bringen. Der allmächtige Gott könnte beliebig viele Universen mit ganz anderen Naturkonstanten schaffen, die intelligente Lebewesen und sogar den Homo sapiens zulassen. Das Anthropische Prinzip (Drossel Links) ficht einen allmächtigen Gott nicht an.
Zudem greift eine Argumentation Dawkins u.v.a.: „die faszinierende, ausgeklügelte Komplexität” (S. 21) durch einen Gott zu erklären verschiebt das Problem nur. Wieviel  faszinierender und komplexer muss dieser Gott sein. Dagegen wird immunisiert: „Gott existiert ewig und aus sich heraus” (S. 21). Doch das faszinierende, ausgeklügelte Universum aus sich heraus war gerade der Ausgangspunkt, der angeblich aus sich heraus nicht genügte und nach einer Erklärung verlangte.

Kritik der Kritik des Fehlers Nummer eins
Die Verbot der Vermischung der Erklärungsbereiche gilt anscheinend nur in die Richtung Naturwissenschaft zum Glaubensbereich. Umgekehrt werden ungeschoren die Erklärungsbereiche vermischt. Gott erschafft die materiale Welt, steuert indirekt oder direkt, erhört die Gebete, greift ins Geschehen ein und wirkt sogar Wunder. Vieles im Glaubensgebäude würde zusammenbrechen, wenn die Bereiche völlig unabhängig voneinander existieren würden oder wenn Gott das Uhrwerk Universum nur geschaffen und aufgezogen hätte und dann nicht mehr eingreifen würde. Der Abschnitt über Wunder der Autorin könnte glatt entfallen.
Fehler Nummer zwei: Grenzüberschreitungen
Die Fehler Nummer eins wird nicht klar vom Fehler Nummer zwei getrennt und man kann es auch nicht: „Eigentlich ist die zweite Sorte von Fehlern eine Konsequenz der ersten” (S. 33). Die Verzahnung der beiden Fehlersorten ist so eng, dass man es auch genau andersherum sehen kann:  die erste Sorte von Fehlern eine Konsequenz der zweiten. Grenzüberschreitungen bennent die Autorin genauer: „Wissenschaftler meinen, etwas über den Sinn (bzw. den fehlenden Sinn) des Universums sagen zu können, und religiöse Menschen meinen, aus der Bibel Lehrmeinungen über die Beschaffung der Natur herauslesen zu können” (S. 33).
Darauf werde ich noch genauer eingehen. Vorab „Lehrmeinungen” bedient sich genau der Terminologie der religiösen Menschen, die oft naturwissenschaftliche Lehren als bloße Meinung abwerten und sie damit mit anderen Meinungen und Vermutungen (z.B. Kreationismus) auf eine Stufe stellen.
Die beiden ersten Abschnitte über „Gott gibt es nicht” und den Zufall überzeugen. Auf den Punkt gebracht hat die Autorin Recht: „daraus, dass die Naturwissenschaft sich nicht mit der Frage nach einem Urheber befasst, folgt nicht, dass es keinen Urheber geben kann” (S. 35). Richtig, Man kann immer die Existenz von Manitu, Allah oder des Fliegenden  Spaghettimonsters behaupten und das ist nicht widerlegbar. Doch diese Existenzbehauptungen helfen kaum. Gibt es Zeus und/oder den Dreifaltigen und /oder all die anderen Götter und Geister, deren Existen behauptet wird? Und wenn ja, warum?
Kritik der Kritik des Fehlers Nummer zwei
Naturwissenschaftlern wird meist nur dann eine Grenzüberschreitung vorgeworfen, wenn sie etwas gegen die religiösen Annahmen sagen. Wenn Wissenschaftler religiös sind, werden sie als Vorbilder oder Leitikonen hingestellt, wie es die Autorin im Teil II mit Augustinus, Johannes Kepler und Francis Collins praktiziert. Deren grenzüberschreitende Aussagen gelten der Autorin nicht nur als akzeptabel sondern sogar vorbildhaft. Obwohl auch sie ein Unterkapitel den christlichen Grenzüberschreitungen widmet (S.38- 43).
Pikanterweise hat die Autorin selbst ein Werk, das nur Grenzüberschreitungen enthält, herausgegeben: Naturwissenschaftler reden von Gott (siehe Drossel Literatur). Wenn die Naturwissenschaftler das "Richtige" zu Gott sagen, werden sie von der Autorin sogar publiziert, Grenzüberschreitung hin oder her.
Ich pflichte ihr bei, weil jeder Naturwissenschaft zugleich auch Mensch ist und als solcher durchaus Sinnfragen stellen und beantworten kann, über Zwecke reden kann und zu ethischen Sachverhalten Stellung beziehen kann. Hier massen sich die Gläubigen einen Alleinvertretungsstandpunkt an, was nicht gerechtfertigt ist. Wenn Gläubige ihren Fantasieprodukten eine andere Realität zuschreiben, können auch Wissenschaftler darüber reden und behaupten, diese Realität sei ein Hirngespinst. Zumal Gläubige sehr oft auch die Grenzen überschreiten und in dieser Welt beispielsweise Wunder feststellen (S. 30-32) oder mit der Geißel des Kolibakteriums argumentieren.
Wie sehr die Autorin aus einer voreingenommen religiösen Basis berichtet (und den Wunderglauben eingfließen lässt) zeigt sich in der Biografie Augustinus: Seine Mutter Monica betete viele Jahre lang für ihren Sohn, „bis er im Jahr 386 endlich Christ wurde” (S. 47). Hier wird eine Kausalität suggeriert. Vielleicht hat Monica ja viele Jahre lang intensiv Korn gemahlen und deshalb wurde ihr Sohn endlich Christ. Wer weiß es?
Zusammenfassung der Fehlerkritik
Die Immunisierung gegen andere Ansichten (Grenzüberschreitung) lehne ich. Selbstverständlich können und dürfen auch Atheisten oder Agnostiker, seien sie Naturwissenschaftler oder nicht,  etwas zu Engeln, Wundern und dem Satan sagen. Als letzten Zustimmungsanstoß dafür gebe ich bedenken: auch Astrologen wehren sich gegen Grenzüberschreitungen. Zurecht können auch sie behaupten Astrologie und Naturwissenschaft sind keine Gegensätze. Zurecht dürfen sie andere aber dafür kritisieren und Wirkungen des Kriegsgottes Mars, nur weil jemand eine bestimmten Geburtszeitpunkt hat, vehement ausschließen.
Teil II: Glaube und Wissenschadt in Harmonie – meine drei großen Vorbilder
Hier stellt die Autorin drei Persönlichkeiten vor, die ihrer Meinung Naturwissenschaft und Glaube ohne Gegensätze vereinten: Augustinus, Johannes Kepler, Francis Collins.
Die Leser sehen: es geht. Mehr auch nicht. Oder doch: Augustinus, Johannes Kepler und Francis Collins zeigen, dass Grenzüberschreitungen möglich sind und – wenn diese Grenzüberschreitungen in ihrem Sinne sind – von Gläubigen gar zum Vorbild werden.
Es gibt andrerseits viele Wissenschaftler für die Naturwissenschaft und Glaube gegensätzlich, ja mehr, widersprüchlich sind.
Schlussgedanken
In den Schlussgedanken stellt die Autorin fest, dass sich Glaube und Naturwissenschaft gegenseitig benötigen. Das allerdings begründet sie etwas oberflächlich durch Bedeutungsverwischung von „Glauben”. Darin folgt sie einer beliebten Argumentationsfigur von Apologeten.
(1) Auch die Naturwissenschaftler gehen von Annahmen aus, glauben also etwas vor aller wissenschaftlicher Erkenntnis.
(2) Na also, wenn die was glauben, dann werden wohl die religiös Gläubigen auch völlig zurecht etwas glauben dürfen.
(3) Der religöse Gläubige glaubt völlig zurecht.
Das erinnert an die ähnliche Argumentationsfigur: Die Evolutionstheorie ist eine Theorie, der Kreationismus ist eine Theorie, also wird man – wenn man die Evolutionstheorie im Biologieunterricht lehrt – auch den Kreationismus in der Schule lehren dürfen.
Kritik dieses Arguments
Der Glaube des Naturwissenschaftler ist ganz anderer Natur als der religiöse Glaube. Er enthält die Bedingungen, die eine Erkenntnis erst ermöglichen; der religiöse Glaube geht darüber weit hinaus und postuliert geistige Sphären und Objekte ohne jede empirische Grundlage.

Auch später setzt die Autorin die Geisteshaltung vieler Naturwissenschaftler („Naturalismus oder Materialismus”) mit dem religösen Glaubensbekenntnis gleich (S. 85). Das erscheint mir einfach unzulässig. Die Autorin billigt dann diesen Wissenschaftlern zumindest eigene Wertvorstellungen und Normen zu (während andere Apologeten diese den Nichtgläubigen glatt absprechen, z.B. Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten, der meint, dass Ungläubige immer „die Sau rauslassen“ müssten, siehe Drossel Links). Die Autorin weiter: Die „Wissenschaft kann aber nicht sagen, was jemand tun soll” (S. 85). Wie wahr. Man steht vor den Alternativen: Glauben und Normen einem Buch entnehmen oder selbst denken. Ich ziehe die zweite vor. Leichter hat man‘s mit der ersten.
Drossels Fazit dieser Argumentation: „Wer dagegen nicht an Gott glaubt, muss die Rationalität der Welt als nicht weiter erklärbares Faktum hinnehmen” (S. 83). Richtig, doch die Gläubigen trifft es viel härter: sie müssen etwas weit über die Rationalität der Welt Hinausgehende, das ist Gott, sei er alleine, dreifaltig oder eine Vielzahl, als nicht weiter erklärbares Faktum hinnehmen. Bei den meisten Religionen kommen noch Engel und Erzengel, Satan und Beelzebub als Glaubensobjekte hinzu!
 Die Gläubigen gehen also eine sehr viel weitergehende (und wohl auch deshalb für Richard Dawkins u.a. unwahrscheinlichere) Verpflichtung ein.
Im nächsten Schlussgedanken preist die Autorin, wie glaubwürdig und zuverlässig das Neue Testament sei. Dazu zwei Einwände:
  1. Wieder erstaunt mich, wie gerne die Apologeten das Alte Testament (das im Hauptteil des Buchs und auch sonst herangezogen wird) vergessen, wenn es gerade (nicht) passt.
  2. Die Autorin vergisst die vielen Widersprüche auch im Neuen Testament, oder spielt sie mit den Worten des Apostel Paulus als nicht wichtig herunter (S. 84).

Der Kürze des Textes ist geschuldet, dass vieles zu kurz kommt, obwohl einige wichtige Punkte angesprochen und nicht stillschweigend weggelassen werden. Die Autorin spricht vieles klar an, z.B. Naturwissenschaftliches zu Heisenbergs Unschärferelation (S. 28) oder grenzüberschreitend Philosophisches: mit dem Zufall ist der Determinismus widerlegt (S. 29), er kann aber nicht dazu herhalten den freien Willen zu erklären (S. 30). Auch das Theodizee-Problem wird angesprochen (fast möchte ich abschwächen zu: berührt): „Aus uns letztlich nicht verständlichen Gründen hat er [Gott] es [das Leid in der Welt] in seine Schöpfung mit eingewoben.” (S. 42). Wie das Problem den Theisten auf den Nägel brennt zeigt sich daran, dass die Autorin zwei Erklärungen nachschiebt:
a) unvermeidliche Begleiterscheinung der Freiheit,
b) Preis für ein Ziel, der gezahlt werden muss (S. 42).
Zu a) Bakterien, Viren, Vulkane, Tsunami, Erdbeben, haben wenig mit der menschlichen Freiheit zu tun und wären dafür sicherlich verzichtbar.
Zu a) und b): Als Allmächtiger braucht Gott weder eine Begleiterscheinung noch einen Preis in Kauf nehmen!
Ich meine, dass die Autorin eine Position vertritt, der viele Naturwissenschaftler zustimmen können, mögen sie religiös, agnostisch oder atheistisch sein.
Sie gehört nicht zu den Vertretern der christlichen Variante, die es auch in anderen Religionen – und  dort vielleicht noch häufiger – gibt.
Ein derzeit (Sommer 2016) aktuelles Beispiel. Der islamistische Hardliner Fethullah Gülen gibt dem Koran unbedingten Vorrang zur Wissenschaft ( „Wie sollen wir uns verhalten, wenn darauf hingewiesen wird, dass moderne Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten mit dem Koran übereinstimmen?”, siehe Drossel Links). Erfrischend offener ist da die Autorin oder beispielsweise der
frühere wissenschaftliche (! Grenzüberschreitung !?) Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Hansjörg Hemminger. Er schreibt zur Frage: „Warum haben viele in der evangelikalen Bewegung ein Problem mit Naturwissenschaften?”: „Ich finde es oft quälend, wenn der großartige Hymnus der Schöpfung (1. Mose 1) mit Gewalt in eine Art kümmerliche Naturgeschichte gepresst und gegen die Naturwissenschaft ins Feld geführt wird”. Wie Hemminger kann jeder über das, was wir vom Beginn des Universums wissen, hinausgehen und behaupten: „Am Anfang schuf Gott die Welt” (Hemminger 2016, S. 19).
Mit diesem und dem flexiblen Standpunkt der Autorin Barbara Drossel gibt es keinen Gegensatz zwischen  Naturwissenschaft und Glaube. Man kann es auch anders sehen oder zumindest die Motivation oder gar Notwendigkeit des religiösen Glauben ganz in Frage stellen.
Wenn ich es richtig sehe vertritt die Autorin vergröbert diese Sicht (dargestellt anhand eines Zeitpfeils):
(1) –––––––––––––––––––––!–––––––––––––––––––––––––––
      Frage nach dem Urheber      Entstehungsprozess, Wissenschaft  
      Religion, Glaube
Während viele religiös Gläubige diese Sicht vertreten:
(2) –––––––––––––––––––––!––––––––––––––––––––––––!––––––––––
      Frage nach dem Urheber und sein weiteres Wirken               Jüngster Tag
      Religion, Glaube & Wissenschaft
Wenn man – wie die Autorin – Widersprüche in der Bibel (insbesondere Aussagen über den Zeitpfeil in (1) rechts vom "!") wegredet oder als Rhetorik abtut (S. 84), bei Widersprüchen zwischen Glauben und Wissenschaft abwägt (S. 6) und der Wissenschaft den Vorrang einräumt (S. 6) oder sie tieferen, uns unbekannten Zusammenhängen zuschreibt (S. 31-32), dann kann es kaum zu Widersprüchen kommen.
Diese "Religion light" ist aber für viele Gläubige nicht zustimmungsfähig.
Die Autorin argumentiert ehrlich, ohne bloße Berufung auf Gottes Wort, das man zu glauben hat und zu dem kein Widerspruch geduldet wird. Dadurch wird die Lektüre für alle, die sich mit Verhältnis Naturwissenschaft und Religion beschäftigen, lohnend.
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