Detlev Bald, Johannes Klotz, Wolfram Wette:
Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und
Traditionspflege Berlin: Aufbau, 2001.
Broschiert, 211 Seiten Links Literatur
Feldwebel Anton Schmid |
Die Ausstellung "Vernichtungskrieg:
Verbrechen der Wehrmacht 1941-1945" in den 90-er Jahren des letzten
Jahrhunderts sorgte für heftige öffentliche Diskussionen,
Demonstrationen und (Über)reaktionen. Manche heulten auf, weil sie ihr
Weltbild von der sauberen Wehrmacht wanken sahen, andere behaupteten fast das
Gegenteil: die Ausstellung zeige nichts Neues. Wer wie ich in der
Nachkriegszeit aufwuchs kann erst im Laufe von Jahrzehnten (oder genauer: erst
nach Lektüre von Büchern dieser Art; siehe
verwandte Literatur) ermessen, wie die Verarbeitung der schrecklichen
deutschen Jahre in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah.
Zuerst ein Festhalten an alten Denkmustern, trotz
verbalen Absagen Die alten Eliten wurden reibungslos in die
Staat, Gesellschaft und Bundeswehr integriert (vergleiche dazu
Frei, Norbert: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten
nach 1945). Damit einher ging die Abwehr der Verantwortung
für die NS-Verbrechen, da man ja entnazifiziert war, da bei weitem nicht
alle in den Nürnberger Prozessen und auch später nicht angeklagt
wurden. Daraus wiederum (das lernt man in Mythos Wehrmacht an
verschiedenen Stellen) wurde eine Schuldlosigkeit (nicht einmal die
Sigermächte haben uns angeklagt) gestrickt. Die Eliten schwiegen
zunächst (erst ab den 60-ern kamen sie vereinzelt verbal aus den
Verstecken), agierten aber durch alte Seilschaften und in zahlreichen offenen
Traditionsverbänden oder geheimen Hilfsorganisationen. Wenn die neuen
Generäle sich öffentlich äußerten stellten sie das Heer
als Hort des Widerstands gegen Partei und SS dar, ja sogar, als Zufluchtsort
für die innere Emigration; dies noch 1999 durch Ulrich de Maizière: "Die Bundeswehr
Neuschöpfung oder Fortsetzung der Wehrhamcht", in: Rolf-Dieter
Müller, Hans-Erich Volkmann. Die Wehrmacht, Mythos und
Realität, S. 1180, siehe
Literatur (S. 141). So wurde der Mythos der sauberen Wehrmacht geboren und
gepflegt.
1949/50 Konrad
Adenauer ernennt als ersten Sicherheitsbeauftragten Ex-Panzergeneral
Gerhard von Schwerin (S. 20) 1950 Die
kommende Führung des Militärs legt die Struktur und das
Selbstverständnis der Bundeswehr fest, noch vor allen Debatten über
die Wiederbewaffnung und vor der Wehrgesetzgebung im Deutschen Bundestag 1954
(S. 34) ab 1955 Das Vorbild Wehrmacht bestimmt die Ausbildungspläne der
Bundeswehr (S. 40) |
Dann ein Ringen hinter den Kulissen
zwischen Traditionalisten und Reformern Der Geist der Wehrmacht
durchwehte die frühe Bundeswehr (S. 79). Noch 1963 wurde es den Soldaten
unmöglich gemacht, den TV-Film Stalingrad anzusehen (siehe
Zensur von Stalingrad von Claus Hubalek). Eine teilweise
Erneuerung erfolgte durch die 68-er Bewegung mit allmählichen
Neubewertungen, nicht zuletzt aufgrund akribischer Forschung und Information
der Bevölkerung (Monographien, Biographien, Fernsehfilme). Erst durch
die Ausstellung "Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941-1945" wurde
vielen dann die gesamte Tragweite des Geschehens vor und im Zweiten Weltkrieg
klar. Die Verantwortung hat das NS-Regime mit all ihren Tätern und
Mittätern. Die Wehrmacht war ein aktiver Teil dieses Systems. Sie war
maßgeblich am Holocaust beteiligt, beging bei der
Partisanenbekämpfung zahlreiche Verbrechen bis zum Genozid und
unterdrückte durch drakonische Militärgerichtsurteile den Widerstand.
| Die deutsche Wehrmacht begann und
führte einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und wollte damit
ganze Völker und Menschengruppen vernichten, sowie deren Länder
besetzen und ausbeuten (S. 131) |
Wie zahlreiche Beispiele zeigen, war es entgegen anderen
Parolen möglich, sich der Ermordung von Zivilisten zu verweigern
(S. 140). Erst nach der Ausstellung "Vernichtungskrieg: Verbrechen der
Wehrmacht 1941-1945" wurden Kasernen und Straßen, benannt nach
Kriegsverbrechern, umbenannt. Am 8. Mai 2000 benannte der damalige
Bundesminister der Verteidigung Rudolf Scharping, SPD, die Kaserne in Rendsburg
nach dem Feldwebel Anton Schmid, einem
Gerechten unter den Völkern, um.
Feldwebel Anton Schmid |
| Manchmal scheinen mir
die Autoren etwas zu streng zu sein. Der letzte Wehrmachtsbericht am 9. Mai
1945 von Karl Dönitz enthält
schon die Wehrmachtslegende (S. 82, 135). Ja, war denn anderes zu erwarten?
Hitlers Spießgesellen kämpften bis zum letzten Tag, viele brauchten
Jahre (wenn es ihnen je einfiel) zu erkennen, dass sie für ein
verbrecherisches Regime die wertvollsten Jahre ihres Lebens gaben. |
Die Quellen für Mythos Wehrmacht
sind gut belegt. Allerdings fehlt ein Personenverzeichnis. Ich meinte schon
viel zum Thema zu kennen. Mit diesem Buch wurde dieses Wissen erheblich
erweitert, vertieft und berichtigt. Unbedingt
lesenswert. |
| Links |
Widerstand im Dritten Reich |
Massaker von Kephallonia |
Die Gräueltaten im sogenannten Dritten
Reich werden immer noch abgestritten, verharmlost ... |
Gelöbnis von und für
Soldaten |
"Nie
mehr Krieg ohne uns" |
Literatur zu Hitlers Eliten nach 1945 |
Literatur zu Vernichtungskrieg und Völkermord |
Rezensionen von Büchern zum Thema und
Verwandtes
DTN-Redaktion: Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung. Geschichte
und ihre Instrumentalisierung in der aktuellen deutschen Politik.
Hamburg: GNN, 2004
Frei, Norbert: Karrieren im
Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. Frankfurt am Main: Campus,
2001
Huneke, Douglas K. In Deutschland
unerwünscht. Hermann Gräbe. Biographie eines Judenretters.
Lüneburg: zu Klampen, 2002
Initiativgruppe für die Rehabilitierung der Opfer des kalten Krieges, Hg.:
Die verdrängte Schuld der Bundesrepublik. Eine
(Nach)Denkschrift. Essen o.J.
Kramer,
Helmut, Wolfram Wette, Hg.: Recht ist, was den Waffen nützt. Justiz und
Pazifismus im 20. Jahrhundert. Berlin: Aufbau, 2004
Kurz, Josef: "Aber Du warst doch Soldat!"
War ich nicht auch ein Christ? Linz: 2003. 149 Seiten
Naimark, Norman M.: Fires of Hatred. Ethnic Cleansing
in Twentieth-Century Europe. Cambridge, Mass. Harvard University Press,
2001
Welzer, Harald, Sabine Moller, Karoline
Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im
Familiengedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer, 2002
|
| Anton Schmid, 9. Januar
1900 Wien 13. April 1942 Militärgefängnis Stefanska |
Feldwebel Anton Schmid. Ein Retter aus Wien
Anton Schmid: Wikipedia
Sergeant Anton Schmid "Die Gerechten Österreichs
Bestechungsgelder für Deutsche: Anton Schmid - 1967 (posthum)" In:
Mosche Meisels: Die Gerechten Österreichs. Eine Dokumentation der
Menschlichkeit. Tel Aviv 1996, S. 79-87. Verfügbar unter:
1
2
Anton Schmid-Hof mit Gedenktafel
Rudolf Scharping: "Kraft zum Widerstand. Beispielgebende
Vorbilder" |
Fritz R. Stern: "Mahnung und Ansporn. Beispielgebende
Vorbilder" |
Wolfram Wette: "Lieber als Helfer krepieren", Die Zeit,
2000 |
Widerstand im Dritten Reich |
| Literatur |
| Bei Amazon nachschauen |
|
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Detlev Bald, Johannes Klotz,
Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und
Traditionspflege. Berlin: Aufbau, 2001. Broschiert, 211 Seiten |
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Stefan Moritz: Grüß
Gott und Heil Hitler. Picus 2002. Gebunden, 320 Seiten
|
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Rolf-Dieter Müller,
Hans-Erich Volkmann. Die Wehrmacht, Mythos und Realität.
Oldenbourg,1999. Gebunden, 1318 Seiten |
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Wolfram Wette: Die Wehrmacht.
Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt: Fischer, 2005.
Broschiert, 375 Seiten
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