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Bonhoeffer
Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906 - 1945 Eine Biographie
München: Beck, 2005. Gebunden, 431 Seiten. 2., durchges. Aufl. – bonhoeffer Linksbonhoeffer Literatur
Respekt und Hochachtung vor Dietrich Bonhoeffer. Vor dieser Biografie hatte ich ihn unterschätzt.
Der Theologe Ferdinand Schlingensiepen schreibt eine Biografie über den Theologen Dietrich Bonhoeffer und obwohl – zurecht, denn Bonhoeffer war Vollbluttheologe – sehr viel theologisches verhandelt wird, entstand eine lebendige auch für mich als Heide gut lesbare Charakterstudie.
Beeindruckend und für den Leser nachvollziehbar ist die Kristallisierung von Bonhoeffers Weg. Überragend seine Haltung: man muß sich in schwierigen Situationen selbst entscheiden, da nimmt nicht einmal einem Christen diese Entscheidung die Bibel ab.
Dabei ging Dietrich Bonhoeffer einen ganz anderen Weg als der Laie Franz Jägerstätter (bonhoeffer Franz Jägerstätter). Die innere Emigration lehnte er ab (S. 264). Er hatte höhere Ziele und entschied sich bewußt für den Tyrannenmord (S. 238). Das kennzeichnet seine Haltung:
"Wenn Sie es wissen wollen, ich bete für die Niederlage meines Landes, denn ich glaube, daß das die einzige Möglichkeit ist, um für das ganze Leiden zu bezahlen, das mein Land in der Welt verursacht hat." Dietrich Bonhoeffer, S. 283
Zudem erhält der Leser Geschichtsunterricht. Man liest wie lange man noch wie agieren konnten, ohne sich selbst zu verkaufen. Man erfährt aber auch, dass zumindest der Gebildete, der politisch Aufgeschlossene schon früh merken konnte (mußte?) wohin der Karren läuft. Schon im Januar 1933 ist Adolf Hitler "der Anführer einer verbrecherischen Organisation" und plante aufgrund seiner Lebensraumpsychose den Krieg mit Osteuropa. Mit einer gewissen Genugtuung aber auch grossem Bedauern liest man von den zahlreichen Attentatsplänen und den gescheiterten Chancen den Gröfaz endlich zu still zu legen. Doch schon vor Kriegsausbruch wurden viele Chancen, die von Leuten wie Bonhoeffer ausgingen, nicht genutzt. Die Reichskirche und die Deutschen Christen (DC) arbeiteten zu linientreu mit den Nazis zusammen (S. 156, 160). Friedrich Werner, im Präsidium der Synode der DC schwor beispielsweise die evangelischen Pfarrer zu Hitlers 49. Geburtstag auf jenen ein. Sie mußten den Treueeid schwören oder wurden entlassen (S. 229).
Freilich ist Schlingensiepen nicht ganz frei vor Beschönigungen. Am 3. März 1933 wählten überwältigende 44 Prozent der deutschen Wähler die NSDAP – Schlingensiepen: "die NSDAP ... kam nur auf 44 Prozent" (S. 135) – da beißt die Maus keinen Faden ab, siehe: bonhoeffer Ermächtigungsgesetz.
Die Gefahr bei unkritischer Lektüre ist auch, dass man zwei falsche Eindrucke gewinnt:
  1. gegen die Nazis zu agieren, sich von HJ und Wehrmacht zu drücken, war nicht so schwierig
  2. in Deutschland und besonders der evangelischen Kirche wimmelte es von Widerständlern.
Diese falschen Ansichten können auftauchen, da Bonhoeffer in vieler Hinsicht privilegierter und cleverer als andere war und aufgrund seiner Einstellung hauptsächlich mit Gleichgesinnten verkehrte. Schlingensiepen spricht die offizielle Zusammenarbeit der Kirchen mit Hitler und seinen Organisationen klar aus. Die überwältigende Zustimmung spart er nicht aus. So waren viele evangelische und katholische Christen gegen den Bolschewismus und gegen die Juden (S. 138).
Unbeschreiblich: Bonhoeffer und andere Mitglieder der Gruppe des Admirals Wilhelm Canaris wurden noch am 8. - 9. April 1945 ermordet; drei andere, darunter Klaus Bonhoeffer, gar erst am 23. April.
Bonhoeffer war nach dem Krieg lange Zeit nicht beliebt im Nachkriegsdeutschland. Zuviele Nazi-Eliten sassen wieder in Amt und Würde (bonhoeffer Literatur zu Hitlers Eliten nach 1945). Die Bevölkerung war nicht so schnell bereit sich das gesamte Desaster einzugestehen (S. 284).
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Anmerkungen
Bonhoeffer war Schachspieler (S. 64) und lehrte auch seinen Schülern das Schachspielen (S. 125). Während seiner langen Haft spielte er Schach und beschäftigte sich mit Schachtheorie (S. 357, 382). Siehe bonhoeffer Schach in der Literatur und Stefan Zweig: Die Schachnovelle.
Fragwürdig finde ich, dass – ähnlich wie im Falle der katholischen Kirche mit Franz Jägerstätter – Dietrich Bonhoeffer ganz locker und selbstverständlich vom Klerus für sich reklamiert wird; vergleiche beispielsweise: Wolfgang Huber über Dietrich Bonhoeffer, Chrismon 2/2006, S. 34-35.
Wolfgang Huber ist Bischof der Evangelischen Kirche, die im kritischen Zeitraum eher beim Adolf stand als bei Bonhoeffer.
Wie üblich wurden die Schergen und Verbrecher an Dietrich Bonhoeffer nach 1945 (wenn überhaupt) milde beurteilt und liefen bald frei herum.
Walter Huppenkothen (Ankläger) und Otto Thorbeck (Richter) verurteilten Bonhoeffer zu Tode. In der Bundesrepublik gab's zunächst Freispruch. 1956 sprach der Bundesgerichtshof Thorbeck endgültig frei, Huppenkothen erhielt lausige 6 Jahre (bonhoeffer Links). Die Witwe von Nazi-Richter Roland Freisler erhielt eine Pension. Andere NS-Grössen wurden Bundespräsident, Ministerpräsident, Ehrenvorsitzender der CDU usw. Siehe: bonhoeffer Die Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich.
Links
bonhoefferWikipedia
bonhoefferInternationale Bonhoeffer-Gesellschaft (ibg)
bonhoefferBonhoeffer: Dem Rad in die Speichen fallen
bonhoefferShoa
bonhoefferdietrich bonhoeffer verein
bonhoefferÖkumenisches Heiligenlexikon
bonhoefferZum Bonhoeffer-Gedenkjahr 2006
bonhoefferDie Urteile gegen Walter Huppenkothen und Dr. T.
dietrichBob Abernethy: Dietrich Bonhoeffer, February 3, 2006 mit Video
bonhoeffer Widerstand im Dritten Reich
bonhoeffer Pfarrer für Hitler: Der christliche Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus
bonhoeffer Literatur zu Vernichtungskrieg und Völkermord
Literatur
Marilynne Robinson: "Dietrich Bonhoeffer" in The Death of Adam: Essays on Modern Thought. Picador 2005. Siehe bonhoeffer Marilynne Robinson, Literatur.
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Bonhoeffer BonhoefferFerdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906 - 1945 Eine Biographie. München: Beck, 2005. Gebunden, 431 Seiten. 2., durchges. Aufl. bonhoeffer
Paul Gerhard Schoenborn: Alphabete der Nachfolge. Märtyrer des politischen Christus. Wuppertal 1996. 215 S. Personen: Franz Jägerstätter, Kaj Munk, Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero, Margarida Maria Alves. Schoenborn
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.5.2006