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Vertreibung
R. M. Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung«.
Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

München: Beck, 2012. Gebunden, 556 Seiten. [Orderly and Humane. The Expulsion of the Germans after the Second World War; Martin Richter, Übs.] – Douglas LinksDouglas Literatur
Der irische Historiker R.M. Douglas, Professor der New Yorker Colgate University, veröffentlichte eine Gesamtdarstellung zur  Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.  Die die größte Umsiedelung, die in der Menschheitsgeschichte bis dahin stattgefunden hat, war Folge des von Deutschland begonnenen Vernichtungskriegs. Allerdings war sie nicht zwangsläufige Konsequenz oder gar alternativlos. Douglas stellt sie in den Kontext der zahlreichen verordneten Umsiedlungen in Osteuropa vor 1945.
Der Autor gliedert den Hauptteil wie folgt:
Einleitung
1 Der Planer
2 Die Volksdeutschen während des Krieges
3 Der Plan
4 Die «wilden Vertreibungen»
5 Die Lager
6 Die «organisierten Vertreibungen»
7 Das Zahlenspiel
8 Die Kinder
9 Der Wilde Westen
10 Die internationale Reaktionv
11 Der Neubeginn
12 Das Recht
13 Bedeutung und Erinnerung
Schlussbetrachtung
Ungeduldige springen über die ausführliche Besprechung sofort zum Fazit.
1 Der Planer
Der hauptsächlich von Deutschland entfachte 2. Weltkrieg brachte unermessliches Leid über die Völker, Genozide ungeheuren Ausmasses, Zerstörung vieler Städte und Landschaften und Vertreibung von Millionen Menschen. Das Gebiet Deutschlands wurde in der Folge der Verbrechen der deutschnationalen Hitlergefolgsleuten aufgeteilt.
Die Vertreibung der Deutschen sollte aufgrund des Potsdamer Abkommens »ordnungsgemäß« erfolgen. Durch Jahre brutaler Erniedrigung und teils bestialischer Regressalien aufgeputscht lief sie jedoch selten wie geplant »ordnungsgemäß« ab. Sie wurde zu „einem der größten Fälle massenhafter Menschenrechtsverletzungen in der modernen Geschichte” (S. 15).
Schon während des Krieges stimmten die Allierten England, Russland und die USA dem Plan von Edvard Benes des Bevölkerungstransfers (Deutsche aus der neuen Teschechischen Republik) prinzipiell zu (S. 47). Einher gehen sollten staatliche „Konfiszierung und Neuverteilung des gesamten deutschen Eigentums” (S. 49). Allerdings gab es überall auch starke Minderheiten gegen den Plan zum Bevölkerungstransfer. Die Bestrafung sollte nur diejenigen Deutschen betreffen, die moralisch schuldig sind (S. 51).
2 Die Volksdeutschen während des Krieges
In diesem Kapitel behandelt Douglas die Zwangsumsiedelungen während des Krieges. Die Nazis gründeten dafür das Reichskommissariat für die Festigung des deutschen Volkstums und die Volksdeutsche Mittelstelle. Man wollte in Osteuropa für die Volksdeutschen blühende Landschaften gestalten, Adolf Hitler nannte sie den „Garten Eden” (S. 69). Eine Deutsche Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft wickelte den Verkauf der umgesiedelten Einheimischen (im Baltikum, Polen und Juden) ab (S. 70). Ganz ungeniert bedienten sich die Volksdeutschen am Eigentum der Vertriebenen. Dabei waren die Bevölkerungsverschiebungen der Nazis zwischen 1939 und 1941 unkoordiniert, stümperhalt und ein „völliger Fehlschlag” (S. 85). Mit dem nahenden Kriegsende setzten dann starke Bewegungen gegen Westen ein. Viele angesiedelte Volksdeutsche sahen aber keine  Notwendigkeit zu fliehen. Sie erkannten nicht, wie traumatisert die Nichtdeutschen durch die jahrelangen Repressalien durch die Deutschen waren. Anscheinend sahen sie ihren Herrenstatus als selbstverständlich und natürlich an (S. 89).
3 Der Plan
Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war vermutlich die größte Deportation der Menschheitsgeschichte (S. 90). Sie wurde von der Sowjetunion, Großbritannien und den USA stümperhaft geplant, Das Chaos wurde bewusst in Kauf genommen (S. 91). Unabdingbar wäre eine internationale Kontrollorganisation gewesen, die direkt vor Ort sowohl in den zu räumenden Gebieten, als auch in den aufnehmenden Ländern agieren hätte müssen (S. 99). Die gab es nicht. Ab Herbst 1944 begann Stalin mit der Umsiedelung von 2 Millionen Polen aus dem von Russland 1939 annektierten Ostpolen (S. 110). Damit sollte auch Druck ausgeübt werden, dass die Polen ihrerseits Deutsche aus Westpolen und Schlesien ausweisen.
Douglas gibt zwar den Vertreibungsländern die Hauptschuld an den umfangreichen Menschenrechtsverletzungen, doch „waren die westlichen Demokratien ebenso verantwortlich für die Katastrophe, die sich vor ihren Augen anbahnte” (S. 122).
4 Die «wilden Vertreibungen»
Als das Potsdamer Abkommen im Sommer 1945 „geordnete und humane” Umsiedelungen festschrieb, waren die wilden, inhumanen Vertreibungen schon im vollen Gange (S. 123). Statt Pläne für  „geordnete und humane” Umsiedelungen gab es wilde Vertreibungen durch Soldaten, Polizei und Miliz, seltener die sogenannten spontanen Gewaltexzesse (S. 124). Immerhin konnten Deutsche in der Tschechoslowakei 1945 Anträge auf Verbleib stellen. Ehrerklärungen tschechischer Bürger wurden berücksichtigt. In Budweis wurden von 4000 solchen Anträgen nur 34 angenommen. Die Quote war ähnlich der heutigen Anerkennungsquote von Asylgesuchen oder Flüchtlingen. Ehrerklärungen deutscher Bürger schützen dabei heute nicht einmal vor der Abschiebung.
Das Argument für die Vertreibungen „Wenn jemand Deutscher ist, ist sein Platz in Deutschland und nicht in unserem Land.” (S. 134), liest und hört man auch heute oft noch, für „Deutsche” wird dabei eine andere Nation oder Begriff eingesetzt.
5 Die Lager
Nach den „wilden” Vertreibungen im Kapitel 4 (1945-1946) behandelt der Autor das Lagersystem in Mittel- und Osteuropa. Das System der Konzentrationslager endete nicht mit der Kapitulation. Es ging nahezu nahtlos in die Hände der befreiten Länder über. Es herrschte die Meinung vor, die Gefangenen dort hätten ihre Leiden selbstverschuldet. Wirksame Gegenreaktionen im Westen unterblieben daher (S. 186). Ein instruktive Übersichtskarte zu den Lager ist auf S. 80 eingefügt. Immerhin wurde in der Tschechoslowakei einem Lagerkommandanten schon 1953 der Prozess gemacht. Das war allerdings eine Ausnahme. Bei allen Grausamkeiten (Misshandlungen, Vernachlässigungen) in diesen Lagern gab es allerdings kein systematisches Massenvernichtungsprogramm wie bei den Deutschen kurz zuvor (S. 199).
6 Die «organisierten Vertreibungen»
Das Kapitel 6 beschreibt detailliert die »organisierten Vertreibungen«, die hauptsächlich in 1946 und 1947 unter dem Schlagwort „Operation Swallow” stattfanden. Bemerkenswert (oder auch nicht, je nach Sichtweise) ist dabei, dass sich Unternehmertum von Anfang an mit ins Geschehen einschaltete.   Bessere Auswanderung oder Vergünstigung und vieles andere konnte man erwerben. Den Lagerinsassen wurden Kisten, Karren und Öfen verkauft, dann beschlagnahmt und an die Nachfolger verkauft (S. 228). All dies – zusammen mit dem Jonglieren von Zahlen der Allierten im Kapitel 7 „Das Zahlenspiel – erinnert stark an Joseph Heller: Catch-22 (Douglas Links).
Geordnet und human liefen auch die »organisierten Vertreibungen« nicht ab. Der Russische Marschall Woroschilow (Douglas Links) begründete es damit, dass »human« nur relative Bedeutung habe (S. 209). Immerhin sollten bei den Transporten – wenn's nach Vorschrift ginge – Familien nicht getrennt werden. Da ist man heute in Bayern nicht so pingelig: Familien werden bewusst getrennt um die in Deutschland Verbliebenen zur Selbstausweisung zu bringen. Den westlichen Politikern und Journalisten wurden 1946 Schautransporte vorgeführt. Und sie fielen auf diese Potemkinschen Dörfer herein. Die ins ehemalige Reich fahrenden Züge waren voll gestopft mit Sudetendeutschen, die vor wenigen Jahren noch gerufen haben: „Wir wollen heim ins Reich!”  Einem beobachtenden britischen Journalist fiel dazu ein: „Bald wird ihr Wunsch erfüllt sein.” (S. 210). Schon bald gingen die »organisierten Vertreibungen« ins Chaos über. Briten und Amerikaner waren mehrmals dran, sie sofort zu stoppen (S. 216). Doch sie wurden von den Abgabeländer immer wieder zum Weitermachen überredet. Ein Argument: westliche Menschenrechtskonzepte können nicht auf Slawen angelegt werden: Polen und Russen haben andere Standards (S. 217). Das haut in dieselbe Kerbe wie Marschall Woroschilows Relativitätshinweis (s.o.).
Insgesamt wurden mit der „Operation Swallow” mindestens 5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben (S. 241). Am 28. Juli 1947 erklärten die Briten die Operation für beendet. Die Vertreibungen gingen weiter.
7 Das Zahlenspiel
Trotz der „Säuberungsaktionen” blieben Polen und die Tschechoslowakei in Furcht. Es gab keinen Friedensvertrag mit abgeklärten Grenzen. Es blieb die Furcht, die Deutschen könnten wieder zurückkommen, ihr Hab und Gut reklamieren und Rache für die Vertreibungen üben (S. 283). Diese Furcht ist bis heute nicht ganz überwunden.
Zu Zahlen siehe in anderen Kapitel, hauptsächlich Kapitel 11 Der Neubeginn.
8 Die Kinder
Nach einer Schätzung waren 1950  etwa 160.00 bis 180.000 Kinder, die im Verlauf der Transporte von ihren Eltern getrennt worden waren, immer noch nicht bei ihren Eltern. Die Praxis der Vertreibungsbehörden – aus welchen Gründen immer – Kinder von ihren Familien zu trennen, ist auch heute noch zu beklagen. In den Vertreibungsgebieten wurden Kinder zurückbehalten, da man aus ihnen noch gute Polen oder Tschechen machen wollte. Dabei und auch bei allen anderen Zwangsmassnahmen, waren die neuen Regierungen nicht bereit, zwischen schuldigen und unschuldigen Deutschen zu unterscheiden (S. 290). Die Kinder wurden teilweise regelrecht zur Adoption versteigert und verkauft. Einige NGOs protestierten zwar gegen die inhumanen Massnahmen, doch die öffentliche Meinung im Westen war vom Feindbild der Deutschen dominiert. Die Regierungen im Westen griffen nicht ein. Verstärkend kam hinzu, dass auch die Deutschen während des Kriegs brutal Kinder von ihren zu deportierenden Eltern getrennt hatten.
Neben den Kindern waren auch ethnisch gemischte Familien ein Problem. Eine „Lösung” war, den unerwünschten Elternteil einfach abzuschieben (S. 308).
Über die vereinbarten Menschenzahlen hinaus wollten die Allierten keine weiteren aufnehmen. Das britische Außenministerium argumentierte: „Wenn wir ein paar dieser Menschen aufnehmen, würde man uns nur bedrängen, mehr aufzunehmen; wir hätten keine gerechte Grundlage, um sie auszuwählen, und würden zahlreiche unangenehme Präzedenzfälle schaffen” (S. 302). Das Argument kommt heutigen Lesern sicherlich bekannt vor.
9 Der Wilde Westen
In den entvölkerten Gebieten in Tschechien und Polen herrschten bald Goldgräberstimmung  und Wild-West-Zustände. Die daraufhin Angelockten wurden rasch enttäuscht. Ähnlich wie zuvor bei der Vernichtung der Juden rechneten sich viele Gruppen vom frei gewordenen Land und Besitz etwas aus. Doch es gab unvorhergesehene Schwierigkeiten, die Douglas recht überzeugend schildert. Eine davon war, dass mit den vertriebenen Deutschen auch die Infrastruktur zusammenbrach: Gemeinderat, Polizei und Ortsverwaltung fehlten (S. 318). Rotarmisten, Polizei und Miliz unterschieden bei ihren Plünderungen und Vergewaltigungen nicht zwischen Volksdeutschen und Nichtdeutschen (S. 328). Auch die christlichen Kirchen wurden von der Besitzgier ergriffen. Man wollte nicht nur Besitz „erwerben”, sondern auch Konkurrenten auf dem Glaubensmarkt ausschalten (S. 331-332).
Eine Folge all dieser Erscheinungen war es, dass sich die Regierung, verbleibende Einwohner und die Kirchen anstrengten, alles zu tilgen, das darauf hinwies, dass jemals Deutsche dort gelebt hatten (S. 347). Die Binnenmigration übertrug zudem die Probleme – vor allem: Zerstörung gewachsener Gemeinschaften – auf alle Landesteile.
Douglas kommt zu der Folgerung, „dass die Bezirke, aus denen die Deutschen in den vierziger Jahren vertreiben wurden, nicht als Beispiel für die positive Wirkung von Bevölkerungsverschiebungen gelten können” (S. 350).
10 Die internationale Reaktion
Über das Scheitern der im Potsdamer Abkommen geforderten  „geordneten und humanen”  Umsiedlungen wurden die Westmächte informiert. Sie wimmelten entsprechende Beschwerden aber regelmäßig mit diesen Überlegungen ab:
  1. Bevorzugung der eigenen nationalen Interessen, die ein Nichteinmischen nahe legten
  2. Eingreifen hätte kontraproduktive Folgen
  3. Die Verantwortung für das Nichteinhalten der Standards liegt allein bei den Vertreiberstaaten (S. 354).
  4. Man betrachtete die Vertriebenen als Urheber ihres eigenen Unglücks (S. 366).
Die Westmächte waren aber über das Potsdamer Abkommen mitverantwortlich. Damit griff zumindest die 3. Überlegung nicht. Die These der Kollektivschuld führte zeitweise dazu, dass viele Hilfsorganisationen ihre Hilfe für die vertriebenen Deutschen einstellten (S. 367).
Fatal bei den Vertreibungen war, dass die Genfer Konvention (dritte Genfer Konvention von 1929) zwar Waffen-SS-Mitglieder schützte, nicht aber Frauen und Kinder.
Bertrand Russell wies auf die Unrechtmäßigkeit der Vertreibungen hin. Er urteilte: Massendeportationen während der Friedenszeit durch die Allierten (mit vielen Toten und Leid bei Frauen und Kindern) sind nicht anders zu bewerten als  Massendeportationen und -tötungen in Kriegszeiten. (Brief an die Times, 23. 10. 1946; S. 357).
Kurz spricht Douglas an, dass der Vatikan – nach dem weitgehenden Schweigen während der NS-Zeit – auch gegen das Leid der Vertriebenen nicht protestiert. Dafür ist bezeichnend: als Papst Pius XII. erfuhr, dass nach dem Krieg der polnischen Kardinal Hlond den Gebrauch der deutschen Sprache in der Liturgie verbot, weinte er (S. 367-368). 
11 Der Neubeginn
Douglas geht von 12 – 13 Millionen vertriebener Deutschen aus (S. 372). Darin sind offensichtlich die innerdeutschen Vertriebenen enthalten, da er an anderer Stelle 7-8 Millionen nennt (S. 374).
Ziemlich schnell hatten sich die Vertriebenen in die west- und ostdeutschen Gesellschaften integriert (S. 373). Bereits im Jahr 1947 arbeiteten viele Vertriebene wieder in ihren traditionellen Berufen. Viele aber bekamen keine Arbeit oder schlechter bezahlte  (S. 384). Die zwangsweise Einquartierung der Vertriebenen weckte bei den Ansässigen keine Sympathie. Viele Vertriebene wurden auch teils jahrelang in Baracken und Lagern untergebracht. Dies wurde in der FAZ angeprangert:
„Der »Homo barackensis«! Das 20. Jahrhundert hat den Menschen eine furchtbare Wahrheit gelehrt: Fortschritt, Humanität und Selbstachtung gibt es nur in der intakten Welt. Wenn die Ordnung zerfällt, entsteht das Lager, das grauenvollste und grausamste Zeugnis menschlichen Unvermögens – entsteht die Brutstätte des Nihilismus.”
FAZ zu den Baracken und Lagern in die Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg gepfercht wurden (s. 381)
Offensichtlich gibt es auch mehr als 60 Jahre später noch krasses menschliches Unvermögen! Deutschland ist immer noch Lagerland.
Dass sich die Vertriebenen so schnell integrierten lag an vier Faktoren:
  1. Mäßigung ihrer meisten Führungspersonen
  2. Wirtschaftswachstum
  3. Kalter Krieg
  4. Instinkt des 1. Bundeskanzler Konrad Adenauer (S. 390).
Adenauer gelang es in der Folge auch den 1951 auf Bundesebene gegründeten Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) gut in die CDU zu integrieren: 1955 wechselten die beiden BHE Minister Waldemar Kraft und Theodor Oberländer in die CDU. (Oberländer musste 1960 wegen seiner massiven NS-Verstrickung zurücktreten, blieb aber bis 1965 Mitglied des Deutschen Bundestages.)
12 Das Recht
In diesem Kapitel geht der Autor der Frage nach der Rechtmäßigkeit der Vertreibungen nach. Dazu behandelt er die Fragen:
  • waren die Vertreibungen damals rechtmäßig?
  • sind sie es heute?
  • könnten sie zukünftig rechtmäßig sein?
Die Antworten darauf sind keineswegs klar (S. 403).
Die damaligen Vertreibungen fielen nicht unter die
  • Haager Konventionen von 1899/1907, da diese nur den erklärten Krieg behandelten
  • Genfer Konventionen, die nicht für Zivilpersonen galten
  • nur teilweise unter die Minderheitenschutzverträge, die der Völkerbund mit einzelnen Staaten abgeschlossen hatte: Deutschland war 1933 aus dem Völkerbund ausgetreten; die vertreibenden Länder waren aber noch an diese Verträge gebunden! Die Vereinten Nationen erklärten sie aber nach dem Krieg für nicht bindend (S. 411).
  • Die Allierten stuften 1942 in Washington und am 8.8.1945 in London in der sog. Nürnberger Charta Massenvertreibungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, allerdings begrenzt auf ihren Machtbereich und für die Zeit zwischen 1933 und dem Kriegsende am 8. Mai 1945 und auf die Führung eines Angriffskrieg (S. 412).
All die rechtlichen Fragen sind bis heute ungeklärt (S. 415). Wissenschaftler sehen die Vertreibungen als Verletzung des Völkerrechts an, die ergangenen Gerichtsurteile stellten sich dagegen auf eine Minimalposition ein und ließen durchweg Ausnahmebegründungen gelten (S. 423).
13 Bedeutung und Erinnerung
Keineswegs war die Vertreibungsthematik nach dem Krieg tabu, wie oft behauptet wird. Die Menschen hatten andere Sorgen und wollten damit nicht behelligt werden. Den Heimatfilm der 50-er Jahre sieht Douglas als Ventil dafür an (S. 431f).
Jahrezehntelang wogte die Öffentlichkeit in Deutschland zwischen einem Opferdiskurs der deutschen Leiden und einem Täterdiskurs der deutschen Schuld bis hin zur Kollektivschuld (S. 434).
Douglas schreibt von einer Pflicht des Schweigens für die Kinder der Vertriebenen (S. 435). Das kann ich nicht bestätigen: wir wussten schlicht nichts über die Vertreibung um darüber sprechen zu können.
Schlussbetrachtung
Das Fazit kann nur so ausfallen, wie es Douglas ausspricht: keine Vertreibungen mehr! Nirgends!
Davon sind wir auf der Erde, in Europa, in Deutschland und Bayern noch weit entfernt.
Douglas widerlegt die drei Apologien zu den Vertreibungen der Deutschen:
  • der Hass der Bevölkerung war so gross, dass die Deutschen (besser) vertrieben werden mussten
  • die Vertreibungen haben weiteren Konflikten vorgebeugt
  • sie geschahen zurecht als Strafe für die Deutschen (S. 448).
Dazu bringt Douglas weitere Überlegungen ein: warum sollen die Volksdeutschen (die erst spät heim ins Reich kamen) für die NS-Verbrechen büßen, während die Bewohner des Landes, das die Nazis 1933 an die Macht brachte leer ausgehen? (S. 452)
  • Wenn Vertreibungen nicht schnell erfolgen, sind sie nicht praktikabel, wenn sie schnell erfolgen sind sie nicht human (S. 459).
  • Wenn es „geordnete und humane” Umsiedelungen sein sollen, sind sie immens kostspielig und dauern Jahrzehnte (S. 459)
  • Umsiedlungen oder sog. ethnische Säuberungen führen zu fremdenfeindlicher Politik. Mehrere Generationen verfallen einem extremen Nationalismus (S. 460).
Kleinere Anmerkungen & Korrekturen
  • Gelegentlich beruft sich Douglas schon Anfang 1945 auf die UNO (so z.B. S. 116). Sie wurde erst im Juni 1945 gegründet, warf aber vielleicht schon ihre Ideen als Schatten voraus.
  • Erika Steinbach, CDU, hat sich keineswegs 2010 aus der aktiven Politik zurückgezogen (S. 445). Sie ist im Januar 2013 immer noch MdB, Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und sie gehört dem Fraktionsvorstand der CDU an.
  • Furth im Wald wird mehrfach als „Fürth im Wald” genannt. Selbst wenn das bei Douglas im Original steht hätte es im Lektorat korrigiert werden können.
  • Den Besprechungen zu Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung« entnehme ich, dass der Autor wissenschaftlich sauber gearbeitet hat. Die Rolle von Edvard Benes wird von einigen Historikern leicht anders gesehen. 
  • Trotz aller Detailfreudigkeit hat Douglas manches nicht besprochen. Im Januar 1945 wurden aus Rumänien 70.000 arbeitsfähige Banater Schwaben nach Russland deportiert (Beer 2011, S. 89: Polian 2004; Douglas Literatur). Zuvor geschah Ähnliches, wenn auch im geringeren Ausmass, in Ungarn und dem späteren Jugoslawien.
Douglas Anfang
Fazit
Für unmittelbar beteiligte Laien wie mich (* 1943 in Tschechien) eröffnet sich mit diesem Werk ein umfangreiches Wissensangebot um die Vertreibungen der Deutschen von 1945 bis 1948. Die fachlichen Kommentatoren bestätigen Douglas' Darstellung, wenn sie auch einige Einzelheiten als von der Forschung überholt benennen.
Das Werk ist trotz der Stofffülle und der komplexen Zusammenhänge sehr gut lesbar. Wer sich für die Geschichte des 20. Jhdts. interessiert sollte auf die Lektüre nicht verzichten.
Links
Douglas Abschiebung und Trennung von Familien
Douglas Asylsuchende und Anerkennung
Douglas Ausreiselager – Ausreisezentrum – Abschiebelager – Internierungslager
Vertreibung»Ordnungsgemäße Überführung« @ C. H. Beck
VertreibungGenfer Konventionen
VertreibungHaager Konvention
Douglas Joseph Heller: Catch-22
VertreibungManfred Kittel (2012): R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung, sehepunkte 12:10
Douglas Literatur zur Geschichte, Flucht, Vertreibung und Versöhnung der Sudetendeutschen
Douglas Literatur zu Vernichtungskrieg und Völkermord
VertreibungTheodor Oberländer
VertreibungPerlentaucher
VertreibungKlaus Pokatzky: Man wollte die Deutschen "neu erziehen". Die Sicht eines US-Historikers auf die deutsche Nachkriegsgeschichte, dradio 4.9.2012
VertreibungPotsdamer Abkommen
Douglas Revisionismus
VertreibungMichael Schwartz: Ein Tabu löst sich auf. Die Vertreibung der Deutschen wird durch den amerikanischen Historiker R.M. Douglas neu beleuchtet, Die Zeit, 6. Juni 2012, (Nr. 24), 57.
VertreibungHeinrich Schwendemann: Rezension zu: Douglas, R.M.: "Ordnungsgemäße Überführung", in: H-Soz-u-Kult, 25.09.2012
VertreibungErika Steinbach
Douglas Vertreibung, Abschiebung, Deportation, Duldung
VertreibungVolksdeutsche
WoroschilowKliment Jefremowitsch Woroschilow
Besprechungen verwandter Literatur
Douglas Benz, Wolfgang (2006): Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert
Douglas Brumlik, Micha (2005): Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen
Douglas DTN-Redaktion: Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung Geschichte und ihre Instrumentalisierung in der aktuellen deutschen Politik
Douglas Mauthner, Fritz (o.J.): Der letzte Deutsche von Blatna. Erzählung aus Böhmen
Douglas Naimark, Norman M. (2001): Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe. Deutsch: Flammender Hass
Douglas Prinz, Friedrich: Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren
Douglas Später, Erich: Kein Frieden mit Tschechien – Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft
Douglas Taler, Conrad (2007): Verstaubte Kulisse Heimat. Über die Kausalität von Krieg und Vertreibung

Literatur
Douglas Literatur zur Geschichte, Flucht, Vertreibung und Versöhnung der Sudetendeutschen
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Douglas VertreibungR. M. Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung«. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. München: Beck, 2012. Gebunden, 556 Seiten. [Orderly and Humane. The Expulsion of the Germans after the Second World War; Martin Richter, Übs.]
Douglas Anfang

Vertreibung
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.4.2014