Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
DPC
Jim Tobias, Nicole Grom: Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-50. Mit einem Beitrag von Matthias Haupt
Nürnberg: ANTOGO, 2016. Broschiert, 174 Seiten – Gabersee LinksGabersee Literatur
Als Bub in der Wasserburger Altstadt machte ich ein paar Mal Exkursionen zum Displaced Persons Camp in Gabersee; sicher nicht allein, sondern durch wagemutige Mitschüler begleitet. Ich erinnere mich nur an marktähnliche Stände, an denen die Leute ihre Waren feilboten. Und ich erinnere mich, dass diese Abstecher von meinen Eltern aus streng untersagt waren (aus welchen Gründen auch immer) [*]. Doch auch die Streifzüge an den Inn (in die sogenannte Prärie) waren nicht gern gesehen und wir machten sie doch.
In Gabersee gab es seit 1883 eine Kreisirrenanstalt, heute das kbo-Inn-Salzach-Klinikum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin, Geriatrie und Neurologie. In der NS-Zeit wurden hier oder durch Transport nach Hartheim (Oberösterreich) insgesamt weit über 500 Menschen umgebracht.
Auf dem Gelände der Pflege-Anstalt Gabersee entstand für die Jahre 1946 bis 1950 ein Wohngebiet für Überlebende der Shoa, das Displace Persons Camp Wasserburg. Deren Geschichte zeichnet das Werk Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-50 nach, so gut und ausführlich es bei der mageren Quellenlage möglich war.
Die zeitweise bis zu 2500 (in den Auffanglagern Gabersee und Attel) wohnenden Personen warteten auf ihre Ausreise nach Palästina/Israel, Übersee oder andere europäische Staaten. Im Land der Täter wollte kaum jemand bleiben. In den Displaced Persons Camps entwickelte sich ein eigenes, weitgehen selbst organisiertes Gemeindeleben.
Die allemeine Situation nach dem Mai 1945 wird im ersten Hauptteil "Nach der Befreiung" behandelt. Die spezielle Situation in den Camps ist Inhalt des Hauptteils "Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration". Hier beeindruckt, wie es den Bewohnern gelang so kurz nach unsäglichem Leid ein gut funktionierendes Leben auch über die Campgrenzen hinaus zu entwickeln. Neben Religion und Sport half die Kultur über die Wartezeit hinweg.
„Solange es irgend möglich war, auf Bücher zuzugreifen, triumphierte der menschliche Geist über die Barbarei” (S. 84). Das wird besonders eindringlich und überzeugend in Stefan Zweig: Schachnovelle belletristisch herausgestellt.
Sport
Im Sportteil zu den Camps hätte ich gerne was über Schach gelesen, ein im Judentum populärer [*] und erfolgreicher Sport. Die Quellenlage zu Gabersee und Attel gab dazu offensichtlich nichts her. Überregional gab es eigene Schachclubs in den Camps:
„Despite their unfavorable living conditions, the Jewish DPs were quick to initiate educaional and cultural activities. They organzized schools, theater troupes, orchestras, lectures, chess clubs, and historical commissions.” (Brenner 1996, S. 52)
Noch sensationeller (für mich) war dieser Fund:
„Das DP- Lager Landsberg war wiederum Austragungsort der ersten Schach-Olympiade der Sche’erit Hapleta [**] vom 1. bis 15. September 1946. Der Schach-Meister der britischen Zone, Finkelstein, erreichte Platz 4 der Gesamtwertung, und ein weiterer Spieler aus Belsen kam auf Platz 8. Das Turnier, an dem insgesamt 16 Spieler aus ganz Deutschland teilnahmen, gewann der Schach-Meister der amerikanischen Zone, Aleksandrow, aus dem jüdischen DP-Krankenhaus St. Ottilien bei Landsberg.” (Königseder 2004, S. 202).
Die Sportgruppen aus den DP-Camps lösten sich anscheinend mit der Auflösung der Camps ebenfalls rasch auf. Die zahlreichen jüdischen Schachclubs (die aber jeden, unabhängig von Religion, Nationalität und Hautfarbe aufnehmen), die noch heute sehr aktiv und erfolgreich sind, haben – soweit mir bekannt – andere Gründungsgeschichten.
*
Die Eltern von Micha Limor, Chefredakteur des Mitteilungsblatts (Israel), wanderten schon 1933 aus Kempten nach Jerusalem aus. Micha Limor: „Mein Vater war 22 oder 23 Jahre alt und lebte bei seinen Eltern in Jerusalem. Junge Deutsche trafen sich damals jeden Tag im Café Sichon in der Ben-Jehuda-Straße, um Schach zu spielen.” (Hillenbrand 2015).
**
"Rest der Geretteten"
DP-Camps & Ortsansässige
Bei der Lektüre fiel auf, dass gegenüber den Displaced Persons in der Bevölkerung starke Ressentiments vorherrschten. Diese drückten sich in Neid aus, aber auch darin, dass den Displaced Persons in Gabersee viel Schlechtes zugeschrieben wurde [***]. Dieser Befund ist allerdings nicht überraschend: heute nimmt niemand mehr an, dass im Mai 1945 alle Deutschen ihren Rassismus schlagartig ablegten.
Mich überraschte eher, dass sich die Vorwürfe in den Endvierzigern ziemlich mit denen decken, die heute gegenüber Flüchtenden in Deutschland erhoben werden: sie sind arbeitsscheu, liegen uns auf dem Geldbeutel, nehmen uns was weg (abstrakt und konkret), sind schmutzig, ...
***
Ich vermute darin auch den eigentlichen Grund, warum mir als Kind der Besuch in Gabersee streng untersagt wurde.

Für einen weiteren Hauptteil des Werks sichtete Diplomarchivar und Leiter des Stadtarchivs Wasserburg Matthias Haupt die regionalen Quellen zu den DP-Camps. Sogar aus den Vermerken des Landratsamts geht die ablehnende Haltung gegenüber den "Fremden" hervor:
„Die beiden DP-Lager Gabersee und Attel sind leider immer noch mit Juden belegt” (S. 134).
„Eine ungeheuere Plage für die Bürgermeister bilden die ständig neu ankommenden Flüchtlinge und die damit verbundenden fortwährenden Beschlagnahmungen von Räumen” (S. 135).
Aus den Berichten erkennt Haupt eine antisemitische und fremdenfeindliche Grundhaltung (S. 144), die „noch bis weit in die 1960er Jahre” (S. 145) fortbestand. Man kann ergänzen: in verminderter Form bis heute.
DP-Camps und Communities im Landkreis Rosenheim
Im letzten Hauptteil wird der Blick auf den ganzen Landkreis Rosenheim geweitet. Es werden unter anderem behandelt
  • IRO's Children Village Bad Aibling
  • Internationales Kinderzentrum Prien
  • Kibbuz Hartmannsberg
Das Werk schließt mit einem hilfreichen Glossar und einem ausführlichen Quellen– und Literaturverzeichnis. Einige Ergänzungen dazu mache ich unter Gabersee Literatur.

Ein teilweise spannend und verstörend zu lesendes Werk der Wasserburger Regionalgeschichte. Allen Wasserburgern und darüber hinaus Interessierten sehr zu empfehlen.
Links
GaberseeGabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50 Buchvorstellung am Montag, 02.05.2016 (pdf)
GaberseeGabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration, 25. April 2016
GaberseeÜberleben im Wartesaal - Gabersee und Attel waren nach dem Krieg jüdische Enklaven, SZ 22.4.2016
GaberseeJüdische Displaced Persons nach 1945
GaberseeDisplaced Persons (DPs) – Historisches Lexikon Bayerns
Gabersee„Trotz alledem lebe ich". Jüdisches Leben in den DP-Lager 1945-1956
GaberseeMakkabi Deutschland
GaberseeDisplaced Persons (DP) Camps Gabersee und Attel - Autonome jüdische Zentren in Wasserburg am Inn
GaberseeErinnerung an ermordete Patienten
Gaberseekbo-Inn-Salzach-Klinikum
Gabersee Literarisches zu Wasserburg am Inn und Umgebung
Gabersee Schach und Juden
Gabersee Stefan Zweig: Meistererzählungen
Über den ersten Nachkriegslandrat im Landkreis Wasserburg Josef Estermann:
 Gabersee Hans Klinger: Gestorben wird erst später ... Ein deutscher Lebenslauf
Literatur
Brenner, Michael (1996): "East European and German Jews in Postwar Germany, 1945-50". In: Y. Michal Bodeman, Hg.: Jews, Germans, Memory: Reconstructions of Jewish Life in Germany. Ann Arbor: University of Michigan Press. S. 49-63.
Hillenbrand, Klaus (2015): Fremde im neuen Land: Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945. Frankfurt: S. Fischer.
Jacobmeyer, Wolfgang (1983): "Jüdische Überlebende als »Displaced Persons«. Untersuchungen zur Besatzungspolitik in den deutschen Westzonen und zur Zuwanderung osteuropäischer Juden 1945-1947". Geschichte und Gesellschaft 9:3. S. 421-452
Schwanse, Manuel (2016): Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn. Stadt Wasserburg am Inn, Hg. 2016. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Broschiert, 108 Seiten
Gabersee Rezension
Wieleba, Zofia (2005): "Die juedischen Displaced Persons - DPs in Deutschland nach 1945". Jewish History Quarterly (Kwartalnik Historii Żydów) 4. S. 506-540
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Gabersee GaberseeJim Tobias, Nicole Grom: Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-50. Mit einem Beitrag von Matthias Haupt. Nürnberg: ANTOGO, 2016. Broschiert, 174 Seiten

fabi GaberseeEdmund Fabi, Gabriele Schwarz: Von der Kreisirrenanstalt zum Klinikum: 120 Jahre Gabersee - von 1883 bis 2003. Neu Isenburg: LinguaMed, 2003. Broschiert, 217 Seiten Königseder
Angelika Königseder, Juliane Wetzel: Lebensmut im Wartesaal: Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland. Frankfurt: Fischer, 2004. Taschenbuch, 277 SeitenKönigseder
Gabersee Rezension
Tobias GaberseeJim G Tobias, Nicola Schlichting: Heimat auf Zeit - Jüdische Kinder in Rosenheim 1946-47: Zur Geschichte des Transient Children's Center" in Rosenheim und der jüdischen DP-Kinderlager ... Bayerisch Gmain, Indersdorf, Prien und Pürten. Nürnberg: ANTOGO, 2006. Taschenbuch, 140 Seiten Wetzel
Juliane Wetzel: Jüdisches Leben in München 1945–1951. Durchgangsstation oder Wiederaufbau? München: Uni-Druck, 1987, ISBN (Zugleich Dissertation an der Universität München 1986)Gabersee
Gabersee Anfang

DPC
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.1.2017