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Schwanse
Manuel Schwanse: Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn
Stadt Wasserburg am Inn, Hg. 2016. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Broschiert, 108 Seiten – Schwanse LinksSchwanse Literatur
Ziel der Masterarbeit des Historikers Manuel Schwanse war es die Ernährungslage nach 1945 und ihre Auswirkungen am Beispiel des Landkreises Wasserburg am Inn exemplarisch darzustellen.
Der Autor gliedert seine Arbeit nach der Einleitung in vier Abschnitte. Im Ersten geht er auf die Hungerjahre 1945 bis 1950 mit Schwerpunkt Bayern ein. Im zweiten Abschnitt fokussiert er auf die Ernährungslage im Landkreis Wasserburg am Inn. Dann behandelt er spezielle Themen, die sich aus der Lage ergaben:
  • Versorgung der Displaced Persons (DPs) und anderer Fremden,
  • illegale Versorgung,
  • Verhaltensweisen der Bevölkerung.
Im vierten Abschnitt schildert Schwanse beispielhaft für andere Organistionen den Einsatz der Arbeiterwohlfahrt in Wasserburg.
Das gut strukturierte und verständlich geschriebene Werk schließt mit einem Fazit ab.
Den eigentlichen Hungerjahre 1945 – 1950 schickt der Autor Bemerkungen zur Lage in den letzten Kriegsjahren voraus. Man erfährt, wie das NS-Regime bis 1944 dank Ausbeutung der eroberten Gebiete und vieler Bevölkerungsgruppen die gute Ernährung der deutschen Bevölkerung aufrecht erhalten konnte (S. 11). Seit 1939 (und bis 1950) gab es ein Bewirtschaftungssystem (Reglementierung der Landwirtschaft) und ein Rationierungssystem.

Hungerjahre 1945 bis 1950
Nach dem Zusammenbruch übernahmen die Allierten die vorhandenen Strukturen des vorhandenen Bewirtschaftungssystems (S. 12). Aus verschiedenen Gründen kam es 1945 bis 1950 anhaltend zu einer gravierenden Hungersnot. Typische Mangelerkrankungen wie Typhus, Tuberkulose und Hungerödeme breiteten sich aus.

Ich selbst erkrankte um oder vor 1950 am Morbus Perthes und verbrachte 1951 bis 1953 zwei volle Jahre in der Kinderheilstätte Aschau im Chiemgau. Die Ursache für die damals Perthessche Erkrankung und Perthes genannte Krankheit ist auch heute nicht ganz bekannt: Duchblutungsstörung und genetische Faktoren werden genannt. Ich denke, die schlechte Versorgungslage spielte bei mir eine Rolle. In Aschau lag ich 23 Monate im Halbgips und wurde zweimal operiert. Viele Kinder neben mir in der Kinderheilstätte litten allerdings an den Folgen von Kinderlähmung und Tuberkulose.

Die Versorgungslage wurde über all diese Jahre durch den außerordentlichen Bevölkerungszuwachs in Bayern verschärft: DPs, Vertriebene, Flüchtlinge, Evakuierte (S. 14). Die Lebensmittelrationierung war auf niedrigem Sollniveau, das zudem meist nicht einmal erreicht wurde. Im Sommer 1946 gab es als Tiefstand Rationen von weniger als 1000 Kalorien pro Kopf und Tag (S. 18). Die 1945 zugesicherten 1550 Kalorien wurden lange nicht erreicht.
Bei der Lektüre der Masterarbeit stellten sich für mich zahlreichen Parallelen zu heute ein. Auf sie werde ich jeweils hinweisen. Dazu kommen Erinnerungen an eigenes Erleben, da ich diese Jahre ab 1946 (Vertreibung aus dem Sudetenland) selbst in Wasserburg (und dann – wie oben schon genannt – in der Kinderheilstätte Aschau) verbrachte.
In den Nachkriegsjahren gab es einen geplanten Ausgleich zwischen den Ländern. Das ländliche Bayern war auf der Habenseite und verweigerte die Solidarität. Vergleiche den Länderfinanzausgleich heutiger Prägung. Im Herbst 1947 kam es deshalb zum Kartoffelkrieg. Der bayerische Landwirtschaftsminister Joseph Baumgartner  (Bayerische Volkspartei, später CSU, Bayernpartei; Näheres siehe in Roman Haller: Davidstern und Lederhose. Eine Kindheit in der Nachkriegszeit, Schwanse Links) verweigerte Kartoffeln nach Württemberg und Hessen zu liefern (S. 25). Bayern fühlte sich als Melkkuh anderer Länder. Siehe Länderfinanzausgleich, Schwanse Links.
Schwanse stellt auch heraus, dass sich die bayerische Bevölkerung als Opfer sah, da der Krieg von den „Preußen” verursacht war.
Erst im Frühsommer 1949 (nach der Währungsreform 1948) konnten viele Lebensmittel ohne Marken gekauft werden. Die sozial Schwachen (Arbeitslose, Kranke, Flüchtlinge und Rentner) hatte dabei wieder das Nachsehen (S. 36). Erst ab 1950 ging es dann für nahezu alle wirschaftlich wirksam aufwärts.

Ernährungslage im Landkreis Wasserburg
Den Befund der Historiker, dass die ländlichen Gegenden besser versorgt waren als die Städte konnte Schwanse anhand des Landkreises Wasserburg bestätigen.
„Neben Garmisch-Partenkirchen war Wasserburg der einzige Landkreis im Regierungsbezirk Oberbayern, in dem [...] keine Wohnung zerstört war” (S. 37).
Trotz erheblicher Mängel war die Versorgungslage um Wasserburg entspannter als beispielsweise in München (S. 39). Einen Schwarzmarkt gab es im Landkreis bis Oktober 1946 nicht. In München gab es drei Jahre lang durchgehend eine extrem schlechte Versorungslage. Im Landkreis Wasserburg war es phasenmäßig besser. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass in ländlichen Gegenden mehr Selbstversorger existierten.

Hungererfahrungen und ihre Auswirkungen
Neben der einheimischen Bevölkerung gab es noch weitere Bevölkerungsgruppen, die verschiedene Erfahrungen mit der Hungerlage machten.
Im Landkreis Wasserburg lebten am 31. Oktober 1946 12.397 Flüchtlinge, 4017 Evakuierte und 4498 DPs (S. 61). Die einheimische Landkreisbevölkerung betrug 39.442.
Die Displaced Persons waren in eigenen Lagern und Wohngebieten untergebracht. Dabei handelte es sich um Zwangsarbeiter, Zwangsverschleppte und aus den KZs Befreite. Während die anderen Zuwachsgruppen (Vertriebene und Flüchtlinge) meist in Bayern blieben, gab es bei den DPs eine hohe Fluktuation (S. 51). Den DPs wurde eine höhere Lebensmittelzuteilung zugestanden. Das führte zu Unmut in der Bevölkerung. Vergleiche dazu auch Tobias & Grom (2016), Schwanse Literatur.
Neben den DPs gab es noch Evakuierte. Millionen von Menschen flüchteten vor den Bombenangriffen der Allierten oder wurden ab 1939 (!) evakuiert (S. 56). Sie erhielten dieselben Hungerrationen wie die einheimische Bevölkerung. Doch wie schon festgestellt, lief es am Lande immer noch besser als in den Städten. Die Evakuierten wollten oft nicht heimkehren, auch wenn es prinzipiell möglich gewesen wäre. Der bayerische Milch– und Fettwirtschaftsverband schlug daher vor, diesen Personen keine Lebensmittelkarten mehr zu geben, damit die Heimreise erzwungen werde (S. 57).

Ähnliche Vorschläge hört man auch im 21. Jahrhundert zu den Flüchtlingen und Asylsuchenden um die Heimreise aus Deutschland nahezulegen. Es gibt Rückführprämien und zahlreiche sogenannte Abschiebungen.
Auch heute würden viele Einheimische so gerne mit den Flüchtlingen aus Nahost, Afrika und woher auch immer umgehen. Immerhin lehnte das Bayerische Ernährunsministerium die Forderung damals ab. Heute folgen die Regierungspolitiker nur zu gerne den „Vorschlägen” derjenigen, die Flüchtlingen ablehnen, ja, sie provozieren diese Forderungen sogar.

Die US-Amerikaner stellten im Landkreis Wasserburg eine starke „Bavaria for the Bavarians”-Bewegung fest (S. 60).

Die Angst vor Überfremdung und der „Preussenhass” in den Hungerjahren schreibt der Autor der Mentalität der damaligen Zeit zu (S. 59). Ich befürchte, es ist eine andauernde Mentalität, trotzdem wir seit über sechzig Jahren nicht mehr von Hungerjahren heimgesucht wurden. Vergleiche dazu Ausländer & Minderheiten in Deutschland, Schwanse Links.

Man vergleiche die 1946 festgestellten 12.397 Flüchtlinge, 4017 Evakuierte und 4498 DPs im Landkreis mit der heutigen Flüchtlingszahl und bedenke dazu die unvergleichlich bessere Versorgungslage der einheimischen Bevölkerung im Jahr 2016.

Die Flüchtlinge der Nachkriegszeit hatten – wie auch die Evakuierten – besondere Schwierigkeiten. So hatten sie beispielsweise nichts zum Tauschen auf dem Schwarzmarkt. Die Verelendung der Flüchtlinge minderte sich erst mit dem Aufschwung in der BRD, in dem die Flüchtlinge sogar wichtige Impulse setzten.
Um die Lage zu verbessern wurde auf zusätzliche Versorung ausgewichen, die großenteils illegal war: Schwarzmarkt, Kleinkriminalität, Schwarzschlachtungen, Hamstern.
Für die Kriminalität in den Hungerjahren wurden die Ausländer verantwortlich gemacht. Eindringlich wurde gefragt: „Wann werden endlich diese Ausländer unser Land verlassen?” (S. 73). Es wurde auch vermutet, dass polnische kriminelle Banden durch den Landkreis zogen.

Es ist frappierend wie sich die Mentalität dieser Jahre mit der heutigen deckt. Erleichternd nehme ich an: damals dachten viele so, heute ist es nur ein Bruchteil (wie groß?) der Bevölkerung.

Bezeichnend ist auch, dass die meisten Deutschen damals nicht begriffen, dass ihre Leiden, Wohnungsnot, Hunger und Krankeit Folgen des von Deutschland angezettelten Krieges waren. Die Verantwortung wurde auf die Allierten, Juden, Ausländer und „Preußen” abgewälzt (S. 92). Manche haben es heute noch nicht begriffen.

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten:
  • Besuche des DPs-Lager Gabersee, siehe Tobias & Grom (2016). Dort wurde – das sei hier ergänzt und wird von der Masterarbeit bestätigt – ein reger Schwarzmarkt betrieben. Der Polizei war es verboten das DP-Lager zu betreten.
  • Gelegentlich gab es Volksspeisung in der Landwehrstrasse, Wasserburg. Als Kind bekam ich dort kostenlos einen Teller Suppe. Soweit ich mich erinnere, erfolgte dies aber spontan, keineswegs regelmäßig. Die Nachricht von der Suppenausgabe ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt; da ich in unmittelbarer Nähe (Bäckerzeile 3) wohnte, rochen wir es auch, wenn es z.B. Erbswurstsuppe gab.
  • Meine Eltern arbeiteten gelegentlich wenige Tage in der Landwirtschaft. Ich erinnere mich an anschließende Verköstigung in Odelsham und Gut Straß.
  • Ans Hamstern kann ich mich nicht entsinnen; vielleicht geschah es ohne mich. Wir sammelten aber in den Wäldern um Wasserburg Holz zum Heizen, Pilze und Heidelbeeren. Die Beeren wurden den ganzen Tag über gesammelt. Das war uns Kindern kein Freudentag.
  • Ich erinnere mich nur an eine Exkursionen mit Nahcbarskinder über Babensham hinaus. Von den dort wohnenden Bauernjungen wurden wir aber verjagt.
Fazit
Die Masterarbeit bestätigte im Wesentlichen bisherige Forschungsergebnisse, belegt sie aber zusätzlich eindrucksvoll mit Zahlen, Zitaten aus Dokumenten und vielen Einsichten. Der Autor konnte die scharfe Verbesserung mit der Währungsreform nicht feststellen. Hier sieht er noch Forschungsbedarf (S. 97).
Bestätigt wurde
  • das Katastrophen– und Hungerjahr 1947, das auch in Wasserburg den Tiefpunkt der Versorgung darstellte (S. 97).
  • die gegenüber München bessere Versorgungslage im Landkreis (S. 97)
  • Schwarzmarkt und Hamstern war im Landkreis verbreitet, wenn auch der Schwarzmarkt später als in München einsetzte (S. 98).
„Das Gefühl der Benachteiligung und die Selbstviktimisierung waren typisch für die generelle Selbstwahrnehmung der Deutschen nach 1945.” (S. 99)

Die  Selbstviktimisierung kennen wir heute auch: „Deutschland schafft sich ab”, „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida.

Seltene leichte Holperer stören nicht. Ein Beispiel: „Der Kampf der Hilfsorganisationen gegen den Hunger ist eigentlich ein Thema für sich, kann im Rahmen dieser Studie aber nur fragmentarisch angerissen werden” (S. 93). Da hätte ich statt dem „aber” eher ein „daher” oder „deshalb” erwartet. Aber vielleicht geht es  nur mir so.
Die Wendung „außen vor bleiben” kommt zweimal vor (S.49, S. 89), ist aber nur im norddeutschen Raum üblich.

Die Masterarbeit errang zurecht den 1. Preis des Städtischen Geschichtswettbewerb Wasserburg 2015/2016. Allen Wasserburgern ist sie zur Lektüre zu empfehlen.
Die Geschichte zeigt, dass sich vieles wiederholt. Vieles in der Bevölkerungsmentalität von damals erkennt man heute wieder. Wie oben angedeutet sollten daher auch alle Sarrazin-Sympathisanten und Pegida-Mitläufer dieses Werk aufmerksam lesen.
Links
SchwanseManuel Schwanse: Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn. Stadt Wasserburg am Inn, Hg. 2016. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität, München (pdf)
Schwanse1. Preisträger des Städtischen Geschichtswettbewerb Wasserburg 2015/2016
SchwanseDeutschland 1945 bis 1949
SchwanseVersorgungskrise (nach 1945)
SchwanseZwangsbewirtschaftung (1939-1950)
Schwanse Ausländer & Minderheiten in Deutschland 
Über den ersten Nachkriegslandrat im Landkreis Wasserburg Josef Estermann:
Schwanse Hans Klinger: Gestorben wird erst später ... Ein deutscher Lebenslauf
Schwanse Länderfinanzausgleich
Zum Schwarzmarkt u.a. in der Möhlstrasse, München:

Schwanse Roman Haller: Davidstern und Lederhose. Eine Kindheit in der Nachkriegszeit

Schwanse Werner Schlierf: Mein steiler Zahn in Himbeerrot. Münchner Roman der 50er Jahre

Literatur
Schwanse, Manuel: Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn. Stadt Wasserburg am Inn, Hg. 2016. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Broschiert, 108 Seiten
Die Arbeit kann im SchwanseStadtarchiv Wasserburg käuflich erworben werden.
Königseder, Angelika, Juliane Wetzel: Lebensmut im Wartesaal: Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland. Frankfurt: Fischer, 2004. Taschenbuch, 277 Seiten
Schwanse Rezension
Prinz, Friedrich: Die Integration der Flüchtlingen und Vertriebenen in Bayern. Augsburg: Haus der Bayerischen Geschichte, 2000. Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 24.
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Tobias, Jim, Nicole Grom: Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-50. Mit einem Beitrag von Matthias Haupt
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.1.2017