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Zwangsarbeit
Philipp T. Haase, Joey Rauschenberger:
Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg a. Inn 1939 - 1945. Eine Geschichte des nationalsozialistischen “Ausländereinsatzes” in Oberbayern


Hg.: Stadt Wasserburg, Stadtarchiv. Wasserburg: Stadt Wasserburg a. Inn, 2019. Broschiert, 372 Seiten
Zwangsarbeit LinksZwangsarbeit Literatur

Von Zwangsarbeiterinnen und  Zwangsarbeitern in der NS-Zeit wusste ich. Trotzdem wollte ich lesen, wie es dazu speziell in meiner Heimatstadt Wasserburg ausschaute. Etwas salopp gesagt, erwartete ich ein dünnes Buch. Zwangsarbeit gab es, aber wohl hauptsächlich bei den großen Rüstungsbetrieben und in Grossstädten. Weit gefehlt.
Die hier zu besprechende Forschungsarbeit, von der Stadt Wasserburg a. Inn gefördert, zeigt es anders: die Zwangsarbeit in der NS-Zeit war auch im Altlandkreis Wasserburg überall verbreitet. Trotz schwieriger Quellenlage entstand eine dickes Buch, das für mich sehr viel Neues und Überraschendes enthielt.
Die Arbeit gliedert sich nach der Einleitung in die folgenden sechs Kapitel:
  • Kapitel 2: Das nationalsozialistische Zwangsarbeitssystem: Zweck, Wesen, Strukturen und Akteure
  • Kapitel 3: Umfang und Ausmaß des Elends: Zahlen zur nationalsozialistischen Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg
  • Kapitel 4: Streiflichter aus dem Alltag des „Ausländereinsatzes” im Landkreis Wasserburg: Die Zwangsarbeiterinnen und  Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegsgesellschaft
  • Kapitel 5: In den Klauen der deutschen Starfverfolgungs- und Justizbehörden
  • Kapitel 6: Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg: Eine Nachgeschichte
  • Kapitel 7:  Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg a. Inn – Zusammenfassung und Ausblick
Völlig überrascht wurde ich vom Ausmaß der Zwangsarbeit allgemein und im Landkreis Wasserburg im Besonderen.
Die ersten Zwangsarbeiterinnen und  Zwangsarbeiter trafen schon bald nach Kriegsbeginn in Deutschland ein. Es gab sowohl mehr oder weniger Freiwillige, als Zwangsverschleppte, Kriegsgefangene und andere.
Sie waren über den gesamten Landkreis verbreitet, kaum eine Ansiedlung kam anscheinend ohne aus.
Im Anhang finden die Leser dazu instruktive Tabellen, so u.a.
Tabelle 7: Nationalität und Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
Tabelle 8: Anzahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Gemeinden und deren Einwohnerzahl. Da sich die Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter über 1939 bis 1945 verteilt, kann man keine Prozentanteile zu einem gewissen Zeitpunkt ableiten.
(Hier – wie auch in Tabelle 10 – fehlt die Gemeinde Eiselfing, vermutlich weil Eiselfing damals anderen Gemeinden (Aham, Bachmehring, Freiham) zugeordnet war.)
Die dritte Überraschung bereitete mir die seelenruhige Ausbeutung und Entrechtung der Personen; wenige Ausnahmen werden geschildert. Auch aus der Bevölkerung kam anscheinend wenig Positives für die Ausgebeuteten, wobei man hier berücksichtigen muss, dass diese selbst schwer gebeutelt war und genug anderes im Kopf hatte. Doch es gab durchaus persönliche Kontakte zwischen Einheimischen und den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Es ging also, wenn man nur wollte (S. 222).
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter schwankten stark von Betrieb zu Betrieb (S. 194).
Parallelen zu den Flüchtlingen nach Kriegsende und den weiteren späteren Flüchtlingen bis in unsere Tage können gezogen werden.
Die besondere Geschichte
Eine Geschichte elektrisierte mich besonders. Exakt einen Tag nach meinem Geburtstag, am 27. Oktober 1943, erhängte sich ein polnischer Landarbeiter. Im Werk werden einige Selbsttötungen thematisiert: sie zeugen von den teils katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen. Diese Suizidgeschichte betraf mich noch auf eine zweite Weise. Der Arbeitgeber des Polen in Sillerding ist ein entferneter Verwandter von mir. (S. 186f).
Hans Klinger
Der bekannte, inzwischen verstorbene Wasserburger Hans Klinger erhält im Unterkapitel „Einheimische und „Freme”: Bilder, Kontakte und Beziehungen” das Wort. Er hat selbst in einigen Büchern über die NS-Zeit und die Nachkriegszeit geschrieben (siehe Zwangsarbeit Links).
Die Autoren benennen die Umstände klar und ohne der Rumdruckserei, die man bei Schilderungen aus der NS-Zeit oft liest. Das NS-Regime und seine Gefolgsleute werden nie entschuldigt. Rassismus in allen Teilen der NS-Gesellschaft wird klar als solcher benannt.
Trotz der schwieriger Quellenlage legten die beiden Hauptverfasser ein sehr aufschlussreiches Buch vor.
Jeder, der sich für die Geschichte Wasserburgs interessiert, oder für die Zeitgeschichte allgemein, oder überhaupt jeder, sollte es lesen.
Leider war das Lektorat nicht so aufmerksam. Es rutschten zahlreiche Druckfehler durch, die aber den hohen Wert dieser Arbeit nicht schmälern.
Links
ZwangsarbeitZwangsarbeit 1939 – 1945. Erinnerungen und Geschichte
ZwangsarbeitForschungen zur NS-Zwangsarbeit in Wasserburg, RFO 28. 2. 2018
ZwangsarbeitAnton J. Grossmann: „Fremd- und Zwangsarbeiter in Bayern 1939–1945”. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jhg. 34, 1986.4 S. 481–521
ZwangsarbeitTheresa Parstorfer: Es geht darum, Geschichten zurückzugeben", SZ, 21. Februar 2018
ZwangsarbeitWinfried Weithofer: Zwangsarbeiter in Wasserburg: Wie Unternehmen im Zweiten Weltkrieg Menschen ausbeuteten, OVB 29.10.19
ZwangsarbeitStadtarchiv Wasserburg am Inn
Zwangsarbeit Hans Klinger
Zwangsarbeit Manuel Schwanse: Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn
Zwangsarbeit Jim Tobias, Nicole Grom: Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-50. Mit einem Beitrag von Matthias Haupt

Literatur
Zwangsarbeit ZwangsarbeitPhilipp T. Haase, Joey Rauschenberger: Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg a. Inn 1939 - 1945. Eine Geschichte des nationalsozialistischen “Ausländereinsatzes” in Oberbayern. Hg.: Stadt Wasserburg, Stadtarchiv. Wasserburg: Stadt Wasserburg a. Inn, 2019. Broschiert, 372 Seiten

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Pagenstecher ZwangsarbeitCord Pagenstecher, Nicolas Apostolopoulos: Erinnern an Zwangsarbeit: Zeitzeugen-Interviews in der digitalen Welt. Metropol, 2013. Taschenbuch, 296 Seiten


Plato
Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld, Hg.: Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Böhlau, 2008. Gebunden, 498 Seiten Zwangsarbeit
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.12.2019