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Peter Godman geheime Inquisition verbotenen Archiv Vatikan
Peter Godman. Die geheime Inquisition. Aus den verbotenen Archiven des Vatikan
Aus dem Englischen von Monika Noll und Ulrich Enderwitz. München: List, 2001. 399 Seiten
Hitler Willi Winkler über Peter Godman
Die Archive des Heiligen Offiziums, das euphemistische Synonym für die Römische Inquisition, waren bis 1998 weitgehend geheim. Dem Professor für lateinisches Mittelalter und Renaissance an der Universität Tübingen Peter Godman gewährte man bereits 1996 Einblick in die Akten von Indexkongregation und Römischer Inquisition. Godman untersucht in dem daraus entstandenen Werk Die geheime Inquisition. Aus den verbotenen Archiven des Vatikan die Prozesse und Zensurmaßnahmen gegen Denker wie Hitler Giordano Bruno, Hitler Galileo Galilei, René Descartes, G.W. Leibniz, David Hume, Charles Montesquieu, François Voltaire und Graham Greene. Mehr darüber, insbesondere auch bisher unveröffentlichte Dokumente in Hitler Godman, Peter: Weltliteratur auf dem Index. Die geheimen Gutachten des Vatikans. Wer Neues über die Methoden und Denkweise der Inquisitoren und das Zusammenspiel der Kräfte erfahren will, wird gut bedient. Godman charakterisiert viele Großinquisitoren und ihre jeweiligen Päpste genau. Insbesondere legt er die internen Macht- und Karrierekämpfe der katholischen Kirche bloß.
In seiner Entschuldigungstaktik für die, ach so menschlichen Schwächen der Inquisitoren geht Godman allerdings zu weit. Wer schon einiges über diese schlimmen Verfahren weiß, wird die Verbrechen nicht überlesen und Godmans zahlreiche Relativierungsversuche erkennen.
Nach Meinung der Inquisitoren gewährt man den Ketzern und Häretikern mit der Hinrichtung einen Gefallen, da man sie hindert, weitere Ketzereien zu begehen; begrenztes Leiden auf dem Scheiterhaufen erspart endloses Leid in der Hölle (S. 32). Ebenso bewahrte man die Katholiken vor Irrtümern, indem man verbot, die Bibel in der Landessprache zu lesen. Nur im – für das Volk unverständlichen Latein – war die Bibellektüre erlaubt. Zu Lebzeiten des später heilig gesprochenen Robert Bellarmin kam die italienische Bibelübersetzung auf den Index der verbotenen Bücher.
Die Verharmlosung der Folter und der Morde webt Godman geschickt in den Text ein, indem er beispielsweise betont es gehe "nicht darum, den Einsatz der physischen Folter zu relativieren. ... Die Römische Inquisition hat sie eingesetzt, aber nur unter bestimmten Umständen und nicht in jedem Fall" (S. 62-63). Alles halb so schlimm, es wurde ja nicht jeder gefoltert, nicht jeder verbrannt. Darüber gab es Regeln, die im Handbuch für Inquisitoren festgelegt waren; es erschien über Jahrhunderte in vielen Ausgaben. Eine Regel verhinderte die Folter von schwangeren Frauen und Kindern unter 14 Jahren (S. 73). Wenn man es richtig liest, so besagt dies, das Fünfzehnjährige gefoltert wurden. Schon damals gab es für die katholische Hierarchie keine gleichberechtigten Meinungen. "Die Wahrheit war einzig, unteilbar und von der Kirche festgelegt" (S. 132). Das gilt auch heute noch: peter godmanDominus Iesus, Erklärung des Vatikans, 6. August 2000. Diese offizielle Erklärung übersieht übrigens die oben erwähnte Zensur der Bibel und behauptet: "In allen Jahrhunderten hat die Kirche das Evangelium Jesu in Treue verkündet und bezeugt". Oder ist das Evangelium Jesu nicht die Bibel?
Viele Entschuldigungsgründen entlasten die Folterbosse:
  • Überarbeitung (S. 69-70); das heißt, es waren wöchentlich viele Ketzer zu beurteilen;
  • großspurige Protestanten reizen die Inquisitoren (S. 73); bekanntlich sind Frauen mit Minirock an ihrer Vergewaltigung selbst schuld oder zumindest stark mitschuldig;
  • die weltlichen Gerichte waren noch schlimmer.
Beim Verfahren gegen Giordano Bruno sieht Godman die Verfehlung hauptsächlich beim Ketzer selbst (S. 148-49).
  • Bruno zögert nicht, seine Überzeugung "über alles zu stellen und sich den Rang eines Richters anzumaßen"
  • seine Wahrheit war zweideutig
  • er war "schwankend in seinen Ansichten und inkonsequent in seiner Verteidigung"
  • den Inquisitoren war nach Jahren der Prüfung unklar [!], was Bruno glaubte
  • Godman verwendet auch die bekannte Keule "der selbst ernannte Fachtheologe"; "selbst ernannt" wird immer dann eingesetzt, wenn man den fachkundigen Gegner desavouieren will; dabei wird übersehen, daß letztendlich fast jede Profession aufgrund freier Berufswahl und damit selbst ernannt erfolgt.
So kommt Godman zur Ansicht, daß die Inquisitoren seine Ansichten "gezwungenermaßen" (S. 149) verurteilten. Beim Fall Galilei bekennt dann Godman gleich in der Einleitung, daß er das Verfahren aus der Sicht des Kardinal-Inquisitors einschätzen will (S. 151). Gegen Leibniz führt er an, daß die Gutachter religiöse Toleranz als schlimmste Ketzerei ansahen (S. 177); wer will es ihnen verübeln, daß sie Leibniz als Häretiker verurteilten?
Das höchste Amt der Kirche vertrat oft haarsträubende Ideen:
  • Paul IV. war der festen Überzeugung, abweichendes Denken [!] müsse unterdrückt werden (S. 80).
  • Paul V. verfügte, dass Gotteslästerer beim ersten Verstoß gefoltert werden, beim zweiten Verstoß ausgepeitscht und auf die päpstlichen Galeeren geschickt werden: bei der dritten Gotteslästerung wurde die Zunge durchbohrt (S. 129).
  • Clemens XIV. rechtfertigte die Verdammung Voltaires durch Hinweis auf die Verbrennung der Bücher des Heiden Pythagoras im antiken Athen (S. 266-67).
Wie auch die katholische Kirche selbst (der Vorwurf des Antisemitismus wird vehement zum Antijudaismus umgelenkt, den man zugibt und damit meint, die jahrhundertlange Schuld abgeschüttelt zu haben), wirft Godman den Kritikern der Inquisition Pauschalierung vor, so Pierre Bayle, der nur von Inquisition spricht und nicht säuberlich zwischen der römischen, spanischen und mittelalterlichen trennt (S. 281). Der Zweck ist klar: ist erst mal die Inquisition dreigeteilt, ist es auch die Zahl der Opfer. Im Resümee wird das nochmals regionalisiert und festgestellt, daß die Römische Inquisition nur etwa für "zwei Prozent der Gesamtsumme derer, die in ganz Europa wegen Ketzerei das Leben verloren" verantwortlich war (S. 358). Godman wundert sich nicht über die Spur des Todes, Folter und Zensur durch die Jahrhunderte, sondern darüber, daß trotzdem immer wieder gemäßigte Würdenträger zum zuge kamen.
Die geheime Inquisition ist romanartig geschrieben; Fußnoten oder Belegstellen fehlen. Der Text folgt nur in etwa den Zeitläuften, oft erfolgen Rückbezüge (die teils erhellend sind, teils aber ablenken). So handelt das 3. Kapitel "Vor dem Obersten Glaubenstribunal" ebenso von der Zensur wie das 2. "Die Hand des Zensors".
"Im Herbst 2002 hat er [Peter Godman] einen Ruf an die Sapienza in Rom angenommen. Man tritt ihm wahrscheinlich nicht zu nahe, wenn man ihn als Vertrauensmann der Glaubenskongregation. also der Nachfolgerin der von Pius III. gegründeten Behörde, bezeichnet." Willi Winkler zur Fernsehdokumentation "Die geheime Inquisition" nach dem Buch von Peter Godman, SZ, 11.1.2003, S.18
Als Ergänzung zu bestehendem Grundwissen über die Inquisition und Verfolgung ist Peter Godmans Buch zu empfehlen. Zur Einführung in die Thematik gibt es objektivere Bücher, zum Beispiel
Hitler Josef Dirnbeck. Die Inquisition. Eine Chronik des Schreckens. Augsburg: Pattloch, 2001. 560 Seiten. Es besticht durch Originaltexte, Übersichtlichkeit und Farbfotos.
Links
peter godmanDominus Iesus, Erklärung des Vatikans, 6. August 2000
Hitler 20. Juli 1933 Reichskonkordat
Literatur
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peter godman peter godmanPeter Godman. Die geheime Inquisition. Aus den verbotenen Archiven des Vatikan. München: Ullstein, 2002. Broschiert, 400 Seiten peter godman
Peter Godman. Die geheime Inquisition. Aus den verbotenen Archiven des Vatikan. München: List, 2001. Gebunden, 399 Seiten peter godman
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.11.2002