Email  zurück zur Homepage  eine Stufe zurück
Gottlob Frege

Gottlob Frege. Über Sinn und Bedeutung

Fussnoten

(1) Ich brauche dies Wort im Sinne von Identität und verstehe "a = b" in dem Sinne von "a" ist dasselbe wie "b" oder "a und b fallen zusammen".

(2) Bei einem eigentlichen Eigennamen wie "Aristeteles" können freilich die Meinungen über den Sinn auseinandergehen. Man könnte z.B. als solchen annehmen: der Schüler Platos und Lehrer Alexanders des Großen. Wer dies tut, wird mit dem Satze "Aristoteles war aus Stagira gebürtig" einen anderen Sinn verbinden als einer, der als Sinn dieses Namens annähme: der aus Stagira gebürtige Lehrer Alexanders des Großen. Solange nur die Bedeutung dieselbe bleibt, lassen sich diese Schwankungen des Sinnes ertragen, wiewohl auch sie in dem Lehrgebäude einer beweisenden Wissenschaft zu vermeiden sind und in einer vollkommenen Sprache nicht vorkommen dürften.

(3) Wir können mit den Vorstellungen gleich die Anschauungen zusammennehmen, bei denen die Sinneseindrücke und die Tätigkeiten selbst an die Stelle der Spuren treten, die sie in der Seele zurückgelassen haben. Der Unterschied ist für unseren Zweck unerheblich, zumal wohl immer neben den Empfindungen und Tätigkeiten Erinnerungen von solchen das Anschauungsbild vollenden helfen. Man kann unter Anschauung aber auch einen Gegenstand verstehen, sofern er sinnlich wahrnehmbar oder räumlich ist.

(4) Darum ist es unzweckmäßig, mit dem Worte "Vorstellung" so Grundverschiedenes zu bezeichnen.

(5) Ich verstehe unter Gedanken nicht das subjektive Tun des Denkens, sondern dessen objektiven Inhalt, der fähig ist, gemeinsames Eigentum von vielen zu sein.

(6) Es wäre wünschenswert, für Zeichen, die nur einen Sinn haben sollen, einen besonderen Ausdruck zu haben. Nennen wir solche etwa Bilder, so würden die Worte des Schauspielers auf der Bühne Bilder sein, ja der Schauspieler selber wäre ein Bild.

(7) Ein Urteil ist mir nicht das bloße Fassen eines Gedankens, sondern die Anerkennung seiner Wahrheit.

(8) In "log, daß er den B gesehen habe" bedeutet der Nebensatz einen Gedanken, von dem erstens gesagt wird, daß A ihn als wahr behauptete, und zweitens, daß A von seiner Falschheit überzeugt war.

(9) Nach dem oben Bemerkten müßte einem solchen Ausdrucke eigentlich durch besondere Festsetzung immer eine Bedeutung gesichert werden, z. B. durch die Bestimmung, daß als seine Bedeutung die Zahl 0 zu gelten habe, wenn kein Gegenstand oder mehr als einer unter den Begriff fällt.

(10) Es sind bei diesen Sätzen übrigens leicht verschiedene Auffassungen möglich. Den Sinn des Satzes "nachdem Scchleswig-Holstein von Dänemark losgerissen war, entzweiten sich Preußen und Osterreich" können wir auch wiedergeben in der Form "nach Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark entzweiten sich Preußen und Österreich". Bei dieser Fassung ist es wohl hinreichend deutlich, daß als Teil dieses Sinnes nicht der Gedanke aufzufassen ist, daß Schleswig-Holstein einmal von Dänemark losgerissen ist, sondern daß dies die notwendige Voraussetzung dafür ist, daß der Ausdruck "nach der Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark" überhaupt eine Bedeutung habe. Es läßt sich freilich unser Satz auch so auffassen, daß damit gesagt sein soll, es sei einmal Schleswig-Holstein von Dänemark losgerissen worden. Dann haben wir einen Fall, der später zu betrachten sein wird. Versetzen wir uns, um den Unterschied klarer zu erkennen, in die Seele eines Chinesen, der bei seiner geringen Kenntnis europäischer Geschichte es für falsch hält, daß einmal Schleswig-Holstein von Dänemark losgerissen sei. Dieser wird unseren Satz, in der ersten Weise aufgefaßt, weder für wahr noch für falsch halten, sondern ihm jede Bedeutung absprechen, weil dem Nebensatze eine golche fehlen würde. Dieser würde nur scheinbar eine Zeitbestimmung geben. Wenn er unseren Satz dagegen in der zweiten Weise auffaßt, wird er in ihm einen Gedanken ausgedrückt finden, den er für falsch hielte, neben einem Teile, der für ihn bedeutungslos wäre.

(11) Zuweilen fehlt eine ausdrückliche sprachliche Andeutung und muß dem ganzen Zusammenhang entnommen werden.

(12) Ahnliches haben wir bei "aber", "doch".

(13) Man könnte den Gedanken unseres Satzes auch so ausdrücken: "entweder ist jetzt die Sonne noch nicht aufgegangen, oder der Himmel ist stark bewölkt", woraus zu ersehen, wie diese Art der Satzverbindung aufzufassen ist.

(14) Für die Frage, ob eine Behauptung eine Lüge, ein Eid ein Meineid sei, kann dies von Wichtigkeit werden.


 Gottlob Frege
Email  zurück zur Homepage  eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 08071 - 2107, Fax 08071 - 95067