| Die Göttinger Rezension der Kritik der reinen
Vernunft Zugaben zu den Göttinger Gelehrten Anzeigen, 19. Januar 1782, 3.Stück, S.40-48. [Unterstrichen ist im Original gesperrt gedruckt.] Berühmte Rezension zu einem der wichtigsten Texte der Menschheit |
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Kritik der reinen Vernunft. Von Imman. Kant.
1781. 856 S. Oktav. Dieses Werk, das den Verstand seiner Leser immer übt,
wenn auch nicht immer unterrichtet, oft die Aufmerksamkeit bis zur
Ermüdung anstrengt, zuweilen ihr durch glückliche Bilder zu
Hülfe kömmt oder sie durch unerwartete gemeinnützige Folgerungen
belohnt, ist ein System des höheren oder, wie es der Verf. nennt, des
transscendentellen Idealismus; eines Idealismus, der Geist und Materie auf
gleiche Weise umfaßt, die Welt und uns selbst in Vorstellungen
verwandelt, und alle Objekte aus Erscheinungen dadurch entstehen
läßt, daß sie der Verstand zu einer Erfahrungsreihe
verknüpft, und daß sie die Vernunft in ein ganzes und
vollständiges Weltsystem auszubreiten und zu vereinigen notwendig, obwohl
vergeblich, versucht. Das System des V. beruht ungefähr auf folgenden
Hauptsätzen. Alle unsere Erkenntnisse entspringen aus gewissen
Modifikationen unserer selbst, die wir Empfindungen nennen. Worin diese
befindlich sind, woher sie rühren, das ist uns im Grunde völlig
unbekannt. Wenn es ein wirkliches Ding giebt, dem die Vorstellungen
inhäriren, wirkliche Dinge unabhängig von uns, die dieselben
hervorbringen: so wissen wir doch von dem einen so wenig als von dem andern das
mindeste Prädikat. Demohnerachtet nehmen wir Objekte an; wir reden von uns
selbst, wir reden von den Körpern als wirklichen Dingen, wir glauben beide
zu kennen, wir urteilen über sie. Die Ursache hievon ist nichts anders,
als daß die mehreren Erscheinungen etwas miteinander gemein haben.
Dadurch vereinigen sie sich untereinander und unterscheiden sich von dem, was
wir uns selbst nennen. So sehen wir die Anschauungen der
äußeren Sinne als Dinge und Begebenheiten außer uns an, weil
sie alle in einem gewissen Raume nebeneinander und in einer gewiesen Zeit
aufeinander erfolgen. Das ist für uns wirklich, was wir uns irgendwo und
irgendwann vorstellen. Raum und Zeit selbst sind nichts Wirkliches außer
uns, sind auch keine Verhältnisse, auch keine abstrahierte Begriffe,
sondern subjektive Gesetze unseres Vorstellungsvermögens, Formen der
Empfindungen, subjektive Bedingungen der sinnlichen Anschauung. Auf diesen
Begriffen von den Empfindungen als bloßen Modifikationen unserer selbst
(worauf auch Berkeley seinen Idealismus hauptsächlich baut), vom
Raum und von der Zeit beruht der eine Grundpfeiler des Kantschen Systems.
Aus den sinnlichen Erscheinungen, die sich von anderen
Vorstellungen nur durch die subjektive Bedingung, daß Zeit und Raum damit
verbunden sind, unterscheiden, macht der Verstand Objekte. Er
macht sie. Denn er ist es erstlich, der mehrere successive kleine
Veränderungen der Seele in ganze vollständige Empfindungen vereinigt;
er ist es, der diese Ganzen wieder so miteinander in der Zeit verbindet,
daß sie als Ursache und Wirkung aufeinander folgen, wodurch jedes seinen
bestimmten Platz in der unendlichen Zeit, und alle zusammen die Haltung und
Festigkeit wirklicher Dinge bekommen; er ist es endlich, der durch einen neuen
Zusatz von Verknüpfung die zugleich seienden Gegenstände, als
wechselseitig ineinander wirkende, von den successiven, als nur einseitig
voneinander abhängigen, unterscheidet und auf diese Weise, indem er in die
Anschauungen der Sinne Ordnung, Regelmäßigkeit der Folge und
wechselseitigen Einfluß hineinbringt, die Natur im eigentlichen Verstande
schafft, ihre Gesetze nach den seinigen bestimmt. Diese Gesetze des Verstandes
sind älter als die Erscheinungen, bei welchen sie angewandt werden: es
giebt also Verstandesbegriffe a priori. Wir übergehen den Versuch
des Verf., das ganze Geschäfte des Verstandes noch weiter
aufzuklären, durch eine Reduktion desselben auf vier Hauptfunktionen und
davon abhängige vier Hauptbegriffe, nämlich Qualität,
Quantität, Relation und Modalität, die wieder einfachere unter sich
begreifen und in der Verbindung mit den Vorstellungen von Zeit und Raum die
Grundsätze zur Erfahrungskenntnis geben sollen. Es sind die gemein
bekannten Grundsätze der Logik und Ontologie nach den idealistischen
Einschränkungen des Verf. ausgedrückt. Gelegenheitlich wird gezeigt,
wie Leibnitz auf seine Monadologie gekommen sei, und es werden ihr Bemerkungen
entgegengesetzt, die größtenteils auch unabhängig von dem
transscendentellen Idealismus des V. erhalten werden können. Das
Hauptresultat aus allem, was der V. über das Geschäft des Verstandes
angemerkt hat, soll denn dies sein: daß der rechte Gebrauch des reinen
Verstandes darinne bestehe, seine Begriffe auf sinnliche Erscheinungen
anzuwenden und durch Verbindung beider Erfahrungen zu formiren, und
daß es ein Mißbrauch desselben und ein nie gelingendes
Geschäft sein wird, aus Begriffen das Dasein und die Eigenschaften von
Objekten zu schließen, die wir nie erfahren können. (Erfahrungen, im
Gegensatz auf bloße Einbildungen und Träumereien, sind dem Verf.
sinnliche Anschauungen, mit Verstandesbegriffen verbunden. Aber wir gestehen,
daß wir nicht einsehen, wie die dem Menschenverstande insgemein so
leichte Unterscheidung des Wirklichen vom Eingebildeten, bloß
Möglichen, ohne ein Merkmal des Ersteren in der Empfindung selbst
anzunehmen, durch bloße Anwendung der Verstandesbegriffe
zureichend gegründet werden könne, da ja auch Visionen und
Phantasien, bei Träumenden und Wachenden, als äußerliche
Erscheinungen im Raume und in der Zeit und überhaupt unter sich selbst
aufs ordentlichste verbunden vorkommen können; ordentlicher bisweilen, dem
Anscheine nach, als die wirklichen Ereignisse.) Außer dem
Verstande tritt nun aber noch zur Bearbeitung der Vorstellungen eine neue Kraft
hinzu, die Vernunft. Diese bezieht sich auf die gesammelten
Verstandesbegriffe, wie der Verstand auf die Erscheinungen. So wie der Verstand
die Regeln enthält, nach welchen die einzelnen Phänomene in Reihen
einer zusammenhängenden Erfahrung gebracht werden: so sucht die Vernunft
die obersten Prinzipien, durch welche diese Reihen in ein vollständiges
Weltganze vereinigt werden können. So wie der Verstand aus den
Empfindungen einer Kette von Objekten macht; die aneinander hängen, wie
die Teile der Zeit und des Raumes, wovon aber das letzte Glied immer noch auf
frühere oder entferntere zurückweist: so will die Vernunft diese
Kette bis zu ihrem ersten oder äußersten Gliede verlängern; sie
sucht den Anfang und die Grenze der Dinge. Das erste Gesetz der Vernunft ist,
daß, wo es etwas Bedingtes giebt, die Reihe der Bedingungen
vollständig gegeben sein oder bis zu etwas Unbedingtem hinaufsteigen
müsse. Zufolge desselben geht sie auf eine zwiefache Art über die
Erfahrung hinaus. Einmal will sie die Reihe der Dinge, die wir erfahren, viel
weiter hinaus verlängern, als die Erfahrung selbst reicht, weil sie bis
zur Vollendung der Reihen gelangen will. Sodenn will sie uns auch auf Dinge
führen, deren ähnliche wir nie erfahren haben, auf das Unbedingte,
absolut Notwendige, Uneingeschränkte. Aber alle Grundsätze der
Vernunft führen auf Schein oder auf Widersprüche, wenn sie ausgedehnt
werden, wirkliche Dinge und ihre Beschaffenheiten zu zeigen, da sie bloß
dem Verstande zur Regel dienen sollten, in der Erforschung der Natur ohne
Ende fortzugehen. Dies allgemeine Urteil wendet der Verf. auf alle
Hauptuntersuchungen der spekulativen Psychologie, Kosmologie und Theologie an;
wie er es überall bestimmt und zu rechtfertigen sucht, wird nicht
vollständig, doch einigermaßen durch das Nachfolgende begreiflich
werden. Bei der Seelenlehre entstehen die Trugschlüsse, wenn Bestimmungen,
die bloß den Gedanken als Gedanken zukommen, für Eigenschaften des
denkenden Wesens angesehen werden. Der Satz: Ich meine, die einzige
Quelle der ganzen räsonnierenden Psychologie, enthält kein
Prädikat von dem Ich, von dem Wesen selbst. Er sagt bloß eine
gewisse Bestimmung der Gedanken, nämlich den Zusammenhang derselben durch
das Bewußtsein, aus. Es läßt sich also aus demselben nichts
von den reellen Eigenschaften des Wesens, das unter dem Ich vorgestellt werden
soll, schließen. Daraus, daß der Begriff vom Mir das Subjekt
vieler Sätze ist und nie das Prädikat irgend eines werden kann, wird
geschlossen, daß Ich, das denkende Wesen, eine Substanz sei; da
doch dies letztere Wort bloß das Beharrliche in der äußeren
Anschauung anzuzeigen bestimmt ist. Daraus, daß in meinen Gedanken sich
nicht Teile außer Teilen finden, wird auf die Einfachheit der Seele
geschlossen. Aber keine Einfachheit kann in dem, was als wirklich, d. h. als
Objekt äußerer Anschauung betrachtet werden soll, stattfinden, weil
die Bedingung davon ist, daß es im Raume sei, einen Raum erfülle.
Aus der Identität des Bewußtseins wird auf die Personalität der
Seele geschlossen. Aber könnte nicht eine Reihe von Substanzen einander
ihr Bewußtsein und ihre Gedanken übertragen, wie sie einander ihre
Bewegungen mitteilen? (Ein auch von Hume und längst vor ihm schon
gebrauchter Einwurf.) Endlich wird aus dem Unterschiede zwischen dem
Bewußtsein unserer selbst und der Anschauung äußerer Dinge ein
Trugschluß auf die Idealität der letzteren gemacht, da doch die
inneren Empfindungen uns ebensowenig absolute Prädikate von uns selbst,
als die äußeren von den Körpern angeben. So wäre also der
gemeine oder, wie ihn der Verf. nennt, der empirische Idealismus
entkräftet, nicht durch die bewiesene Existenz der Körper, sondern
durch den verschwundenen Vorzug, den die Überzeugung von unserer eigenen
Existenz vor jener haben sollte. Unvermeidlich seyn die
Widersprüche in der Kosmologie, so lange wir die Welt als eine objektive
Realität betrachten und als ein vollständiges Ganzes umfassen wollen.
Unendlichkeit ihrer vergangenen Dauer, ihrer Ausdehnung und ihrer Teilbarkeit
seyn dem Verstande unbegreiflich, beleidigen ihn, weil er den Ruhepunkt nicht
findet, den er sucht. Und die Vernunft findet keinen hinlänglichen Grund,
irgendwo stehen zu bleiben. Die Vereinigung, die der Verf. hiebei ausfindet,
das echte Gesetz der Vernunft, soll, wenn wir ihn recht verstehen, darinne
bestehen, daß diese den Verstand zwar anweise, Ursache von Ursachen,
Teile von Teilen ohne Ende aufzusuchen, in der Absicht, die
Vollständigkeit des Systems der Dinge zu erreichen, ihn doch aber zugleich
auch warne, keine Ursache, keinen Teil, den er je durch Erfahrung findet,
für den letzten und ersten anzunehmen. Es ist das Gesetz der
Approximation, das Unerreichbarkeit und beständige Annäherung
zugleich in sich schließt. Das Resultat von der Kritik der
natürlichen Theologie ist den bisherigen sehr ähnlich. Sätze,
die Wirklichkeit auszusagen scheinen, werden in Regeln verwandelt, die nur dem
Verstande ein gewisses Verfahren vorschreiben. Alles, was der Verf. hier Neues
hinzusetzt, ist, daß er das praktische Interesse zu Hülfe ruft und
moralische Ideen den Ausschlag geben läßt, wo die Spekulation beide
Schalen gleich schwer oder vielmehr gleich leer gelassen hatte. Was diese
letztere herausbringt, ist folgendes. Aller Gedanke von einem
eingeschränkten Reellen ist dem von einem eingeschränkten Raume
ähnlich. So wie dieser nicht möglich sein würde, wenn nicht ein
unendlicher allgemeiner Raum wäre: so wäre kein bestimmtes endliches
Reelles möglich, wenn es nicht ein allgemeines unendliches Reelles
gäbe, das den Bestimmungen, d. h. den Einschränkungen der einzelnen
Dinge zum Grunde läge. Beides aber ist nur wahr von unseren Begriffen, ein
Gesetz unseres Verstandes, inwiefern eine Vorstellung die andere voraussetzt.
Alle andere Beweise, die mehr darthun sollen, findet der Verf. bei
seiner Prüfung fehlerhaft oder unzulänglich. Die Art, wie der Verf.
endlich der gemeinen Denkart durch moralische Begriffe Gründe unterlegen
will, nachdem er ihr die spekulativen entzogen hat, übergehen wir lieber
ganz, weil wir uns darein am wenigsten finden können. Es giebt allerdings
eine Art, die Begriffe vom Wahren und die allgemeinsten Gesetze des Denkens an
die allgemeinsten Begriffe und Grundsätze vom Rechtverhalten
anzuknüpfen, die in unserer Natur Grund hat und vor den Ausschweifungen
der Spekulation bewahren oder von demselben zurückbringen kann. Aber diese
erkennen wir in der Wendung und Einkleidung des Verf. nicht. |
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