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Steve Giddins: How to Build Your Chess Opening Repertoire
[Der Aufbau eines Eröffnungsrepertoires] London: Gambit, 2003. Taschenbuch, 141 Seiten – Giddins LinksGiddins Literatur
„... while having a decent opening repertoire is not in itself a cast- iron guarantee of success, it is certainly a very good step in the right direction.“ (S. 7)
Schachspieler verwenden viel Zeit für die Eröffnungsvorbereitung. Das wird allseits beklagt, vor allem auch, da Mittelspiel- und Endspieltraining einen besseren Wirkungskoeffizienten haben. Man verdrängt das meist. Meine Vermutung ist: wenn ich im Endspiel mit einem Minusbauern verliere: na ja, war knapp, ich konnte gut mithalten. Wenn ich dagegen in der Eröffnung einen Abtausch mit nachfolgendem Schach und Figurenverlust übersehe, ärgere ich mich, weil das (scheinbar) leicht vermeidbar gewesen wäre. (Es war wohl auch einen Taktikschwäche; man kann aber eine Eröffnung auch versieben, weil man mit der schlechteren Bauernstruktur ins Mittelspiel geht.) Auch beim Mannschaftsspiel macht es einen viel schlechteren Eindruck, wenn man schon nach der Eröffnung auf Verlust steht, als wenn man nach 5 Stunden Kampf verliert.
Fazit: nahezu jeder Schachspieler verwendet (zu) viel Zeit mit dem Feilen an den Eröffnungen. Die Literatur dazu füllt sprichwörtlich Bibliotheken. Wenig liest man dagegen zur Auswahl geeigneter Eröffnungen. Diese Lücke füllt How to Build Your Chess Opening Repertoire.
Giddins gibt also keinen Überblick über die Eröffnungssysteme, er wägt sie nicht gegenseitig ab und empfiehlt kein spezifisches Eröffnungrepertoire. Giddins bespricht grundlegende Fragen (darauf gehe ich gleich näher ein) in neun Kapiteln:
1 The Keys to Successful Opening Play Die Schlüssel zum erfolgreichen Eröffnungsspiel
2 Variety the Spice of Life? Abwechslung – die Würze des Lebens
3 Stylistics Stilfragen
4 Main Roads or Side-Streets? Hauptstraßen oder Feldwege?
5 Move Orders and Transpositions Zugreihenfolgen und Zugumstellungen
6 Use and Abuse of Computers Gebrauch und Missbrauch von Computern
7 Universalities Universalitäten
8 Infidelity and Divorce Untreue und Scheidung
9 Some Players’ Repertoires Analysed Das Repertoire einiger Spieler unter der Lupe
Die Themen gehen aus den Kapitelüberschriften nur teilweise hervor. Giddins gibt nicht nur Empfehlungen, sondern er begründet sie so, dass sie einsichtig werden. Manches geht im Text leicht unter und müßte hervorgehoben werden.
Für die Eröffnungsvorbereitung stellen sich folgende Hauptfragen:
  1. Welche Eröffnungen soll ich (mit Weiß, mit Schwarz) spielen?
  2. Soll ich eine breite Wahl treffen oder mich auf wenige Eröffnungen konzentrieren?
  3. Soll ich Hauptsysteme bevorzugen (z.B. Sizilianisch) oder seltene Eröffnungen anwenden (z.B. Sokolsky-Eröffnung 1. b4)?
  4. Soll ich Hauptvarianten anwenden oder Nebenvarianten?
  5. Soll ich schwarze Systeme auch als Weißer verwenden und umgekehrt (beispielsweise Königsindisch und Königsindisch im Anzug)?
  6. Soll ich dieselben Eröffnungsvarianten als Weißer und Schwarzer spielen (beispielsweise Französisch Winawer mit Schwarz und Weiß)?
  7. Welche Eröffnungssysteme als Weißer passen zu welchen als Schwarzer?
  8. Was ist von universellen Aufbauten (Igel, Colle etc.) zu halten?
  9. Wie studiert man effektiv die gewählten Eröffnungen?
  10. Wie verhält man sich bei (anhaltenden) Misserfolgen?
Man beachte: 2.-4. sind unterschiedliche Fragen, ebenso 5. und 6. Die 7. Frage hängt mit den Antworten zu 5. und 6. zusammen.
Auf die meisten dieser Fragen gibt Giddins gute und differenzierte Antworten. Differenziert bedeutet: Giddins wägt das Für und Wider ab und überläßt das abschließende Urteil meist dem Leser. Das schließt explizite Empfehlungen (wie S. 28) nicht aus. Zu 3. hat er eine klare Position: Es bringt nichts, die Zeit mit zweifelhaften Eröffnungen zu verplempern, die man aufgeben muss, wenn man auf starke Gegner stößt (S. 56). Zu 4. gibt Giddins zahlreiche Einsichten. Eine Unterfrage dazu ist: Soll ich der Theorie ausweichen, da ich annehme mein Gegner beherrscht sie besser? Dazu Giddins: nichts macht einen GM glücklicher als ein schwächerer Gegener, der selbst kreativ wird (S. 105). Das führt unweigerlich in schlechtere Positionen als in der Theorievariante! Was gegen einen GM gilt, ist auch für 600 Elo-Punkte niedriger zutreffend. Wenn man eine Eröffnung analysiert hat und sie einigermassen beherrscht soll man sie auch und gerade gegen stärkere Gegner anwenden. Der russische Trainer IM Igor Belov tadelte dazu den Autor:
  • „So in other word, you think it will be easier to beat someone from a rotten position you know nothing about, than from a decent one that you've played umpteen times before?“ (S. 109)
  • “It is easier to win from an equal position that you have played before, than from a bad one you know nothing about!” (S. 117)
Nur die 6.Frage behandelt Giddins nicht explizit, sondern eher en passant (S. 13, S. 69-70. Dazu: „Die Meinungen der führenden Meister darüber sind geteilt“, Aleksei Suetin 1989, S. 362.) Die 1. Frage behandelt Giddins nur sehr bedingt. Dazu wieder Suetin: „Die ausgewählten Systeme sollen vor allem schöpferisch befriedigen“ (Suetin 1989, S. 362). Oder Artur Jussopow: „Sie sollten Ihr Repertoire nach Ihrem eigenen Schachgeschmack und Stil vorbereiten“ (Jussupow 2009, S. 167). Giddins stößt in ein ähnliches Horn: „pick openings which you like and feel comfortable with“ (S. 30). Und das alles ist vollkommen in Ordnung, schon alleine wenn man bedenkt, was Garri Kasparow zu den gängigen Eröffnungssystemen sagt:
„I think all openings are 100 % sound – all normal openings, that is!
It is just a question of your mood and preparation.“ (S. 19)
Das bedeutet, alle gängigen (von der Weltspitze in ernsthaften Turnieren angewandt) Eröffnungen sind gut spielbar. Was für die Weltspitze gilt, ist hier umso stärker für den Vereinsspieler zutreffend. Giddins geht sogar einen Schritt weiter: „don't assume that a certain opening is only suitable for one particual style of play“ (S. 36). Die Eröffnungsschubladen taktisch, positionell, remislich sind nur sehr beschränkt gültig. Man kann eine Caro-Kann-Stellung taktisch aufladen und man kann sizilianische Partien in ruhige Gewässer lotsen.
Dafür gibt er so nebenher zur 7. Frage gute Hinweise, beispielsweise im 1. Kapitel. Wenn man in der gewählten Eröffnung vorwärts kommen will und auf dem Laufenden sein will, schaut man nach, wer sie aktuell spielt. An dessen Fersen heftet man sich (S. 18). Der Profi arbeitet dann für den Amateur, ohne dass es der Profi weiß Giddins.
Sehr wertvoll – da kaum in der Schachliteratur behandelt – sind Giddins Ausführungen zu Zugumstellungen und Wahl der Zugreihenfolge um unbequeme Systeme zu vermeiden (Kap. 5)
Die Gefahr bei den wenigen Büchern (meist sind es nur Kapitel im weiteren Kontext) dieser Thematik ist, dass die Autoren doch wieder auf spezielle Eröffnungen eingehen und lange Varianten zeigen oder Partien einfügen. Dieser Gefahr erliegt Giddins nur sehr eingeschränkt.
In Kapitel 9 analysiert Giddins die Eröffnungsrepertoires einiger Grossmeister: Bobby Fischer, Garry Kasparow, Anatoli Karpow, Wladimir Kramnik, Michael Adams, Michail Gurewitsch, Jewgeni Sweschnikow, Mark Hebden. Mit brachten diese Ausführungen wenig. Ich sehe allenfalls, was welcher GM für zusammenpassend hält.
Als sparsam eingesetzten „running gag“ zitiert der Autor den Standardvorwurf seines russischen Trainers IM Igor Belov, wenn dieser beim Autor auf eklatante Wissenslücken stieß: „jeder russische Schulbub weiß das“; ein Vorwurf, den man – abgewandelt – auch in Ungarn hört.
Die detallierten Ausführungen haben sicher gezeigt: How to Build Your Chess Opening Repertoire ist ein extrem hilfreiches Buch für jeden Schachspieler, der über das Anfangsstadium hinaus ist und auch im Verein oder auf Turnieren mitreden will. Sehr empfehlenswert
Links
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EröffnungLearning Openings for Beginners, Edward Scimia, About.com Guide
Literatur
Jussupow, Artur (2009): Tigersprung auf DWZ 1800: Band 1. Weißenhorn: Jussupow Schachakademie.
Reichel, Norbert (2004): Erfolgreiches Eröffnungstraining mit Kindern. Band 1. Magdeburg: Blauer Punkt.
Suetin, Aleksei (1989): Schachlehrbuch für Fortgeschrittene. 6., stark bearbeitete Auflage. Berlin: Sportverlag.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.10.2011