| Naturalistische Einwände gegen Humes Prinzip: Wie argumentieren P.Foot und J.Searle und welchen Erfolg haben ihre Argumente? LMU München - Institut für Philosophie |
| Unter dem Begriff
"Hume's Principle" oder "Humean Principle" werden verschiedene Thesen David Humes verstanden. In Die Grundlagen der
Arithmetik beruft sich Gottlob Frege
( |
| Inhaltsverzeichnis 1. Humes Prinzip 2. Naturalistische Einwände 2.1. Ethischer Naturalismus 2.2. Argumentation Philippa Foot 2.2.1. Darstellung 2.2.2. Bewertung 2.3. Argumentation John Searle 2.3.1. Darstellung 2.3.2. Bewertung 2.4. Weitere Einwände gegen Humes Prinzip 3. Abschließende Bewertung |
| 1. Humes Prinzip Die einfachste Möglichkeit in der Ethik eine kognitivistische Position zu vertreten, wäre ihre Begründung durch empirische Tatsachen. Diesen Übergang von Ist-Aussagen zu Soll-Aussagen hat bereits David Hume (1711-1776) kritisiert. Hume war der bedeutendste Philosoph der englischen Aufklärung. Er war äußerst vielseitig, betätigte sich als schottischer Diplomat und kam als Historiker zu Weltruhm. In seinem "Treatise of Human Nature" ("Traktat über die menschliche Natur") deklarierte er "Moral is no matter of fact", Moral ist nicht wissenschaftlich untersuchbar. Er erkannte nur definitorische Aussagen (z.B. "Alle Väter sind Eltern") und faktische Aussagen an. Dies sind Aussagen, deren Wahrheitsgehalt anhand von Tatsachen überprüfbar ist. |
| Humes Prinzip besagt: Es gibt keinen gültigen Übergang (Schluß) vom Ist zum Soll. Oder: Keine wertende oder deontische Aussage (Soll-Aussage) kann gültig aus einer Prämissenmenge gefolgert werden, die nicht wenigstens eine wertende oder deontische Aussage enthält. |
| Ein Beispiel für Humes Prinzip ist das
Epikureische Argument für den Hedonismus: Lust ist gut, da alle Menschen danach trachten. Dieses Argument ist unvollständig. Es muß lauten: (1) Alle Menschen trachten nach Lust (2) Wonach alle Menschen trachten ist gut (3) Lust ist gut. Diese Argumentation verstößt nicht gegen Humes Prinzip, da die Prämisse (2) bereits normativ ist. Für die Epikureer war (2) per definitionem wahr, eine reine Tatsachenbehauptung. Die 1903 in der "Principia Ethica" von Gerald E.Moore aufgestellte "naturalistic fallacy", die naturalistische Täuschung, die dann auftritt, wenn "gut" mit einem natürlichen Objekt gleichgesetzt wird, ist ein Spezialfall zu Humes Prinzip. Die naturalistische Täuschung ist ein Übergang von wissenschaftlich Erfaßbarem zu wissenschaftlich nicht Erfaßbarem. Hume begründete sein Prinzip mit dem analytischen Verhältnis. Ein analytisches Verhältnis haben z.B. die Begriffe Junggeselle - unverheiratet und körperlich - ausgedehnt. Logisch gültige Schlüsse sind analytische Schlüsse. Werturteile und deontische Aussagen (normativ) stehen zu faktischen Aussagen (deskriptiv) nicht in einem analytischen Verhältnis. Ihre Folgerung aus diesen ist daher logisch nicht gültig. |
| 2. Naturalistische
Einwände 2.1. Ethischer Naturalismus |
| Der ethische Naturalismus sagt, alle wertenden Prädikate, z.B. "gut", damit auch Ge- und Verbote, z.B. "Du sollst Menschen in Not helfen", haben eine natürliche Bedeutung. Damit gäbe es keine systematischen Unterschiede zwischen moralischen Urteilen (normativen Aussagen) und natürlichen Urteilen (deskriptiven Aussagen). |
| Typische Vertreter: Epikureer. Der ethische Naturalismus widerspricht damit Humes Prinzip. Vertreter des Naturalismus versuchten daher immer, Humes Prinzip durch Gegenbeispiele zu widerlegen. Zwei dieser Einwände werden hier untersucht. |
| 2.2. Argumentation Philippa
Foot 2.2.1. Darstellung |
| Der Einwand Philippa Foots gegen Humes Prinzip wurde
unter "Moralische Argumentationen" in "Seminar: Sprache und Ethik", Frankfurt
1974, Herausgeber: Günther Grewendorf und Georg Meggle, zu deutsch
veröffentlicht. Philippa Foot, Professorin emerit. der University of California, Los Angeles, stellt fest, daß Humes Prinzip bisher nicht bewiesen wurde. Neben dem von ihr unternommen Versuch, aus deskriptiven Prämissen normative Aussagen abzuleiten, erwägt sie auch eine zweite Form der Gültigkeit moralischer Argumentationen. Sie könnte darin bestehen, daß man deskriptive Prämissen als empirischen Beleg für wertende Konklusionen gelten läßt. Foot hält Humes Prinzip in ihrer oben angegebenen Arbeit schlicht für unhaltbar. Niemand kann sagen, daß alles was über die Konklusion eines Schlusses gesagt werden kann, auch von mindestens einer seiner Prämissen gesagt werden kann. Anders: die Konklusion kann sehr wohl normativ sein, auch wenn dies über keine der Prämissen gesagt werden kann. Sie erläutert dies mit der Eigenschaft f, die allen wertenden Wörtern gemeinsam sei. Diese Eigenschaft f, die der wertenden Konklusion zukommt, muß nicht in einer Prämisse vorkommen, sie könnte ja allen Prämissen zusammengenommen zukommen. Ihr Gegenbeispiel zu Humes Prinzip demonstriert sie am ungezogenen Verhalten. "Ungezogen" ist wertend, eine Verhaltensweise, die Mißbilligung ausdrückt. Sie kommt aus einem Mangel aus Achtung, der kränkend wirkt. Sind die Bedingungen für die Kränkung K vorhanden, kann man das ungezogene Verhalten U folgern. Man kann sich nicht weigern U zuzugestehen, wenn K bewiesen wurde. Nehmen wir beispielsweise lautes Türeschlagen. (p) Er schlägt die Türe laut zu. (q) Er verhält sich rücksichtslos. p ist eine deskriptive Aussage, q eine normative, wenn man zustimmt, daß rücksichtsloses Verhalten zu vermeiden ist (Soll-Aussage). Allgemein gilt: (1) nicht (p ^ nicht q) = wenn p dann q Speziell für obige p und q gilt: Man kann nicht p behaupten und q verneinen. (2) nicht (p ^ nicht q) Damit folgt aus (1) wenn p dann q oder lautes Türeschlagen ist rücksichtsloses Verhalten. Aus der deskriptiven Aussage p haben wir die normative q abgeleitet. Humes Prinzip ist hier nicht zutreffend, kurzum, es ist widerlegt. |
| 2.2.2. Bewertung Wenn man lautes Türeschlagen (p) nicht mit nicht-rücksichtslosem Verhalten (nicht q) vereinbart, hat man in p bereits eine Wertung eingebracht: man hält lautes Türeschlagen für rücksichtslos. Die Aussage p ist normativ. Die Ableitung widerspricht nicht Humes Prinzip, sie bringt nicht den erwarteten Erfolg. Anmerkung: p kann durchaus rücksichtsvoll sein (aber auch dies ist wertend), wenn man z.B. eine im Haus anwesende Person vor einer Gefahr warnen will. |
| 2.3. Argumentation John
Searle 2.3.1. Darstellung Den Einwand von John R. Searle, Professor an der University of Berkeley, Kalifornien, kann man in "How to Derive 'Ought' from 'Is' " in "Theories of Ethics", Oxford 1970, herausgegeben von Philippa Foot, nachlesen. In einer kunstvollen Folge von fünf Aussagen folgert er (1) Jones uttered the words "I hereby promise to pay you, Smith, five dollars!" (2) Jones promised to pay Smith five dollars. (3) Jones placed himself under an obligation to pay Smith five dollars. (4) Jones is under an obligation to pay Smith five dollars. (5) Jones ought to pay Smith five dollars. Searle ergänzt einige feine Zwischenstufen zur Absicherung seiner Argumentation. Er sagt nun, (1) sei eindeutig deskriptiv, da es nur die Tatsachenfeststellung einer direkten Rede ist; (5) ist dagegen eine echte "ought"-Aussage, also normativ, die aus (1) mittelbar folgt. Humes Prinzip ist widerlegt. |
| 2.3.2. Bewertung Sobald ein Versprechen mit der, wenn auch unausgesprochenen Voraussetzung der Verpflichtung in die Argumentationskette kommt, handelt es sich um eine versteckte normative Aussage. Das ist schon in (1) der Fall. Searle behandelt in seinem Essay selbst drei mögliche Einwände und glaubt sie zu entkräften.
Deshalb unterscheidet er in der Folge zwischen nackten Tatsachen, z.B. "Das Auto fährt 80 Meilen pro Stunde" und institutionellen Tatsachen, Tatsachen die eine Institution voraussetzen, z.B. "Jones got married", "Smith made a promise". Heirat und versprechen müssen etabliert sein, damit diese Aussagen einen Sinn haben. Seine Soll von Ist-Ableitung beruft sich auf institutionelle Tatsachen. Er gibt damit gleichsam ein Generierungsschema zur Durchbrechung von Humes Prinzip an. Richard M. Hare weist im selben Buch nach, daß für Searles Argumentationskette von vornherein zwingend die Annahme ist, daß man Versprechen einzuhalten hat ( = normativ). Friedo Ricken hält in "Allgemeine Ethik" den Schritt zwischen (3) und (4) für problematisch. Searles Argumentation widerlegt nicht Humes Prinzip. |
| 2.4. Weitere Einwände
gegen Humes Prinzip Neben diesen beiden Versuchen der ethischen Alchemie (von mir!), d.h. normative Aussagen aus rein deskriptiven abzuleiten, sind noch weitere unternommen worden.
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| 3. Abschließende
Bewertung Der ethische Naturalismus konnte Humes Prinzip nicht widerlegen. Alle bisherigen Versuche machen versteckte normative Annahmen und überzeugen nicht. Der ethische Naturalismus bietet keine Grundlage für eine wissenschaftliche Ethik. |